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Elfriede Lindner: Aktivierung in der Altenpflege

Cover Elfriede Lindner: Aktivierung in der Altenpflege. Arbeitsmaterialien für die Praxis. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2011. 582 Seiten. ISBN 978-3-437-27231-8. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 41,00 sFr.
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Thema

Die Zahl alter Menschen, die ihren Alltag selbst nicht mehr bewältigen können, nimmt – demografisch bedingt – ständig zu. Multimorbidität im hohen Alter sowie dementielle Erkrankungen erfordern nicht nur erhöhten Pflegebedarf sondern auch geragogische Konzepte, die der Verschlechterung der Lebensqualität und des Gesundheitszustandes entgegenwirken. Hier kommt der Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen besondere Bedeutung zu, weil sie das Ziel hat, vorhandene Ressourcen freizusetzen um so ein positives Lebensgefühl und die Teilhabefähigkeit an Lebensvollzügen möglichst lange zu erhalten. Das Buch von Elfriede Lindner, in Erstauflage 2005 erschienen und jetzt als Sonderausgabe neu aufgelegt, vermittelt in Theorie und Praxis Anregungen für die Aktivierungsarbeit im stationären und ambulanten Bereich, und zwar sowohl für Fachkräfte als auch für pflegende Angehörige.

Autorin

Elfriede Lindner ist Sozialpädagogin und arbeitet im Begleitenden Dienst im Rahmen der Aktivierung in einem Seniorenheim. Ihr Buch "Aktivierung in der Altenpflege" ist seit seiner Erstveröffentlichung 2005 zu einem der meistgelesenen Bücher im Bereich der Altenpflegeliteratur geworden.

Aufbau und Inhalt

Nach einführenden Texten (S. VI-VIII) gliedert sich das Buch in zwei Hauptteile:

  1. Ein Einführungsteil (S. 1-32) vermittelt konzeptuelle und methodische Grundlagen, die für den Gebrauch des Materialienteils notwendig sind.
  2. Ein Materialienteil (S. 33-577) liefert, gegliedert nach den Jahresmonaten, an der jeweiligen Jahreszeit orientierte Anregungen, Materialen, Texte und Lieder für die Praxis der Aktivierungsarbeit.

Der Anhang enthält ein Verzeichnis weiterer Begleitliteratur (S. 578), ein Register der Gedichte und Lieder (S. 579-582), sowie leere Seiten für eigene Ideen.

Teil I: "Einführung in die Aktivierungsarbeit"enthält drei Kapitel:

Kap. 1, Planung und Methodik (S. 1-11) spricht notwendige Rahmenbedingungen der Aktivierungsarbeit an und entwirft Grundmuster für den Ablauf von Arbeitseinheiten unter typischen Bedingungssituationen.

Kap. 2, Aktivierungsbereiche (S. 12-26) geht auf bestimmte Aktivierungsschwerpunkte ein, die innerhalb der Jahreszeiten immer wieder verwendet werden. Dabei geht es um die Bereiche des Psychosozialen, des Kognitiven, des Emotionalen und des Motorischen. Für jeden der allgemeinen Aktivierungsschwerpunkte wird ein konkretes Beispiel durchgespielt.

Kap. 3, Übungseinheiten (S. 27-32) erläutert die einzelnen, im Materialienteil immer wiederkehrenden methodischen Schwerpunkte wie "Anregung zum Gespräch", "Kreativität", "Musik und Rhythmik", "Lieder und Kultur", "Bewegung", "Gedichte", "Wortspiele und Rätsel", "Sinnesübungen".

Teil II: "Materialien"ist in zwölf Abschnitte – den Jahresmonaten entsprechend - gegliedert, die verschiedene, jahreszeitlich bezogene inhaltliche Einheiten enthalten. Für "Januar" lauten diese Einheiten beispielsweise:

  1. Neujahr und Dreikönig;
  2. Tiere im Winter;
  3. Winterzeit
  4. Kinderzeit;
  5. Märchen und Erzählungen;
  6. Zeit
  7. Uhrzeit. -

Jede dieser Einheiten ist nach den in I,3 (s.o.) genannten Schwerpunkten aufgebaut und bietet in Text, Lied und Bild Anregungen für die Aktivierungsarbeit. Am Seitenrand werden Hinweise auf die Aktivierungsebenen gegeben (vgl. oben, I,2).

Die Palette der Anregungen ist sehr groß und ermöglicht es, eine kontinuierliche und strukturierte Erinnerungs- Gestaltungs- und Orientierungsarbeit durchzuführen. Viele der Textangebote können auch frei, ohne jahreszeitlichen Bezug verwendet werden. Eine Hilfe dazu ist das Register der Gedichte und Lieder am Ende des Buches.

Zielgruppe

Das Buch ist in erster Linie eine Arbeitshilfe für professionell in der geragogischen Arbeit mit alten Menschen tätige Personen. Bei deren Klientel handelt es sich um Menschen mit altersbedingten oder aufgrund dementieller Erkrankungen bestehenden kognitiven, emotionalen und orientierungsbezogenen Defiziten. Der möglichst weitgehende Erhalt noch vorhandener Fähigkeiten ist Ziel der im Buch konzipierten Aktivierungsarbeit. – Allerdings kann das Buch auch ein Hilfe für pflegende Angehörige sein, soweit diese in der Lage sind, eine an professionellen Standards orientierte Aktivierungsarbeit durchzuführen.

Diskussion

Das Buch von Elfriede Lindner basiert auf gründlichen konzeptionellen Überlegungen und ist eine große, methodisch sinnvolle Hilfe für die Arbeit mit alten Menschen. Auf der einen Seite stellt es einen festen Rahmen für die wiederkehrenden Arbeitssituationen her, auf der anderen Seite aber ermöglichte durch die reiche Fülle der Angebote einen weiten inhaltlichen Freiraum, der den in der Aktivierungsarbeit tätigen Personen einen hinreichenden Gestaltungsspielraum bietet. In den Jahren seit seiner ersten Veröffentlichung (2005) hat es sich als Arbeitshilfe bewährt.

Dennoch sind einige kritische Anmerkungen notwendig: Die Texte, Lieder, Impulse, Wortspiele usw. sprechen nahezu durchweg eine Klientel an, die dem Milieu des gehobenen, traditionell orientierten Bildungsbürgertums angehört. Teilweise erscheinen sie selbst in dieser Hinsicht noch als Überforderung. Einige Beispiele:

  • Ein dreistimmiger (S. 388) oder gar vierstimmiger (S. 490) Chorsatz ist mit hochaltrigen, teilweise dementen Menschen undurchführbar.
  • Ein sarkastisches Altersgedicht von G.Chr.Lichtenberg (S. 40) dürfte für die angesprochene Klientel nur schwer verständlich sein.
  • Der Brief des Schauspielers Josef Kainz an seine Mutter (S. 253) setzt eine Menge kultur- und theaterhistorischen Wissens voraus.
  • J.W.v.Goethes Gedicht "Maifest" (S. 220f) ist nicht die leichte Kost, die sie auf den ersten Blick zu sein scheint.
  • Der fast drei klein gedruckte Seiten lange Text "Pfingsten, das liebliche Fest" von I.Stutzmann (S. 257ff) dürfte seine hochaltrige Zuhörerschaft vor allem zum Einschlafen bringen.
  • Auch der Text "Grundfarben und Mischfarben" von Chr.Tvedt (S 332f) ist für die Klientel, um die es geht, eine kognitive Überforderung.

Die Reihe ließe sich fortsetzen. – Es kommt aber noch etwas anderes hinzu: Die Gruppe der heute ca. 80-Jährigen war 1950 ca. 18 Jahre alt. Das heißt, sie gehört der Jugendkohorte der frühen 50er-Jahre an. Zwar sind in dem Buch verschiedentlich Bezüge auf Schulbuchliteratur jener Zeit ("In Mutters Stübele", S. 179), auf das Liederbuch "Mundorgel" ("Die Affen rasen durch den Wald", S. 337) u.ä. erkennbar. Ein Bezug zur Jugendkultur und -musik der frühen 50er-Jahre fehlt jedoch völlig. Diese ist jedoch – musikalisch – geprägt durch amerikanische Jazzmusik, seit Mitte der 50er Jahre auch durch Rock „n Roll. (Die Rundfunksender Rot-Weiss-Rot und AFN der amerikanischen Besatzungsarmee waren unter Jugendlichen Kult!) Der französische Existentialismus (Sartre, Camus und die Sängerin Juliette Gréco) prägten das äußere Auftreten und die Haltung Jugendlicher beiderlei Geschlechts aller Schichten und bis in den ländlichen Raum. (Der sog. "Stenz"!) Ein Bezug auf diese und weitere Kohortenprägungen fehlt in dem Buch völlig. Dass die gleiche Jugendgeneration überdies auch der Kriegskindergeneration angehört, die zu großen Teilen Bombardements, Vaterlosigkeit, Flucht und Vertreibung erlebt hat, wird in dem Buch ebenfalls kaum thematisiert.

Freilich haben diese biografischen Bezüge auch hochgradig konfliktreiche Aspekte, etwa hinsichtlich des Jugend-Elternverhältnisses, der Sexualität sowie der Bewältigung kriegsbedingter traumatischer Erfahrungen. Das Ausklammern dieser Aspekte und der Rückzug auf eine harmonisierende Harmlosigkeit bedeutet aber, dass wesentlich biografische Aspekte der gegenwärtigen Altersgeneration nicht ernst genommen werden. Mit einer klientenorientierten Aktivierungsarbeit ist das unvereinbar.

Fazit

Im Rahmen der bestehenden Standards von Arbeitshilfen zur Aktivierungsarbeit mit älteren Menschen, welche von kognitiven und orientierungsbezogenen Einschränkungen betroffen sind, ist das Buch von Elfriede Lindner durchaus empfehlenswert. Insbesondere seine konzeptuelle und methodische Grundlegung und die konsequente Entfaltung im Materialteil machen es zu einem gut brauchbaren Hilfsmittel in der Aktivierungsarbeit mit alten Menschen. Die genannten Einwände gehen allerdings über den Bezug nur auf das Buch von Elfriede Lindner hinaus. Sie betreffen den Standard weiter Teile ähnlicher Literatur überhaupt. Hier ist ein Desiderat anzumelden, das den Einbezug einer qualitativ anspruchsvollen Kohortenforschung in die Praxis der Altenarbeit allgemein erfordert.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 19.04.2012 zu: Elfriede Lindner: Aktivierung in der Altenpflege. Arbeitsmaterialien für die Praxis. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2011. ISBN 978-3-437-27231-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12523.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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