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Birgit Eichenseer, Elmar Gräßel (Hrsg.): Aktivierungstherapie für Menschen mit Demenz

Cover Birgit Eichenseer, Elmar Gräßel (Hrsg.): Aktivierungstherapie für Menschen mit Demenz. Motorisch - alltagspraktisch - kognitiv - spirituell. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2011. 314 Seiten. ISBN 978-3-437-28020-7. 41,95 EUR.
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Thema

Bedingt durch die allgemeine demografische Entwicklung wird die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen in Deutschland bis 2050 um 144% zunehmen. (S. Demenz-Report, Berlin-Institut f. Bevölkerung u. Entwicklung, 2011, S. 22) Medizinische Heilungsmöglichkeiten insbesondere der Alzheimer-Demenz sind derzeit noch nicht in Sicht. Deshalb kommt der Entwicklung von Möglichkeiten einer Verbesserung und Verzögerung des – an sich unaufhaltsamen – Krankheitsverlaufs eine besondere Bedeutung zu. Die MAKS-Therapie (= Motorisch, Alltagspraktisch, Kognitiv, Spirituell), um die es im Buch von B.Eichenseer und E.Gräßel geht, hat das Ziel, "die Auswirkungen dieser Demenzen zu begrenzen, indem die Fähigkeiten der Betroffenen optimal gefördert werden." (Vorwort) – Es sei allerdings bereits hier angemerkt, dass der Begriff "Therapie" in seinem unspezifischen Gebrauch nicht unproblematisch ist. (s.u.)

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Dr. Birgit Eichenseer ist Dipl-Psychologin und Dipl.-Psychogerontologin. Sie ist wiss. Mitarbeiterin des Bereichs Med. Psychologie und Med. Soziologie der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen. Sie leitet die Schulungen der MAKS-Therapie und hat die Kapitel 1 (Co-Autorin), 4, 5, 6, 7 des Buches erstellt.

Prof. Dr. Elmar Gräßel ist Leiter des Bereichs Med. Psychologie und Med. Soziologie der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen und Begründer des Konzeptes der MAKS-Therapie. Er ist Initiator und Leiter des gleichnamigen wissenschaftlichen Projekts. Er ist Autor der Kap. 1 (mit B.Eichenseer) und 2.

Prof. Dr. Renate Stemmer lehrt Pflegewissenschaft und Pflegemanagement an der kath. Fachhochschule Mainz. Sie ist Autorin des Kap. 3.

Cand. phil. Stephan M. Abt ist Einrichtungsleiter des Sigmund-Faber-Heimes in Hersbruck, eines von fünf Heimen der Diakonie Neuendettelsau, in denen die MAKS-Therapie wissenschaftlich erprobt wurde. Er ist Autor von Kap. 8.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil des Buches (I. Theorie, S. 1-25) werden die wissenschaftlichen Grundlagen der MAKS-Therapie in vier Kapiteln vorgestellt:

Kap. 1: Grundlagen der MAKS-Therapie (S. 3-7): Die Ausrichtung der Methode bezieht sich vor allem auf Menschen mit leichten bis mittelgradigen kognitiven Beeinträchtigungen in stationären, ambulanten und teilstationären Einrichtungen. Als Durchführende kommen nicht nur hauptamtliche Fachkräfte sondern auch ehrenamtliche Mitarbeiter, Betreuungsassistenten sowie Angehörige in Betracht. Ziel ist die Förderung der Selbständigkeit der Erkrankten sowie der möglichst lange Erhalt ihrer kognitiven Fähigkeiten. – Zu den Kennzeichen der Methode gehören ihre Multimodalität (Förderung von Bewegung, geistigen Fähigkeiten, Selbständigkeit im Alltag), der Theorie-Praxistransfer, ihr Abwechslungsreichtum, ihre Intensität, ihr innovativer Charakter (unter Einbezug auch PC-gestützter kognitiver Übungen), die Förderung individueller Ressourcen sowie ihre Ganzheitlichkeit.

Kap. 2: Wirksamkeit der MAKS-Therapie (S. 5-7): Laut dem Autor E.Gräßel "stoppt" (S. 7) die Methode eine weitere Verschlechterung der Gedächtnis- und Denkfähigkeit der Erkrankten. Sie ist wirksam hinsichtlich alltagspraktischer Fähigkeiten und "stoppt" (ebd.) deren weiteres Nachlassen. Sie verschafft den Teilnehmern eine positiv erlebte Zeit in der Gemeinschaft, vermindert Depressivität, fördert soziales Verhalten, vermindert herausforderndes Verhalten, "wirkt genauso intensiv auf Gedächtnis und Denken wie die derzeit wirksamsten Medikamente gegen Demenz", "wirkt sogar intensiver auf die alltagspraktischen Fähigkeiten als die derzeit wirksamsten Medikamente gegen Demenz", "wirkt wahrscheinlich länger (mindestens zwölf Monate) als die derzeit wirksamsten Medikamente gegen Demenz" (alle Zitate S. 7), ist frei von unerwünschten Wirkungen, verschafft der Therapeutin eine erfüllte Arbeitszeit mit kreativem Handeln.

Kap. 3: Einordnung der MAKS-Therapie in das Gesamtkonzept pflegerischen Handelns (S. 9-12): Es wird gezeigt, wie sich das MAKS-Konzept sowohl mit dem Psychografischen Pflegemodell nach E.Böhm als auch mit den Prinzipien der ganzheitlich-rehabilitierenden Prozesspflege nach M.Krohwinkel sinnvoll verbinden lässt. Dabei können die MAKS-Module beide Gesamtkonzepte in ihrer Wirkung auf die erkrankten Personen unterstützen. Zudem eignen sie sich aufgrund ihrer standardisierten Form gut zur Qualitätssicherung und lassen sich im Qualitätsmanagement sowie in der Pflegedokumentation gut integrieren.

Kap. 4: Durchführung der MAKS-Therapie (S. 13-25): Es werden zunächst die übergeordneten Ziele der MAKS-Therapie beschrieben und dann die modulspezifischen Ziele dargestellt. – Im zweiten Abschnitt geht es um die Planung von Gruppenaktivierungen unter Berücksichtigung von personellen Aspekten sowie von räumlichen und das Material betreffenden Aspekten. Gesichtspunkte der Planung sowie des Zeit-Managements werden erörtert und der Umgang mit Demenzkranken im Rahmen des therapeutischen Konzeptes wird reflektiert. – Ein dritter Abschnitt befasst sich mit dem Leitbild der Ganzheitlichkeit und mit kulturellen Aspekten. Dabei geht es um die Bedeutung von Farben sowie von Musik und Rhythmus in der praktischen Arbeit. Schließlich werden die Modelle der Implementierung der Durchführung an den fünf Durchführungsorten der MAKS-Therapie dargestellt und auf die Möglichkeit von Schulungen verwiesen.

Der zweite Teil des Buches (II. Praktische Beispiele aus der MAKS-Therapie, S. 27-287) stellt einen Materialteil dar, der eine Fülle von Anregungen für die tägliche Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen bietet. Diese werden nachvollziehbar beschrieben und mit vielen Bildern für Leserinnen und Leser veranschaulicht. Am Ende jedes Kapitels folgen Literaturangaben, die teils die Herkunft der einzelnen Anregungen dokumentieren, teils auf weiterführende und vertiefende Aspekte verweisen. Dabei wird das im Theorieteil beschriebene MAKS-Konzept konsequent umgesetzt:

Kap. 5: Motorische Aktivierung (S. 29-93): Es werden Aufwärmübungen, Übungen für den Hauptteil der Arbeitseinheit, Tanz, Bewegungslieder, Rhythmusübungen sowie Übungen im Garten entwickelt.

Kap. 6: Alltagspraktische Aktivierung (S. 95-183): Es wird die Übung der Zubereitung eines Imbisses dargestellt. Handwerkliche Übungen, Alltagspraktische Spiele, Wahrnehmungsübungen werden beschrieben. Ferner werden feinmotorische Übungen mit alltagspraktischem Material (unter Einbeziehung von PC und Beamer) sowie sonstige Aktivitäten aufgezeigt.

Kap. 7: Kognitive Aktivierung (S. 185-217): Nach einem einführenden Teil geht es um kognitive Einstiegsübungen und drei Übungsprototypen: Papier- und Bleistiftübungen, PC-Übungen mit Beamer, PC-Übungen mit Touchscreen oder als Einzelförderung.

Kap. 8: Spirituelle Einstimmung (S. 219-287): Hier werden folgende Themenschwerpunkte in den einzelnen Übungen entfaltet: Danken, Leben und Lebensfreude, Freundschaft, Kirchlicher Jahreskreis, Persönliche Segnung zum Wochenschluss.

Im Anhang des Buches (S. 291ff) findet sich ein Materialienteil sowie ein Namens- und Stichwortregister.

Bemerkenswert ist noch die mitgelieferte DVD, die ca.190 Übungsblätter zum Ausdrucken, ca. 250 PC-Übungen, zusätzliche Übungseinheiten und zahlreiche weitere Materialien enthält. Ein im Buch enthaltener Code öffnet für 12 Monate den Online-Zugriff auf den Buchinhalt und die Abbildungen.

Zielgruppe

Das Buch ist in erster Linie eine Hilfe für die Praxis der aktivierenden Arbeit mit dementiell erkrankten Menschen. Es eignet sich ebenso für Fachkräfte wie auch für nicht spezifisch ausgebildete Kräfte im stationären, teilstationären und ambulanten Bereich. Auch für Angehörige von erkrankten Menschen kann es eine wertvolle Hilfe sein. Allerdings setzt es ein gewisses Hintergrundwissen über dementielle Erkrankungen und die Möglichkeiten und Grenzen von aktivierenden Hilfekonzepten voraus. Für Studium und Lehre der Pflegewissenschaften bildet vor allem der Theorieteil eine – in einigen Aspekten möglicherweise auch kontroverse - Diskussionsgrundlage.

Diskussion

Das Buch enthält eine beeindruckende Fülle von Anregungen für die kontinuierliche Aktivierungsarbeit mit an Demenz erkrankten Menschen. Teilweise sind diese Anregungen aus anderen Arbeitsbüchern bekannt und von dort entnommen, teilweise sind sie von den Autoren selbst entwickelt worden. Das besondere des Buches ist aber die umfassende Strukturierung des gesamten Materials im Sinne der von den Autoren entwickelten MAKS-Konzeption. Hier sind zeitliche und räumliche Dimensionen, die verschiedenen Ebenen der Sinneswahrnehmung, sowie die Dimensionen des Lebensvollzuges betreffende Bezüge in ein komplexes System gebracht worden, das dann eine umfassende und in sich sinnvoll korrelierende Konzeption der Aktivierungsarbeit ergibt. In dieser Hinsicht bietet das Buch eine über viele andere Materialsammlungen und Anleitungsbücher zur Aktivierungsarbeit mit dementiell erkrankten Menschen weit hinausgehende Hilfe. Allerdings setzt eine Praxisarbeit auf der Basis der von der Autoren entwickelten MAKS-Konzeption eine intensive Einarbeitung voraus. Die Funktion der einzelnen Arbeitselemente des Buches muss vor dem Hintergrund der Gesamtkonzeption verstanden werden, als "Steinbruch" eignet sich das Buch nicht.

Ungeachtet dieser positiven Einschätzung sind jedoch einige kritische Anmerkungen zu machen, die sich vor allem auf die Ausführungen in Kap. 2 beziehen: Schon der Begriff "Therapie" ist in der unspezifischen Form, wie er von den Autoren gebraucht wird, nicht unproblematisch: Es müsste im Verlauf des Theorieteils mindestens klargestellt werden, dass es sich hier um eine symptomatische, nicht kurative Art der Therapie handelt, also um eine auf die Symptome der Erkrankung, nicht auf ihre eigentliche Heilung ausgerichtete Art der Behandlung. Der Fortschritt von Demenzen des Alzheimer-Typs und von vaskulären Demenzen ist unaufhaltsam. Ihr Verlauf kann allenfalls verlangsamt und die Verlaufsform verbessert werden. Insofern ist auch der mehrfach verwendete Begriff des "Stoppens" einer weiteren Verschlechterung (S. 7) irreführend. Ähnliche Erwartungen wecken auch die an gleicher Stelle gezogenen Vergleiche der Wirkung der MAKS-Konzeption mit der Wirkung medikamentöser Behandlung (bes. Cholinesterase-Hemmer). Die Richtigkeit der hier gemachten Aussagen soll gar nicht bestritten werden, aber in der in Kap. 2 gemachten Form kommt nicht in genügender Weise zum Ausdruck, dass es sich nur um vorübergehende Verbesserungen handeln kann, die den eigentlichen Krankheitsverlauf jedoch nicht wirklich zum Stillstand bringen. Vor allem gegenüber den Angehörigen von Erkrankten ist hier eine Klarheit der Information unabdingbar, auch wenn dies schmerzlich ist. Die in manchen Boulevard-Medien geweckten Erwartungen über "neue" Heilungs- und Präventionsmöglichkeiten von Demenz sind unverantwortlich.

Fazit

Abgesehen von den oben gemachten kritischen Anmerkungen zu Kap. 2, die weniger die Sache selbst betreffen als den Stil der Präsentation, ist das Buch in seinen inhaltlichen Aspekten dringend als Lektüre für alle Praktiker in der Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen zu empfehlen. Neben der Vielzahl von einzelnen Anregungen für die Arbeit zeichnet es sich vor allem durch die systematische Struktur aus, die allen Einzelaspekten eine klare Funktion im Gesamtkonzept zuweist. Insofern kann es eine große Hilfe nicht nur in der täglichen Aktivierungsarbeit mit dementiell erkrankten Menschen sein. Es ist darüber hinaus vor allem eine wichtige Orientierungshilfe für die konzeptionelle Grundlegung der aktivierenden Arbeit in den je einzelnen Einrichtungen, die eine qualifizierte, auf messbare Ergebnisse ausgerichtete Arbeit mit an Demenz erkrankten Menschen anstreben.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 10.05.2012 zu: Birgit Eichenseer, Elmar Gräßel (Hrsg.): Aktivierungstherapie für Menschen mit Demenz. Motorisch - alltagspraktisch - kognitiv - spirituell. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2011. ISBN 978-3-437-28020-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12526.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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