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Heiko Kleve: Aufgestellte Unterschiede

Cover Heiko Kleve: Aufgestellte Unterschiede. Systemische Aufstellung und Tetralemma in der sozialen Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 171 Seiten. ISBN 978-3-89670-787-1. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.

Reihe: Systemische soziale Arbeit.
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Thema

Im Rahmen systemischer Beratung haben szenisches Arbeiten in Aufstellungen und multiperspektivisches Arbeiten in Tetralemmata Tradition. In diesem Band will Heiko Kleve die besondere Relevanz der Ansätze für Soziale Arbeit belegen und diskutieren.

AutorIn oder HerausgeberIn

Heiko Kleve lehrt als Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam. Er ist systemischer Berater, Supervisor und Case-Manegement-Ausbilder.

Entstehungshintergrund

Systemische Aufstellungen haben in der Praxis Systemischer Sozialer Arbeit längst ihren Platz und knüpfen dort an ganz klassische Traditionen von Moreno, Boal oder Satir an. In der Sozialen Arbeit werden vor allem Aufstellungs-Ansätze favorisiert, die Möglichkeiten erweitern, während enger führende und ordnende Aspekte in der Tradition Bert Hellingers eher kritisch rezipiert werden.

Matthias Varga von Kibed und seine Frau Insaa Sparrer haben neben besonderen Aufstellungen, die lösungsorientiertes Arbeiten mit der Tradition Bert Hellingers verbindet, die aus der östlichen Logik-Tradition stammenden Denkfiguren der Tetralemmata als perspektiven-generierendes Instrument in die systemische Praxis eingeführt.

Aufstellungen und Tetralemmata will Heiko Kleve in diesem Band nicht nur auf die Praxis, sondern besonders auf die Theorie Sozialer Arbeit beziehen.

Aufbau und Inhalt

In den ersten Kapiteln des Buches finden sich unter dem Titel „Systemtheoretische Differenzierungen“ Definitionen und Grundlagen. Soziale Arbeit, die gesellschaftlich und in den Augen ihrer KlientInnen „konstruktive, kreative und nachhaltige Veränderungen“ anstoßen möchte, definiert Heiko Kleve als Arbeit an und mit Differenz. Wo Lebensnorm und Lebensrealität voneinander abweichen, wird Soziale Arbeit tätig, indem sie die Lebensrealität an die Lebensnorm, die Lebensnorm an die Lebensrealität oder beide aneinander anzupassen sucht, also Differenz minimiert. Soziale Arbeit ist dabei aber auch stets gekennzeichnet durch Differenzakzeptanz auf den unterschiedlichsten Ebenen wie Akzeptanz von Rollendifferenzen, Normdifferenzen, Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verstehensdifferenzen, ethnischen Differenzen. Sozialarbeiterisches Handeln ist zudem auch manchmal darauf angelegt, Differenzen zu maximieren, zu schaffen und dann für die Gleichberechtigung des Verschiedenen einzutreten.

Was den Menschen innerhalb der Systemtheorie angeht, schließt sich Kleve der Luhmann'schen Perspektive an, die den Menschen zur Umwelt sozialer Systeme erklärt und den Menschen als Einheit dekonstruiert.

In einem weiteren Kapitel stellt Kleve Grundlagen systemischer Sichtweise am Beispiel des Blicks auf Probleme dar.

Was macht nach Kleve systemische Herangehensweise aus?

  1. Statt Blick auf Einzeleigenschaften betrachtet der systemische Ansatz Interaktionen und Relationen in einem System.
  2. Weg von Ursache- /Wirkungs-Denken hin zu Kontexten und Beschreibungen
  3. Weg von der Analyse einzelner Elemente hin zur Analyse von Beziehungsstrukturen
  4. Bevorzugung von syntaktischen (Regeln und Strukturen) gegenüber semantischen (Bedeutungen und Inhalte) Betrachtungsweisen

Am Beispiel der Betrachtung von Problemen erläutert Kleve, wie die Systemtheorie und eine an ihr ausgerichtete Soziale Arbeit verschiedene nützliche Perspektiven entwickeln kann.

Praktisch können diese Perspektiven im Rahmen einer systemischen Strukturaufstellung verdeutlicht werden, wie sie Insaa Sparrer und Matthias Varga von Kibed entwickelt haben. Dort werden nacheinander verschiedene Perspektiven und Positionen eingenommen.

  • Das Problem wird zunächst aus einer bestimmten Position heraus definiert: „Fokus“.
  • Weitere Positionen sind „Ziel“ (woraufhin soll das Problem gelöst werden?) und
  • „Hindernis“ (was blockiert den Weg zur Zielerreichung?) sowie
  • „verdeckter Gewinn“ (den das Problem bringt).
  • Notwendig sind „Ressourcen“ (für den Weg zum Ziel)
  • und ein sechstes und letztes Element ist die „zukünftige Aufgabe“ (das, was ansteht, wenn das Problem gelöst und das Ziel erreicht ist).

Diese sechs Elemente fügen sich nach Kleve gut ein in die oben beschriebenen vier grundlegenden Betrachtungs- und Aktionsstrategien der Systemtheorie. Im Rahmen einer Strukturaufstellung nach Sparrer / Varga von Kibed können die Perspektiven nützlich eingenommen werden.

Am Beispiel einer von ihm durchgeführten systemischen Strukturaufstellung für einen Bachelor-Studenten erläutert Kleve die praktische Umsetzung: Anhand von Karten, die der Student auf dem Boden platziert, werden nacheinander die Positionen der einzelnen Elemente eingenommen.

In zweiten Teil des Buches „Systemische Aufstellungen in der Sozialen Arbeit“ geht Heiko Kleve zunächst auf die Auflösung des früheren Gegensatzes zwischen psychoanalytischer und systemischer Sichtweise ein. So versucht er auch einen Brückenschlag zwischen Bindungstheorie und systemischer Sichtweise, wie er sie versteht. Eine systemische Sichtweise auf Bindung fokussiert weniger auf die Einzelbindung, sondern geht von Bindungsketten aus, auch solchen über mehrere Generationen.

Nach diesem Exkurs beschäftigt sich Kleve mit dem Nutzen systemischer Aufstellungsarbeit für die Theorieentwicklung Sozialer Arbeit. Eingeleitet wird dieser Teil durch ein Zitat von Bert Hellinger und Kleve, der selbst seinerzeit eine kritische Erklärung zu Hellingers Arbeit mit unterzeichnet hat, erklärt mittlerweile die Zeit gekommen, Hellingers Ansätze differenzierter zu sehen und auch in ihren Möglichkeiten für konstruktive Interventionen zu würdigen. Besondere Affinitäten sieht Kleve zwischen den von Hellinger beobachteten und postulierten Ordnungsprinzipien als hilfreichen Normstrukturen des Lebens und Elementen der Bindungstheorie. Kleve stellt dann noch einmal einzeln die Grundprinzipien Hellingers vor und legt dar, wie sie aus seiner Sicht auch zur Systemtheorie passen:

  • das Prinzip des Nicht-Ausschlusses von Systemmitgliedern
  • das Prinzip des Vorrangs der älteren Systemmitgliedschaft
  • das Prinzip des Vorrangs des jüngeren Systems
  • das Prinzip des höheren Einsatzes
  • sowie das Metaprinzips der hierarchischen Abfolge dieser vier Grundannahmen
  • das weitere Metaprinzip des angemessenen Ausgleichs von Geben und Nehmen und
  • das Metaprinzip der Anerkennung des Gegebenen

Insgesamt plädiert Kleve dafür, die klassische Systemtheorie, wie sie in der Sozialen Arbeit vertreten wird, zu erweitern um solche Ordnungs- und Aufstellungselemente, wie sie zwar von Hellinger stark beeinflusst sind, besonders aber von Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer weiterentwickelt wurden.

Anschließend beschreibt Kleve den Gang einer Strukturaufstellung und erläutert am Beispiel eines Aufstellungsmodells, das er in der Case-Management-Weiterbildung einsetzt, wie die Hellingerschen Ordnungsprinzipien als hilfreiche Perspektive eingesetzt werden können.

Im dritten Teil seines Buches beschäftigt sich Kleve mit den ebenfalls von Sparrer /Varga von Kibed entwickelten Tetralemma-Aufstellungen. Das Tetralemma in der traditionellen indischen Logik nimmt grundsätzlich vier Perspektiven auf ein Thema ein:

  • das Eine
  • das Andere
  • Beides
  • Keines von Beiden

Varga von Kibed bezieht sich auf „buddhistische Logiker“, wenn er dieses Tetralemma noch um eine zusätzliche, alles negierende Perspektive erweitert:

  • all dies nicht und selbst das nicht

Für Kleve bedeutet dies umgesetzt:

  • das Eine: der aktuell präferierte Standpunkt
  • das Andere: der alternative Standpunkt
  • Beides: übersehene Vereinbarkeiten von beiden Positionen
  • Keines von Beiden: übersehene Kontexte, die die Differenz zwischen zwei Positionen entweder erst erzeugen oder aus ihr hinausführen
  • All dies nicht und selbst das nicht: die Negation aller Positionen und die Negation dieser Negation

Am Beispiel vom (scheinbaren) Gegensatz zwischen Hilfe und Kontrolle macht Kleve deutlich, wie fruchtbringend eine solche zum Perspektivenwechsel zwingendes Verfahren wie das Tetralemma ist, wenn Soziale Arbeit reflektiert werden soll. Anhand der unterschiedlich eingenommenen Positionen entstehen vielfältige Blickwinkel, die komplexe Situationen und Handlungsmöglichkeiten adäquat abbilden und bisher verborgene Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Abschließend verdeutlicht das Kleve am Beispiel von Implementierungsprozessen, die mit Hilfe einer Tetralemma-Arbeit erfolgreicher und nachhaltiger gelingen können.

Das Tetralemma zwingt zum Abschied von Eindeutigkeiten und passt damit zur postmodernen Sozialarbeitstheorie, die sich vorgenommen hat, die vermeintlichen Eindeutigkeiten von Theorien Sozialer Arbeit aufzulösen und gerade Unabgeschlossenes, Ambivalentes und Mehrdeutiges als Grundlage der Profession betrachtet.

Diskussion und Fazit

Heiko Kleves Buch enthält zahlreiche Facetten zu Systemtheorie, Sozialer Arbeit, der Diskussion von Erweiterung bzw. Eingrenzung von Perspektiven und Möglichkeiten und zu systemischen Aufstellungen allgemein. Die Klammer bzw. den roten Faden bilden sicher die Strukturaufstellungen und Tetralemmata von Varga von Kibed und Sparrer und ihre Eignung für Praxis und vor allem Theorie Sozialer Arbeit. Doch die Texte (dies charakterisiert aus meiner Sicht das Buch besser als ‚der Text‘) mäandern anspruchsvoll in einer Fülle von interessanten und diskussionswürdigen Einzelaspekten. Der von Kleve beschworene Abschied von Eindeutigkeiten in der Sozialen Arbeit charakterisiert so auch den Text.

Von diesem Buch wird nicht profitieren, wer eine Einführung in Aufstellungsarbeit sucht. Profitieren werden alle, die das Thema „Systemtheorie in der Sozialen Arbeit“ schon länger interessiert.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 22.02.2012 zu: Heiko Kleve: Aufgestellte Unterschiede. Systemische Aufstellung und Tetralemma in der sozialen Arbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-89670-787-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12527.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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