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Wilma Aden-Grossmann: Der Kindergarten

Cover Wilma Aden-Grossmann: Der Kindergarten. Geschichte - Entwicklung - Konzepte. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 260 Seiten. ISBN 978-3-407-62771-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Frühpädagogik.
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Thema

Seit Ariés wissen wir, dass es zwar durchaus immer Kinder gab, dass sie aber nicht immer als Kinder wahrgenommen wurden. Vielmehr wurde die Kindheit als gesellschaftliches Konstrukt erst erfunden. Auch der Kindergarten musste erfunden werden und ist immer auch Spiegel der Gesellschaft. Wilma Aden-Grossmann gibt einen historischen Überblick über die Geschichte des Kindergartens und seine Entwicklung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Erziehungsziele und Kindheitsbilder.

Aufbau und Inhalt

Aden-Grossmann geht zunächst auf die Entstehung der institutionellen Kleinkinderziehung ein. Dabei geht sie zurück bis zu Montaigne, Comenius und Rousseau, die die Grundlagen für die Kleinkindpädagogik legten. Die eigentliche Notwendigkeit einer institutionalisierten Kleinkindererziehung entstand aber erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Es wurden Kinderbewahranstalten für Arbeiterkinder, deren Eltern aufgrund der veränderten Produktionsbedingungen nicht mehr auf ihre Kinder aufpassen konnten, gegründet. Das aufstrebende Bürgertum hatte demgegenüber Interesse an einer zielgerichteten Erziehung und schickte seine Kinder in Kleinkindschulen.

Ein eigenes Kapitel widmet Aden-Grossmann dem Fröbelschen Kindergarten. Fröbel gilt als der „Erfinder“ des Kindergartens. Sein besonderer pädagogischer Ansatz ist bis heute Grundlage der Kleinkindpädagogik.

Eine weitere Stärkung erfährt der Kindergarten in der Weimarer Republik dadurch, dass viele Frauen auch nach dem ersten Weltkrieg noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Zu dieser Zeit hatte auch die Psychoanalyse einen großen Einfluss auf die Konzeption des Kindergartens. Näher porträtiert werden die Ansätze von Vera Schmidt und Nelly Wolffheim, die durch die Auflösung ihrer Kindergärten durch die Nazis größtenteils in Vergessenheit geraten sind.

Unter der Nazidiktatur wurden fortschrittliche und demokratische Erziehungsziele unterdrückt. Weitergeführt wurden autoritäre und kleinbürgerliche Konzeptionen, wie es sie schon zur Kaiserzeit gab. So begann bereits im Kindergarten die Erziehung zur Wehrtüchtigkeit bzw. zu der Bereitschaft eine Mutter zu werden, die ihre Söhne fürs Vaterland opfert.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Kindergarten in der DDR in das öffentliche Bildungswesen integriert. In den Westsektoren knüpfte man an die Kindergartentradition der Weimarer Republik an: Die Wohlfahrtsverbände übernahmen wieder die Trägerschaft. Bis in die 1970er Jahre entwickelte sich der Kindergarten in der BRD nicht grundlegend weiter, während er in der DDR einen gesellschaftlichen Auftrag bekam. Entsprechend der DDR-Ideologie sollten die Kinder zu „Demokratie“, „Antifaschismus“ und „Sozialismus“ erzogen werden. Ziel war vor dem Hintergrund des eklatanten Arbeitskräftemangels in der DDR auch eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen, so dass weit mehr Kindergartenplätze eingerichtet wurden als in der BRD. Die Kindergärten standen fast alle unter staatlicher Trägerschaft, was zu zentralistischen Vorgaben von Erziehungszielen und Alltagsgestaltung führte. Nach der Wende gab es weitreichende Reformen und eine Pluralisierung der Kindergartenlandschaft.

Weit verbreitet ist in Deutschland die Montessori-Pädagogik, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von der Ärztin Maria Montessori begründet wurde. Sie basiert auf einem humanistischen Menschenbild und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Montessoris „Casa dei bambini“ entstand im Rahmen eines sozialen Wohnbauprojektes und bezog das soziale Umfeld der Kinder mit ein.

Neben Montessori-Kindergärten gibt es in Deutschland auch viele Waldorf-Kindergärten, deren Konzept auf der anthroposophischen Bewegung Rudolf Steiners beruhen.

Im Zuge der Studentenbewegung hatten außerdem die zahlreichen antiautoritären Kinderläden einen großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Kindergärten. In den 1970er Jahren hinterließ außerdem der so genannte Sputnikschock seine Spuren auch im Kindergarten. Man erkannte die Bedeutung früher Bildung für die wirtschaftliche Entwicklung. Der Kindergarten gewann als Institution der Bildung sowohl qualitativ als auch quantitativ an Bedeutung. Exemplarisch für die daraufhin erfolgenden Reformen schildert Aden-Grossmann den Modellversuch „Kita 3000“ in Frankfurt am Main.

Außerdem zeichnet sie die curricularen Entwicklungen in den 1970er Jahren nach, indem sie auf das funktionsorientierte, das wissenschaftsorientierte Curriculum und den Situationsansatz eingeht.

Ein eigenes Kapitel widmet sie der interkulturellen Pädagogik, die der Zuzug vieler Migranten in Deutschland notwendig machte, was nicht zuletzt auch die PISA-Studien zeigten, in denen deutlich wurde, dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule stark benachteiligt werden.

Zum Schluss geht Aden-Grossmann noch auf die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern ein. Die Entstehung von Einrichtungen für die Kleinkindbetreuung war zunächst ein wichtiger Motor für die Frauenbewegung, ermöglichten sie Frauen doch eine Erwerbstätigkeit, die dem damaligen Frauenbild nicht widersprach. Die ErzieherInnenausbildung findet heute vornehmlich an so genannten Fachschulen statt. Die Rahmenvereinbarungen von 1982 und 2001 versuchen die sehr unterschiedlichen Ausbildungswege in den verschiedenen Bundesländern auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen. Z.T. gibt es Forderungen, die Ausbildung wie in den meisten EU-Ländern auf Fachhochschulniveau zu bringen. Immerhin gibt es mittlerweile neben den Fachschulen auch Bachelor-Studiengänge für den Kleinkindbereich.

Diskussion

Ich habe das Buch mit viel Freude gelesen. Es zeigt, dass Kinderbetreuung immer auch ein Spiegel der Gesellschaft oder gesellschaftlicher Gruppen ist. Dabei greift Aden-Grossmann auf eine Vielzahl von historischen Fakten, biografischen Zusammenhängen und Statistiken zurück. Dadurch, dass sie exemplarisch immer wieder einzelne Personen oder Projekte in den Blick nimmt, bei denen sie z.T. über interessantes Insiderwissen verfügt, erhält das Buch eine eigene Spannung. Fotos, Grafiken und Zitate machen den Text anschaulich.

Fazit

Eine gute Grundlage für einen kritisch-reflexiven Blick auf die Kleinkindpädagogik und ihre gesellschaftlichen und historischen Zusammenhänge.


Rezensentin
Dr. Anke Meyer
Fachschule für Sozialpädagogik, Fachoberschule für Sozial- und Gesundheitswesen
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Zitiervorschlag
Anke Meyer. Rezension vom 22.03.2012 zu: Wilma Aden-Grossmann: Der Kindergarten. Geschichte - Entwicklung - Konzepte. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. ISBN 978-3-407-62771-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12535.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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