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Paula Tietze-Fritz: Entwicklungs-Lernen mit kleinen Kindern

Cover Paula Tietze-Fritz: Entwicklungs-Lernen mit kleinen Kindern. AD(H)S und autistisches Spektrum - Denkansätze, Förderideen, therapeutische Anregungen. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2011. 231 Seiten. ISBN 978-3-8080-0679-5. 19,95 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Kinder lernen

Das Spiel ist der Hauptberuf eines jeden Kindes, das dabei ist, die Welt um sich herum, sich selbst, Geschehnisse und Situationen, Beobachtungen und Erlebnisse im wahrsten Sinn des Wortes zu begreifen. Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass Lernen auf eine effektive Vernetzung der Neuronen zurückzuführen ist, und dabei vor allem auf die Stärke synaptischer Verbindungen. Das Gehirn lernt durch Erfahrungen, die durch den Austausch mit der Außenwelt zustande kommen. Besonders erstaunlich, aber durchaus nachvollziehbar ist dabei, dass es sich den Erfahrungen anpasst, sich also dort stärker entwickelt, wo es beansprucht wird, und daher keineswegs ein unveränderliches, statisches Organ darstellt.

Kindliche Entwicklung

Häufig wird davon ausgegangen, dass sich Kinder zeitlich in festgelegten Stufen entwickeln, wobei die einzelnen Entwicklungsschritte streng aufeinander aufbauen. Das würde bedeuten, dass die kindliche Entwicklung genetisch so weit festgelegt ist, dass sie genau vorhersehbar wäre. In der Praxis zeigt sich aber nur allzu oft, dass sich Kinder individuell unterschiedlich entwickeln. Obwohl die meisten Kinder sich nach einem aufeinander aufbauenden Schema entwickeln, gibt es doch auch genau so viele Abweichungen. An dieser Stelle wird der Einfluss der Umweltfaktoren deutlich. Zu den Faktoren, die die Entwicklung beeinflussen gehören unter anderem auch die Art der Erziehung, kulturelle Einflüsse, gesellschaftliche Einflüsse und Umweltbedingungen.

Autorin

Prof. em. Dr. Paula Tietze-Fritz beschäftigte sich in ihrer wissenschaftlichen und berufspraktischen Arbeit mit der heilpädagogischen Entwicklungsförderung von Kindern. Die frühdiagnostischen und therapeutischen Erfahrungen als Krankengymnastin und Diplom-Sozialpädagogin aus der eigenen großen Kinderpraxis waren stets auch theorie- und praxisbezogene Leitgedanken ihrer späteren Tätigkeit als Hochschullehrerin. Nach erziehungswissenschaftlichem Studium mit der Schwerpunktsetzung Heilpädagogik und Frühförderung lehrte die Autorin an der Hochschule (University of Applied Sciences) Fulda und war dort am Aufbau institutioneller Frühförderung maßgeblich beteiligt. Sie übernahm Lehr- und Forschungsprojekte als Gastprofessorin an der Universität Wroclaw/Polen, wirkte in zahlreichen Vorträgen im In- und Ausland, ebenso in der fachlichen Weiterbildung für Pädagoginnen in Erfurt und im Aufbaustudiengang Heilpädagogische Früherziehung am Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie (ISP) in Basel/Schweiz. Sie ist Autorin mehrerer Fachbücher.

Aufbau

Das Buch „Entwicklungs-Lernen mit kleinen Kindern“ setzt sich aus 2 Teilen mit jeweils 5 und 6 Kapiteln zusammen:

Erster Teil -Theoretische Grundlagen und das pädagogische Denken

Kapitel 1: Wie verschieden Kinder sind. Kein Kind gleicht dem anderen. Kinder lernen auf unterschiedliche Weise. Die frühkindliche Entwicklung zeigt sich demnach nicht einheitlich, sondern mit individuellem Verlauf. Viele Kinder entwickeln sich wie von selbst, andere brauchen intensive Zuwendung, um die anstehenden Entwicklungsaufgaben zu meistern.

Kapitel 2: Das Kind und sein Entwicklungs-Lernen. Resilienz ist die Fähigkeit des Kindes, erfolgreich mit belastenden Faktoren umzugehen, gefährdenden Einflüssen zu widerstehen, sie zu überwinden und sich nicht verletzten zu lassen. Dies gilt auch für entwicklungsverzögerte Kinder. Die Aufgabe der frühen Entwicklungsförderung ist es, Kinder mit Entwicklungsproblemen nicht mehr als passiv-behandlungsbedürftig zu betrachten, sondern als „Experten/-innen in eigener Sache“ wahrzunehmen und zu stärken.

Kapitel 3: ADH(S) – ein vielfältiges Handeln. Die Verhaltenseigenheiten der Kinder mit einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom können höchst unterschiedlich sein und fast immer ist es das negativ empfundene Handeln der Kinder, über das zuerst berichtet wird. Frühkindliche Förderung solcher Kinder bedeutet das Handeln des Kindes, seine Lebenssituation und die seiner Familie zu verstehen und Symptome, die seine/ihre Entwicklung behindern könnten zu verringern, zu verändern oder gar zu vermeiden.

Kapitel 4: Autistisches Verhalten – ein besonderes Handeln. Autismus gilt als eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich als Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung bereits im frühen Kindesalter bemerkbar macht. Kindliches Handeln im Spektrum des Autismus ist komplex. Es verlangt nach ganz individuellen Vorgehensweisen, die therapeutisches Verstehen der kindlichen Handlungswelt voraussetzt.

Kapitel 5: Wie wir die Entwicklung eines Kindes begleiten können: Grundlegende Gedanken. Kinder haben eigene Ideen und Impulse für ihr Entwicklungslernen. Das Ziel der Erziehung ist Hilfe zur Selbstentfaltung. Zusammen mit der Mutter-Kind-Beziehung prägt das die Kindererziehung entscheidend. Dabei benötigt das Kind kein drängen zu schnellem Handeln, es muss vielmehr genügend Zeit erhalten, sich selbst die Dinge einzuüben.

Zweiter Teil: Praxisreport: Begegnungen mit Kindern und die Ideen zur Förderung

Nur ein vom Kind selbst akzeptierter und wertgeschätzter methodischer Ansatz wird ihm helfen und seine eigenen Aktivitäten werden es weiterführen.

Kapitel 6: Zerebrale Dysfunktionen und das senso- und psychomotorische Lernen. In diesem Kapitel wird anhand des Fallbeispiels „Marie“, ein 4 jähriges Mädchen mit einer minimalen zerebralen Dysfunktion vorgestellt. Sie hat einen motorischen Entwicklungsrückstand, der mit Hilfe des Motoriktests für 4-6jährige Kinder (MOT) diagnostiziert wurde. Aus der freien Gestaltung der Testaufgabe lassen sich mit Marie therapeutische Aufgaben ableiten, die ihr Entwicklungs-Lernen einleiten. Darüber hinaus wird das Konzept nach Frostig vorgestellt.

Kapitel 7: Entwicklungsverzögerungen im Klein(st)kindalter und wie Kinder diese aufholen können. Hier wird der Fall „Paul“ und andere Kleinstkinder beschrieben, die alle entwicklungsverlangsamt sind. In diesem Zusammenhang werden folgende Test- und Förderungsverfahren näher erläutert: Piagets Entwicklungsmodell, die Münchener funktionelle Entwicklungsdiagnostik, Vademecum, das Förderdiagnostikum zur Feststellung der Sinnes- und Bewegungsfunktionen nach Kiphard, der Entwicklungstest ET 6-6 sowie das Konzept nach Vojta und Bobath.

Kapitel 8: Spielen und Lernen im Vorschulalter. Im Kindergartenalter steht das Lernen durch Spielen im Vordergrund. Fördersituationen müssen daher spielerisch gestaltet werden. Die Methoden der Aquapädagogik, musikalische Früherziehung, Feldenkrais-Methode und heilpädagogisches Reiten werden in solchen heilpädagogischen Interventionen integriert.

Kapitel 9: Schwierigkeiten mit der sensorischen Integration und wie das zentrale Ordnen gelernt werden kann. Mangelnde zentrale Ordnungsfähigkeit und Störung der sensorischen Integration sind oftmals Ursache für ungeschickte und scheinbar wenig intelligente Handlungen von Kindern. Die Theorie von Ayres geht davon aus, dass das vestibuläre System als die Basis zur Entwicklungsfähigkeit verstanden werden muss und dass eine Förderung der sensorisch-integrativen Fähigkeiten stets mit der Anregung des Gleichgewichtssinnes beginnt.

Kapitel 10: Hyperaktive und hypoaktive Kinder und wie diese voneinander lernen können. Wenn man davon ausgeht, das Verhalten eines Kindes nicht als Störung, sondern als Botschaft zu betrachten, ergeben sich daraus andere therapeutische Reaktionen. So kann überschäumende Bewegungstätigkeit auch für ein individuelles Temperament oder einfach für Lebens- und Bewegungsfreude stehen. Im Falle einer echten Hyperaktivität empfiehlt sich (Bewegungs-)Pädagogik in Form der Psychomotorik nach Kiphard. Der methodische Aufbau des Modells mit seinen 5 Lernphasen wird ausführlich vorgestellt.

Kapitel 11: Kinder mit einem autistischen Verhalten und ihre Beziehungsaufnahme. Jedes autistisch genannte Kind kann eine Ebene finden, auf der ein Kommunizieren für es und mit ihm möglich wird. Es gilt diese Ebene zu suchen. Folgende Ideen können dabei hilfreich sein: das Konzept der basalen Stimulation (von A. Fröhlich), die „gespürte“ Informationsvermittlung nach Affolter, Mifne, Relationship Development Intervention, die Applied Behavior Analysis, unterstützende und gestützte Kommunikation, Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children, Aufmerksamkeits-Interaktionstherapie sowie die modifizierte Festhaltetherapie.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Ergotherapeuten/-innen, Physiotherapeuten/-innen und Heilpädagogen/-innen, die mit der Zielgruppe arbeiten und an angrenzende Fachgebiete, die ihren Horizont erweitern wollen. Es ist auch schon für Auszubildende der entsprechenden Fachgruppen geeignet.

Fazit

Der grundlegende Gedanke des Buches „Entwicklungs-Lernen mit kleinen Kindern“ von Prof. Dr. Paula Tietze-Fritz ist, dass therapeutische Angebote für Kinder ressourcenorientiert sein müssen und damit vom Kind angenommen werden. Wenn Kinder die angebotenen Übungen, Reize oder Informationen dafür nutzen, ihren eigenen Entwicklungsprozess zu initiieren, dann war die Intervention erfolgreich. Wer konkrete Übungsvorschläge in diesem Buch vermutet, liegt falsch. Es werden viel mehr Einstellungen und grundsätzliche Ideen vermittelt, die der/die Leser/-in mit Vorerfahrung zu den verschiedenen methodischen Ansätzen sicher schnell in konkrete Handlungsansätze überführen kann. Der grundlegende Gedanke des Buches geht direkt mit kindlicher Individualität einher und das passt eben nicht zu vorgefertigten Übungsabfolgen.


Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
Homepage www.oleimeulen.info


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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 24.02.2012 zu: Paula Tietze-Fritz: Entwicklungs-Lernen mit kleinen Kindern. AD(H)S und autistisches Spektrum - Denkansätze, Förderideen, therapeutische Anregungen. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2011. ISBN 978-3-8080-0679-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12537.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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