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Roland Wirth: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Cover Roland Wirth: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Eine Neubewertung der Freiwirtschaftslehre aus wirtschaftsethischer Sicht. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2003. 193 Seiten. ISBN 978-3-258-06683-7. 32,00 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik, Band 34.
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Einführung in das Thema

Die so genannte Neoklassik als weit verbreitete und dominierende Schule der Wirtschaftswissenschaften ist keineswegs unumstritten, zumal sie unzweifelhaft einige schwerwiegende Mängel aufweist. Dementsprechend gibt es seit vielen Jahren auch Ökonomen, die an den Schwachstellen und Defiziten eben dieser Neoklassik ansetzen und diese entweder zu beheben suchen oder nach anderen, besseren Konzepten suchen. Eine der historisch älteren Ansätze ist die von Silvio Gesell in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts begründete Freiwirtschaftslehre, die sich aber aus unterschiedlichen Gründen nie hatte durchsetzen können, die aber nach wie vor äußerst aktive Anhänger hat.

Auf der auch ihn bewegenden Suche nach überzeugenderen ökonomischen Konzepten ist Roland Wirth auf diese ökonomische Schule gestoßen, zeichnet im vorliegenden Buch ihre wesentlichen Bestandteile nach und überprüft sie sowohl hinsichtlich ihrer ökonomischen Stärken und Schwächen als auch hinsichtlich ihrer philosophischen Grundlagen.

Aufbau und Inhalte des Buches

Das Buch selbst ist in fünf Teile gegliedert.

  1. Zu Beginn befasst sich Wirth, der ursprünglich selbst neoklassisch ausgebildet wurde, mit der Frage, ob das derzeitige Wirtschaftssystem konzeptionell vollständig überzeugt. Da dies angesichts bestehender gesellschaftlicher Probleme und ethischer Defizite nicht der Fall ist, sieht er eine Notwendigkeit, nach Verbesserungen zu suchen und daher das bestehende System in Frage zu stellen. Einen möglichen Lösungsansatz bietet nach eigener Darstellung die Freiwirtschaftslehre, die als liberaler Ansatz den marktwirtschaftlichen Wettbewerbsgedanken nutzen will, aber den Kapitalismus ablehnt. Als kapitalistisch wird dabei ein Wirtschaftssystem dann verstanden, wenn das Kapital keine dienende Rolle hat, sondern nach Maximierung der Kapitalrendite strebt. Dies lässt sich insbesondere an der Gestaltung und an der Höhe des Zinses festmachen. Eine Untersuchung wie die von Wirth ist weder durchführbar noch nachvollziehbar ohne einen normativen Bezugsrahmen. Wirth folgt hier dem Konzept einer liberalen Bürgergesellschaft, wo Freiheit nicht allein negativ als Abwesenheit von Zwang, sondern auch positiv als Chance für die eigene Selbstverwirklichung gesehen wird - eine Ansicht, die von führenden Neoklassikern wie Friedrich August von Hayek abgelehnt wird. Beispielhaft hierfür steht ein Mensch, der vom Hungertod bedroht ist und sich wegen der Aussicht auf Versorgung mit Lebensmitteln freiwillig in die Sklaverei verkauft. "Dies hat mit wohlverstandener Freiheit offensichtlich nicht viel zu tun." (S. 23). Die positive Freiheit als Freiheit zu etwas steht in enger Verbindung zur Frage nach sozialer Gerechtigkeit - gefordert wird nicht eine Gleichmacherei, sondern gleiche Chancen auf Beteiligung.
  2. Der zweite Teil des Buches widmet sich der freiwirtschaftlichen Kritik am kapitalistischen Zinssystem. Diese hat konzeptionell zwei Anknüpfungspunkte: Zum einen wird jener Teil des Realzinssatzes, der über den Risikogehalt des Kredites hinausgeht - der sogenannte risikofreie Zins, als leistungsloses Einkommen betrachtet, dass ethisch-moralisch nicht gerechtfertigt ist. Dahinter steht der Ansatz, dass Leistungen eigentlich nur durch die menschliche Arbeit geschaffen werden - und dieser sollte dann auch der Ertrag zufließen. Zum anderen geht die Freiwirtschaftslehre davon aus, dass das Geldvermögen wegen des Zwanges zur Verzinsung stärker wächst als das Gütervermögen, was kurzfristig zu einem enormen, auch ökologisch nicht zurechtfertigenden Wachstumszwang führt, und sich langfristig in schwerwiegenden Krisen (Verschuldung, Depression etc.) niederschlägt. Eine Reduzierung des Zinses um den "leistungslosen" Anteil würde, so die freiwirtschaftliche Theorie, zu einer leistungsfähigeren und gleichzeitig stabileren Wirtschaft führen. Diese intuitiv einleuchtende Argumentation weist bei genauerer Betrachtung allerdings zwei Schwächen auf: Das behauptete exponentielle Auseinanderdriften von Geldmenge und Gütermenge ist bisher empirisch nicht belegt; gleichzeitig führt grundsätzlich ein Ansteigen der Geldmenge bei gleichbleibender Gütermenge zu einem Anstieg der Preise und damit zur Inflation - letzteres ist zwar eindeutig ein Krisenzeichen, wird als Faktor aber in der Freiwirtschaftstheorie nicht berücksichtigt.
  3. Als Lösungsvorschlag für die im zweiten Kapitel diagnostizierte Problematik schlägt die Freiwirtschaftslehre eine Geldreform vor, die Wirth im dritten Teil seines Buches vorstellt. Diese Geldreform basiert auf der Überlegung, dass grundsätzliche alle Güter und Dienstleistungen einem Wertverfall unterliegen, nur das Geld (bei Ausblendung der Inflation!) in seiner Funktion als Wertspeicher und liquides Tauschinstrument nicht. Daher wird vorgeschlagen, auch dem Geld einen Wertverfall zuzuweisen, gewissermaßen ein "Rosten des Geldes". Dieses "Rosten" soll sich als Liquiditätsgebühr auf die unproduktive Verwendung des Geldes als Liquiditätsvorrat beziehen. Durch diesen eingebauten Wertverfall besteht, so die Theorie, ein Anreiz, Geld nicht zu horten, sondern entweder zu investieren oder zu konsumieren - was zu einer Ankurbelung der Volkswirtschaft führen und nachfragebedingte Konjunkturschwächen beheben würde. Entsprechende Geldformen hat es in der Geschichte tatsächlich gegeben, so zuletzt Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre in Schwanenkirchen und Wörgl. Dort waren diese "Schwundwährungen" in der Tat erfolgreich, wobei sie allerdings nach kurzer Dauer von den Notenbanken Deutschlands bzw. Österreichs verboten wurden - die Ergebnisse sind somit nur bedingt aussagekräftig.
  4. Neben dem leistungslosen Kapitaleinkommen in Form des Zinses hat die Freiwirtschaftslehre eine weitere Quelle leistungslosen Einkommens entdeckt, nämlich aus Bodeneigentum (Teil IV). Zur Beseitigung dieses "Systembruchs" wird eine Verstaatlichung des Bodens gegen Entschädigung der Eigentümer verlangt. Gleichzeitig soll aber der Abschluss langjähriger Nutzungsverträge möglich sein, um das marktwirtschaftliche Eigeninteresse dennoch zum Tragen kommen zu lassen. Anders als bei der Geldreform steht Wirth der Bodenreform wegen ihres erheblichen bürokratischen Aufwands ablehnend gegenüber.
  5. Das letzte Kapitel des Buchs ordnet die Freiwirtschaftslehre in ihre geschichtlichen, philosophischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge ein und stellt ihren Begründer, den Kaufmann, Publizisten, Landeigentümer und Finanzminister in der Münchner Räterepublik, Silvio Gesell, vor. Abgeschlossen wird das Buch durch eine durchaus positiv ausfallende Beurteilung der Freiwirtschaftslehre durch Roland Wirth, wobei er die Geldreform für den wichtigsten und ökonomisch vielversprechendsten Part dieses ökonomischen Ansatzes hält. Zugleich weist er allerdings auch darauf hin, dass viele grundlegende Fragen in diesem Zusammenhang noch nicht geklärt sind - was unter anderem an der weitgehenden Vernachlässigung der Freiwirtschaftslehre durch die Standardökonomie liegt.

Fazit und Anmerkungen

Die Dissertation von Roland Wirth ist ein ausgesprochen faszinierendes Buch: Ausgehend von einem Unbehagen an der neoklassischen Standardökonomie verbindet er ein weitgehend vernachlässigtes alternatives Wirtschaftskonzept mit einer fundierten ethisch-philosophischen Basis, klopft das Konzept auf seine Vorzüge und Schwachstellen ab und ordnet es in einen breiteren wissenschaftlichen Kontext ein. Dann wird die Freiwirtschaftslehre nicht nur als positiv und vielversprechend bewertet, sondernd zugleich auf offensichtlich noch bestehenden Forschungsbedarf hingewiesen.

Für das Buch spricht nicht nur diese methodische Sauberkeit bei der Abhandlung des Themas, sondern auch der ausgesprochen gut lesbare Stil des Verfassers, der auch einen mit der behandelten Materie nur in Grundzügen vertrauten Leser mitnimmt und in die Tiefen von Philosophie und Ökonomie entführt. So bleiben zwar auch nach der Lektüre des Buches noch einige ungeklärte Fragen offen, so z. B. hinsichtlich der bereits oben angesprochenen Unterstellung einer Asymmetrie von Geld- und Güterangebot und insbesondere hinsichtlich der Berücksichtigung von Inflation sowohl im Systemvergleich von Freiwirtschaftslehre und Neoklassik einerseits als auch der inflationären Tendenzen durch das "Rosten" von Geld innerhalb des freiwirtschaftlichen Modells andererseits.

Ungeteilte Zustimmung verdient aber zumindest das Fazit von Roland Wirth, dass die Freiwirtschaftslehre mehr Beachtung innerhalb der Wirtschaftswissenschaft verdient als ihr bislang zugekommen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Jost W. Kramer
Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre Hochschule Wismar, Forschungsgruppe für Kooperation, Netzwerke und Unternehmenstheorie Adjunct Professor für Sozialwirtschaft, insbesondere Genossenschaftswesen, Universität Kuopio (Finnland)


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Zitiervorschlag
Jost W. Kramer. Rezension vom 15.06.2004 zu: Roland Wirth: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Eine Neubewertung der Freiwirtschaftslehre aus wirtschaftsethischer Sicht. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2003. ISBN 978-3-258-06683-7. Reihe: St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik, Band 34. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1254.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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