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Manfred Cierpka: Faustlos - wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen

Cover Manfred Cierpka: Faustlos - wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2011. 160 Seiten. ISBN 978-3-451-06341-1. D: 8,95 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 14,50 sFr.

Reihe: Herder-Spektrum - Band 6341.
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Thema

Aggression und Gewalt sind verbreitete Probleme in öffentlichen Einrichtungen, insbesondere in Schulen, aber auch Kindergärten. Neben Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsproblemen stehen sie besonders stark im Fokus der öffentlichen Diskussion, und immer wieder, gerade auch bei aktuellen, massiven Gewaltvorfällen, wird nach Lösungskonzepten gesucht. Zu diesem wie zu anderen Problemfeldern sind in den vergangenen Jahren eine Fülle von Programmen und Trainings erschienen, die versuchen, diese Probleme präventiv oder auch interventiv in systematisierter, erlernbarer Form anzugehen. Damit sind Trainingsprogramme auch ein großer Markt geworden.

Autor

Prof. Dr. med. Manfred Cierpka ist Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie in Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Das Präventionsprogramm „Faustlos“ basiert auf dem US-amerikanischen Programm „Second Step“, das durch Beland in den 1980er Jahren entwickelt wurde – die ersten Publikationen stammen von 1988 und 1991. Im Jahr 1997 wurde Faustlos erstmals von Krannich u.a. in der Zeitschrift „Praxis für Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“ vorgestellt; die amerikanische Version wurde auf den deutschen Kulturraum hin adaptiert. Erste Versionen von Faustlos erschienen dann 2001/2002 in Deutschland. Seitdem hat das Programm einen enormen Boom und große Verbreitung erlebt; es wird in sehr vielen Kindergärten und Schulen als Präventionsprogramm gegen Aggression und Gewalt eingesetzt.

Das hier rezensierte Buch ist ein Begleitbuch zum Programm. Es richtet sich laut Vorwort explizit an Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer. Diese soll es über das Programm informieren. Hierzu wurde versucht, das Buch möglichst leserfreundlich zu gestalten – was bedeuten soll: wenig wissenschaftlich. Auf das Zitieren von Literatur wurde so weit wie möglich verzichtet. Dieses Buch erschien erstmals im Jahr 2005 und liegt hier in einer – offenbar unveränderten – Neuausgabe vor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Hauptkapitel gegliedert, die in drei Hauptteile zusammengefasst werden:

  • In Teil I werden Grundlagen zu Faustlos dargestellt (Kapitel 1 und 2). Im ersten Kapitel geht es um Erklärungsmodelle zur Entstehung von Gewalt sowie um die Vorteile präventiver Bemühungen. Kapitel 2 thematisiert sozial-emotionales Lernen, bezieht es auf Gewaltprävention und stellt dann die drei zentralen Bausteine des Programms vor: Empathiefähigkeit, Impulskontrolle sowie Umgang mit Ärger und Wut.
  • In Teil II wird der Einsatz des Programms in Kindergärten und Schulen erörtert (Kapitel 3 bis 6). Zunächst erfährt das Gesamtcurriculum in Kap. 3 eine differenzierte Vorstellung. In den nachfolgenden drei Kapiteln 4, 5 und 6 werden dann die drei erwähnten Bausteine im Detail erörtert, jeweils auch mit Beispiellektionen aus dem Programm.
  • Teil III richtet sich an Eltern und ihren möglichen Beitrag zur Unterstützung der Anliegen des Programms (Kapitel 7 bis 10). Im 7. Kapitel geht es um Möglichkeiten der Förderung von Einfühlungsvermögen, im 8. Kapitel um Unterstützung des Kindes bei der Entwicklung der Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu lösen – und im 9. Kapitel um den Umgang mit heftigen Gefühlen innerhalb der Familie. Das knappe, abschließende Kapitel 10 thematisiert dann die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrkräften, die Frage des Trainings von Erziehern und Lehrern, auch durch Einrichtung einer Supervisionsgruppe, Möglichkeiten des Zugangs zum Programm, auch zu finanzieller Unterstützung für dessen Erwerb – sowie schließlich zum generellen Vorgehen bei der Einführung des Programms.

Im Anhang findet sich sowohl weiterführende Literatur als auch spezifische weitere Literatur zu Faustlos. Dazu kommt am Ende des 3. Kapitels eine kleine Liste von Evaluationsstudien.

Diskussion

Das Buch ist reichhaltig bebildert und illustriert und hat dadurch einen hohen Aufforderungscharakter. Es ist locker geschrieben und ohne Zweifel sehr gut lesbar. Es basiert auf dem beträchtlichen Kenntnisstand des Verfassers mit dem Programm selbst über viele Jahre hinweg.

Die einleitende Erklärung von Aggression und Gewalt bleibt eher episodisch und wenig systematisch-grundlegend. Hier werden eher einzelne Aspekte „herausgepickt“. Das Konzept orientiert sich dann am Modell der sozialen Informationsverarbeitung von Crick & Dodge (1994), welches verschiedenen ähnlichen Programmen zugrunde liegt und hier einen prägenden Einfluss ausgeübt hat. Zugleich berücksichtigt es die sehr bedeutsame, aktuellere Weiterentwicklung dieses Modells durch Lemerize & Arsenio (2000), die den Fokus emotionaler Aspekte ergänzt haben. Insofern fußt es auf einer gut reflektierten, systematischen Grundlage.

Mit den Schwerpunkten Empathiefähigkeit, Impulskontrolle sowie Umgang mit Ärger und Wut fokussiert das Programm ohne Zweifel auf zentrale Aspekte, die präventiv im Hinblick auf das Entstehen von Aggressionen und Gewalt angegangen werden können. Als gut strukturiertes, durchdachtes Programm mit vielen Materialien eignet es sich gut für diesen Zweck. Über das vorliegende Buch erfolgt eine Einführung, welche die Basis für den konkreten Einsatz des Programms bietet – welches dann aber noch angeschafft und erarbeitet werden müsste.

Hier ist anzumerken, dass das Buch gezielt auf einen breiten Leserkreis setzt. Dies ist insofern wünschenswert, als ein solches Programm und seine Intentionen an diese breite Gruppe potenzieller Interessenten herangetragen werden. Auf der anderen Seite gilt, was eingangs gesagt wurde: Programme im Hinblick auf Aggressivität und Gewalt stellen mittlerweile einen reichhaltigen Markt dar. Einfache, ansprechende Bücher können helfen, diesen zu erobern.

Zu bedenken ist neben dem, was Faustlos bietet, auch das, was es nicht bietet. Dazu muss man gedanklich über das Buch hinausgehen:

  • Das im Bild gezeichnete Bild von Aggressionen ist recht klar personalisiert, die Rede ist von Tätern und Opfern. Die Realität des Auftretens von Aggressionen ist komplexer – so gibt es Täter-Opfer, die wechselnd in beiden Rollen auftreten, und so gibt es Bedingungen, etwa in der Schulkultur, die Aggressionen befördern können, ohne dass es sich schon um verfestigte Aggressivität Einzelner handelt. Dies wird mit den Maßnahmen allenfalls sehr indirekt angegangen; sie richten sich direkt auf die Kinder.
  • Des Weiteren sind die angezielten drei Aspekte der Empathie, der Impulskontrolle und des Umgangs mit Ärger und Wut Merkmale des Könnens. Auch hier ist die Welt der Aggressionen komplexer: das Umgehen-Können mit … bedeutet noch nicht, dass keine Aggressivität gezeigt wird. So gehen Programme dieser Art an bestimmten Aggressionsformen, die durchaus verbreitet sein dürften, schlichtweg vorbei: lustvollen Aggressionen, feindseligen Aggressionen oder auch instrumentellen Aggressionen, bei denen Aggressionen als Instrument genutzt werden, um etwas anderes zu erreichen und (mehr oder weniger bewusst) zu wollen: Macht, Bereicherung (mit Handys, Jacken usw.) oder auch Aufmerksamkeit. Dies kann ein Programm, welches sich auf Kompetenzen richtet, nicht angehen. Das ist dem Programm nicht vorzuwerfen – aber man muss es wissen.
  • Und schließlich handelt es sich hier um ein Programm, das insbesondere in Form einer universellen Prävention wenig gezielt und recht pauschal für alle Kinder einer Gruppe eingesetzt werden wird. Auch dies muss dem Anwender bewusst sein. Da, wo ernsthafte Probleme mit Aggressionen und Gewalt entstehen, wird man mit diesem und anderen ähnlichen Programmen rasch an seine Grenzen kommen.

Besonders positiv hervorzuheben ist der dritte Hauptteil mit den Kapiteln 9 bis 9, der sich an Eltern richtet. Hier werden Eltern direkt angesprochen, und es werden in gut verständlicher Sprache wesentliche Aspekte einer Erziehung entwickelt, über die bestimmten Problemen mit Aggressionen und Gewalt vorgebeugt werden kann. Berücksichtigt man, dass viele Verhaltensprobleme im Elternhaus und im Rahmen der elterlichen Erziehung ihren Anfang nehmen, so handelt es sich hier um wichtige Gedanken, die hoffentlich bei vielen Eltern ankommen werden.

Das Programm ist recht gut evaluiert. Allerdings handelt es sich durchweg um Selbstevaluationen aus dem Kreis der Autoren und Programmentwickler. Dies ist mit großer Vorsicht zu sehen. Bereichernd wären sicher in den folgenden Jahren solide Evaluationen durch neutrale Beurteiler. Dabei gibt es durchaus neutrale Studien, welche die gute Wirksamkeit solcher sozialen Trainingsprogramme im Überblick bestätigen. Allerdings zeigt sich hier, dass die Wirkungen auf das tatsächliche Problemverhalten, hier Aggressionen, häufig geringer ausfallen als die Wirkungen auf soziale Fertigkeiten. Hier liegt der stärkere Effekt. Es handelt sich eben, auch in diesem Falle, um Programme mit einem generalpräventiven Charakter, deren Bausteine stark auf die Entwicklung sozialer Kompetenzen fokussieren. Insofern wird hier zunächst wohl – eben – soziale Kompetenz gefördert – und allenfalls sekundär und bedingt die Prävention von Aggressionen und Gewalt.

Das ursprünglich 2005 erschienene Buch wurde neu gedruckt. Es dürfte erneut auf berechtigtes, größeres Interesse stoßen. Aber offenbar gibt es bis auf ein verändertes Cover und etwas kleineres Format keine Veränderungen. Das ist schade, denn zwischenzeitlich hat sich auf dem Markt solcher Programme eine Menge getan, die Gesellschaft verändert sich dynamisch – und es dürfte neue Erkenntnisse zu Faustlos geben; definitiv gibt es aktuellere Evaluationsforschung. Auch gibt es eine Menge aktuellerer „weiterführender Literatur“. Ein Blick in die Literaturlisten zeigt, dass diese noch auf dem unveränderten Stand von 2004/2005 sind. Zumindest hier wären Aktualisierungen sehr wünschenswert gewesen.

Fazit

Faustlos bietet die Möglichkeit, universell-präventiv wesentliche soziale Kompetenzen zu fördern, die im Hinblick auf die Vermeidung des Entstehens von Aggressionen und Aggressivität grundlegend bedeutsam sind. Für diesen Rahmen kann es empfohlen werden. Das hier beurteilte Einführungsbuch ist sehr gut geeignet für Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher, die als primäre Adressaten genannt werden. Für Lehrerinnen und Lehrer mit einem stärker theorieorientierten Ausbildungshintergrund hätte man sich vertiefte Informationen gewünscht. Andererseits können sich diese die erforderlichen Informationen in der weiterführenden Literatur holen, auch im Programm selbst. Für solche Zwecke sind die wenigen, gezielten Literaturhinweise hilfreich. Faustlos kommt an seine Grenzen dort, wo gravierendere Probleme auftreten, wo Aggressionen stark, häufig und in verschiedenen Situationen erscheinen. Hier sind andere Mittel gefragt. Es ist ein differenziertes interessantes Programm grundlegender Prävention, welches in diesem Buch einfach und anschaulich vorgestellt wird. Das Buch basiert auf dem Stand seiner ersten Veröffentlichung im Jahr 2005.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 26.03.2012 zu: Manfred Cierpka: Faustlos - wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen lernen. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2011. ISBN 978-3-451-06341-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12541.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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