John McLeod: Counselling - eine Einführung in Beratung
Rezensiert von Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle, 30.11.2012

John McLeod: Counselling - eine Einführung in Beratung.
dgvt-Verlag
(Tübingen) 2004.
557 Seiten.
ISBN 978-3-87159-701-5.
36,00 EUR.
Reihe: Beratung - 1.
Autor
John McLeod ist Psychologe, Professor für Beratung und Psychotherapie an der Abertay Dundee University in Schottland. Seit fast 40 Jahren forscht er zu Psychotherapie und Beratung. Er ist Autor mehrerer im englischsprachigen Raum weit verbreiteter Lehrbücher und umfangreicher weiterer Publikationen zur Theorie und Praxis der Beratung sowie zur Methodologie der Beratungsforschung.
Thema und Entstehungshintergrund
„Counselling – eine Einführung in Beratung“ stellt eines der bekanntesten und meistgelesenen Lehrbücher in der Beratungsliteratur im englischsprachigen Raum dar. Die 2. englische Auflage von 1998 existiert seit 2004 in einer vom DGVT-Verlag veröffentlichten deutschen Übersetzung. In englischer Sprache stehen bereits eine dritte, seit 2011 eine überarbeitete und deutlich veränderte 4. Auflage zur Verfügung (McLeod 2011a). Zusätzlich zum Lehrbuch „Counselling“ existiert ein Arbeitsbuch (McLeod 2011b) zum Erwerb beraterischer Kompetenz des gleichen Autors: „Beraten lernen: Das Übungsbuch zur Entwicklung eines persönlichen Beratungskonzepts“. Das Übungsbuch bezieht sich eng auf das Lehrbuch „Counselling“.
Aufbau und Inhalt
Das Lehrbuch gliedert sich in 20 Kapitel, die hier (ich erlaube mir persönliche Schwerpunktsetzungen) unterschiedlich ausführlich vorgestellt werden. Jedes Kapitel beginnt mit einer Übersicht über die Teile und einer Einführung. Anschließend entfalten sich die Inhalte, die mit Schlussfolgerungen oder der Bewertung eines Beratungsansatzes abgeschlossen werden. Eine Kapitelzusammenfassung enthält die wichtigsten Begriffe und Konzepte sowie Fragen und Anregungen zur Reflexion und Diskussion. Die weiterführende (ausschließlich englischsprachige) Literatur zum Thema beschließt das Kapitel.
Das Kapitel 1 „Einführung in die Beratung“ fokussiert auf die Vielfalt von Theorien und Praxisformen der Beratung und bildet diese auch in den Definitionsangeboten zu Beratung ab. Die ebenfalls große Vielfalt möglicher Beratungsziele und Interventionsebenen wird deutlich gemacht und Beratung als ein interdisziplinäres Forschungs- und Praxisfeld beschrieben. McLeod nimmt dabei keine scharfe Trennung von Psychotherapie und Beratung vor und schließt auch später im Buch immer beide Formen von psychosozialer Hilfe in die Ausführungen ein.
Kapitel 2 „Historische und kulturelle Ursprünge“ beschreibt die Entstehung und Entwicklung von Beratung ausgehend von den Ursprüngen der Psychiatrie zu Beginn des 18. Jahrhunderts, das nach McLeod einen Wendepunkt in der Konstruktion von Geisteskrankheit darstellt. Er bettet die Entwicklung von Psychotherapie und Beratung in die gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte ein: Die Säkularisierung (und Medizinalisierung) psychischer Störungen, Industrialisierung und Urbanisierung, Verwissenschaftlichung und Enttraditionalisierung seien als nur einige der gesellschaftlichen Trends genannt, die zu Psychotherapie und Beratung als Formen von psychosozialer Problemlösung und Heilung führten. Danach geht McLeod auf die Rolle von Freud und Rogers ein, zwei Schlüsselfiguren in der Entwicklung der Psychotherapie und Beratung. Am Ende des Kapitels steht eine Skizze zur Entwicklung der Beratung im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert und ihrer zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung.
Kapitel 3 beschreibt den psychodynamischen Ansatz. McLeod beschreibt kurz Freuds Schlüsselannahmen und die Entwicklung der psychodynamischen Schulen. Er geht besonders auf die Schule der Objektbeziehungen und die „british independents“ ein und schildert anschließend neuere Formen psychodynamischer Kurzzeitberatung und -therapie. McLeod bewertet den psychodynamischen Beratungsansatz als eine der führenden Grundansichten in Beratung und Therapie“ mit erfolgreicher Anwendung bei vielen Klientengruppen, mit einem beachtlichen Kontingent an wissenschaftlicher Literatur und gut entwickelten Ausbildungsmethoden.
Kapitel 4 geht auf den kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansatz und dessen Wurzeln im Behaviorismus ein. Der kognitive Strang des Ansatzes wird an Albert Ellis' Rational-Emotiver Therapie (Ellis 1993) erläutert und kognitive Inhalte und Verzerrungen ausführlich beschrieben. Kognitiv-verhaltensorientierte Beratung fokussiert stärker als andere Ansätze auf zu verändernde Handlungsmuster. McLeod beschreibt die häufigsten dazu eingesetzten Interventionstechniken. Er würdigt am Schluss des Kapitels die Wirksamkeit und Verdienste des Ansatzes, seine gute Handhabbarkeit und die Beliebtheit bei Klienten wegen der Praktikabilität und Handlungsbetonung des Ansatzes. Er kritisiert aber auch zwei Defizite des Ansatzes – das Fehlen der Anerkennung der Person des Beraters und der Beratungsbeziehung als wesentliche Wirkfaktoren sowie die Fragwürdigkeit einiger theoretisch-methodischer Konstrukte, die ihm weniger geeignet scheinen, das menschliche Leben zu verstehen als es zu verändern. Die Stärke des Ansatzes liegt nach McLeod darin, Beobachtung, Kontrolle und Management im beraterischen Geschehen schnell und effektiv dafür einzusetzen, dass Menschen wieder funktionsfähig werden.
Im Anschluss geht McLeod auf die „Revolution der Konstruktivisten“ ein. Er beginnt dabei mit der Psychologie der persönlichen Konstrukte (Kelly 1955) und stellt traditionell-kognitive und konstruktivistische Richtungen gegenüber. Dabei verzichtet er aber auf den Bezug zu neueren systemisch-radikalkonstruktivistischen Ansätzen.
Das Kapitel 5 stellt den personzentrierten Ansatz dar. McLeod beschreibt ausführlich seine historische Entwicklung, das personzentrierte Menschenbild und die Bedeutung der therapeutischen Beziehung. Im Weiteren werden die wichtigsten Begriffe Rogers' zu den Kernbedingungen personzentrierter Therapie und Beratung erläutert. Anschließend geht er auf den therapeutischen Prozess aus der Sicht der personzentrierten Therapie und Beratung ein, beschreibt den Ansatz des Focusing (Gendlin 2004) und den Prozess-Erfahrungs-Ansatz (Greenberg et al. 2003). McLeod bewertet den personzentrierten Ansatz als eines der einflussreichsten Konzepte in seiner Wirkung auf die Entwicklung von Beratung. Er bezieht sich hierbei vor allem auf die Kernbedingungen therapeutischer Wirksamkeit, die ein grundlegendes Verständnis therapeutischer Beziehung ermöglichen und durch Studien auch nach Rogers eindrücklich belegt wurden.
Das kurze Kapitel 6 befasst sich mit der Arbeit mit Systemen, das Kapitel heißt im englischen Original „working with family systems“, was den Inhalt besser trifft. McLeod beschreibt einen älteren, kybernetisch orientierten Systembegriff (Homöostase, Regeln und Feedback als Kernbegriffe). Er stellt kurz die strukturelle und strategische Familientherapie und ihre Hauptprotagonisten der Palo Alto- und der Mailänder Gruppe vor und streift danach die narrative und lösungsorientierte Therapie. Als Methoden werden das Genogramm, die Arbeit mit Ritualen und die Skulpturarbeit im Rahmen der systemischen Familientherapie kurz skizziert. Der zweite Teil des Kapitels streift die systemische Beratung in Organisationen. McLeod würdigt die Verdienste der systemischen Ansätze und die durch sie angeregte Kritik nur individuumsbezogener Perspektiven in der Beratung. Seine Ausführungen lassen aber die Prominenz, Popularität und Vielfalt systemischer Beratungsansätze, wie sie im deutschsprachigen Raum heute vorliegen, nicht erkennen. Systemische Ansätze scheinen ihm, gemessen an der Gewichtung der Inhalte im Lehrbuch, eher fremd zu sein.
An den feministischen Ansätzen in Kapitel 7 zeigt sich der Nachteil eines 15-jährigen Originaltextes. In der 4. englischen Auflage (McLeod 2011a) wird auf das Kapitel verzichtet, einige Inhalte finden sich in den neuen Kapiteln zu „power and diversity“ und „new horizons in Counselling“. McLeod beschreibt am Anfang drei bedeutsame feministische Beiträge für die Entwicklung von Beratung und Psychotherapie: die Entwicklung eines feministischen Zugangs, die Untersuchung gleich- und gegengeschlechtlicher Konstellationen auf den Therapiefortschritt und die Entwicklung von Beratungsmodellen zu bestimmten weiblichen Erfahrungen. Im Weiteren führt er in einige Grundlagen des Feminismus und der feministischen Psychotherapiekritik ein. Er beschreibt vier feministische Grundrichtungen, ein gemäßigt-integratives und ein radikalfeministisches Beratungsmodell.
Kapitel 8 widmet sich narrativen Ansätzen und der Arbeit mit Geschichten. Es geht auf psychodynamische, kognitiv-konstruktivistische und sozialkonstruktionistische narrative Ansätze ein, erläutert die Bedeutung von Metaphern, die Externalisierung und Dekonstruktion von Problemen sowie deren lösungsorientierte Neukonstruktion.
Multikulturalismus als Beratungsansatz wird in Kapitel 9 diskutiert. Angesichts der zunehmenden Sensibilisierung für kulturelle Unterschiede zwischen Beratern und Klienten und dem Wissen darüber, dass kulturelle Gruppen ihre eigenen Vorstellungen davon haben, wie man Menschen mit emotionalen und psychischen Problemen helfen kann, beschreibt McLeod diesen 1998 noch jungen Zweig der Beratungstheorie und -praxis. Dabei wird die Kritik an Mainstream-orientierten Ansätzen wiedergegeben und ein Konzept der Kultur beschrieben. Die Sensibilität für die Verbindung von persönlichen Problemen und sozialkulturellen Kontexten wird geschärft, danach eine kritische Reflexion eigener rassistischer oder ethnozentrischer Vorstellungen angeregt und auf die große Bedeutung von Beratern und Therapeuten aus anderen Kulturen hingewiesen.
Kapitel 10 schafft ein Verständnis der theoretischen Vielfalt von Beratung und klärt das Verhältnis von unspezifischen Wirkfaktoren, Beratungsansätzen und der Rolle von „Markennamen und besonderen Zutaten“, also Beratung als auch einem Produkt, das sich verkaufen muss. Die Position von Theorie in der Beratung wird erläutert und auf die Praxis von Beratung bezogen, dabei bezieht McLeod deutlich Stellung für die Nutzung von Beratungstheorien als heuristischen Werkzeugen, die in der Erfahrung von Beratern und Therapeuten verankert sein müssen.
Kapitel 11 beschäftigt sich mit integrativen Zugängen zur Beratung und dem Spannungsfeld zwischen puristischen Beratungsschulen und transtheoretischen Bemühungen. McLeod geht auf mehrere Ansätze ein, z.B. Egans Konzept des „skilled helper“ (Egan 2002).
Der Beratungsprozess wird in Kapitel 12 detailliert beschrieben und analysiert. Nach der Klärung des Prozessbegriffs erläutert McLeod bedeutsame Prozessvariablen, die die Wirkung von Beratung beeinflussen. Er thematisiert den Anfang und die Rolle von Erstgesprächen und das Ende von Beratungen und Therapien. Die eigentliche Arbeitsphase wird als Veränderungsprozess in Phasen beschrieben und das Wesen therapeutischer Vorgänge auf die Aktivitäten von Beratern bezogen.
Kapitel 13 thematisiert die Politik der Beratung und beschäftigt sich mit therapeutischer Macht, Machtprozessen und benachteiligten Klienten oder solchen aus Minderheiten. Prinzipien nichtdiskriminierender Beratung, von Empowerment und Emanzipation in der Beratung werden dargestellt.
Kapitel 14 Moral, Werte und Ethik in der Beratungspraxis thematisiert die Berufsethik von Therapie und Beratung, wie sie von Fachverbänden entwickelt wurde. Er nennt als Quellen moralischen Handelns die eigene Intuition, berufsethische Richtlinien, allgemeine ethische Richtlinien und allgemeine Theorien über moralisch angemessenes Handeln. Nach diesen allgemeinen Ausführungen geht McLeod auf Mandatsfragen, auf Probleme direktiven Handelns, Konfrontationen, Doppelbeziehungen (z.B. als Nachbar und Berater) und auf die Problematik sexuellen Missbrauchs von Klientinnen ein.
Kapitel 15 thematisiert institutionelle Kontextbedingungen wie die Beratungseinrichtung und deren Organisationskultur, institutionelle Abwehr und Rollenkonflikte in Einrichtungen und weitere organisationsbezogene Aspekte.
Kapitel 16 beschreibt alternative Hilfeformen wie Kurzzeit-, nichtprofessionelle, Telefon- und Internetberatung, sowie Gruppen-, Paar- und Selbsthilfeangebote oder therapeutisches Lesen und Schreiben.
Kapitel 17 thematisiert die Rolle der Forschung in der Beratung, es unterscheidet Prozess-, Ergebnis- und Evaluationsforschung und macht auf einige Probleme der Beratungsforschung aufmerksam.
Kapitel 18 ist ein für Lehrveranstaltungen besonders bedeutsames Kapitel über Fertigkeiten und Eigenschaften erfolgreicher Berater. McLeod stellt den Erwerb von Beratungskompetenz als eine persönlich-fachliche Reise dar, in deren Verlauf sechs Kompetenz- und persönliche Bereiche entwickelt werden sollten: Zwischenmenschliche Fertigkeiten, beraterisch relevante Überzeugungen und Einstellungen, konzeptionelle Fertigkeiten, persönliche Integrität, Techniken sowie die Fähigkeit soziale Systeme zu verstehen. Er plädiert dabei stark für die Entwicklung der Person und die Integration ihrer Erfahrungen und ihres subjektiven Wissens als Kernbestandteil beraterischer Ausbildung.
Kapitel 19 geht auf die Rolle von Ausbildung und Supervision in der Beratung ein. Ausgehend von der historischen Entwicklung von therapeutischen und Beratungsausbildungen werden Kernfragen der Ausbildung zum Berater/Therapeuten thematisiert: Die Rolle von Theorie, die Arbeit an sich selbst und die Rolle therapeutischer Selbsterfahrung, die Entwicklung eines professionellen Habitus, wissenschaftliches Bewusstsein und die Rolle der Supervision in der Ausbildung.
Kapitel 20 beschließt das Buch mit einem großen historischen Bogen: McLeod verortet auf der Basis seines immensen Wissens, wo Beratung herkommt („die vergangenen fünfzig Jahre“) und wo sie hinführt („die kommenden fünfzig Jahre“). Er beschreibt abschließend die für ihn zentralen Themen der Weiterentwicklung von Beratung: Autonomie vs. kollektive Eingebundenheit, Macht und Einfluss, Identität in Zeit und Geschichte, Körperlichkeit in der Beratung sowie Grundlagen für Wissen, Wahrheit und moralisches Handeln.
Diskussion
Das Lehrbuch „Counselling“ vermittelt dem Anfänger wie routinierten Praktiker der Beratung ein breites Spektrum an Wissen und eine große Vielfalt an Perspektiven zur Beratung und Psychotherapie. Für Theoretiker und Lehrende in der Beratung stellt es eine integrative Perspektive und umfassendes Wissen bereit, das durchgängig interdisziplinär ist und traditionelle wie neuere Ansätze darstellt. Ich schließe mich der Auffassung von Nestmann und Thiersch im Vorwort an, dass das Buch beeindruckend zur vorherrschenden Methodenorientierung der Beratungsliteratur kontrastiert und Beratung historisch, kulturell, sozial, professionskritisch und -politisch rahmt. Auch stärkt es die Bedeutung der Person des Beraters, dies besonders, wenn man es als eine Einheit mit dem Arbeitsbuch „Beraten lernen“ sieht.
Ich habe das Lehrbuch einige Jahre in Grundlagenmodulen zur Beratung in der Sozialen Arbeit als Lehrmittel benutzt, es war dort ein wertvolles Lehrmittel. Mittlerweile sehe ich seine Eignung als Lehrbuch mindestens teilweise kritisch. Ich halte es für Regelstudiengänge in Psychologie oder Sozialer Arbeit in Teilen als geeignet, durch die nur wenig methodenorientierte Darstellung der Beratungsansätze aber weniger geeignet für Anfänger oder Beratungsmodule mit Ansprüchen zum Erwerb basaler Beratungskompetenzen. Geeignetere methoden- und schulenintegrative Lehrmittel für die Soziale Arbeit fehlen hier noch. Ich empfehle das Buch eher als umfassendes Kompendium für Absolventen größerer Beratungs- und Psychotherapieausbildungen oder von Studienschwerpunkten Beratung in BA- und MA-Studiengängen in Psychologie oder Sozialer Arbeit sowie für Lehrende und erfahrenere Praktiker der Beratung.
Eine Herausforderung für den deutschsprachigen Raum bleibt der ausschließliche Bezug zum Kontext und der englischsprachigen Literatur im angloamerikanischen Raum. Es ist wichtig, sich diesem Diskurs zu widmen, die Diskurse im deutschsprachigen Raum fehlen jedoch. Für die Soziale Arbeit – dies nur als ein Beispiel – betrifft das die seit Jahren psychotherapiekritische Haltung in der Sozialen Arbeit, die z.B. die 1980er-Jahre der Therapeutisierung als verlorenes Jahrzehnt für die Professionalisierung bezeichnet (Neuffer 2000) oder auch die Prominenz systemischer Beratungsansätze, die im Buch unterrepräsentiert und verkürzt dargestellt sind. Gewöhnungsbedürftig ist auch die im Buch für den deutschsprachigen Raum unübliche Auflösung der Grenzen von Psychotherapie und Beratung: McLeod spricht im dauernden Wechsel von Psychotherapie und Beratung. Hier hat in den letzten 15 Jahren eine Entwicklung eingesetzt, bei der sich Beratung deutlicher von Psychotherapie abgrenzt und als eigenständiges Handlungsformat begreift (Schiersmann & Thiel 2009; Redlich 2009).
Der Originaltext ist nun 15 Jahre alt. Angesichts der rasanten Entwicklungen in der Beratungslandschaft stellt sich die Frage einer Aktualisierung, d.h. einer Übersetzung der 4. Auflage: Im Bereich feministischer Ansätze, Gender und Diversity fanden seither weitreichende Entwicklungen statt. Systemdynamische (Schiersmann & Thiel 2009) und hypnosystemisch-lösungsorientierte Ansätze (Bamberger 2010; Schmidt 2011) erleben im deutschsprachigen Raum zur Zeit eine große Popularität, integrative und transtheoretische Ansätze (Kanfer et al. 2006; Miller & Rollnick 2009) sind auf dem Vormarsch, die Neurowissenschaften liefern mittlerweile Einiges an nützlichem Wissen und Coaching als neues Framework breitet sich aus (Rauen 2005). Dennoch bleibt das Buch ein umfassendes Kompendium, das im deutschsprachigen Raum nur ein Pendent von vergleichbarem Gewicht hat: das „Handbuch der Beratung“ (Nestmann et al. 2004).
Fazit
Das Buch ist gut lesbar und verständlich und es macht neugierig auf Vertiefung. Es ist aber eher nichts für Anfänger, sicher nichts für Tool-Versessene und primär an Beratungsmethoden interessierte. Es widersetzt sich der lösungsorientierten Kurzzeit-Oberflächen-Coaching-Hype. Es ist etwas für alle, die sich nur einer therapeutisch-beraterischen Provenienz verpflichtet fühlen, vorausgesetzt, sie sind bereit, sich von Konzepten jenseits des Gartenzauns anregen oder verstören zu lassen.
„Counselling“ ist ein Monumentalwerk – allen zu empfehlen, die
- sich vertieft mit Beratung auseinandersetzen wollen,
- über eine persönliche Vorstellung zur Grenze zwischen Psychotherapie und Beratung schon verfügen,
- sich vom angloamerikanischen Kontext bereichern lassen wollen,
- nicht primär an Methoden und Fertigkeiten interessiert sind,
- mal über die populären (und populärpsychologischen) systemisch-lösungsorientierten Konzepte hinausschauen wollen,
- die im Buch eröffnete Komplexität zu verarbeiten vermögen und
- sich auf eine längere Reise zu beraterisch-therapeutischer Kompetenz machen wollen oder bereits auf dieser Reise unterwegs sind.
Literatur
- Bamberger, Günter G. (2010). Lösungsorientierte Beratung. Weinheim: Beltz.
- Egan, Gerard (2002). The skilled helper. a problem-management and opportunity-development approach to helping. Pacific Grove, Calif.: Brooks/Cole.
- Ellis, Albert (1993). Die rational-emotive Therapie: das innere Selbstgespräch bei seelischen Problemen und seine Veränderung. München: Pfeiffer.
- Gendlin, Eugene T. (2004). Focusing: Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
- Greenberg, Leslie S./Rice, Laura North & Elliott, Robert (2003). Emotionale Veränderung fördern: Grundlagen einer prozess- und erlebnisorientierten Therapie. Paderborn: Junfermann.
- Kanfer, Frederick H./Reinecker, Hans & Schmelzer, Dieter (2006). Selbstmanagement-Therapie. Berlin: Springer.
- Kelly, George A. (1955). The psychology of personal constructs. New York: Norton.
- McLeod, John (2011a). An introduction to counselling. Buckingham [u.a.]: Open Univ. Press.
- McLeod, John (2011b). Beraten lernen: das Übungsbuch zur Entwicklung eines persönlichen Beratungskonzepts. Tübingen: DGVT Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie.
- Miller, William R. & Rollnick, Stephen (2009). Motivierende Gesprächsführung. Freiburg im Breisgau: Lambertus.
- Nestmann, Frank/Engel, Frank & Sickendieck, Ursel (Hg.). (2004). Das Handbuch der Beratung. Tübingen: Dgvt-Verlag.
- Neuffer, Manfred (2000). Beratung als Kernkompetenz Sozialer Arbeit. Der Beratungsbegriff in der Geschichte der Profession. In: Blätter der Wohlfahrtspflege, Nr. 147(5+6). S. 112-128.
- Rauen, Christopher (2005). Handbuch Coaching. Göttingen: Hogrefe.
- Redlich, Alexander (2009). Kooperative Gesprächsführung in der Beratung von Lehrern, Eltern und Erziehern. Hamburg: Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg, Arbeitsgruppe Beratung und Training.
- Schiersmann, Christiane & Thiel, Heinz-Ulrich (2009). Beratung als Förderung von Selbstorganisationsprozessen - auf dem Weg zu einer allgemeinen Theorie der Beratung jenseits von „Schulen“ und „Formaten“. In: Möller, Heidi/Hausinger, Brigitte (Hg.). Quo vadis Beratungswissenschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 73-105.
- Schmidt, Gunther (2011). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. Heidelberg: Carl-Auer.
Rezension von
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Olten/Schweiz
Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement
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