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Gunilla Wewetzer, Christoph Wewetzer: Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Cover Gunilla Wewetzer, Christoph Wewetzer: Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Ein Therapiemanual. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. 123 Seiten. ISBN 978-3-8017-2343-9. D: 36,95 EUR, A: 38,00 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Therapeutische Praxis.
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Thema

Zwangsstörungen stellen ein relativ junges Störungsbild dar. Erst seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Zwangsgedanken und -handlungen als psychiatrisches Störungsbild anerkannt. Es wird davon ausgegangen, dass heute ca. zwei Prozent von Kindern und Jugendlichen an Zwangsstörungen leiden (Remschmidt u.a.: Therapie psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Ein integratives Lehrbuch für die Praxis. Thieme Verlag, 2008, S. 289). Zwangsstörungen sind durch sich aufdrängende und wiederkehrende Handlungen oder Gedanken geprägt, die von den Betroffenen oft als unsinnig und sehr quälend erlebt werden. Zwangsstörungen bedeuten in der Regel einen hohen Leidensdruck für die Betroffenen. Da dieses Störungsbild im Krankheitsverlauf dazu neigt sich zu chronifizieren, können Patienten bei fehlender Behandlung über Jahre hinweg darunter leiden. Alltägliche Handlungsvollzüge können durch Zwangshandlungen und -gedanken soweit eingeschränkt sein, dass ein weitgehend autonomes Leben nicht mehr möglich ist. Da Zwangsstörungen häufig ihren Beginn im Kindes- und Jugendalter haben, hat eine möglichst frühe Behandlung in dieser Lebensspanne die besten Effekte.

Zur Diagnostik und Therapie von Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter gab es bisher nur wenige Manuale aus dem englischsprachigen Raum. Mit dem Buch „Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen“ legen die Autoren erstmals ein deutschsprachiges Therapiemanual zur Behandlung von Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen vor. Das Autorenpaar beschreibt darin die Diagnostik und die verhaltenstherapeutische Behandlung von Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 8 und 18 Jahren.

Autorin und Autor

Gunilla Wewetzer ist Dipl.-Psychologin und erhielt 1999 die Approbation zur Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Seit 2005 ist sie leitende Psychologin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der städtischen Kliniken Köln.

Prof. Dr. Christoph Wewetzer ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. 2003 erhielt er die Berufung zum Universitätsprofessor an die Universität Würzburg. Seit 2005 ist er Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der städtischen Kliniken Köln.

Entstehungshintergrund

Die Grundlage für das Manual ist der kognitiv-behaviorale Therapieansatz. Verhaltenstherapeutische Manuale sind in der Regel gut evaluiert und ihre Wirksamkeit in vielen Fällen nachgewiesen. Dieser Therapieansatz ermöglicht eine symptomspezifische Behandlung von Zwangsstörungen. Außerdem empfiehlt Wewetzer (in: Remschmidt u.a. 2008) einen multimodalen Ansatz aus Verhaltenstherapie sowie familientherapeutischen Interventionen. In Abhängigkeit der Ausprägung der Zwangsstörungen wird auch eine pharmakologische Unterstützung empfohlen (ebd. S. 291). Nach derzeitiger Forschungslage haben Kombinationsbehandlungen aus einem kognitiv-behavioralen Therapieansatz und einer spezifischen Pharmakotherapie die höchste Wirksamkeit (S. 27).

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Manual besteht aus zwei Teilen.

Im ersten Teil vermitteln die Autoren störungsspezifisches Wissen über Zwangserkrankungen. In der Einleitung bieten sie in kurzes Fallbeispiel eines elfjährigen Jungen an, der an Kontaminationszwängen leidet. Ferner geben sie einen kurzen historischen Abriss zum Störungsbild. Nach der Einleitung beschreiben die Autoren in Kapitel 2 (Klassifikation und Epidemiologie) aktuelle Klassifikationskriterien sowie die Häufigkeit des Störungsbildes in der Bevölkerung. In Kapitel 3 gehen Wewetzer und Wewetzer näher auf die Symptomatik, Komorbidität und den Verlauf von Zwangserkrankungen ein. In Kapitel 4 werden die derzeitig gängigen Erklärungsmodelle für Zwangsstörungen präsentiert. Dabei finden neurobiologische, psychologische und familiäre Faktoren Berücksichtigung. Kapitel 5 schließlich fasst den Stand der Therapieforschung zusammen. Im Überblick werden die Ergebnisse verschiedener Studien zur Behandlung von Zwangsstörungen beschrieben.

Der zweite und ungleich größere Teil des Manuals beinhaltet die Einzeltherapie zur Behandlung von Zwangserkrankungen im Kindes- und Jugendalter im ambulanten Setting und gliedert sich in sieben Module. Wewetzer und Wewetzer weisen darauf hin, dass das Manual größtenteils auch für teilstationäre und stationäre Behandlungen herangezogen werden kann (S. 31). In Kapitel 6 wird zunächst der Aufbau des modularisierten Therapieteils erläutert. Die Autoren geben einen Überblick über die einzelnen Module und den Aufbau der Einzelsitzungen. Das Therapiemanual besteht aus insgesamt sieben Modulen, die alle ähnlich aufgebaut sind: Zusammenfassung der Inhalte des Moduls, Präsentation von Hintergrundwissen, Beschreibung der Sitzungen, Beschreibung möglicher Probleme und eines Fallbeispiels. Die einzelnen Module können flexibel durchgeführt werden. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass die Module „Diagnostik“, „Psychoedukation“ und „Nachsorge“ Bestandteil jeder Behandlung sein sollten.

Die Module im Überblick:

  • Modul I: Diagnostik
  • Modul II: Psychoedukation
  • Modul III: Erste therapeutische Maßnahmen zur Eingrenzung der Zwänge
  • Modul IV: Kognitive Interventionen
  • Modul V: Exposition mit Reaktionsmanagement
  • Modul VI: Psychopharmakotherapie
  • Modul VII: Nachsorge

Jedes Modul besteht wiederum aus mehreren Sitzungen zwischen 50 und 60 Minuten. Für Expositionsübungen sind jedoch zwei bis drei Stunden einzuplanen. Der Ablauf der Sitzungen wird von den Autoren vereinheitlicht, so dass „für den Patienten eine vorhersehbare Struktur etabliert wird“ (S. 31). Für den Einstieg in die Sitzung einschließlich Elternkontakt planen die Autoren ca. zehn Minuten ein. Anschließend wird die Hausaufgabe aus der letzten Sitzung besprochen und zum Hauptteil der Sitzung (ca. 30 Minuten) übergeleitet. Hier sollen therapeutische Inhalte mit dem Kind bzw. Jugendlichen und ggf. mit seinen Eltern erarbeitet werden. Für den Abschluss der Sitzung und die Vorbesprechung der nächsten Hausaufgabe sind nochmals ca. zehn Minuten einzuplanen. Neben den Sitzungen mit dem Kind bzw. Jugendlichen werden im Manual zusätzliche Elternsitzungen vorgesehen.

Zum Lieferumfang des Buches gehört eine CD-Rom, auf der der Leser alle Informations- und Arbeitsblätter im PDF-Format findet, auf die in den Einzelsitzungen Bezug genommen wird.

Diskussion

Der Hauptteil der therapeutischen Intervention besteht in der kognitiven Intervention und in den therapeutisch begleiteten Expositionsübungen. Das Ziel der kognitiven Intervention besteht darin, typische sich aufdrängende Gedanken und Denkverzerrungen der Patienten aufzudecken und diesen Strategien zur inneren Distanzierung entgegenzusetzen. Um Kindern die kognitiven Mechanismen zu erklären, lassen die Autoren die Zwangsgedanken als Poltergeist namens Puck erscheinen. Im Laufe der Behandlung lernen Kinder sich von Puck zu distanzieren und ihre Handlungen nicht von diesem Poltergeist beherrschen zu lassen. Der Puck ist für Kinder eine lebensnahe Veranschaulichung ihrer Zwangsgedanken. Diese werden durch den Poltergeist externalisiert und können so bearbeitet werden. Für Jugendliche ist Veranschaulichung über den Poltergeist weniger geeignet. Hier sollte der Therapeut anderen Strategien zur Psychoedukation und Aufdeckung der dysfunktionalen Gedanken finden.

Der kognitiven Intervention schließt sich die Exposition an. Hat der Patient Strategien zur inneren Distanzierung von den Zwangsgedanken gefunden, muss er sich den gefürchteten Situationen aussetzen und Zwangshandlungen unterbinden: „Das zentrale Moment der Behandlungsstrategie liegt auf dem Verhindern einer Reaktion, so dass diese Methode auch unter dem Begriff ‚Exposition mit Reaktionsverhinderung‘ bekannt ist … Ziel der Intervention ist der aktive Aufbau neuer Verhaltensweisen“ (S. 81). Bei der Konfrontation mit angstauslösenden Situationen empfehlen die Autoren eine graduierte Vorgehensweise: Mit dem Patienten wird eine Stufenleiter von Auslösern nach ihrem Belastungsgrad erstellt. Die Konfrontation erfolgt dann zunächst mit dem Auslöser, der am wenigsten belastend für den Patienten ist, so dass eine emotionale Überforderung verhindert wird und sich eine allmähliche Habituation einstellen kann. Bei der Konfrontation mit dem belastenden Reiz erlebt der Patient seine Angst bewusst. Der Therapeut unterstützt, indem er die Aufmerksamkeit des Patienten auf das Angsterleben richtet und Vermeidungsstrategien des Patienten unterbindet. Auf diese Weise kann eine allmähliche Habituation eintreten und der Patient kann alternative Verhaltensweisen einüben. Im weiteren Verlauf der Behandlung nimmt sich der Therapeut zunehmend zurück und fördert das Selbstmanagement des Patienten.

Die Behandlung von Zwangsgedanken, so wie jede Therapie überhaupt, erfordert einen individuellen Zugang und Behandlungsplan, da die Symptomatik sehr vielschichtig ist. Weitere Faktoren sind das Alter des Patienten, die familiäre Dynamik sowie die Einbeziehung der Familienmitglieder in die Symptomatik. Eine Gefahr von Manualen liegt generell darin, dass gerade unerfahrene Therapeuten diese Manuale Schritt für Schritt abarbeiten und dabei den individuellen Einzelfall aus den Augen verlieren. Die Autoren machen immer wieder darauf aufmerksam, dass das vorliegende Manual keinen individuellen Behandlungsplan ersetzen kann. Die Module des Therapiemanuals können individuell auf den Einzelfall zusammengestellt werden und ermöglichen so eine praktische Hilfe für den Therapeuten, ersetzen jedoch kein individuellen Behandlungsplan. Durch praktische Hinweise zur Durchführung der Sitzungen, sowie durch die Arbeitsblätter für Kinder, Jugendliche und deren Eltern und durch konkrete Fallbeispiele gibt das Manual eine sehr gute Orientierung in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Zwangsstörungen.

Fazit

Die Autoren Wewetzer und Wewetzer haben mit dem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungsmanual ein sehr gut strukturiertes und in der Praxis erprobtes Behandlungskonzept vorgelegt. Die Therapiemodule umfassen die Diagnostik, Psychoedukation, kognitive Intervention und Expositionsübungen sowie psychopharmakologische Behandlungsmöglichkeiten. Diese Therapiemodule ermöglichen es, die Behandlung an die jeweilige Symptomatik und Situation des Kindes bzw. Jugendlichen anzupassen. Nicht zuletzt kommt auch der Einbeziehung der Eltern in die Therapie eine große Bedeutung zu. Neben patientenzentrierten stellen die Autoren auch familienzentrierte Interventionen vor. Die Fallbeispiele und Arbeitsblätter sind eine zusätzliche Unterstützung des Therapeuten für die Behandlung.


Rezension von
Thomas Buchholz
M.A.
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Zitiervorschlag
Thomas Buchholz. Rezension vom 24.07.2012 zu: Gunilla Wewetzer, Christoph Wewetzer: Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Ein Therapiemanual. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-8017-2343-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12552.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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