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Philip Thelen: Vergleich in der Weltgesellschaft

Cover Philip Thelen: Vergleich in der Weltgesellschaft. Zur Funktion nationaler Grenzen für die Globalisierung von Wissenschaft und Politik. transcript (Bielefeld) 2011. 376 Seiten. ISBN 978-3-8376-1913-3. 32,80 EUR.

Reihe: Global studies.
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Die Vernachlässigung des Gesellschaftsbegriffs in der Soziologie

Weil Soziologie eine für die (jeweilige und je verschiedene) Gesellschaft zuständige Wissenschaft ist, steht die traditionelle Disziplin angesichts der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt (vgl. dazu: Dirk Lange, Hrsg., Entgrenzungen. Gesellschaftlicher Wandel und politische Bildung, in; www.socialnet.de/rezensionen/12192.php, sowie: Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen und beherrscht werden, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php), vor einem Dilemma: Wie einheitlich oder pluralistisch sind national oder nationalstaatlich verfasste Gesellschaften? Mit der „Bielefelder Systemtheorie“ wird die Problematik aufgegriffen, indem die Vielfalt der Gesellschaften fokussiert wird auf den weltgesellschaftlichen Zusammenhang; und es wird von der „Weltgesellschaft“ ausgegangen, wie Niklas Luhmann dies 1984 formulierte: „Gesellschaft ist … das umfassende Sozialsystem, das alles Soziale in sich einschließt und infolgedessen keine soziale Umwelt kennt“, was bedeutet, dass „die Weltgesellschaft als einziges umfassendes Sozialsystem (…) intern primär funktional differenziert (ist)“.

Autor und Entstehungshintergrund

Diese Konsequenz schließt der als Referent für internationale Zusammenarbeit bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft tätige Soziologe Philip Thelen in seiner an der Fernuniversität Hagen angeschlossenen Dissertation „Vergleich in der Weltgesellschaft“. Weil der immanent vorhandene weltgesellschaftliche Status der gesellschaftlichen und politischen Systeme eine Vernetzung der weltweiten Kommunikation einschließt, bedeutet dies, dass in den Kommunikations-, Verkehrs-, Rechts-, Sozial-, Politik- und Bildungssystemen „nationale Schließung(en)“ und Abgrenzungen „eine primitive Selektionsform darstellen, die es erlaubt, Komplexität unter Verwendung geringerer Ressourcen zu reduzieren“. Es sind die defizitären Begriffsbildungen und vorhandenen Strukturdynamiken, die in der soziologischen Weltgesellschaftsforschung zur Vernachlässigung der Funktion von nationalen Kommunikationsgrenzen geführt und auch die Luhmannsche Weltgesellschaftstheorie an ihre Grenzen gebracht hat. Der Autor unternimmt dabei den Versuch, „eine komplexitätstheoretisch informierte funktionale Analyse der Dynamik nationaler Kommunikationsgrenzen“ vorzulegen und damit zur Weiterentwicklung der genannten Systemtheorie beizutragen.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und Zusammenfassung gliedert der Autor seine empirische Studie in zwei Kapitel.

Im ersten Teil wird der Forschungskontext und theoretische Rahmen der Arbeit thematisiert und mit den verschiedenen Ansätzen und Theorien zur Weltgesellschaftsforschung den Informationsstand diskutiert. Dabei nimmt er insbesondere das vom Bielefelder Soziologen Tobias Werron entwickelte „Publikums„- Modell auf, wonach sich „die Globalisierung der Funktionssysteme anhand deren eigener Bestandteile (erklärt) und … dem Postulat der Selbstreferentialität sozialer Systeme nach(kommt)“. Es ist die stufenförmige Konstitution globaler Funktionssysteme, die schließlich mit zwei Thesen zu einer Modellbildung über die Schließungs- und Öffnungsdynamiken von nationalen Grenzen kommt:

  1. „In struktureller Hinsicht kommt es zu einer Ausdifferenzierung interner Vergleichszusammenhänge, deren Abschließung sich am Aufbau segmentärer Kommunikationsgrenzen bemerkbar macht. Dem Schließungsprozess folgt ein Öffnungsprozess, durch den die segmentären Kommunikationsgrenzen wieder abgebaut werden und sich ein übergreifender Vergleichszusammenhang etabliert“.
  2. „In semantischer Hinsicht kommt es mit der Ausdifferenzierung funktionssysteminterner Vergleichszusammenhänge zu einer Selbstbeschreibung des Systems, welche … (sie) auf einer hierarchisch übergeordneten Ebene als Gegenstand eines neuen Vergleichs behandelt…“.

Weil sich der wissenschaftliche Diskurs um weltgesellschaftliche Aspekte im 19. und 20. Jahrhundert in besonderer Weise ausprägte, bezieht sich der Autor in seiner empirischen Untersuchung auch auf diesen Zeitraum.

Diese wird im zweiten Kapitel als Hauptteil der Forschungsarbeit thematisiert. Der notwendige Blick über den wissenschafts-soziologischen Gartenzaun hinaus führt zu der Frage nach den „nationale(n) Grenzen in der Wissenschaft“ am Beispiel der Strukturdynamiken bei den Disziplinen Physik und Geschichtswissenschaft in Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert, wie sie sich in den Fachzeitschriften darstellen. Diese fächerbezogenen Vergleichsanalysen werden nun zu der Frage ausgeweitet, „ob es innerhalb der Semantik der Wissenschaft zu einer Dynamik eines internationalen Vergleichs“ zwischen nationaler und internationaler Wissenschaft – und zwar der deutschen und französischen – kommen kann. Damit wird bereits mit diesen Analysebereichen bestätigt: „Bereiche nationaler Standardisierung in einen übergeordneten Zusammenhang zu integrieren, der die Globalisierung des Funktionssystems im Sinne einer Etablierung globaler Standards vorantreibt“. In einer weiteren Studie werden die Aspekte von „nationale(n) Grenzen in der Politik“ dargelegt. Es sind die unterschiedlichen Adaptionen und Einflüsse, die im Ländervergleich zwischen Deutschland und Frankreich auf diesem Gebiet deutlich werden, etwa hier früher durch die Wirkungen, wie sie durch die Französische Revolution auftraten, während dort durch eine (zeit-)verzögerte Aufnahme; gleichzeitig aber auch durch eine überraschende Parallelität der Strukturen und Semantiken in beiden Ländern.

Fazit

Das von Philip Thelen entwickelte „Modell für eine funktionale Analyse nationaler Kommunikationsgrenzen auf der Grundlage der Theorie zur Globalisierungsdynamik von Funktionssystemen“ wendet sich gegen die systemtheoretische Auffassung, „nach der die Entfaltung einer global integrierten und primär funktional differenzierten Weltgesellschaft eine logische Konsequenz aus der vollständigen Entdeckung des Erdballs bzw. der Leistungsfähigkeit der jeweils zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel ist“. Es ist die makrosoziologische Betrachtungsweise, die den Blick öffnet für funktionalen und räumlichen Differenzierungen und Globalisierungsprozesse von Funktionssystemen. Die mit den Wissenschaftsbereichen Physik, Geschichte und Politik im Ländervergleich zwischen Deutschland und Frankreich in den zeitlichen Verläufen des 19. und 20. Jahrhunderts vorgelegten Analysen verweisen auf die in der Arbeit dargelegte stufenförmige Entwicklung, die sich hoffentlich realisiert; damit das eintreten kann, was der Autor sich mit seiner Studie erhofft: „Nationale Grenzen werden unnötig und verschwinden. Am Ende des Prozesses steht ein globalisiertes Funktionssystem, dessen Selektionsmechanismen soweit spezialisiert und dessen Elements soweit vereinheitlicht sind, dass es mit den jeweils vorhandenen Ressourcen Vergleiche innerhalb des Systems unter Gewährleistung der Systemstabilität mit globaler Reichweite durchführen kann“.

Die Ergebnisse und die vom Autor in seiner Arbeit umfangreiche benutzte Literatur werden ohne Zweifel den Wissenschaftsdiskurs und den weiterhin notwendigen theoretischen und empirischen Forschungsanstrengungen, nicht nur in der Soziologie, zugute kommen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.11.2011 zu: Philip Thelen: Vergleich in der Weltgesellschaft. Zur Funktion nationaler Grenzen für die Globalisierung von Wissenschaft und Politik. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1913-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12557.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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