socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Melzer, Wilfried Schubarth u.a.: Gewaltprävention und Schulentwicklung

Cover Wolfgang Melzer, Wilfried Schubarth, Frank Ehninger: Gewaltprävention und Schulentwicklung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 350 Seiten. ISBN 978-3-8252-3477-5. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 30,50 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format) 3477.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Schulstube oder Kampfzone?

Im engagierten und kontroversen Diskurs über die Frage der pädagogischen Fragen, was die Institution Schule mit all ihren Schulformen und -systemen leisten soll und kann, vollziehen sich die Auseinandersetzungen in der Pendelbewegung von Kuschel- bis Konfliktpädagogik (vgl. dazu auch: Heinz Dedering, Hg., Konflikt als paedagogicum. Ffm 1981). Die Kontroversen reichen von der Forderung nach mehr Disziplin (Bernhard Bueb: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, 2006, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/4096.php) bis hin zu Hoffnungen zur Selbstverwirklichung (Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen(11820.php) und befreienden Individualpädagogik (Gerhard H. Klein, Befreiende Individualpädagogik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12182.php). Es sind Aufforderungen zum Lernen in Beziehungen (Tobias Künkler, Lernen in Beziehung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12017.php), die Frage nicht danach, was Bildung ist, sondern wie sie möglich wird Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php11821.php), eine Wegebeschreibung zu Lernfreude und Schulglück (Olaf-Axel Burow, Positive Pädagogik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11968.php), die provokative und gleichzeitig optimistische Utopievorstellung: „Stell dir vor es ist Schule und alle wollen hin“ (Margret Rasfeld, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11659.php), wie die aktuelle Vorstellung von einer interkulturellen Schule (Alfred Holzbrecher, Hrsg., Interkulturelle Schule. Eine Entwicklungsaufgabe, www.socialnet.de/rezensionen/11812.php). Immer liegt den Konzepten und dem Engagement für pädagogische Theorie und Praxis das jeweilige Menschenbild zugrunde und das Einlassen auf die humane Wandelbarkeit des Menschen im individuellen und gesellschaftlichen Leben. Damit sind die Fragen nach der schulischen Bildung und dem Lernauftrag der Schule immer auch politisch. Weil aber der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, wie dies bereits Aristoteles formuliert hat, steht die Schulentwicklung Hier und Heute vor der Herausforderung, sich der immens pädagogischen Frage danach zu stellen, ob und wie Werte, die für ein friedliches, gerechtes und humanes Zusammenleben der Menschen lokal und global definiert und wichtig sind, (auch) in der Schule gelehrt und gelernt werden können. Als Schulentwicklung wird der systematische, zielgerichtete, selbstreflexive und für die Bildungsprozesse der Schüler funktionale Entwicklungsprozess hin zu einer Professionalisierung der schulischen Prozesse bezeichnet. Eine so definierte Schulentwicklung dient der Verbesserung der Qualität der Schule als Institution und des Unterrichts.

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die Erziehungswissenschaft entwickelt die prägenden Strukturen schulischen Lernens und die institutionellen Grundlagen für die Schule, die sich mit der Gesellschaft verändert und positioniert. Das wissenschaftliche Instrument der Schulentwicklung gewinnt an zunehmender Bedeutung, als Traditionen und vermeintliche Gewissheiten des pädagogischen Handelns in Frage gestellt und neue Formen von Bildung und Erziehung notwendig werden. Der gesellschaftliche Wandel, sowohl durch die demographische Entwicklung, als auch die globalen Veränderungsprozesse, weist der schulischen Bildung und Erziehung neue Aufgaben zu. Eine der Herausforderungen für schulisches Lernen sind die Erwartungshaltungen, die sich an die Schülerinnen und Schüler bezüglich ihrer zu erwerbenden Qualifikationen für die globalisierte Daseinsbewältigung ergeben; eine andere, welches Sozialverhalten und Wertebewusstsein einen demokratischen, freiheitlich gefestigten und sozial engagierten Bürger in der globalisierten Welt notwendig macht. Es sind nicht zuletzt die internationalen Schulvergleichsuntersuchungen und nationalen Studien, die den deutschen Schülerinnen und Schülern mangelndes Politikverständnis und Verantwortungsbewusstsein bestätigen und ein ambivalentes Verhältnis zu Aggression und Gewalt attestieren und Lehrerinnen, Lehrer, Eltern und die Gesellschaft insgesamt ermahnen, beim Lernen nicht nur auf Wissensvermittlung zu achten, sondern das soziale, emotionale und kooperative Lernen im Unterricht nicht zu vernachlässigen.

Der Schulpädagoge, Schulforscher und Leiter der Forschungsgruppe Schulevaluation an der Technischen Universität Dresden, Wolfgang Melzer, der Erziehungswissenschaftler und Sozialisationstheoretiker von der Universität Potsdam, Wilfried Schubarth und der Psychologe von der Universität Osnabrück, Frank Ehninger, legen die zweite, erweiterte Auflage einer 2004 erschienenen Auseinandersetzung zu „Gewaltprävention und Schulentwicklung. Analysen und Handlungskonzepte“ vor. Besonders die Frage nach schulischen Programmen zur Prävention und Intervention wird in der Neuauflage erweitert diskutiert. Die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung hat den Band als Sonderausgabe übernommen und stellt ihn kostenlos „für Zwecke der politischen Bildung im Freistaat Sachsen“ zur Verfügung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird in sechs Kapitel gegliedert.

Im ersten Teil wird „Gewalt als gesellschaftliches und pädagogisches Problem“ diskutiert und die Schule als Ort von Gewalt und Gewaltprävention dargestellt und darauf verwiesen, weil „Diagnostik und Prävention … ‚Stiefkinder‘ der Lehrerbildung sind“, es besonderer Anstrengungen und Initiativen in der Fortbildung von Lehrkräften bedarf. Denn die Schulforschung hat längst herausgefunden, „dass in Schulen mit hoher Lehrerprofessionalität, gutem Schulklima, einer entwickelten Partizipationskultur und positiven, sozioökonomischen Bedingungen Leistungsdruck, Schulangst und problematische Verhaltensweisen unter den Schülern weniger verbreitet sind und sich statt dessen Schulfreude und Lernmotivation besser entwickeln können“. Lebenswelttheoretische Ansätze und Strategien für eine Kommunikationskultur werden dabei empfohlen.

Im zweiten Kapitel werden die mittlerweile zahlreichen forschungstheoretischen Projekte und Untersuchungsergebnisse zur Gewalt in der Schule thematisiert, der wissenschaftliche Gewaltbegriff geklärt und ausgewählte psychologische, soziologische und interaktive Erklärungsansätze für Aggression und Gewalt in den gesellschaftlichen Zusammenhängen dargestellt und die Konsequenzen für schulische Bildung und Erziehung aufgezeigt.

Im dritten Kapitel stellen die Autoren Ergebnisse von eigenen Studien vor und fragen nach ihrer Bedeutung für die Gewaltprävention. Sie vermitteln damit wichtige Einblicke für Theoretiker und Praktiker, wie Fachleistungsstatus, Sozial- und Selbstkompetenzen bei Schülerinnen und Schülern wirksam werden können und „Schulkulturvariablen, wie Lehrer-Schüler-Beziehung, Lehrerengagement, Lebensweltbezug des Lernens, partizipative Unterrichts- und Schulgestaltung… ganz stark mit Schulfreude und Interesse am Unterricht korrelieren“.

Mit dem vierten Kapitel geben die Autoren Empfehlungen für den Umgang mit Gewalt und Aggression in der Schule. Sie reflektieren sie auf drei Ebenen: Der des einzelnen Schülers, der Klasse und der Schule als Institution. Dabei sind die Zielvorstellungen im Blick, wie der gemeinsame Lern- und Arbeitsprozess sozialverträglich organisiert und gestaltet werden kann, wie Konflikte ausgetragen werden, welche Regeln des Zusammenlebens gelten und wie soziales Verhalten soziales Lernen und eine wertebewusste Erziehung und Bildung ermöglichen.

Das fünfte Kapitel setzt sich mit der Vielfalt der angebotenen schulischen Programme für Prävention und Intervention auseinander. Dabei steht die praktische Präventionsarbeit im Mittelpunkt. Die Auswahl orientiert sich dabei an den Kriterien der Kontinuität, der Praktikabilität und der evaluierten Leistungsfähigkeit der Programme für alle Schüler, für jüngere Schüler, ältere Schüler, auffällige Schüler, Lehrer- und Elternprogramme und Vorschläge im Schuletting. Für die schulpraktische Arbeit stellt besonders diese Zusammenstellung und Bewertung der einzelnen Präventions- und Interventionsmaßnahmen eine Hilfe dar. Die formulierten „Kriterien für die erfolgreiche Durchführung von Präventionsmaßnahmen in der Schule“ können deshalb als Handlungsanleitungen dienen:

  • Frühe biographische Prävention bietet die beste Chance zur Kompensation von Verhaltensdefiziten.
  • Die Prävention muss sich gezielt auf individuelle und kollektive Merkmale beziehen und die Adressaten müssen Handelnde und nicht Objekt der Maßnahme sein.
  • Der Lebensumweltzusammenhang der Schülerinnen und Schüler muss grundgelegt werden.
  • Präventions- und Interventionsprogramme müssen auf die konkrete Schul- und Lernsituation gerichtet sein.
  • Die Ursachen müssen geklärt werden.
  • Die Etablierung von Maßnahmen und Programmen müssen strukturiert und reflektiert in die Schulorganisation eingebaut werden.
  • Präventions- und Interventionsmaßnahmen sind Angelegenheit der ganzen Schule.

Im sechsten Kapitel schließlich wird „Gewaltprävention durch Schulentwicklung“ thematisiert. Auf der Basis der These – „Die systematische Verschränkung von Gewaltprävention und Schulentwicklung führt zu dauerhaft, substanziell und langfristig wirksamen Veränderungen – zu nachhaltiger Prävention“ – werden die Bereiche der Schulentwicklungs-, der Schulqualitäts- und Schulprofilforschung und Praxis reflektiert, sowie Zielsetzungen formuliert und Methoden und Strategien diskutiert. Dabei wird deutlich, dass der Kommunikations- und Aktionsprozess zur Gewaltprävention vom Engagement aller am Schulleben Beteiligten lebt und mehr sein muss als ein technologisches Verfahren.

Fazit

Konfliktbearbeitende Kommunikation, empathisches Engagement und Kooperation auf Augenhöhe sind deshalb die Bausteine, die Schulkultur schaffen und Grundlage für eine auf der Schulentwicklung basierenden Gewaltprävention sein können. Die Autoren haben den Reader so formuliert, dass er, mit methodischen Hinweisen, Literaturverweisen und Anregungen zum Weiterdenken und -arbeiten versehen, für die Lehreraus- und -fortbildung ein unverzichtbares Innovationsmaterial anbietet. Zwar kann mittlerweile die pädagogische Weisheit als allgemeingültig verstanden werden, dass Bildung und Erziehung „vor Ort“ etabliert und wirksam werden muss, also die jeweilige Schulkultur und die einzelne Schule wichtige Grundlagen dafür sind; doch der lebensumweltliche Zusammenhang schließt ein, die Frage nach dem Zusammenhang von Schule und Gesellschaft zu stellen und damit auch auf die Aspekte der Schulstruktur und die notwendigen Reformen zu verweisen. Alle Vergleichsuntersuchungen und Analysen weisen auf, dass das dreigliedrige Schulsystem, wie es in Deutschland praktiziert wird, eine nicht unwesentliche Ursache (auch) für Verhaltens- und Motivationsprobleme darstellt. Auf diese (kontroversen) Imponderabilien haben die Autoren leider viel zu wenig verwiesen.

In jedem Fall ist die komplettierte zweite Auflage des Buches „Gewaltprävention und Schulentwicklung“ für die notwendige, demokratische und lebensweltorientierte Weiterentwicklung schulischer Bildung und schulischen Lernens ein wichtiger Baustein. Lehramtsstudierende, Lehrerinnen, Lehrer und alle an Schule Beteiligte finden in dem Buch vielfältige Anregungen und Praxisbeispiele zum Mitmachen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.12.2011 zu: Wolfgang Melzer, Wilfried Schubarth, Frank Ehninger: Gewaltprävention und Schulentwicklung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-8252-3477-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12560.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung