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Martin Braun: Schmerzmanagement in der Pflege

Cover Martin Braun: Schmerzmanagement in der Pflege. Erhebung der Versorgungsqualität. hpsmedia GmbH (Nidda) 2011. 79 Seiten. ISBN 978-3-9814259-4-9. 16,90 EUR.
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Thema

Geschätzte 50 bis 80 Prozent der Patienten in Kliniken leiden unter Schmerzen. Sie finden sich auf Stationen der Allgemeinmedizin, der Inneren Medizin, der Chirurgie, der Gefäßmedizin, der Geriatrie sowie im Hospiz. Außer diesen nicht im strengen Sinne Schmerzkranken gibt es die Gruppe der Patienten, deren eigentliches Leiden eine chronifizierte Schmerzkrankheit ist. Sie werden auf spezialisierten Schmerzstationen oder in Schmerzkliniken behandelt.

Im Klinikalltag ist es eine vorrangige Aufgabe der Pflegekräfte, der Entstehung von Schmerzen vorzubeugen, bestehende Schmerzen zu lindern oder auszuschalten.

In Zeiten von Professionalisierung und vermehrtem Kostendruck rücken neben das Ideal der Caritas vermehrt ökonomische Gesichtspunkte: Leistungsorientierung, Wettbewerb und Qualitätsdruck erzwingen rationale Prüfverfahren der Versorgungsqualität.

Autor und Entstehungshintergrund

Martin Braun ist Pflegedirektor in Freiberg. Er bemängelt, dass vielerorts eine zeitgemäße Schmerztherapie nicht stattfindet. Ihn beschäftigt die Frage, wie angestrebte Ziele in der Pflege erreicht werden können. Er folgt dem nüchternen Grundsatz: „If you can´t measure it, you can´t improve it?“ [1]. Sein Ziel ist deshalb die Entwicklung eines Instruments zur Messung der Pflegequalität im Bereich Schmerzmanagement.

Die leitende Frage lautet: „Wie lässt sich die Ergebnisqualität im Bereich Schmerzmanagement aus Patientensicht messen?“ Ein nach den Standards empirischer Forschung entwickelter Fragebogen soll die Antwort liefern.

Aufbau und Inhalt

Das Inhaltsverzeichnis gibt einen summarischen Überblick über die Arbeit:

  1. Einleitende Darstellung des Themenfelds
  2. Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
  3. Qualität in der Pflege
  4. Schmerzmanagement als Indikator für Pflegequalität
  5. Forschungsfeld
  6. Untersuchungsdesign
  7. Umsetzung
  8. Auswertung
  9. Zusammenfassung und Ausblick

Braun konstatiert einen Rückstand der Pflege gegenüber der Medizin, dem auf Dauer nur mit empirischen Daten zur Pflegequalität beizukommen sei. Diese Forderung versucht er mit der vorliegenden Fragebogen-Untersuchung zu erfüllen.

Die Untersuchung findet in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit 210 Betten statt. Die Teilnehmer mussten mindestens drei Nächte in einer der bettenführenden Abteilungen verbracht haben. Weitere Auswahlkriterien gab es nicht.

Als Indikator für Pflegequalität wählt er das dort praktizierte Schmerzmanagement, da gegenwärtig meist eine Unterversorgung von Schmerzpatienten in drei Bereichen bestehe:

  • Unterdosierung von Analgetika,
  • unregelmäßige oder zeitlich falsch getaktete Verabreichung von Medikamenten,
  • zögerliche Ausführung von Anordnungen, besonders bei Patienten, die sich nicht äußern können.

Mit zehn Patienten wurden in einem Pretest die Verständlichkeit der Fragen, die Eindeutigkeit der Kategorien und sonstige Schwierigkeiten bei der Beantwortung überprüft und entsprechende Korrekturen vorgenommen. Untersucher war der Autor selbst.

An der Haupterhebung nahmen 54 Patienten teil, 34 davon in Face-to-Face-Interviews; 20 zogen eine selbständige schriftliche Beantwortung vor.

Die Ergebnisse werden in Häufigkeitsdiagrammen vorgestellt und kommentiert. Insgesamt beurteilt Braun die Ergebnisse als zufriedenstellend. Er beruft sich dabei auf ein faktorenanalytisch erzieltes Indexmaß von 70,5% des möglichen Maximums von 100%.

Als verbesserungsbedürftig hat sich herausgestellt:

  • Im Bereich Organisation. Dort zeigen sich strukturelle Defizite bei der Kommunikation sowohl innerhalb der Gruppe der Pflegenden als auch zwischen Pflegedienst und ärztlichem Personal. Als Möglichkeiten der Verbesserung werden angeführt: Optimierung der Dienstübergabe, Dienstübergabe am Krankenbett, gemeinsame Visite von Pflege und ärztlichem Dienst.
  • Im Bereich Lebensqualität. Kontakte zwischen Pflegekräften und Patienten sollten häufiger werden; die Patienten empfinden ihre Zahl zu gering. Ferner Einführung einer mobilen elektronischen Patientenakte, so dass Planungs- und Dokumentationstätigkeiten nicht im Dienstzimmer, sondern in der Nähe der Patienten stattfinden könnten.
  • Im Bereich Kompetenzvermittlung. Pflegende scheinen ihre vorhandenen Kenntnisse und Fähigkeiten nicht gut zu vermitteln. Im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen sollte daher der Komplex Beratung der Patienten stärker berücksichtigt werden.
  • Im Bereich Information. Es fehlt hinreichende Information, wie sich Patienten bei auftretenden Schmerzen verhalten sollen. Durch ein Informationsblatt zum Schmerzkonzept soll dem abgeholfen werden.

Daraus ergeben sich Kernbestandteile des neuen Umgangs mit Schmerzen von Patienten:

  • Verstärkte Beratung und Information durch ein Informationsblatt,
  • Systematisierte Schmerzerfassung mittels Skalen,
  • Augenblickliche und standardisierte Reaktion in Form von Analgetikagaben,
  • Aktive Evaluation des Erfolgs von schmerzlindernden Maßnahmen.

Diskussion

Ziel der Arbeit war die Entwicklung eines Fragebogens zur Messung von Pflegequalität im Bereich Schmerzmanagement, und zwar aus Sicht der Patienten und Patientinnen. In der Anwendung durch den Autor in einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung konnte faktorenanalytisch ein zufriedenstellender Index ermittelt werden.

Positiv zu würdigen ist das Bestreben, komplexe kommunikative Prozesse in der Pflege messbar zu machen. Auch die erzielten Ergebnisse sind in der Grundtendenz zufriedenstellend. Selbstkritische Sicht und die Absicht, differenzierend weiterzuarbeiten sind anzuerkennen.

Dennoch gibt es viele Kritikpunkte; einige seien aufgeführt:

  1. Es fehlt eine Übersicht über den Fragenkatalog. Die Items werden jeweils nur im laufenden Textzusammenhang zitiert. Will man eine Synopse sehen, ist man auf eine Tabelle im Auswertungsteil angewiesen, wo die Items allerdings nicht in Klartext und nicht in der bei der Untersuchung verwendeten Reihenfolge aufgeführt werden.
  2. Der Text ist streckenweise recht schülerhaft verfasst und ärgert durch holpernde pseudo-wissenschaftliche Zitierbequemlichkeit. Soweit es nicht um Definitionen von etablierten oder neuen Fachbegriffen geht, sollten eigene Formulierungen gefunden werden. Das gilt auch für mehrere unübersetzte Definitionen aus dem Englischen. Warum muss, beispielsweise, die Definition von Schmerz in Englisch geliefert werden? Grotesk sind Minizitate, von denen es eine Menge gibt und die den Eindruck vermitteln, dass der Autor sich eigene Formulierungen nicht zutraut oder einfach zu bequem ist. Ein Beispiel, das für viele steht: «Da es sich um „ein multifaktorielles Geschehen mit vielen Dimensionen“ (Besendorfer 2009: 37)“ [2] handelt, bedarf es eines interprofessionellen Schmerzmanagements …».
  3. Die Stichprobenziehung erfolgte ad hoc in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit teilnahmebereiter Personen in unterschiedlichsten Stationen mit unterschiedlichstem Personal, nicht jedoch nach vorher festgelegten Personenmerkmalen. Befragung und Auswertung lagen in der Hand des Autors. Sine ira et studio? Beurteiler-Bias unbekannt?
  4. Dem Umfang nach hätte der Text für eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift gereicht. 16,90 EUR für die Broschüre von 79 Seiten Umfang sind dem Ergebnis nicht angemessen.

Fazit

Trotz der benannten Kritikpunkte kann man die Arbeit als Pilotstudie gelten lassen, die Grunddaten für elaboriertere Follow-up-Studien geliefert hat.


[1] www.chcr.brown.edu/pain

[2] Besendorfer, Andrea (2009): Interdisziplinäres Schmerzmanagement. Praxisleitfaden zum Expertenstandard „Schmerzmanagement in der Pflege“. Kohlhammer.


Rezension von
Prof. Dr. Gisbert Roloff
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Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 10.05.2012 zu: Martin Braun: Schmerzmanagement in der Pflege. Erhebung der Versorgungsqualität. hpsmedia GmbH (Nidda) 2011. ISBN 978-3-9814259-4-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12566.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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