socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinz-Hermann Krüger, Ursula Rabe-Kleberg u.a. (Hrsg.): Bildungsungleichheit revisited

Cover Heinz-Hermann Krüger, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer, Jürgen Budde (Hrsg.): Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 2., durchges. Auflage. 326 Seiten. ISBN 978-3-531-18057-1. 29,95 EUR.

Reihe: Studien zur Schul- und Bildungsforschung - Band 30.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

„Bildungsungleichheit revisited“ präsentiert einen Überblick über gegenwärtige empirische Analysen, theoretische Fundierungen und aktuelle bildungspolitische Diskussionen von sozialen Ungleichheiten im Bildungs- und Erziehungssystem. Entlang des Lebenslaufs wird Bildungsungleichheit in verschiedenen Feldern der institutionalisierten Bildung von der Elementarpädagogik bis hin zur Hochschul- und Berufsbildung in den Blick genommen.

HerausgeberInnen

Dr. Heinz-Hermann Krüger ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft am Institut für Pädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dr. Ursula Rabe-Kleberg ist Professorin für Bildungs- und Mikrosoziologie am Institut für Soziologie, ebenfalls an der Martin-Luther-Universität. Dr. Rolf-Torsten Kramer und Dr. Jürgen Budde sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Zentrum für Schul- und Bildungsforschung (ZSB) der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um die Dokumentation der gleichnamigen Fachtagung „Bildungsungleichheit revisited“. Aufgrund einer „Renaissance der Bildungsungleichheitsforschung“ (S. 7) sowie dem Anspruch, die hierzu geführten erziehungswissenschaftlichen Diskurse genauer zu bestimmen und mit neuen Forschungsperspektiven zu verbinden, veranstaltete das Promotionskolleg der Hans-Böckler-Stiftung („Bildung und Soziale Ungleichheit) zusammen mit dem Zentrum für Schul- und Bildungsforschung (ZSB) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2008 eine internationale Fachtagung, aus der die vorliegenden Beiträge hervorgegangen sind.

Aufbau

Der Band beginnt mit einem einleitenden Beitrag der HerausgeberInnen, der eine thematische Einführung aktueller Diskussionen der Bildungsungleichheitsforschung sowie eine kompakte Zusammenfassung der einzelnen Beiträge liefert. Anschließend folgen fünf thematische Abschnitte:

Teil I: Bildung und soziale Ungleichheit im Elementarbereich

Friedhelm Pfeiffer thematisiert in seinem Beitrag „Entwicklung und Ungleichheit von Fähigkeiten: Anmerkungen aus ökonomischer Sicht“, dass bereits im Vorschulalter wichtige Weichen für weitere Bildungsungleichheiten gestellt werden und in Deutschland noch zu wenig in den Elementarbereich investiert werde. Ursula Rabe-Kleberg argumentiert in „Bildungsarmut von Anfang an? Über den Beitrag des Kindergartens im Prozess der Reproduktion sozialer Ungleichheit“, dass der „positive Blick“ neuerer Kindheitskonstruktionen stellenweise soziale Realitäten ausblendet und hierdurch die Aufmerksamkeit für ungleiche Lebenslagen von Kindern verstellt werden kann.

Teil II: Bildung und soziale Ungleichheit in der Schule

Hartmut Wenzel diskutiert in „Chancengleichheit in der Schule – eine nicht abgegoltene Forderung“, dass zwar in den letzten Jahrzehnten Veränderungen in der Bildungsbeteiligung erreicht werden konnten, jedoch aufgrund zunehmender Deregulierungen im Bildungssystem eher mit einem Anstieg von Bildungsungleichheiten zu rechnen sei. Kai Maaz, Jürgen Baumert & Ulrich Trautwein nehmen in „Genese sozialer Ungleichheit im institutionellen Kontext der Schule: Wo entsteht und vergrößert sich soziale Ungleichheit?“ ausgewählte Bildungsstudien in den Blick. Sie analysieren Bildungsübergänge, soziale Disparitäten innerhalb von Bildungsinstitutionen, soziale Ungleichheiten zwischen Bildungsinstitutionen und Differenzen außerhalb des Bildungssystems als Bereiche, in denen Bildungsungleichheiten entstehen und konstatieren, dass die „Forschung von »empirisch gesicherten« Aussagen zu den genaueren Mechanismen sozialer Disparitäten“ (S. 92) weit entfernt sei. Rolf-Torsten Kramer & Werner Helsper plädieren in „Kulturelle Passungen und Bildungsungleichheit - Potenziale einer an Bourdieu orientierten Analyse der Bildungsungleichheit“ dafür, dass „die Bourdieuschen Theorieperspektiven längst noch nicht ausgeschöpft“ (S. 120) seien und systematisieren forschungstheoretische Entwicklungsperspektiven. Karin U. Zaborowski & Georg Breidenstein thematisieren in „»Geh lieber nicht hin! Bleib lieber hier.« Eine Fallstudie zu Selektion und Haltekräften an der Hauptschule“ ein zentrales Paradox der Hauptschule: Sobald die Hauptschule ihre SchülerInnen erfolgreich fördert und sie zum Wechsel in andere Schulformen befähige, verliere sie damit auch ihre Klientel. John Pryor gibt mit seinem Beitrag „Pedagogies of in/equity: Formative assessment/Assesment of Learning? einen Einblick in den Ungleichheitsdiskurs Großbritanniens und thematisiert „formative assesment“ als pädagogisches Konzept einer Pädagogik der Gleichheit.

Teil III: Soziale Ungleichheit und außerschulische Bildung

Hans-Uwe Ott & Mark Schrödter kritisieren in „»Kompetenzen« oder »Capabilities« als Grundbegriffe einer kritischen Bildungsforschung und Bildungspolitik?“ verkürzte Kompetenz- und Bildungsbegriffe und schlagen eine Orientierung an Capability-Ansätzen vor. Sie zielen hiermit auf „Möglichkeiten für einen realistischen und zugleich tragfähigen Ansatz einer kritischen empirischen Bildungsforschung und Bildungspolitik, die die Einsicht begründet, dass Bildung mehr ist als Humankapital: human development beyond human capital“ (S. 180). Heinz-Hermann Krüger & Ulrike Deppe bilanzieren in „Mikroprozesse sozialer Ungleichheit an der Schnittsstelle von schulischen Bildungsbiographien und Peerorientierungen“, dass soziale Passungen zwischen individuellen Orientierungen und Peergroups eine hohe Bedeutung haben, sodass „sich auch bereits Kinder im Alter von ca. 11 Jahren durchaus in ihrem Milieu verorten können und bei der Rekonstruktion von Prozessen zur Herstellung sozialer Ungleichheit auch stärker als Mit-Produzenten mit einbezogen werden müssen“ (S. 197). Manuela du Bois-Reymond diskutiert in „Chancen und Widerständiges in der Ganztagsbildung. Fallstudie Niederlande“ am Beispiel der brede school die Integration außerschulischer Bildungsangebote und plädiert für den Ausbau der Ganztagsbildung.

Teil IV: Soziale Ungleichheit und Hochschulbildung

Rolf Becker diskutiert in „Warum bildungsferne Gruppen von der Universität fernbleiben und wie man sie für das Studium an der Universität gewinnen könnte“ die Bildungshürden, welche Arbeiterkinder von der Aufnahme eines Studiums abhalten und spricht sich für umfassende Investitionen in kostenfreie Bildung und Stipendien für „studienbegabte Arbeiterkinder“ (S. 232) aus. Reinhard Kreckel entwickelt in seinem Beitrag „Zwischen Spitzenforschung und Breitenausbildung. Strukturelle Differenzierungen an deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich“ die Perspektive, dass das „deutsche Hochschulsystem angesichts der andauernden Bildungsexpansion selektiver werden dürfte“ (S. 256), und dass mit einer zunehmenden Hierarchisierung von Hochschulabschlüssen zu rechnen sei.

Teil V: Soziale Ungleichheit und Berufsbildung

Christian Imdorf analysiert in „Wie Ausbildungsbetriebe soziale Ungleichheit reproduzieren: Der Ausschluss von Migrantenjugendlichen bei der Lehrlingsselektion“, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund bei der Lehrstellenvergabe diskriminiert werden, weil Probleme innerhalb der Mitarbeiterschaft bzw. mit ihren KundInnen befürchtet werden. Martin Baethge identifiziert in „Neue soziale Segmentationsmuster in der beruflichen Bildung“ vier Problemkonstellationen, die sich kumulativ aufschichten: regionale Disparitäten, niedriges schulisches Vorbildungsniveau, spezifischer Migrationshintergrund und neue Geschlechterungleichheiten. Ingo Wiekert & Reinhold Sackmann thematisieren in „Mehr Ungleichheit durch weniger duale Ausbildung? Probleme der Ausbildungsbereitschaft“ die Abnahme von langfristiger, betrieblicher Personalpolitik, sodass die Relevanz außerschulischer Bildungsträger zunehme, welche die betriebliche Ausbildungsbereitschaft stabilisieren könnten.

Auf ein abschließendes Fazit der HerausgeberInnen wird verzichtet. Am Ende werden die AutorInnen in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt und ihre Forschungsschwerpunkte umrissen.

Diskussion

Positiv hervorzuheben sind an „Bildungsungleichheit revisited“ mehrere Aspekte: Der Sammelband bietet kein ledigliches „Aufwärmen“ alter Themen, sondern entwickelt den Forschungsgegenstand der Bildungsungleichheit durch gegenwärtige empirische Analysen, theoretische Fundierungen und die Einbettung in aktuelle bildungspolitische Diskussionen. Hierbei geht er mit der Orientierung am Lebenslauf systematisch vor und präsentiert Einblicke in unterschiedliche Lebensphasen, in denen soziale Ungleichheiten biographisch aufschichtet wird und sich als kumulativer Prozesse erweist.

Perspektivisch regt der Band somit zur Analyse und wissenschaftlichen Diskussion weiterer Phasen im Lebenslauf an, da er eben nicht den „gesamten Lebenslauf anhand unterschiedlicher Bildungsorte“ (S. 9) thematisiert, sondern „nur“ die Stadien der institutionalisierten Bildung von der Elementarpädagogik bis hin zur Hochschul- und Berufsbildung in den Blick nimmt. Entsprechend sind weitere Bildungsphasen im Lebenslauf wie bspw. die allgemeine oder betriebliche Erwachsenenbildung oder Bildungsungleichheiten in der Altenbildung nicht berücksichtigt. Hier liegt ein noch weitestgehend unbearbeitetes Feld, was hinsichtlich einer vollständigen Analyse sowie hinsichtlich der Diskussionen um demographischen Wandel und Diskurse um Lebenslanges Lernen erschlossen werden könnte.

Innerhalb der vorgestellten institutionalisierten Bildungsbereiche (Elementarpädagogik, Schule, außerschulische Bildung, Hochschul- und Berufsbildung) darf man jedoch keine umfassenden Bearbeitungen von Bildungsungleichheit erwarten, die alle Facetten des Feldes abdecken. Der Band buchstabiert „Bildungsungleichheit“ bspw. für den Elementarbereich nicht in allen Einzelheiten aus, sondern bietet Einblicke in spezifische Diskussionsausschnitte, aktuelle Entwicklungen sowie Forschungs- und Diskussionsbezüge. Bedauerlicherweise haben die HerausgeberInnen jedoch auf ein abschließendes Fazit verzichtet, in dem bspw. übergreifende Perspektiven diskutiert werden, die sich aus den einzelnen Beiträgen ergeben. Theoretische und empirische Anschlussmöglichkeiten, die sich eröffnen könnten, werden nicht nochmals gebündelt, ebenso wenig werden bildungspolitische Gestaltungsperspektiven skizziert.

Trotz einzelner kritischer Anmerkungen ist der Band überwiegend als sehr gelungen zu bezeichnen: Für zukünftige Analysen und Diskussionen von Bildungsungleichheit entlang des Lebenslaufs stellt der vorliegende Band mit seinen Anregungen ein umfassendes Potenzial und eine solide Grundlage zur Verfügung. Insbesondere ist die Berücksichtigung der Elementarpädagogik und außerschulischen Bildung positiv hervorzuheben, welche in bisherigen Diskussionen oftmals vernachlässigt worden sind.

Fazit

Insgesamt liefert der Band „Bildungsungleichheit revisited“ einen komplexen Einblick in empirische Befunde, bildungspolitische Facetten und (Binnen-)Diskussionen des Themas. Durch seine Orientierung am Lebenslauf sowie durch seinen Anspruch, neue theoretische Erklärungsperspektiven auszuloten, bietet er sowohl einen ausgesprochen fundierten Gegenwartsbezug als auch erziehungswissenschaftliche Entwicklungsperspektiven.

Was man jedoch beim Band „Bildungsungleichheit revisited“ nicht erwarten darf, ist eine vollständige und lückenlose Bearbeitung aller Facetten des Themas. Ebenso wenig lassen sich „einfache“ bildungspolitische Handlungsempfehlungen ableiten, hierfür ist einerseits der Diskurs zu komplex, andererseits fehlt aber auch eine abschließende Bilanz über bildungspolitische Handlungsperspektiven, die sich aus den präsentierten Beiträgen eröffnen könn(t)en.


Rezension von
Dipl.-Päd. Iris Männle
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Iris Männle anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Iris Männle. Rezension vom 02.01.2012 zu: Heinz-Hermann Krüger, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Torsten Kramer, Jürgen Budde (Hrsg.): Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 2., durchges. Auflage. ISBN 978-3-531-18057-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12593.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung