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Lena Freimüller, Wolfgang Wölwer: Antistigma-Kompetenz [...]

Cover Lena Freimüller, Wolfgang Wölwer: Antistigma-Kompetenz in der psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosozialen Praxis. Das Trainingsmanual. Schattauer (Stuttgart) 2012. 120 Seiten. ISBN 978-3-7945-2861-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Schriftenreihe Kompetenznetz Schizophrenie.
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Thema

Die Stigmatisierung von Menschen die psychisch erkrankt sind stellt für viele Betroffene eine große Belastung dar und wird mitunter auch als die „zweite Krankheit“ bezeichnet. Die Strategien gegen die Stigmatisierung sind vielfältig und reichen von Medienkampagnen über gezielte Aktionen gegen z.B. diskriminierende Werbeanzeigen bis hin zu Schulprojekten, in denen SchülerInnen über psychische Erkrankungen aufgeklärt werden und Gelegenheit haben, mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Diese Aktivitäten zielen in der Regel langfristig auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen ab und sind von der Hoffnung getragen, in der Bevölkerung das falsche Bild von psychisch erkrankten Menschen zu korrigieren.

Individuelle Strategien, die MitarbeiterInnen des psychosozialen Bereiches dazu ermächtigen, Mechanismen der Stigmatisierung zu erkennen und diesen im Sinne von Anti-Stigma-Kompetenz selbstbewusst entgegen zu treten sind im Gegensatz zu den oben angeführten bevölkerungs- und gruppenbezogenen Interventionen bisher in Deutschland kaum etabliert. Das Trainingsmanual von Freimüller und Wölwer stellt die Basis zur Durchführung von Workshops dar, in denen MitarbeiterInnen der Psychiatrie bzw. aus psychosozialen Berufsfeldern Antistigma-Kompetenz erwerben möchten.

Autorin und Autor

Lena Freimüller, Mag. Art. der klinischen Psychologie sowie Konfliktforscherin (M.A.) ist Doktorandin und forscht u.a. zur Stigmatisierung psychisch erkrankter Menschen und hat bereits zu diesem Themengebiet eine Vielzahl von Vorträgen gehalten.

Wolfgang Wölwer, Univ.-Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., 2005 Habilitation und Erteilung der Lehrbefugnis für das Fach "Medizinische Psychologie" an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Leiter des Forschungslabors für Experimentelle Psychopathologie an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Aufbau und Inhalt

1. Einführung. In der schön bebilderten Einführung erklären die AutorInnen zunächst die Herkunft des Begriffs Stigma und dessen heutigen Gebrauch zur Kennzeichnung eines bestimmten Prozesses. An dieser Stelle wird bereits auch für eine respektvolle Sprache im Umgang mit Menschen, die psychisch erkrankt sind, sensibilisiert. Am Ende dieses Kapitels erläutern Freimüller und Wölwer den Aufbau des Buches.

2. Stigma, psychische Erkrankung und Bewältigungsmechanismen. Im zweiten Kapitel wird ein kurzer Überblick darüber gegeben, welche Funktion die Ausgrenzung von bestimmten Gruppen, hier insbesondere von Menschen mit einer psychischen Erkrankung, gesellschaftlich erfüllt und welche Mechanismen im Ausgrenzungsprozess zum Tragen kommen, wie sich die Forschung diesen Phänomenen nähert und welche Möglichkeiten zur Intervention bestehen.

3. Theoriebildung und Interventionsforschung. Die im zweiten Kapitel bereits angerissenen Ausführungen zur (Anti-)stigmaforschung werden im dritten Kapitel weiter vertieft. Ausgangspunkt bei der Entwicklung eines Curriculums zur Förderung von Anti-Stigma-Kompetenz in Form eines speziellen Workshops ist für die AutorInnen das Gewaltdreieck von Galtung, dessen Ausprägungen (direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt) sie auf Stigmatisierung übertragen. Das Kapitel endet mit der Darstellung des Konzeptes der Interventionsforschung. Der Entwicklung des Workshops zur Antistigma-Kompetenz liegt dieses Konzept zugrunde.

4. Workshop „Antistigma-Kompetenz für die psychiatrisch-psychotherapeutische und psychosoziale Praxis“. Im vierten Kapitel stellen die AutorInnen das didaktische Konzept, den inhaltlichen Aufbau sowie den Zeitplan zur Durchführung des in den späteren Kapiteln detailliert erläuterten Workshopablaufs vor. Zudem erläutern die AutorInnen die Idee des „Tandemprinzips“: Das den Workshop durchführende Team besteht (zumindest ab dem Modul III) nach diesem Konzept aus einem psychiatrischen Profi und einem Experten aus Erfahrung, d.h. einer/m Psychiatrieerfahrenen mit Erfahrungen in einem weiteren Kompetenzfeld, z.B. in der Selbsthilfe.

5. Gemeinsamer Qualifizierungsprozess. Freimüller und Wölwer gehen im fünften Kapitel auf die im positiven Sinne gemeinten besonderen Herausforderungen der Zusammenarbeit zwischen psychiatrischem Profi und psychiatrieerfahrenem Experten ein. Sie werben für einen gleichberechtigen Umgang miteinander, für die Klärung der Honorarfrage und für die gemeinsame Reflektion in der Vor- und Nachbereitung des Workshops.

6. Modul I -Stigma, Diskriminierung und Bewältigungskompetenzen. Mit dem sechsten Kapitel steigen die AutorInnen konkret in die Vorstellung der Workshopinhalte ein. Die einzelnen Module sind nochmals unterteilt in Übungseinheiten. Im ersten Modul geht es in diesen Übungseinheiten vor allem um das „Ankommen“ und gegenseitige Kennenlernen der TeilnehmerInnen. Außerdem wird bereits eine Einführung in die Begrifflichkeiten Stigma, Diskriminierung und Bewältigungskompetenzen gegeben. Dabei finden sich in diesem Kapitel erstmals etwas verkleinerte Darstellungen von Wissenskarten (welche auch als größere Vorlage vom Verlag im Internet bereitgestellt werden), die eine gute Übersicht über eher theoretische Workshopinhalte geben. Im ersten Modul lernen die LeserInnen zudem das Antidiskriminierungsspiel „Gleiche Chancen für alle?“ kennen.

7. Modul II – Rollen, Strategien und Herausforderungen in der Antistigma-Arbeit. Das siebte Kapitel befasst sich mit den Rollen und AkteurInnen im Zusammenhang mit der Stigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung. In diesem Kapitel kommen Psychiatrie-Erfahrene mit ihren Stigma-Erlebnissen in Form von Interviewzitaten zu Wort. Ein Fokus im zweiten Workshopmodul liegt auf der Bedeutung psychiatrischer Profis für Stigmatisierungs- und Entstigmatisierungsprozesse und auf Antistigma-Kampagnen und -Initiativen.

8. Modul III – Perspektiven von Expertinnen aus Erfahrung. Im achten Kapitel wird das dritte Workshopmodul näher erläutert. In diesem Modul geht es vor allem darum, dass die WorkshopteilnehmerInnen psychiatrieerfahrene Menschen nicht als PatientInnen oder KlientInnen kennenlernen, sondern als WorkshopdozentIn mit vielfältigen Kompetenzen und Fähigkeiten. In einem Exkurs gehen Freimüller und Wölwer ausführlich auf die jüngeren Entwicklungen im Bereich der Professionalisierung von Psychatrieerfahrung ein. Zudem geht es in diesem Kapitel auch darum, erste Beispiele für Antistigma-Kompetenz auf Seiten psychiatrieerfahrener Personen kennenzulernen.

9. Modul IV – gemeinsam gegen Stigma und Diskriminierung. Das Abschlussmodul des Workshops wird im neunten Kapitel vorgestellt. Hier reflektieren Freimüller und Wölwer vor allem die Spannungsfelder (z.B. gesund vs. krank, Macht vs. Ohnmacht) der praktischen Arbeit in psychiatrischen und psycho-sozialen Arbeitsfeldern vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung für Stigmatisierungsprozesse. Das Kapitel endet mit der Darstellung der abschließenden Workshopmodule, in denen die TeilnehmerInnen z.B. einen Brief an sich schreiben sollen, in dem sie vom Gelernten berichten und der nach drei Monaten durch die Workshopverantwortlichen an die jeweiligen TeilnehmerInnen zugeschickt wird. Der Workshop schließt mit einer Evaluation in Form von mündlichen oder schriftlichen Rückmeldungen zum Workshop durch die TeilnehmerInnen.

10. Kurzversion des Workshops. Das zehnte Kapitel stellt in tabellarischer Form verschiedene Kurzversionen des Workshops dar. Während der Workshop eigentlich für zwei Tage konzipiert ist, finden die LeserInnen hier Varianten, die sich über einen Tag, 120 oder 90 Minuten erstrecken.

11. Reflexion eines Experten durch Erfahrung zum Workshop. Im elften Kapitel berichtet der psychiatrieerfahrene Frank Huelsewig von seinen Beweggründen, sich als Co-Moderator an der Gestaltung des beschriebenen Workshops aktiv zu beteiligen und von seinen positiven Erfahrung bei der Durchführung mehrerer Workshops mit verschiedenen Zielgruppen (interdisziplinäre Teams, Krankenpflegeschule).

12. Evaluationsergebnisse zum Workshop. Harald Zäske stellt im zwölften Kapitel die Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation des Workshops vor. Im Rahmen eines Prä-Post-Designs konnten sowohl bei der sozialen Distanz gegenüber Menschen mit psychischer Erkrankung als auch auf einer neu entwickelten Skala „Stigma thematisieren“ signifikante positive Veränderungen gegenüber einer Kontrollgruppe gemessen werden.

13. Ausblick. Der inhaltliche Teil des Buches (es schließen sich noch Literatur, Arbeitsblätter und ein Sachverzeichnis an) endet mit einem Ausblick in dem zum einen die große Bedeutung von Antistigma-Kompetenz für die MitarbeiterInnen in psychiatrischen und psycho-sozialen Arbeitsfeldern betont wird und der zum anderen die AutorInnen dazu ermutigt, Menschen mit Psychiatrieerfahrung konsequent in die Antistigma-Arbeit einzubinden.

Diskussion

Die AutorInnen legen ein Trainingsmanual vor, in dem sowohl ausführlich der konkrete Ablauf eines Seminars zur Erlangung von Antistigma-Kompetenz für MitarbeiterInnen aus dem psychiatrischen und psychosozialen Bereich dargestellt wird, als auch Hintergrundinformationen zur Problematik der Stigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung den LeserInnen an die Hand gegeben werden. Das Buch behandelt die direkte, strukturelle und kulturelle Stigmatisierung und verschweigt dabei nicht, dass auch Psychiatrie und psychosoziale Einrichtungen nicht davor gefeit sind, selbst zu stigmatisieren oder auch Ziel von Stigmatisierung zu werden.

Obwohl in Deutschland mittlerweile viele verschiedene Projekte zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen existieren, sind Publikationen mit konkreten Umsetzungskonzepten rar gesät. Es ist deshalb zu begrüßen, dass sich Freimüller und Wölwer in Form des vorliegenden Buches „in die Karten schauen lassen“. Besonders positiv ist die von den AutorInnen geforderte gleichberechtigte Einbeziehung Psychiatrieerfahrener als DozentInnen bzw. TrainerInnen von Antistigma-Kompetenz-Workshops hervorzuheben. Praktisch und nicht selbstverständlich ist die Möglichkeit, alle vorgestellten Arbeitsmaterialien, die zur Durchführung des Workshops benötigt werden, online als Druckvorlage herunterladen zu können.

Das Trainingmanual ist zudem vielfältig bebildert und enthält Textboxen, die die Lektüre auflockern. Das ausführliche Sachverzeichnis erleichtert die Orientierung beim Nachschlagen.

Die kleinen inhaltlichen bzw. begrifflichen Fehler (z.B. „Boarderlinerinnen“, S. 3, „Psychologieseminare“ statt „Psychoseseminare“, S. 90) lassen sich vor dem Hintergrund der guten Lesbarkeit und der konkreten Handlungsanweisungen für die Durchführung eines Antistigma-Kompetenz-Workshops leicht verschmerzen.

Fazit

Das Buch „Antistigma-Kompetenz in der psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosozialen Praxis. Das Trainingsmanual“ von Freimüller und Wölwer eignet sich zum Erarbeiten eines Anti-Stigma-Kompetenz-Workshops in mehrfacher Hinsicht. Es beschreibt zum einen die Theorie der Stigmatisierung von Menschen mit psychischer Erkrankung und ihre Bedeutung für die Betroffenen und greift dabei auf Erkenntnisse aus der aktuellen Stigmaforschung zurück. Zum anderen bietet es eine detaillierte Anleitung zur Durchführung eines Workshops zum Thema Stigmatisierung. Dabei werden die einzelnen Seminar-Einheiten konkret inhaltlich beschrieben, vielzählige Illustrationen lockern den Text auf und die gut nutzbaren Materialien erleichtern die Vorbereitung und Durchführung. Der im Manual vorgestellte Workshop zeichnet sich dadurch aus, dass er vielfach in der Praxis erprobt und evaluiert wurde. LeserInnen, die den Workshop nicht über zwei Tage anbieten können profitieren von den Hinweisen zur Verkürzung.


Rezension von
Ilja Ruhl
Soziologe M.A.

Homepage www.gemeindepsychiatrie-sozialpsychiatrie.de
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Zitiervorschlag
Ilja Ruhl. Rezension vom 31.01.2012 zu: Lena Freimüller, Wolfgang Wölwer: Antistigma-Kompetenz in der psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosozialen Praxis. Das Trainingsmanual. Schattauer (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-7945-2861-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12599.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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