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Eva Wonneberger: Neue Wohnformen

Cover Eva Wonneberger: Neue Wohnformen. Neue Lust am Gemeinsinn? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-86226-067-6. D: 19,80 EUR, A: 19,80 EUR, CH: 27,00 sFr.

Reihe: Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung - 25.
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Thema

Nachbarschaftliche Netzwerke, die soziale Verortung von Menschen durch die Tatsache, dass sie für andere relevant sind und Vertrauen in die Strukturen des Sozialraums haben, Anerkennung und Zugehörigkeit erfahren – all das wird für attraktives Wohnen immer wichtiger. Neue Formen des Wohnens schaffen auch neue Formen der Vergemeinschaftung, neue Formen gegenseitiger Unterstützung und Anteilnahme am Anderen. Entstehen dadurch auch neue städtebauliche Gestaltungselemente und wird das Dorf auch deshalb noch einmal für attraktiv gehalten, weil sich diese Formen sozialer Verortung und Vernetzung im ländlichen Raum eher ergeben als in der Stadt? Und: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Art des Wohnens und der Entwicklung von Gemeinsinn? Versteht man sich besser als Teil einer res publica, für die man schließlich auch verantwortlich ist, wenn man „anders“ wohnt?

Autorin

Dr. Eva Wonneberger ist Diplomsoziologin und arbeitet freiberuflich als Sozialwissenschaftlerin und Autorin.

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung gliedert sich das Buch in neun Kapitel:

  1. Gemeinschaftliches Wohnen – was ist das?
  2. Wohnen im Alter
  3. Generationsübergreifendes Wohnen in Gemeinschaften
  4. Baugemeinschaften
  5. Genossenschaftswohnen
  6. Mietergemeinschaften
  7. Rechtsformen für Wohngruppen
  8. Empfehlungen/Checkliste
  9. Methodisches Vorgehen, Gesprächspartner und Literatur

Inhalt

In Kapitel 9 beschreibt die Autorin ihr methodisches Vorgehen, das hier zum besseren Verständnis vorweggenommen sei. Sie hat in leitfadengestützten Interviews Bewohnerinnen und Bewohner interviewt, Gruppen- und Einzelinterviews geführt. Außerdem hat sie Expertengespräche mit Fachorganisationen und Bauträgern geführt. Außerdem hat die Autorin eine Dokumentenanalyse durchgeführt und Beobachtungen analysiert. Ihre Untersuchung beschränkt sich auf das Land Baden-Württemberg.

Kapitel 1: Gemeinschaftliches Wohnen – was ist das? Die Autorin beschreibt in diesem Kapitel nach einigen historischen Anmerkungen, was neu ist am gemeinschaftlichen Wohnen und welche gesellschaftlichen Veränderungen dazu führten. Vor allem der demographische Wandel einer älter werdenden Gesellschaft, die zugleich zunehmend auf Unterschützungssysteme angewiesen ist, hat u. a. zu diesen neuen Formen geführt. Gleichzeitig spiegeln diese neuen Formen des Wohnen nicht nur die Veränderungen in der Raumnutzung und der Siedlungsweise wider, sondern auch die Herausforderungen einer neuen Gemeinsinn-Kultur. Gemeinschaftliches Wohnen mit seinen Möglichkeiten emotional-affektiver Bindungen und Kommunikationsformen, mit seiner Überschaubarkeit wird so zur Gegenkultur einer rationalen, komplexen und letztlich auch unüberschaubaren Gesellschaft.
Die Autorin geht auf die Motivation ein. Dabei stellt sie fest, dass es junge Familien in der Stadt sind, die ökologisches Wohnen bevorzugen; dann aber auch aktive ältere Menschen, die sich im Alter nicht nur gegenseitige Hilfen erhoffen, sondern auch nicht vereinsamen wollen.
Schließlich berichtet die Autorin von eigenen Erfahrungen im Aufbau eines Gemeinschaftsprojektes.

Kapitel 2: Wohnen im Alter. „Miteinander leben und für einander da sein ist“ ist sicher eine Formulierung, mit der der Wunsch verbunden wird, im Alter gemeinschaftlich zu wohnen. Eva Wonneberger führt dafür eine Reihe von Gründen an. Es geht um Vereinsamung, Selbstwertgefühl, Begegnung, Austausch von Erinnerungen, um die Mobilisierung von Ressourcen, um kulturelle und schöpferische Anregungen; es geht aber auch um den effizienteren Einsatz von Pflegekräften bei Krankheiten und auch um Kostenreduktion.
Diese Argumentation wird unterlegt mit Beispielen von Bewohnerinnen und Bewohnern, aber auch mit Beispielen des Seniorenwohnens.

Kapitel 3: Generationsübergreifendes Wohnen in Gemeinschaften. Hier wird von einem selbst organisierten Projekt in Freiburg berichtet, das ohne Träger zustande gekommen ist. Generationsübergreifendes Wohnen, Mehrgenerationenhäuser und generationsübergreifende Nachbarschaftshilfen findet man allenthalben.
In Freiburg Vauban wurde ein Projekt realisiert, das nachbarschaftlich, ökologisch, sozial-integrativ und generationsübergreifend sein sollte. Ausführlich werden Motive und Interessen dargestellt, Schwierigkeiten benannt und über das Selbstverständnis berichtet, Pioniere des Gemeinschaftswohnens zu sein.
Mit dem Gemeinschaftswohnen in Karlsruhe Grünwinkel wird ein anderes Projekt beschrieben. Es werden Lernerfahrungen dokumentiert und ausführlich der persönliche Eindruck geschildert, den die Autorin hatte.
Die Unterschiede zwischen den Projekten: In Freiburg hat eine selbst organisierte Gruppe hoch engagierter und hoch gebildeter Initiatoren das Projekt auf den Weg gebracht; in Karlsruhe hat die Stadtverwaltung ein Unternehmen beauftragt.

Kapitel 4: Baugenossenschaften. Das Französische Viertel in Tübingen ist ein Paradebeispiel für diese Form des Bauens und Wohnens. In kooperativer und selbst organisierter Form bauen „Genossen“ und vernetzen sich über das gemeinsame Interesse am vernetzten Bauen. Auch hier wird der Prozess beschrieben, der am Ende zu einer derartigen Kooperative führte und es werden die städtebaulichen Aspekte beschrieben, die schließlich für die Stadtentwicklung von besonderer Bedeutung sind: ein in einer Randlage befindliches Kasernenobjekt wird zum integralen Bestandteil der Stadtkultur und der urbanen Kerndynamik der Stadt Tübingen.

Kapitel 5: Genossenschaftswohnen. Genossenschaftswohnen ist eine höhere Form des organisierten Zusammenschlusses von Akteuren. Am Beispiel der Pro-Genossenschaft, die in Stuttgart mehrere Häuser unterhält, beschreibt E. Wonneberger diese Form des Wohnens. Die Bewohnerschaft wurde befragt und es wurde deutlich, dass kulturelle Vielfalt als Bereicherung angesehen wurde; denn jeder bringt seine Geschichte mit. Solche Positionen findet man nicht in prekären Lebensverhältnissen, wo man selbst auch nach Anerkennung und Zugehörigkeit ringt.
Das zweite Beispiel stammt aus Karlsruhe, das auf dem Gelände einer Kaserne errichtet wurde. Die MieterInnnen-Genossenschaft Karlsruhe ist ein Zusammenschluss verschiedener Wohninitiativen mit einem starken Anteil sozial gebundener Wohnungen. Es war von Anfang an gedacht als aktive Selbsthilfe gegen prekäre Lebenslagen (90).
Die beschriebenen Unterschiede der beiden Projekte liegen vor allem in der sozialstrukturellen Zusammensetzung der Bewohnerschaft und den daraus folgenden Handlungsmöglichkeiten und -beschränkungen.

Kapitel 6: Mietergemeinschaften. Mietergemeinschaften wollen sicherstellen, dass Bewohnerinnen und Bewohner sorglos leben können. Auch hier wird ein Beispiel aus Freiburg vorgestellt.
Es geht aber auch um kollektive Wohnformen. Geht es um die klassische Wohngemeinschaft: jeder hat ein Zimmer und die Küche und das Bad werden gemeinsam genutzt? Auch diese Form des Wohnens wird an Hand von Beispielen ausführlich beschrieben.

Kapitel 7: Rechtsformen für Wohnen. In diesem Kapitel werden unterschiedliche Rechtsformen vorgestellt, die in Frage kommen, wenn man sich für ein Modell entscheidet: Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die Genossenschaft, die Kommanditgesellschaft.

Kapitel 8: Empfehlungen/Checkliste. Hier wird ein Procedere vorgeschlagen, wie man gemeinschaftliche Wohnprojekte durchführt.

Diskussion

Eva Wonneberger setzt sich ausführlich und gründlich mit den unterschiedlichen Formen des gemeinschaftlichen Wohnens auseinander, wo bei der Aspekt der Praktikabilität des Wohnens und der alltagspraktische Nutzen eines solchen Wohnens im Vordergrund steht. Die phänomenologische Beschreibung auch auf Grund eigener Anschauung und der Erfahrungen und Einsätzungen von Bewohnerinnen und Bewohner ist sicher geeignet, diese Formen vorzustellen.

Welche Bedeutung diese Wohnformen für die Gestaltung von Stadtquartieren hat, welche Rolle diese Formen des Wohnen für den gesellschaftlichen Wandel insgesamt haben und was daraus für eine Politik der Wohnraumversorgung in Städten und Kommunen erwächst – diese Fragen stehen sicher nicht im Fokus der Betrachtung, wären aber auch für das Verständnis der Veränderungen des Wohnens durchaus hilfreich.

Fazit

Eine informative und interessante Handreichung.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 27.12.2011 zu: Eva Wonneberger: Neue Wohnformen. Neue Lust am Gemeinsinn? Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-86226-067-6. Reihe: Beiträge zur gesellschaftswissenschaftlichen Forschung - 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12603.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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