socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Friedhelm Beiner: Janusz Korczak - Themen seines Lebens

Cover Friedhelm Beiner: Janusz Korczak - Themen seines Lebens. Eine Werkbiographie. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2011. 288 Seiten. ISBN 978-3-579-06561-8. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor und Thema

Wer ein solches Buch wagt, muss im Werk des gewählten Autors nahezu besser zu Hause sein als dieser selbst. Schließlich geht es darum zu beschreiben, „…in welchen Lebensabschnitten welche Themen entwickelt wurden und worauf sie im Kern abzielen“. (13) Leben und Werk sollen so in ihrer chronologischen Abfolge entstehen und sich den Leser/innen unmittelbar erschließen. Tatsächlich wird es kaum einen deutschsprachigen Korczak-Forscher geben, der für diese Herausforderung besser gerüstet wäre als Friedhelm Beiner. Gemeinsam mit dem 2004 verstorbenen Erich Dautzenroth hatte er die deutsche Werkausgabe von Janusz Korczak angelegt und betreut – unterstützt von Silvia Ungermann, deren umfangreiche Habilitationsschrift als Referenzwerk der Korczak-Literatur u.a. aus dieser verdienstvollen editorischen Arbeit hervorgegangen ist.

Nun also liegt ein weiterer Schlüssel zum Werk dieses außerordentlichen Pädagogen vor, der 1942 im Namen der deutschen Terrorherrschaft zusammen mit den Kindern seines jüdischen Waisenhauses in Treblinka ermordet wurde. Auch in der Sprache seiner Henker kann Korczaks pädagogische Gedankenwelt im Zeichen der Achtung vor dem Kind so weitere Wirkung entfalten. Es ist ein wichtiger Dienst der hier erbracht wurde, nachdem das Gesamtwerk seit 2010 zur Verfügung steht, aber allein schon des Umfangs wegen – 16 dicke Bände und zwei Ergänzungsbücher mit Zeitzeugenberichten – nicht so einfach zu erobern ist. Dabei ist es immer auch die Klarheit und Einfachheit der Schilderungen und Reflexionen von Korczak, die Leser/innen faszinieren und die es zu entdecken gilt. Hierfür nun ist die Werkbiographie von Friedhelm Beiner überaus hilfreich.

Aufbau und Inhalt

Beiner rekonstruiert das Leben von Janusz Korczak in 16 Abschnitten. In teilweise erstaunlich detaillierten Unterteilungen wird der Werdegang des Kindes, des Studenten, des Arztes, des Pädagogen und schließlich des Autors der Ghetto-Tagebücher durch die zitierten Fragmente aus dem überlieferten Werk in dessen eigenen Worten lebendig. Dazu erzählt Friedhelm Beiner mit angemessen nüchterner Sprache aus dem Leben von Korczak und webt Informationen und ergänzende Perspektiven aus einem schier unerschöpflichen Fundus von Sekundärquellen ein. Die systematische Aufstellung der Werkausgabe und deren reichhaltige Kommentierung werden nun der biographischen Abfolge untergeordnet und entsprechend neu sortiert.

So entsteht also ein facettenreiches Bild dieses Lebenslaufes von dem Korczak selbst in seinem Ghetto-Tagebuch, diesem zutiefst bewegenden Literaturstück der Weltgeschichte, schreibt: „Mein Leben ist schwierig, aber interessant gewesen. Um so eines hatte ich Gott in meiner Jugend gebeten.“ (265) Zugleich werden die Themen seiner Arbeiten in ihrer zeitlichen Abfolge entwickelt und auch nachvollziehbar. Die Genese seiner pädagogischen Ideen in den frühen Studentenjahren und vor dem Hintergrund seiner Schweizreise oder auch der späteren Fortbildungen in Berlin, Paris und London können nachvollzogen werden. Im Zentrum des Lebens wie des aktiven Wirkens von Korczak steht dann die Entwicklung der (Kinder)Republiken in den Waisenhäusern Dom Sierot und Nasz Dom, die als demokratische Ordnungen rechtlich verfasst sind und alle ihre Bewohner (Erwachsene und Kinder) auf gegenseitige Achtung verpflichten. Auch die Entwicklung seiner Methode vollzieht sich gleichsam vor den Augen des Lesers, bis hin zum letzten veröffentlichten Buch „Fröhliche Pädagogik“ von 1939.

Die Schlusskapitel betreffen dann notwendig jene fürchterliche Phase im Warschauer Ghetto bis zum Abbruch des Tagebuchs. Was hier deutlich wird ist, dass Korczak den Prinzipien seiner Pädagogik treu bleibt und unter den widrigsten vorstellbaren Bedingungen seine Arbeit mit den Kindern und für sie fortsetzt. Es ist wie bei allen Schriften, die diese Ereignisse Chlodna-Strasse schildern, für uns Heutige ist es eigentlich nicht fassbar und schwer erträglich diese nachzuempfinden. Zugleich scheint es auch unmöglich, diese Schilderungen und Selbstzeugnisse ohne innere Anteilnahme zu lesen.

Diskussion

Ersetzt die Werkbiographie von Beiner die bestehende deutschsprachige biographische Literatur zu Korczak? Insbesondere die bewährte Bildmonographie von Pelzer in der Rowohlt-Reihe ist grundsätzlich mit vergleichbarer Zielsetzung aufgebaut. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Pelzers „Korczak“ bereits in den 80ern erschienen ist (mit vielen Neuauflagen) und das dortige Lebensbild ungleich weniger differenziert durch Rückbindungen in das Werk aufscheint. Die Schrittfolge in Beiners werkbasierter Lebensgeschichte ist gleichsam einer chronologischen Dokumentation präsentiert und mit dem nunmehr in Deutsch zugänglichen Material verknüpft, das weit in die zeitgeschichtlichen und kulturellen Bedingungen von Korczaks Leben hineinreicht. Gerade für jene Leser/innen, die mit seiner Gedankenwelt bereits vertraut sind, wird diese Verortung im Umfeld eine große Bereicherung mit vielen Entdeckungen sein. Die bisherigen Darstellungen waren eher abgesondert vom sonstigen pädagogischen Schrifttum gelagert. Sie bewegten sich interpretierend innerhalb der wenigen übersetzten Hauptwerke. Da eine nennenswerte Rezeption von Janusz Korczak in der deutschen Diskussion weder zeitgenössisch noch bis zur Friedenspreisrede 1972 stattgefunden hatte, konnte Korczak geradezu als Solist in der pädagogischen Welt erscheinen. Durch Beiners Projektion der wesentlichen Werkaussagen auf den Zeitstrahl des persönlichen Lebensweges wird Korczak als vernetzter und weitgereister polnischer und jüdischer Intellektueller mit europäischem, ja weltweitem Horizont ins Recht gesetzt. Um die Frage nach der Stellung gegenüber Pelzers Arbeit nochmals aufzugreifen: Künftig sollte man die Lektüre von Pelzer unbedingt mit der Werkbiographie von Beiner flankieren. Umgekehrt dürfte Pelzers anschauliche Darstellung auch weiterhin eine hilfreiche Ergänzung zur neuen Werkbiographie sein.

Fazit

Korczaks Werkbiographie, die von Friedhelm Beiner akribisch und mit Überblick erarbeitet wurde, ist eine große und verdienstvolle Leistung. Sie zerlegt die voluminöse deutsche Werkausgabe in Facetten des Denkens von Janusz Korczak, um sie dann als Entwicklung dieses Denkens neu zu ordnen. Ein besonderer Gewinn ergibt sich durch die vielfältige Verortung von Korczaks Gedanken mit Hilfe der Sekundärliteratur und den Quellen die durch die Arbeit an der Werkausgabe gehoben wurden. Schließlich ist Friedhelm Beiner in der exzellenten Position, die Chronologie immer wieder auch zu überschreiten und Bezüge in das Gesamtwerk des polnischen, jüdischen Arztes und Pädagogen herzustellen. Das Buch ist somit ein Schlüssel in das Gesamtwerk. Es ist zugleich ein Arbeitsbuch für die kritische Auseinandersetzung mit Janusz Korczak und erlaubt auch die Entwicklung zukünftiger weiterer und neuer Gespräche von Leser/innen mit diesem anregenden Autor. Ein abschließendes, endgültiges Bild wird nicht gegeben. Und das würde selbst Korczak gefallen haben. Wie schreibt er in einem seiner Hauptwerke: „Immer wenn du ein Buch aus der Hand legst und beginnst, den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch sein angestrebtes Ziel erreicht. – Wenn du rasch umblätterst – Vorschriften und Rezepte suchst und dich ärgerst, dass es so wenige sind – wisse, falls es da Ratschläge und Hinweise gibt, entspricht das nicht dem Willen des Autors.“ (Janusz Korczak, Das Kind in der Familie, Werke Bd. 4, S. 10)


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) seit 2009; Mitglied im Team deutscher Bologna-Experten des DAAD (2007-2013); ehem. Vorsitzender des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit (2006-2012)


Alle 14 Rezensionen von Ulrich Bartosch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Bartosch. Rezension vom 20.11.2012 zu: Friedhelm Beiner: Janusz Korczak - Themen seines Lebens. Eine Werkbiographie. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2011. ISBN 978-3-579-06561-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12614.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Jesteburg

Leiter/in für Schulkindbetreuung, Freiburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!