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Lars Burmeister, Leila Steinhilper: Gescheiter scheitern

Cover Lars Burmeister, Leila Steinhilper: Gescheiter scheitern. Eine Anleitung für Führungskräfte und Berater. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. 140 Seiten. ISBN 978-3-89670-805-2. 19,95 EUR.

Reihe: Management, Beratung.
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Thema

Die Autoren dieses Buches plädieren für einen Perspektivenwechsel im Umgang mit der ganz normalen Erfahrung des Scheiterns, weg vom Verschweigen und von individuellen Schuldzuweisungen, hin zu Analyse, Neubewertung und letztlich zu einer Organisationskultur, die Misserfolge als mögliche Folge jedes Handelns zulässt.

Mit Beispielen aus ihrer Praxis als Organisations- und Personalberater, Tools und Vorschlägen für Workshops zeigen die Autoren, dass Scheitern ein ganz normaler Entwicklungsschritt ist, der keine destruktive Kraft haben muss, sondern nach angemessener Zeit Inspiration für einen besseren Weg sein kann.

Autor und Autorin

Lars Burmeister ist geschäftsführender Gesellschafter der systemisch-komplementären Organisationsberatung Königswieser & Network.
Leila Steinhilper ist Kommunikationswissenschaftlerin mit systemischer Beraterlangzeit- und Coachingausbildung und Netzwerkpartnerin bei Königswieser & Network.
Andere AutorInnen von Beiträgen sind Astrid Burkhardt, Sandra Bluhm, Ingmar Carlberg, Charlotte Götz, Roswita Königswieser, Katrin Klüber, Benedikt Schell und Sabine Vorberg.

Entstehungshintergrund

Das Buch wurde von BeraterInnen auf Basis einer qualitativen Analyse von 12 Tiefeninterviews geschrieben, theoretische Basis ist die systemische Brille, d.h. die Betrachtung von Elementen, Systemen und Umwelten, also auch des Kontexts und der Eigendynamiken des Systems, in welchem gescheitert wird. Ziel ist eine lösungsorientierte Betrachtungsweise, also das Lernen für die Praxis.

Aufbau

Nach einem Vorwort und der Einführung in die Thematik widmet sich Kapitel 2 „Annäherung an ein Phänomen der Herkunft und Bedeutung des Wortes sowie dem Scheitern im gesellschaftlichen Kontext . In Kapitel 3 „Forschen zum Thema Scheitern – Idee und Prozess“ wird der Forschungsprozess beschrieben. Ergebnisse werden im Kapitel 4 „Was haben wir über Scheitern gelernt?“ beschrieben. Kapitel 5 stellt „Tools zum gescheiteren Scheitern“ vor, etwa das Lernen aus Projekten, über die man nicht gerne spricht, einem Workshop, oder Hinweise zum Überbringen schlechter Nachrichten.

Inhalt

Erfahrungen des Scheiterns begleiten jeden Menschen von Kindheit an. Kein Mensch kann laufen lernen, ohne zu stürzen. Doch über das eigene Scheitern zu sprechen, gehört zu den letzten Tabus unserer erfolgsorientierten Gesellschaft (Peter Sennett). Das gilt auf individueller ebenso wie auf gesellschaftlicher Ebene oder in Organisationen. Mit der Aufklärung wurde Erfolg und damit auch Scheitern vom Gestaltungsbereich Gottes oder des Schicksals zu jenem der Akteure verschoben, womit Scheitern erst zu solchem wurde, nämlich zu selbstverschuldetem Misslingen.

Gescheiter scheitern setzt nun voraus, dieses zunächst nicht zu tabuisieren, sondern sich damit aktiv auseinander zu setzen, es nicht vorschnell als Chance sehen zu müssen, sondern es zunächst ernst zu nehmen, es aber eher als Scheitern eines Vorhabens denn als Scheitern der gesamten Person zu bewerten. Wesentlich ist somit eine Differenzierung zwischen Person und Situation, das Wissen um eigene Fähigkeiten und Grenzen, sowie eine aufrechte Haltung zum Scheitern, d.h. dessen grundsätzliche Akzeptanz als zum Leben gehörenden möglichen Entwicklungsschritt. Grundlegende Voraussetzung dafür ist Reflexion – insbesondere in Organisationen, die in besonders hohem Maß zur Tabuisierung von Fehlschlägen neigen.

Als weiterer entscheidender Schritt wird eine „aufrechte Kultur des Scheiterns“ 41 vorgeschlagen, d.h. Scheitern als mögliches Ergebnis jeglichen Handelns mitzudenken und mit einer gewissen Gelassenheit zu akzeptieren und es gesellschaftsfähig zu machen – auch dies ist in Organisationen noch schwerer als im privaten Bereich.

In der Folge wird Scheitern auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet, zunächst in der individuellen Perspektive. Hinterher ist man hier nur dann schlauer, wenn das Scheitern hinlänglich reflektiert und ein flexibler, kreativer und anpassungsbereiter Umgang mit der Situation gepflegt wird (47). Entscheidend ist hier sicher die Attribuierung, entweder auf freundliche, selbstunterstützende Weise oder selbstabwertend.

Ähnlich die Empfehlungen im Kapitel Scheitern in der Rolle als Führungskraft. Manager müssen demnach aus gescheiterten Projekten lernen, um in Zukunft günstigere Entscheidungen zu treffen, das Scheitern von Mitarbeitern mit diesen reflektieren und selbst Vorbild im Umgang mit persönlichem Scheitern sein. „Das Rezept: da, wo man gerade ist, mit Begeisterung arbeiten, ohne Tunnelblick auf nur ein bestimmtes mögliches Ergebnis, das Berufsleben und -streben wie ein Spiel betrachten, bei dem gelegentliches Verlieren dazugehört, neugierig bleiben auf Unverhofftes und das Talent, Gelegenheiten beim Schopfe zu ergreifen.“ 57

Das Kapitel Scheitern in Organisationen und in der Beratung von Organisationen versucht, die Akzeptanz und Visibilität des Phänomens zu erhöhen, also es zu entmystifizieren und als Tatsache zu akzeptieren. Wichtig ist hier auch, der Versuchung zu widerstehen, das Problem zu individualisieren sowie dem möglichen Scheitern einen Platz im System zu geben, auch Räume für den Umgang mit Scheitern, Schmerz und Abschied zu geben – das „Neue eröffnet sich erst, wenn das Alte würdig verabschiedet ist…“ 69

In der Folge werden Praxisbeispiele aus der Wirtschaft angeführt, es werden Unternehmen bzw. Unternehmer skizziert, die langfristig durch gescheiterte Projekte erfolgreich wurden und die zeigen, dass es sich auch wirtschaftlich lohnen kann, offen zu Misslungenem zu stehen und konstruktiv damit umzugehen.

Anschließend an 4 Kurzempfehlungen zu Gelassenheit werden im Kapitel Tools zum gescheiteren Scheitern drei Workshops vorgestellt, z.B. zum Thema Kunst des Scheiterns, in welchem Muster und Logiken des Scheiterns analysiert und handlungsleitende Empfehlungen erarbeitet werden. Ablauf und Hintergrund des Workshops werden detailliert geschildert und kommentiert.

Diskussion

Der dem Buch quasi wie eine Quintessenz bzw. Motto vorangestellte Satz von Alberto Giacometti »Je mehr ich scheitere, desto erfolgreicher bin ich!« erscheint mir doch etwas verklärend – manches Scheitern (oft lebenslängliches) ist einfach Scheitern. Anders, und weitaus differenzierter klingt es, wenn die Autoren schreiben: „Verbietet man es sich zu Scheitern, kann man auch nicht aus Fehlern lernen und beraubt sich somit einer Chance auf mögliche Weiterentwicklung.“ 12

Die Grundidee, dass Scheitern dann der Weiterentwicklung dient, wenn konstruktiv, reflexiv und lösungsorientiert damit umgegangen wird, ist hilfreich, nachvollziehbar und sicher auch richtig. Für diese Reflexion werden im Buch viele Anregungen, Fragestellungen und Perspektiven angeboten. Die Tatsache an sich, dass das Buch sich explizit diesem Thema widmet, ist ein Gewinn – in Form eines Beitrages zur Enttabuisierung des Phänomens Scheitern. Die explizite Betrachtung von Scheitern als Option und die Nennung von dessen potenziellen Entwicklungschancen auf eine relativ nichttriviale Art kann Lesern – sei es in Bezug auf privates Scheitern oder auch in Bezug auf Scheitern als Manager – sicher zu mehr Gelassenheit und damit auch mehr Handlungsfähigkeit in Zusammenhang mit Scheitern verhelfen.

Es ist klar, dass Berater weniger auf Quellenangaben schauen (müssen) als Wissenschaftler, zudem ist das Buch explizit von Praktikern für die Praxis geschrieben. Dennoch würde ich mir z.T. sorgfältigere Quellenangaben wünschen, etwa beim Beitrag über das Überbringen schlechter Nachrichten, in dem die diesbezüglich grundlegende Forschung von Elisabeth Kübler-Ross nicht explizit erwähnt ist, auch wenn die dargestellten Phasen des Prozesses den von ihr auf Basis empirischer Forschung entwickelten Phasen eins zu eins entsprechen.

Es muss auch Praktikern gegenüber nicht immer so übermäßig plakativ argumentiert werden. Definiert als „Fehlschlagen eines Vorhabens, das Nichterreichen eines angestrebten Ziels“ (17) halte ich z.B. die Feststellung, dass aufgrund gesellschaftlicher Veränderungsprozesse heute mehr Gelegenheiten für Scheitern existieren, als für vorangegangene Generationen, doch für höchst übertrieben. Es stimmt, „es gibt für die Mehrheit der Menschen keinen sicheren Arbeitsplatz und keine Planungssicherheit für die ökonomische Karriere“ – aber dies hat es auch für frühere Generationen kaum je mehrheitlich gegeben. Möglicherweise ist die Attribuierung von Scheitern als individuelle Schwäche in Zeiten neoliberalen Denkens schärfer geworden, aber das wäre eine andere Sache.

Die vorgestellten Hypothesen zum Thema Scheitern dagegen sind differenziert und inspirierend, sie können als Basis für eigene oder organisationale Reflexion genutzt werden.

Fazit

Das Buch ist empfehlenswert für BeraterInnen oder ManagementtrainerInnen, die ihre Kompetenz im Umgang mit dem Thema Scheitern erweitern wollen sowie auch für all jene Personen, die sich in der Selbstreflexion zu dem Thema inspirieren lassen wollen.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 29.11.2011 zu: Lars Burmeister, Leila Steinhilper: Gescheiter scheitern. Eine Anleitung für Führungskräfte und Berater. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2011. ISBN 978-3-89670-805-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12615.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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