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Klaus Dörner: Helfensbedürftig. Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert

Cover Klaus Dörner: Helfensbedürftig. Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert. Paranus Verlag (Neumünster) 2012. 248 Seiten. ISBN 978-3-940636-18-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Der 79jährige Psychiater Klaus Dörner gilt als einer der Pioniere der De-Institutionalisierung. Seine Erfahrungen als Leiter des Landeskrankenhauses Gütersloh mit der Ambulantisierung von Psychiatrie-Patienten in Ostwestfalen in selbstbestimmten, betreuten Wohngruppen übertrug er in seinem Buch „Leben und sterben, wo ich hingehöre“ 2007 auf pflegebedürftige alte Menschen mit dem Ziel der Abschaffung der Alten-Pflegeheime. Mit von einem Bürger-Profi-Mix in einem Dritten Sozialraum bewerkstelligten, betreuten Pflege-Wohngruppen schien die Institution Alten-Pflegeheim in absehbarer Zeit ersetzbar. Die Skepsis ob der Verzichtbarkeit der Heime allein in quantitativer Dimension blieb in der Fachwelt bestehen. Dörner legt nun mit seinem wiederum im Paranus-Verlag Neumünster erschienenen, 247seitigen Buch „Helfensbedürftig“ nach.

Autor

Professor Dr. med. und Dr. phil. Klaus Dörner beschäftigt sich nach seiner Berufszeit als psychiatrischer Klinik-Leiter als Emeritus in Wort und Schrift eingehend mit der De-Institutionalisierung betreuungsbedürftiger Klientengruppen wie Behinderten, Dementen, Psychischkranken und Pflegebedürftigen aus Heimen und Groß-Einrichtungen in selbstbestimmte, unterstützte Wohnstätten mit privatem Zuschnitt.

Aufbau und Inhalte

Dörners neues Buch „Helfensbedürftig“ ist ein Plädoyer für das Zusammenwirken von hilfsbereiten Bürgern der Zivilgesellschaft und hilfebedürftigen Menschen unter Einschluss assistierender Professioneller in einer selbstbestimmten, nicht von Experten dominierten Alltagswelt. Der Autor geht von einem Bedürfnis aller Menschen danach aus, für ihre Mitmenschen bedeutsam zu sein. Aus diesem Grund ergibt sich ein anthropologischer Wunsch, anderen zu helfen, mithin „helfensbedürftig“ zu sein. Das Bedürfnis, anderen zu helfen, sieht Dörner auch bei den als hilfebedürftig definierten Menschen selbst vorhanden. Insofern ergibt sich ein großes zivilgesellschaftliches Helferpotenzial, das nur mobilisiert werden muss. In der Altenpopulation sieht der Autor nach der beruflichen Zurruhsetzung noch etwa fünfzehn Aufgaben-leere und darum aktivierbare Jahre des Dritten Alters vor der nach dem 80. Lebensjahr einsetzenden Hilfebedürftigkeit des Vierten Alters, die er im Dritten Sozialraum (zwischen privatem und öffentlichem Bereich) nutzbar machen möchte. Die Hilfekompetenz können sich die Laienhelfer Dörner zufolge über ihr Tätigwerden und im Verbund mit den Professionellen im Bürger-Profi-Mix aneignen.

Diese Gedanken hat Dörner ähnlich bereits in seinem erwähnten Buch „Leben und sterben, wo ich hingehöre“ 2007 geäußert. Neu an der nun erschienenen Schrift „Helfensbedürftig“ ist die noch größere Fülle an Modellprojekten, auf die der Autor verweisen kann. Auch stellt er die angestrebte De-Institutionalisierung in den epochalen Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft. Die rationale Industrialisierung habe die Leistungsgeminderten in separate Anstalten aus der allgemeinen Lebenswelt ausgesondert. Dagegen könne die Dienstleistungsgesellschaft mit ihrer wachsenden Freizeit, teils wahlverwandtschaftlich, wieder bürgerschaftlich-mitmenschliche Nähe generieren, wodurch sich auch die vorindustrielle Gesellschaft noch ausgezeichnet hatte. Denn Dörner begreift dasDienstleistungsmodell postsäkular wieder auf das „Du“ und auf Gott bezogen.

In seinem Hauptkapitel „Auf dem Weg zur Verallgemeinerung der neuen Hilfekultur“ fragt Dörner zehn gesellschaftliche Gebilde darauf ab, was sie zur neuen ambulanten Hilfekultur beitragen können.

  • So können Selbsthilfegruppen Demente mehr als soziale Wesen im Miteinander begreifen als die Wissensgläubigkeit auf Antidementiva, die nur Passivität fördern.
  • Die entgegen vieler Befürchtungen nicht zerfallende Familie gehört auf die Begleitung ihrer hilfebedürftigen Mitglieder vorbereitet, unterstützt und notfalls auch ersetzt.
  • In der Nachbarschaft zwischen Privatheit und Öffentlichkeit erwächst der eigentliche Dritte Sozialraum als Wir-Raum ohne Eigeninteresse und als Stütze für das Gemeinwohl.
  • Die Kirche kommt mit ihrer noch parochialen Struktur diesem Nachbarschafts-Sozialraum sehr nahe. Dem Gottesdienst folgt in vielen Fällen wieder der Sozialdienst. Beide bilden eine Einheit.
  • Der Dritte Sozialraum soll auch vom Bildungswesen mit Praktika von der Schule aus erlebbar gemacht werden; so erfolgt soziale Persönlichkeitsbildung.
  • Die Kommunensollen die Pflege-Aufgaben nach dem Prinzip des „Community Organizing“ partizipativ bewältigen helfen. Betreute Wohnungen können Zusatz-Arbeit schaffen und Leerstände füllen.
  • In der Wirtschaft kann „langsame“ Arbeit per Zusatz-Verdienst Leistungseingeschränkter die Mitwirkungs-Mentalität und den Gemeinwohlcharakter stärken.
  • Das Gesundheitswesen hat auch für den „Letzten und Elendesten“ Verantwortung zu übernehmen, auch wenn das marktmäßig nicht immer lohnt; zu behandeln sind die am stärksten Erkrankten, nicht aber dürfen relativ Gesunde klientifiziert werden.
  • Die Ausgliederungsfunktion der Heime ist zu beenden. Die sich selbst erfüllende Prophezeiung der Passivierung der Heimbewohner und die strukturelle Gewalt der Heime sind zu beenden.
  • Die Politik hat über Querschnitts-Vernetzung vitale Lebensräume für Jung und Alt zu errichten. Bürger-Profi-Wohngemeinschaften lassen sich kommunalpolitisch mobilisieren.

Diskussion

Die Umkehrung des Prinzips Stationär vor Ambulant zur Regel Ambulant vor Stationär fordert ein Umdenken, erscheint aber nach den vielen von Dörner geschilderten Beispielen landauf landab durchaus gangbar. Sie ist auf vielen Gebieten möglich, wenn die Inklusion der Klienten ernst genommen wird; ob es dabei um Behinderte, Demente, Psychischkranke, Pflegebedürftige oder Migranten geht.

Bei seiner Folie des epochalen Übergangs vom Industriesystem zur Dienstleistungsgesellschaft, in den Dörner seine Überlegungen einbettet, ist ihm mit der Benennung des derzeitigen ökonomischen Systems am Beginn des 21. Jahrhunderts als Dienstleistungs-Ökonomie selbst nicht wohl. Und in der Tat ist die Tertiärisierung der Wirtschaft ja ein Ergebnis der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vielleicht wäre die in Teilen zur Partizipation bereite Zivilgesellschaft der bessere Begriff für das, was Dörnermeint. Denn auch das Dienstleistungsprinzip hat mit Pflegerobotern, Ambient Assisted Living AAL und Stress und Burnout in Pflegeberufen seine Tücken, wie der Autor selbst einräumt. Und ob sich auf Dauer bei den Konkurrenzen der Freizeitwelt so viele Helfer für Einsätze im Dritten Sozialraum rekrutieren lassen, wie das Dörner für die Heimfreiheit vorschwebt, steht auch dahin. Der Wunsch nach „täglicher Bedeutung für andere“ lässt sich mehr und mehr auch in den Selbstdarstellungen in den Internet-Twitter-Plattformen befriedigen.

Ob die Selbstbestimmung der Hilfebedürftigen immer nur vom eigenen, selbstbestimmten Haushalt hinauf gestaltet werden muss, wie Dörner propagiert, und nicht auch vom Heim mittels Hausgemeinschaften und Auslagerungen in ambulante Lebenswelten hinunter gedacht werden kann, sollte offen bleiben. Hier könnten sich beide gegenläufige Bewegungen – die Heime zu trabantisieren und die Kleinhaushalte zu vergrößern - vorteilhaft auswirken, im Idealfall sich sogar ergänzen und befruchten.

Leicht lesen lassen sich Dörners Herleitungen nicht immer. Man muss schon ein gewisses Vorwissen über den Zuschnitt der Sozialdienste und Hilfsinstitutionen mitbringen, um Dörners Alternativen folgen zu können. Auch ist der Summe seiner medizin-diagnostischen, anthropologischen, arbeitssoziologischen und kultur-epochalen Erörterungen nicht immer einfach zu folgen.

Aber Dörner ist in Richtung auf die Heimfreiheit inzwischen nicht mehr so apodiktisch und ungeduldig wie in früheren Veröffentlichungen. Schließlich nimmt die Zahl der Altenpflegebedürftigen in Deutschland in naher Zukunft von zwei auf über drei Millionen alter Menschen zu. Dörners Angaben zufolge haben wir derzeit in Deutschland 1.000 bis 2.000 ambulant betreute Pflegewohnungen (wie er selbst auf Seiten 81 und 84 von „Helfensbedürftig“ mitteilt). Damit lassen sich momentan bestenfalls 20.000 Alterspflegebedürftige von den derzeit 700.000 Heimbewohnern unterbringen. Insofern prognostiziert Dörner mit seiner Feststellung, mittelfristig 10, 20 oder 30 % Betreute von stationär auf ambulant verschieben zu können (Seite 245 der Neuerscheinung) realistischer als in früheren Darstellungen, in denen er die totale Abschaffung der Heime suggerierte.

Dieser Realismus verringert aber nicht den nach wie vor feststellbaren, anerkennenswerten Impetus zur Ersetzung des stationären durch das ambulante Betreuungsmodell. Für Dörners Begeisterung für die Ambulantisierung spricht auch die Akribie und Sorgfalt, mit der er die Beschreibung der vielen Wohn-Pflege-Modelle vor Ort mit (Internet-)Adressen zusammen getragen hat.

Fazit

Ein beeindruckendes Mahnzeichen zur humaneren sozialen Einbindung Hilfebedürftiger in selbstbestimmten Wohn-Pflegegruppen richtet Institutionskritiker Klaus Dörner mit seinem neuen Buch „Helfensbedürftig“ erneut auf. Respekt gebietend sind der zeitkritische, geistige Horizont und die Sorgfalt im Detail, mit der die neue Schrift erstellt ist, wenn auch Dörners methodischer Ansatz der Ambulantisierung aus seinen früheren Schriften bekannt ist.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 25.06.2012 zu: Klaus Dörner: Helfensbedürftig. Heimfrei ins Dienstleistungsjahrhundert. Paranus Verlag (Neumünster) 2012. ISBN 978-3-940636-18-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12621.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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