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Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten

Cover Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten. Zwischen Schizophrenie und Alltag. Paranus Verlag (Neumünster) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-940636-17-1. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR.
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Autor

Roman Preist ist ein promovierter Biophysiker, der seit 18 Jahren mit der Diagnose Schizophrenie lebt. Bei dem Namen Roman Preist handelt es sich um ein Pseudonym des Autors. Heute arbeitet er als Produktspezialist bei einem Pharma-Unternehmen.

Thema

Heutzutage trauen sich immer mehr Professionelle, Angehörige und Betroffene Bücher über ihre Erfahrungen mit dem Krankheitsbild der schizophrenen Psychose zu schreiben – eine Entwicklung, die sehr zu begrüßen ist. Vielleicht denkt sich der/ die eine oder andere LeserIn „nicht schon wieder ein Buch über Schizophrenie“. Aber die Vielfalt der bisherigen und auch weiterhin entstehenden Publikationen zeigt, wie unterschiedlich die Betroffenen und Angehörigen mit der Diagnose umgehen. Weder der Verlauf noch die Art und Weise, wie Schizophrenie das Leben des/ der Einzelnen beeinflusst oder beeinflussen wird, sind vorhersagbar. Folglich ist keine dieser Publikationen wie die andere.

Aufbau und Inhalt

Das Leben mit der Diagnose einer Schizophrenie kann so unterschiedlich sein, wie das Ausmaß und der Verlauf der Erkrankung selbst. Roman Preist will in seinem Buch zeigen, „wie die Schizophrenie ein angenehmes, weitgehend positives Leben nach und nach zerstört“ (S. 7) und gleichzeitig Hoffnung geben, in dem er darüber berichtet „wie man aus dem Sumpf dieser Krankheit wieder herauskommt“ (ebd.). Die zentrale Nachricht lautet: Ein Leben ist mit bzw. trotz Schizophrenie lebenswert.

Sein Roman lässt sich inhaltlich in folgende Kapitel unterteilen, die wiederum mehrere Unterkapitel beinhalten:

  • Ralfs Leben vor der Erkrankung
  • Der erste Zusammenbruch
  • Wie es weiterging
  • Zum Abschluss

Ralfs Lebensgeschichte beginnt vor der Erkrankung im Kleinkindalter und beleuchtet in einer Art Schnellüberblick wesentliche Schlüsselerlebnisse, die sein Leben prägten. In der Grundschule gehörte er immer zu den besten Schülern, während seine Noten auf dem Gymnasium ins Mittelfeld absanken. Während der Zeit auf dem Gymnasium, war es Ralf sehr wichtig „dazuzugehören“ (S. 16), da er seine Kindheit vorwiegend sozial zurückgezogen verbrachte. Eine Ursache dafür ist, dass die anderen Kinder in den Augen seiner Mutter nie gut genug waren(vgl. S. 12). Später berichtet er kurz über seine Zeit bei der Bundeswehr (ABC-Abwehr und Fallschirmjäger), welche ihn sehr prägte. So etwas wollte er nie mehr erleben müssen (S. 23). Nach dem sein Vater infolge eines Herzinfarktes verstorben war, musste Ralf für sich selber sorgen. Er begann sein Studium und engagierte sich erfolgreich in Theaterprojekten. Die Doktorarbeit ließ auch nicht mehr lange auf sich warten. Zwischendrin erfährt der/ die LeserIn von der ein oder anderen Bezugsperson, sexuellen Erfahrung oder Liebesbeziehung. Dem/ der LeserIn wird jedoch schnell deutlich, dass Ralf trotz seiner beruflichen Erfolge von starken Selbstzweifeln geplagt ist. Diese ziehen sich wie ein roter Faden durch die Lebensgeschichte und finden ihren Ursprung u.a. in der Suche nach einer eindeutigen geschlechtlichen Identität. Seit frühester Kindheit hegt(e) Ralf Zweifel daran, ob er ein Mann oder eine Frau sei. „Mein Bemühen, ein ganz normaler Junge zu sein, war zwar groß, aber nicht unbedingt von Erfolg gekrönt.“ (S. 20.).

Die Selbstzweifel verschlimmerten sich kontinuierlich bis es dann zum ersten Zusammenbruch in Madrid kam. Der Autor beschreibt eindringlich, wie sich die Gefühlswelt in ihm veränderte. Ralf bemerkte, wie Aggressionen in ihm aufstiegen und er zunehmend verletzlicher wurde. Die Wut gegen sich selbst, weil er immer ein „perfekter und vorbildlicher Mensch“ (S. 65) sein wollte, entwickelte sich zum Selbsthass. Der Alkoholkonsum stieg rasant an. Ralf entwickelte ein starkes Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen. Der Gedanke, dass andere über ihn reden würden begleitete ihn Tag und Nacht. Er glaubte verfolgt zu werden. „Es bildete sich eine gefährliche Mischung aus Angst, Wut und Verzweiflung, die ein Loch in sein Herz fraß.“ (S. 70). Seit Wochen wurde er von Gefühlen der Verzweiflung und grenzenlosen Verlorenheit heimgesucht (vgl. S.71). Zusätzlich vom Wahn bestimmten nun auch akustische Halluzinationen (Stimmen) seinen Alltag, seine Gefühlswelt und sein Erleben. Nach seinem ersten Suizidversuch kam er erstmalig auf eine geschlossene Station. Anschließend begann der Kampf gegen die Erkrankung von neuem. Medikamente wurden verschrieben, genommen und abgesetzt. Die Psychose kam erneut. Diese Phasen wiederholten sich … Der „innere Zerfall, der in den nächsten Jahren in Ralf stattfindet, ist zum Teil auch im Äußeren nur noch schwer zu verbergen.“ (S. 120). Ralfs Wohnung ist gekennzeichnet von einem „leckere[n] Kneipengeruch aus abgestandenem Bier, Rauch und Zigarettenkippen“ (S. 121). Die Wohnung war in einem katastrophalen Zustand, was auch den NachbarInnen nicht verborgen blieb. Ralf unternahm zwischenzeitlich immer wieder Versuche zu arbeiten, jedoch gingen die Symptome nie ganz weg. Die Verzweiflung wächst und mündet in einem zweiten Suizidversuch („Der Höhepunkt seines völlig verkorksten Lebens.“ (S. 148)). Auf Anraten seiner Schwester ließ er sich dann in eine Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik einweisen. Vor Ort gab es ein intensives Therapieprogramm mit Einzelgesprächen und verschiedenen Gruppenangeboten. Anschließend fand er eine Festanstellung für die Betreuung von Krankenhäusern. Diese Arbeit bereitet ihm große Freude, da die fachlichen Anforderungen mehr seinen Qualifikationen entsprechen (vgl. S. 152).

Nach diesen vielfachen – teils auch sehr traumatischen Erfahrungen begann Ralf sich mehr mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie zu beschäftigen. In den folgenden Kapiteln erfährt der/ die LeserIn, wie es mit Ralf weiterging. Er recherchierte viel und schrieb das vorliegende Buch. Der Wahnsinn hatte ihn jedoch nie ganz verlassen. Er erlitt eine schwere Depression, so dass sich Klinikaufenthalte nicht gänzlich verhindern ließen. Anke, seine Ehefrau unterstützte ihn in dieser Zeit so gut sie konnte. Allerdings litt die Ehe aufgrund vieler Missverständnisse. „In seinem psychotischen Wahn zog er Anke immer öfter mit hinein in den Kreis der Verdächtigen. […] Er konnte kein rechtes Vertrauen mehr zu ihr haben.“ (S. 180). In einem weiteren Unterkapitel beschreibt er eine Gottesgemeinde, der er und Anke beigetreten sind. In der folgenden Zeit unternahmen beide nichts mehr privat und sprachen nicht mehr über Probleme. Ehe sie sich endgültig trennten führten sie noch ein Jahr lang eine platonische Beziehung. Nach einem erneuten Klinikaufenthalt beschloss er seine Freizeit aktiver zu gestalten und trat in einen Freizeitklub ein, wo er Alina kennenlernte. Ralf sprach von Anfang an offen mit ihr über seine Erkrankung. Die Beziehung beschreibt er als harmonisch. Nach einiger Zeit heirateten beide und bekamen ihren ersten Sohn. Ralf kümmerte sich sehr um seine kleine Familie und war sehr glücklich. Andererseits wollte er jedoch auch wieder seinen „Geschäften“ (S. 189) nachgehen, um Geld zu verdienen. Dies überlastete ihn sehr und er war unfähig seiner Arbeit nachzugehen (vgl. S. 190). Inzwischen ist Ralf stolzer Vater von zwei Kindern. Wenn er merkt, dass die psychotischen Symptome wieder auftreten verdoppelt er seine Neuroleptika-Dosis.

Zum Abschluss erläutert der Autor noch einige „Gedanken zur Rolle von Schizophrenen“ (S. 194) und lässt seine Gedanken kreisen. Er erörtert seine Theorie zur Entstehung und dem Wesen von Schizophrenie. Hierbei geht er auf das Stress-Vulnerabilitätsmodell, die Dopaminpuffer-Hypothese, der Refokussierung des Informationsfilters unter Angst und das Fehlerratenmodell ein. In seinen Schlussfolgerungen gibt er ein paar Anmerkungen, zum Umgang mit Betroffenen und fasst seine Hypothesen zusammen.

Zielgruppe

Es ist schwer die genaue Zielgruppe für diesen Roman zu bestimmen. Einerseits richtet er sich natürlich an all die Menschen, die sich für das Krankheitsbild und die Betroffenen interessieren. Den professionellen HelferInnen, die in ihrem jeweiligen Kontext mit psychisch kranken Menschen arbeiten erhalten einen guten Einblick in die Innenwelt eines Betroffenen. Letztere bleibt den betreffenden Berufsgruppen in der Praxis häufig vergönnt. Angehörige erkennen vielleicht die ein oder andere Situation und erleben, wie es sich für den Betroffenen in der jeweiligen Situation (z.B. Suizidversuch) anfühlt. Und Betroffene können sich vielleicht gut mit Ralf identifizieren. Auf der anderen Seite jedoch, beschreibt Preist detailliert, wie es erst einmal berg ab ging. Dies könnte den/ die Einen oder Anderen vielleicht auch ängstigen oder resignieren lassen. An diesen Stellen kann ich nur ermuntern das Buch weiterzulesen, um sich ein Gesamtbild von Ralf zu machen.

Diskussion

Die Geschichte von Ralf zeigt sehr detailliert, wie sich Menschen im Zuge von Erkrankungen und Diagnose verändern können. Hierbei spielt es keine Rolle, welchen Status sie zuvor in der Gesellschaft einnahmen. Von Ralfs Leben vor der Erkrankung blieb nicht mehr viel übrig. Allerdings hat er es geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen. Heutzutage ist er Vater zweier Kinder, verheiratet, hat einen Job und ist Autor. In der Praxis lässt sich vermehrt beobachten, dass schizophrenen Menschen teilweise (zu) wenig zugetraut wird. Das Leben erscheint vielen zunächst einmal nicht lebenswert. So dass die Öffentlichkeit Menschen braucht, die zeigen, dass ein Leben auch mit solch einer schweren Erkrankung lebenswert ist. Professionelle, die Mut machen. Angehörige, die Mut machen und vor allem auch Betroffene, die anderen Mut machen.

Preist beschreibt auf eindrucksvolle Weise, wie wichtig es Ralf war, die äußere Fassade aufrechtzuerhalten. Weiterhin werden viele Symptome eindrucksvoll beschrieben, ohne nur genannt zu werden. Angst, Scham und Wut werden im Laufe der Lebensgeschichte immer wieder spürbar. Ein weiteres Problem, dass Preist aufgreift ist die Sprachlosigkeit. Häufig fällt es den Betroffenen schwer, über ihre Erlebnisse oder ihre Gedanken zu sprechen. Angehörige, die sehen, dass mit ihrem Gegenüber einiges nicht zu stimmen scheint haben eine Angst dies anzusprechen. Somit machen beide Seite sich häufig etwas vor, was katastrophale Folgen (für beide Seiten) haben kann. Die Verzweiflung ist an vielen Stellen des Buches sehr deutlich beschrieben. Ralf musste lernen, die Schizophrenie zu akzeptieren. Dies ist ein Prozess, den er bis heute durchlebt.

Obwohl das Buch den/ die LeserIn förmlich in die Welt von Ralf hineinzieht ist es an einigen Stellen auch anstrengend zu lesen. Dieses Argument, kann jedoch auch positiv gedeutet werden, da die Zeit ja auch für Ralf sehr anstrengend war und das Buch dadurch sehr authentisch zu sein scheint. Preist beschreibt viele Situationen, so dass es dem/ der LeserIn teilweise schwer fällt, die zeitliche Dimension einzuschätzen. Nach einiger Zeit fragt man sich „Was ist eigentlich mit Lucille/ der Mutter/ der Schwester etc. geworden“. Phasenhaft gibt der Autor darauf Antwort in Form einer kurzen Zusammenfassung. Diese reißen den/ die LeserIn immer aus dem „Innenleben“ von Ralf heraus. Der Autor wechselt bewusst zwischen der Er- und Ich-Form beim Schreiben, was er bereits in seinen Vorbemerkungen ankündigt und erklärt. Jedoch geht dadurch an einigen Stellen der persönliche Bezug verloren.

Leider bleibt dem/ der LeserIn das Klinikerleben weitestgehend verborgen. Der Autor berichtet häufig nur, wenn Ralf in die Klinik kommt und er später entlassen wird. Die Klinikzeit selber wird nur anhand einer Klinik näher beschrieben. Durch die negative Erfahrung, die Ralf beim Zusammentreffen mit einem scheinbar unprofessionellen Pfleger machte, könnte ein zu einseitiges Bild von Kliniken entstehen und alte Klischees hervorrufen.

In den letzten Unterkapiteln klärt Preist den/ die LeserIn über das Krankheitsbild der Schizophrenie auf. Diese Unterkapitel haben einen psychoedukativen Charakter. Anschließend beschreibt er eigene Hypothesen zum Krankheitsbild, die vielen ForscherInnen Inspirationen für neue Forschungsprojekte geben könnten, denn ohne Beweise sind die genannten Hypothesen leider nur wenig tragbar.

Fazit

Alles in allem ist das Buch das, was der Autor verspricht. Es zeigt, wie Schizophrenie ein Leben zerstören und wie man sich ein neues Leben aufbauen kann. Ralfs Geschichte beschönigt nichts und macht deutlich, dass der Rückfall ein ständiger Begleiter sein kann. Trotz allem hat Ralf es geschafft, wieder zu leben und glücklich zu sein. Die Geschichte eines Betroffenen mit Happy-end.


Rezension von
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Anika Stitz. Rezension vom 11.09.2012 zu: Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten. Zwischen Schizophrenie und Alltag. Paranus Verlag (Neumünster) 2011. ISBN 978-3-940636-17-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12622.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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