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Sabine Morgan: [...] Umgang mit seelischen Traumatisierungen

Cover Sabine Morgan: Wenn das Unfassbare geschieht - vom Umgang mit seelischen Traumatisierungen ; ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und ihr soziales Umfeld. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2003. 151 Seiten. ISBN 978-3-17-017905-9. 16,80 EUR.
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Zielgruppe, Thema, Autorin

Der Ratgeber wendet sich an Menschen, die belastende Ereignisse erlebt haben, an ihre Freunde und Angehörigen. In einer sehr einfachen Sprache, anhand von Beispielen und Metaphern werden psychische Sachverhalte (Reaktionen auf traumatische Erlebnisse, Symptome, Erkrankungen), Möglichkeiten der Selbsthilfe und unterschiedliche professionelle Hilfsangebote erklärt. Die Autorin ist Diplom-Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Trauma-Ambulanz der Universität München.

Aufbau und Inhalte

Nach einer Einleitung beginnt das Buch mit der Beschreibung verschiedener Ereignisse, die traumatisierend sein können und Erläuterungen dazu, was ein Trauma kennzeichnet. Dabei werden psychische Prozesse, die während des Erlebens auftreten können (z.B. veränderte Wahrnehmung von Zeit und Ort) anschaulich beschrieben. Von der Autorin wird ein sehr weiter Trauma-Begriff verwendet. Eine Abgrenzung zu Ereignissen, die zwar belastend, aber nicht traumatisch sind (z.B. das Sterben von Angehörigen, dies ist meistens nicht traumatisch) fehlt dabei. Anschließend werden häufige Beschwerden und Symptome, die nach traumatischen Erlebnissen auftauchen können, beschrieben und erläutert, welche Möglichkeiten der Selbsthilfe es sowohl unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis als auch im späteren Verlauf gibt.

Der dritte Teil des Ratgebers beschäftigt sich damit, wann professionelle Hilfe aufgesucht werden sollte und was genau jemanden beim Psychotherapeuten erwartet. Der Weg zu professioneller psychotherapeutischer Hilfe wird praxisnah geschildert, die Rolle von Medikamenten besprochen. Ausführlich und mit vielen Details erfährt der Leser, wie niedergelassene Psychotherapeuten bei den Krankenkassen Therapien beantragen und wie das Prozedere dabei für den Patienten derzeit ablaufen kann. Allerdings fehlt der explizite Hinweis, dass viele dieser Details je nach dem Umfeld, in dem sich der behandelnde Therapeut bewegt, unterschiedlich sind (andere Abrechnungsmodalitäten etc.) und sich zudem laufend ändern, dies sollte beim Leser im Fall der Kontaktaufnahme mit einem Therapeuten nicht zu Verunsicherungen führen. Die Autorin leistet mit der Darstellung der Hilfsangebote jedoch einen wichtigen Beitrag zur Orientierung im Dschungel der professionellen Angebote (Psychiater, Psychotherapeuten, verschiedene Therapiemethoden) und erleichtert so den Zugang. Erfreulich ist, dass häufige Überzeugungen, die den Zugang zu professioneller Hilfe erschweren, diskutiert und damit relativiert werden (z.B. der Anspruch, Probleme alleine zu lösen, durch nichts aus der Bahn geworfen zu werden). Der Ratgeber konzentriert sich anschließend bei der Beschreibung des psychotherapeutischen Prozesses im Wesentlichen auf Stabilisierung, Traumabearbeitung und Rückfallpropyhlaxe und ist dabei insgesamt sehr symptomorientiert. Es ist zu begrüßen, dass die Autorin die Bedeutung der therapeutischen Beziehung betont und den Leser ausdrücklich dazu ermuntert, einen Therapeuten zu suchen, mit dem die zwischenmenschliche "Chemie" stimme, und notfalls auch zu wechseln.

Im vierten und fünften Teil des Ratgebers finden sich viele praktische Hinweise zur Unterstützung der Selbstheilungskräfte. Beispiele für eine strukturierte Alltagsgestaltung nach einem traumatischen Ereignis werden gegeben, danach beschreibt die Autorin eine Fülle von Übungen (Entspannungs- und Vorstellungsübungen u.a.), die zur Stabilisierung beitragen sollen. Viele der Übungen sind dazu geeignet, nach dem Lesen allein durchgeführt zu werden, andere Übungen sind dazu vermutlich eher schwierig und bedürfen m.E. der therapeutischen Anleitung, da sie individuell modifiziert und eingeübt werden sollten. Auf alle Fälle kann das Buch eine Psychotherapie sinnvoll begleiten.

Diskussion

Der Ratgeber liest sich angenehm, obwohl die Gliederung mitunter etwas unverständlich ist (Folgen der Traumatisierung werden anscheinend in akut, mittel- und langfristig eingeteilt, dabei kommt es zu Wiederholungen. Zwischendurch werden Anleitungen zu Selbsthilfe oder zu professioneller Hilfe gegeben - um danach wieder über Symptome zu sprechen.) Das ansprechende Layout des Buches mit knappen Kernaussagen am Rand des Textes macht ein rasches Überfliegen und Wiederfinden von Textstellen einfach.

Der Text ist für Menschen ohne Vorkenntnisse in den Bereichen Psychotherapie und Trauma leicht verständlich. Die Darstellung von Beschwerden und Symptomen sowie der (psychotherapeutischen) Hilfsmöglichkeiten wirkt beruhigend und ist so für Betroffene wie auch für interessierte Laien gleichermaßen geeignet. Auf Menschen mit bereits vorhandenem basalen psychologischem Wissen oder therapeutischer Vorerfahrung (als Patient) wirken die Beschreibungen bisweilen vermutlich etwas eindimensional und reduktionistisch.

Durch die sehr einfache Art der Darstellung wurde der Ratgeber zwar leicht verständlich, allerdings werden komplexe Sachverhalte manchmal ziemlich undifferenziert abgehandelt. Andererseits fällt eine z.T. große Fülle an nicht immer zutreffenden Details auf: Manche Symptome werden mitunter mit hinkenden Beispielen erläutert (z.B. gibt es zweifellos Personen, die immer wieder sich Situationen aussetzen, die sie an das Trauma erinnern. Das Beispiel, dass manche Frauen, die in der Kindheit misshandelt wurden, sich zu gewalttätigen Männern hingezogen fühlten, erscheint jedoch unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Geschlechterrealitäten sehr verkürzt). Auch die Darstellung der therapeutischen Verfahren, die von Krankenkassen bezahlt werden, ist mangelhaft. Hier werden Psychoanalyse (genannte Charakteristika: liegend, mehrere Stunden pro Woche, innere Konflikte) und Verhaltenstherapie (genannte Kennzeichen: im Sitzen, Verhaltensprobleme - wobei nicht erwähnt wird, dass unter "Verhalten" auch Erleben, Gedanken und Gefühle fallen) sehr vereinfacht dargestellt, einzelne Angaben stimmen nicht (z.B. die Angabe der Stundenzahlen bei den Therapieverfahren; anstelle dieser nicht zutreffenden Detaillierung wäre es angemessener, grobe Orientierungen über die Dauer von Therapien zu geben). Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie (mit psychanalytischem Theoriehintergrund, aber anderem Setting - z.B. sitzend, einmal wöchentlich) wird in der Darstellung überhaupt nicht erwähnt. Die Empfehlung von Verhaltenstherapie bei jeder Traumatisierung ist ebenfalls nicht gerechtfertigt, da Traumatherapie nach heutigem Kenntnisstand immer methodenintegrativ sein sollte.

Der Ratgeber konzentriert sich auf die Symptomatiken, die nach traumatischen Erlebnissen entstehen können. Es werden zwar die Möglichkeiten professioneller Hilfen beschrieben, diese werden aber nicht zu den häufigen Erwartungen von Traumatisierten in Relation gesetzt (Symptome sollen verschwinden, es soll alles wieder so werden wie vorher) und damit auch Grenzen der Traumatherapie diskutiert. Natürlich sollen Betroffene ermutigt werden, sich bei Bedarf in professionelle Hilfe zu begeben, da viele Beschwerden damit verringert werden können. Dennoch hat auch die beste Traumatherapie ihre Grenzen: eine traumatische Verletzung kann letztendlich nicht in dem Sinne "geheilt" werden, dass das Leben wie zuvor weiter geht. Denn selbst wenn die Symptome verschwunden sind, wird das künftige Leben einen Bruch aufweisen und vom Ereignis geprägt bleiben (zumindest bei traumatischen Ereignissen im engeren Sinne - zu denen nicht jede schwere Belastung und jeder Verlust zählt; diese Unterscheidung findet sich aber nicht, hier wird ein breites Traumaverständnis vertreten). Nur eine solche realistische Darstellung kann m.E. die Schwere traumatischer Verletzungen anerkennen.

Fazit

Zusammenfassend ist der Ratgeber von Sabine Morgan eine Einstiegslektüre für Menschen, die sich bisher nicht mit psychischen Dingen beschäftigt haben und nun mehr über Traumatisierung erfahren wollen. Für Betroffene enthält er wertvolle Erläuterungen und Ratschläge und kann den Weg zur professionellen Hilfe verkürzen. Andere interessierte Laien finden einige einfache Erläuterungen, die zum Verständnis von Traumatisierung beitragen können. Der Inhalt des Ratgebers erinnert sowohl im erklärenden Teil wie auch im Übungsteil stark an den älteren und umfassenderen Ratgeber von Gottfried Fischer (Neue Wege nach dem Trauma. Informationen und Hilfen für Betroffene, 2002), der vom hier vorliegenden Ratgeber nur im äußeren Erscheinungsbild übertroffen werden konnte.


Rezension von
Angelika Birck
Psychologin und Verhaltenstherapeutin in Ausbildung (DGVT)
seit 1998 Mitarbeit im Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin, Gesundheitszentrum Moabit. Im Juni 2004 gestorben
Homepage www.angelika-birck.info


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zur zweiten Auflage dieses Buchs.


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Zitiervorschlag
Angelika Birck. Rezension vom 23.12.2003 zu: Sabine Morgan: Wenn das Unfassbare geschieht - vom Umgang mit seelischen Traumatisierungen ; ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und ihr soziales Umfeld. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2003. ISBN 978-3-17-017905-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1263.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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