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Karsten Krampitz, Markus Liske u.a. (Hrsg.): Kaltland

Rezensiert von Dorothea Dohms, 22.02.2012

Cover Karsten Krampitz, Markus Liske u.a. (Hrsg.): Kaltland ISBN 978-3-86789-144-8

Karsten Krampitz, Markus Liske, Manja Präkels (Hrsg.): Kaltland. Eine Sammlung. Rotbuch Verlag GmbH (Berlin ) 2011. 286 Seiten. ISBN 978-3-86789-144-8. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 23,50 sFr.
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Herausgeber

Der Schriftsteller Karsten Krampitz, geboren 1969 in Rüdersdorf bei Berlin, war Chefredakteur mehrerer Straßenzeitungen und schreibt u.a. für die Berliner Seiten der FAZ. Er hat mehrere Romane veröffentlicht. 2004 erhielt er das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste, 2009 den Ingeborg-Bachmann-Publikumspreis. 2010 war er Stadtschreiber in Klagenfurt.

Werke:

  • Crashkurs Klagenfurt. 2012.
  • Heimat, Heimweh, Heimsuchung (Mitarb. zusammen mit Markus Liske und Manja Präkels) 2010.
  • Leben mit und ohne Gott. 2010.
  • Heimgehen. 2009.
  • Ich werde dann gehen (Hrsg). 2006. (vergriffen)
  • Affentöter. Roman. 2000. (vergriffen)
  • Der Kaiser vom Knochenberg. Roman. 2002. (vergriffen)

Markus Liske, geboren 1967 in Bremen, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. In den Neunzigern veranstaltete er mehrere szenische Spektakel an historisch belasteten Orten und die Lesereihe „Kapitalismus und Zuversicht“. Von 2000-2004 arbeitete er als Stammvorleser von „Dr. Seltsams club existentialiste“ und war 2003 Mitglied der Höhnenden Wochenschau. Er veröffentlichte vor allem satirische Erzählungen.

Werke:

  • Weltmeister wie wir. 2008.
  • Deutschland. Ein Hundetraum. 2003. (vergriffen)
  • Freier Fall für freie Bürger. 2005. (vergriffen)

Manja Präkels, geboren 1974 in Zehdenick/Mark, war Lokalreporterin der MAZ (Märkische Allgemeine). Sie führte Interviews mit rechtsradikalen Jugendlichen und deren Opfern für die ZDF-Dokumentation „Die Zecken von Zehdenick“. Sie ist Schriftstellerin, Autorin mehrerer Kindertheaterstücke, außerdem Sängerin und Komponistin der Band „Der Singende Tresen“ (zusammen mit Markus Liske). Für ihre autobiografische Wende-Erzählung „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ erhielt sie 2005 das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste.

Werke:

  • Tresenlieder. 2004. (vergriffen)
  • Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. 2005. (In: Kaltland. 2011.)

Inhalt

Den Gedenkveranstaltungen zur sogenannten Friedlichen Revolution, den „20-Jahre-Mauerfall- und Wiedervereinigungspartys“ zum Trotz widmet sich diese Sammlung von Texten aus „42 sehr unterschiedlichen Federn“ der Nachtseite der Vor- und Nachwendezeit, den „Kollateralschäden“ und „randständigen Problemen“ in Helmuth Kohls „blühenden Landschaften“. Aus dem Slogan „Wir sind das Volk“ wurde das von einschlägigen Medien forcierte „Wir sind ein Volk“, aus dem „Wir“ ein „völkischer Kampfbegriff“, in dessen Folgen Asylbewerberheime brannten, Menschenjagden und Morde stattfanden und es im Osten Deutschlands bis heute „national befreite Zonen“ und No-go-Areas“ für Menschen anderer Hautfarbe und anderer politischer Überzeugung gibt. Die positive, von allerlei Anekdoten und Sentimentalitäten durchzogene Charakterisierung der jüngsten Geschichte findet hier eine kontrapunktische literarische Aufarbeitung, wird, nach dem Willen der Herausgeber, zum „Nachwenderoman“, vor allem geprägt von der „sozialdarwinistischen Verrohung“ unserer Gesellschaft seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die Ursachen

Einige Momentaufnahmen – vor allem schon aus der alten DDR – zeigen die Entstehung und Verfestigung der heimlichen braunen Opposition gegen die kommunistische Diktatur.

Der Bericht einer Halbvietnamesin (Angelika Nguyen) aus den Jahren 1961 bis heute, in der DDR schon während ihrer Schulzeit als „Chinesenbaby“ oder gar „Mischling“ verhöhnt, macht den „realsozialistischen Antagonismus zwischen Internationalität (Bruderländer!) und Abschottung“ nur allzu deutlich, charakterisiert die „fehlende Normalität im Umgang mit Fremden“ und ihr kollektives Bestaunen als eine DDR-Eigenart. Die Autorin stellt fest, das Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bereits, allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, in der alten DDR verankert waren, und dass die späteren Pogrome, Überfälle und Morde im Osten sie in keinem Augenblick verwundert hat.

Für die Straßenmusikerfamilie (Uta Pilling) mit ihren dunkelhäutigen Kindern beginnt nach Jahren der Auftrittsverbote jenseits der Wende für 6 Jahre ein kreatives Leben mit Auftritten in West-Deutschland, Holland, Luxemburg und Österreich. Ein Aufbruch, dem erst der Umbruch und dann sehr schnell der Einbruch folgt mit wüsten Pöbeleien, Angriffen und Morddrohungen für die Kinder. Unvergesslich der letzte gemeinsame Familienauftritt im Nachbarland Österreich mit einer Mischung aus Brecht-, Mühsam- und Villon-Liedern, von einem Zuhörer des „bürgerlichen Bildungsmilieus“ mit einer fürstlichen Geldspende belohnt zusammen mit dem Satz: „Auf dass bald das Vierte Reich kommt und euch Gesocks dahinrafft!“

Es sieht gar nicht gut aus für den Osten zur Zeit der ersten freien Wahlen in der DDR (Jutta Ditfurth), wenn in Leipzig die Wahlkundgebungen der Vereinigten Linken von „brüllenden…, agitierenden Neonazis unter bundesdeutscher Leitung“ aufgemischt werden, deren Parolen von den Umstehenden nach kurzer Zeit übernommen werden. Bis auf wenige Ausnahmen sind auch die Redner auf den Tribünen zu feige, die Auseinandersetzung mit den Rechtsradikalen zu wagen, denen somit ein Forum geboten wird, um „Rote zu jagen“ und sich gar als Retter der zerstörten Heimat und der zerstörten Natur zu präsentieren.

Zerstörung, ja, die hat es gegeben. Davon – und vom verhängnisvollen Wirken der Treuhand – spricht Volker H. Altwasser, wenn er den letzten DDR-Hochseefischer die Geschichte der einst stolzen Fischfangflotte erzählen lässt. „Die winzige DDR hatte (1967) auf einmal das größte Fischereischiff der Welt!“ Eine „schwimmende Fabrik“, die von Wismar aus jahrelang die Eismeere befuhr. „Diese verdammte Treuhand hat alles… verschrottet und verkauft“: Eine tadellose Fischereiflotte auf „Weltniveau bis zum Schluss“ wurde ohne Not, nur aus Angst vor der Konkurrenz, „abgeschlachtet von Verbrechern der Treuhand“ – und hinterließ 400.000 arbeitslose Hochseefischer.

Ganz ähnlich erging es dem Bischofferöder Kaliwerk (Helmut Höge), bei dessen Schließung wiederum die Treuhand unter dem Einfluss der BASF-Tochter Kali & Salz aus Kassel 1992 eine unrühmliche Rolle spielte. Es half kein Arbeitskampf, keine Werksbesetzung, kein mehrmonatiger Hungerstreik, keine sympathisierenden Bergleute von der Ruhr, kein sogenannter „Fusionsvertrag“ mit zweijähriger Arbeitsplatzgarantie. 1996/97 wurde „abgewickelt“ mit Hilfe der „völlig korrupten Führer der Gewerkschaften IG Bergbau, Energie und Chemie“ und unter dem Einsatz von Zivilpolizisten als Provokateure, um den anhaltenden Widerstand der Kali-Kumpels endgültig zu brechen.

Vom Verschwinden eines ganzen Dorfes erzählt Thomas Meyer. Lakoma, ein niedersorbisches Dorf, dessen „Devastierung“ zugunsten des Braunkohletagebaus bereits 1972 begann und das nach der Wende zunächst einmal von Umweltaktivisten gerettet und zu neuem Leben erweckt wurde. Punks, Dichter, Sozialarbeiter, Biobauern, Studenten, Musiker, Aussteiger, Autoschrauber lockten die Ideen von Freiräumen und Instandsetzung und die Vorstellung, dass ihr „bunt zusammengewürfelte Haufen“ in Lakoma vor den Angriffen der Neonazis sicher sein würde. Das Ende kam 2003, als der Vattenfall-Konzern als Betreiber des Tagebaus Cottbus-Nord den Ort trotz des Widerstands der neuen Dorfbewohner mit Hilfe der Polizei gewaltsam räumen ließ. Als die letzten „Baumbesetzer von den Bäumen geholt und die verbliebenen Höfe geräumt und abgerissen“ waren, verschwand der Ort zusammen mit seine Öko-Teichlandschaft 2008 endgültig von der Landkarte.

Die Opfer

Zeitgenosse Hans-Dieter Witt kommentiert die Angriffe in Rostock-Lichtenhagen von seinem nahegelegenen Wohnzimmer heraus – was dem Autor Alexander Osang zu einer Szene gerät, die direkt der westdeutschen Serie „Ein Herz und eine Seele“ entsprungen sein könnte: Der Zuschauer als Kommentator schrecklichen Geschehens, der sich sein Weltbild zusammengeschustert hat aus Hörensagen, Meinungen und Erfahrungen anderer, und der dann abschließend die Fugen „mit dem, was er gesunden Menschenverstand nennt, verschmiert“.

Ganz anders der Bericht eines Kamerateams, das mitten hinein in die Schrecknisse des Lichtenhagener Angriffs und der anschließenden Feuersbrunst in einem von Vietnamesen bewohnten Plattenbau gerät (Jochen Schmidt). Hier läuft vor Hunderten von tatenlos zuschauenden Zaungästen, vor den Kameras der Fernsehstationen und vor den Augen der Polizei offenbar so etwas wie ein Krimi mit unbedingt hohem Unterhaltungswert ab. Die obdachlos gewordenen „Fidschis“ stehen hilfesuchend vor den verschlossenen Türen ihrer Nachbarn, mit denen sie zuvor so lange Jahre in Frieden gelebt hatten. „Hinter diesen Türen beginnt Deutschland, und dessen Gesicht ist nicht weniger hässlich als das, was [bei den Zuschauern] auf der Wiese tausendfach gezeigt wird.“

Andreas Marneros erzählt von den Mördern und ihren Opfern: Alberto Adriano, der sterben musste, weil er schwarz war. Getötet von drei jugendlichen Neonazis, die zuvor noch nie etwas mit Schwarzen zu tun gehabt hatten, die durch die nächtliche Stadt zogen, „um die Zeit totzuschlagen.“. Der Neonazi Daniel tötete – das „passierte zufällig“ – den jungen, geistig zurückgebliebenen Herrn Dänicke. Patrick, der schon zu DDR-Zeiten zur einschlägigen Szene gehörte, veranstaltete mit seinen Kameraden eine Hetzjagd auf John, einen „Nigger“. Mit Fäusten und Stiefeln traktiert und am Ende mit Messerstichen im Gesicht getroffen, verliert der Schwarzafrikaner trotz einer 5-stündigen Operation ein Auge und als Folge dieser Behinderung wenig später seinen Job als Facharbeiter.

Der 16-jährige Marinus Schöberl wird von den Brüdern Marco und Marcel Schönfeld und deren Kumpel grausam lange gequält und am Ende hingerichtet. Die Dokumentation von Andres Veiel und Gesine Schmidt lässt das Geschehen vor unseren Augen entstehen aus Erzählungen und Berichten der Eltern von Marco und Marcel, den Kommentaren der Dorfbewohner, des ermittelnden Staatsanwalts und der Mutter des ermordeten Marinus. Alkoholisierung und ein niedriger Intelligenzquotient der teilweise minderjährigen Täter wirkten sich im Prozess als strafmildernd aus. Ganz anders erzählt Michael Wildenhain dieselbe Geschichte aus der Sicht des Opfers: als Fiktion eines Selbstgespräches dieses stundenlang gequälten, einsamen und hilflosen Jungen, der einen unbegreiflich sinnlosen und grausamen Tod sterben musste.

Die Täter

In deren Auftritten bedienen die meisten Autoren die bekannten Stereotypen. Ihre rechten Protagonisten treten zumeist kahlköpfig und mit Nazi-Emblemen tätowiert in Erscheinung, tragen Kampfkluft oder grüne Bomberjacken und Tarnhosen, Knobelbecher oder Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, grenzen sich mit diesem Outfit ab von den „schwulen Klamotten“ anderer Jugendlicher. In den oft trostlosen Landstrichen des Ostens sind sie ganz gewiss zu finden: pöbelnd und mit der unvermeidlichen Bierbüchse in der Hand, politische Versammlungen aufmischend, Parolen brüllend. Ihre Waffen sind Schlagstöcke, -ringe und Messer. Stark fühlen sie sich vor allem in der Gruppe, denn – so erklärt es der psychiatrische Gerichtsgutachter Andreas Marneros – „in der Gruppe halten sich die Feiglinge für tapfer“, glauben die Verlierer, die Verlorenen, die Macht zu haben, berauschen sich die Schwachen an der Illusion der Stärke, brauchen sie die Grausamkeit, um ihre Schwäche zu maskieren. Wenn man ihnen jedoch „das Mäntelchen ihrer politischen Ideologie herunterreißen würde“, blieben nur „schwache, eingeschränkte Verlierer“, keine Gewinner, keine starken und schon gar keine intelligenten Zeitgenossen. Zu dieser Charakterisierung passt auch der fiktional aufbereitete Anheuerungsversuch des Verfassungsschutzes, den Neonazis ein vertrauter Feind, belächelt, nicht gefürchtet. Dieser Versuch gerät Martin Sonneborn, dem ehemaligen „Titanic“-Chefredakteur, am Ende zu einer veritablen Posse, bei der man ein weiteres Mal nur staunen kann über die Dumpf- und Dummheit der rechtsextremen Vertreter.

Fazit

Ein Buch, das – die Formulierung drängt sich geradezu auf – zur rechten Zeit erschienen ist. Angesichts der jüngsten Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Zwickauer Mördertrio und der zwielichtigen Rolle des Verfassungsschutzes ein nachgerade notwendiges Buch, das mit seinen Essays, Zeitungsartikeln, Interviews, Erlebnisberichten, Erzählungen und Gedichten die schwierige Balance hält zwischen Fiktion und realistischer Darstellung. Einfühlsame Beschreibungen haben Platz neben erschreckenden, ja abstoßenden Schilderungen, die nachdenklicheren Stimmen (Wolfram Kempe, Alexander Kluge, Volker Braun, Friedrich Ani, Manja Präkels) fügen sich ein in den Chor der Chronisten, Kritiker und Warner. Es ist diesem Buch ein breitgestreutes Interesse zu wünschen, doch ist zu befürchten, dass es am Ende womöglich wieder nur die Thilo Sarrazins dieser Welt sind, deren Bücher sich auf den Bestsellerlisten unseres Landes wiederfinden.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 22.02.2012 zu: Karsten Krampitz, Markus Liske, Manja Präkels (Hrsg.): Kaltland. Eine Sammlung. Rotbuch Verlag GmbH (Berlin ) 2011. ISBN 978-3-86789-144-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12638.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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