socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Klaus-Peter Horn, Heidemarie Kemnitz u.a. (Hrsg.): Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft (KLE)

Cover Klaus-Peter Horn, Heidemarie Kemnitz, Winfried Marotzki, Uwe Sandfuchs (Hrsg.): Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft (KLE). Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 1509 Seiten. ISBN 978-3-8252-8468-8. D: 99,00 EUR, A: 101,80 EUR, CH: 130,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

„In Fachlexika wird der Wissensbestand einer Disziplin festgehalten. Fachlexika sind Dokumentationen des zu einem bestimmten Zeitpunkt innerhalb eines bestimmten diskursiven thematischen oder fachlichen Zusammenhanges bzw. innerhalb einer kommunikativen Fachgemeinschaft als gültig deklarierten Wissens.“ (7) Das Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft (KLE) ist das jüngste der deutschsprachigen Disziplin insgesamt und seit über 20 Jahren (Pädagogische Grundbegriffe, 2 Bde., 1989) das erste mehrbändige und seit 35 Jahren (Wörterbuch der Pädagogik, 3 Bde., 1977) das erste dreibändige. Damit ist es das umfangreichste und aktuellste lexikalische Werk, das zur Zeit auf dem Buchmarkt erhältlich ist. Pädagogische Lexika mit fünf und mehr Bänden sind zuletzt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erscheinen: das von Wilhelm Rein u.a. herausgegebene „Enzyklopädische Handbuch der Pädagogik“ (1895-1899) und das von Ernst M. Roloff herausgegebene „Lexikon der Pädagogik“ (1913-1917).

Das KLE soll einen „Einstieg in die Begriffswelt und Wissensgebiete der Erziehungswissenschaft bieten und Fachkollegen als Referenzwerk nützlich sein“ (8).

Herausgeber, Fachgebietsbetreuer und Autoren

Klaus-Peter Horn ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Göttingen, Heidemarie Kemnitz Professorin für Schulpädagogik an der Technischen Universität Braunschweig, Winfried Marotzki Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Magdeburg und Uwe Sandfuchs emeritierter Professor für Grundschulpädagogik an der Technischen Universität Dresden. Diese vier Herausgeber haben eng mit 21 Fachgebietsbetreuern kooperiert, die für ihre Gebiete (zusätzliche) fachliche Expertise eingebracht haben: Christel Adick, Karl-Heinz Arnold, Lothar Böhnisch, Karin Büchter, Hans-Peter Füssel, Hans-Werner Fuchs, Ingrid Gogolin, Friederike von Gross, Hilmar Hoffmann, Sabine Hornberg, Hans-Christoph Koller, Karl Lenz, Anne Levin, Dieter Nittel, Sabine Reh, Lutz-Rainer Reuter, Uwe Sander, Uta Stäsche, Werner Thole, Horst Weishaupt und Rolf Werning. Geschrieben haben die Artikel über 700 Autoren, darunter auch zwei Herausgeber (Horn, Kemnitz) und die Fachgebietsvertreter.

Aufbau

Den Artikeln des KLE sind im ersten Band ein „Vorwort“ und Hinweise „Zur formalen Gestaltung und Nutzung…“ vorangestellt. Der dritte und letzte Band schließt mit Verzeichnissen der Stichwörter des Lexikons und der Autoren. Zu den Stichwörtern werden deren Autoren, zu den Autoren deren Stichwörter aufgeführt.

Auswahl der Stichwörter (Makrostruktur)

Mit jedem Lexikon müssen die Herausgeber eine Auswahl aus den möglichen Stichwörtern treffen, die für eine Disziplin relevant sind. Präzise spricht man von „Lemmata“, da diese einerseits kleiner, andererseits größer als ein Wort sein können. Das KLE umfasst über 2.100 Stichwörter. Die längsten Artikel umfassen ungefähr vier Spalten bzw. zwei Seiten, die kürzesten ca. eine halbe Spalte. Neben den Stichwörtern zu Sachverhalten verzeichnet das KLE auch Stichwörter zu

  • Personen (386 von der Neuzeit bis zum Geburtsjahr 1930),
  • Ländern (die 60 von der UN als entwickelt deklarierten inkl. der Mitgliedsstaaten der EU und der G 20 als der Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, mit Ausnahme Deutschlands),
  • Ländergruppen (nach sieben Regionen in Afrika, Lateinamerika und Asien, im Atlantik und Pazifik) und
  • Organisationen.

Die Auswahl sachbezogener Stichwörter fällt insofern schwer, „als eine verbindliche Fachsprache der Erziehungswissenschaft nicht vorhanden ist“ (8). Darum haben die Herausgeber besondere Mühe auf ein Auswahlverfahren verwendet. „Die grundlegende Konzeption bestand darin, für 16 von uns definierte Fachgebiete … nach Bedeutung abgestufte Stichwörter zu generieren, die mit den Fachgebietsbetreuern weiter abgestimmt wurden. In diesem Prozess wurden daher zunächst von wenigen zentralen und umfangreicheren Stichwörtern aus die Fachgebiete erschlossen und durch weitere, kürzere Stichwörter ergänzt. Anhand der so erstellten Stichwortlisten wurden Autoren angefragt… Die eingegangenen Beiträge wurden von den Fachgebietsbetreuern und den Herausgebern gelesen, kommentiert und bearbeitet…“ (8). Die vorab definierten Fachgebiete, im Prinzip Teil- und Nachbardisziplinen, waren

  • Allgemeine Erziehungswissenschaft, Historische Erziehungswissenschaft, Methoden der erziehungswissenschaftlichen Forschung, Vergleichende Erziehungswissenschaft;
  • Psychologie, Soziologie; Bildungspolitik, Recht;
  • Erwachsenen- und Weiterbildung, Familie und Vorschulerziehung, Schulpädagogik, Sonderpädagogik, Sozialpädagogik; Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Medienpädagogik; Interkulturelle Pädagogik.

Da die Auswahl der Stichwörter ohne eine empirische Inhaltsanalyse nicht zu kommentieren wäre, soll an dieser Stelle ein exemplarischer Blick genügen – und zwar auf die Stichwörter, die sich wie „Erziehung“ direkt auf die Praxis beziehen, die als Gegenstand der Erziehungswissenschaft gilt. Dabei sollen alle Komposita außer Acht bleiben. Das Lexikon verzeichnet klassische pädagogische Wörter wie „Bildung, Erziehung, Unterricht“ in der deutschen, „paideia“ in der altgriechischen Sprache, politisch-ökonomische Vokabeln wie „Qualifizierung“, sozialwissenschaftliche Termini wie „Akkulturation, Enkulturation, Sozialisation“, (auch) psychologisch-biologische Bezeichnungen wie „Entwicklung, Konditionierung, Lernen, Prägung“ und disziplinär ungebundene Ausdrücke wie „Aneignung, Erfahrung, Führung, Lehren“. Hinzu kommen eine Wortreihe aus der Pädagogik Immanuel Kants („Disziplinierung, Kultivierung, Moralisierung, Zivilisierung“) und Stichwörter für besondere Formen des Lehrens und Lernens („Mimesis, Üben, Zeigen“). Der Vollständigkeit halber hätten die Herausgeber noch die anderen altgriechischen („agogé, trophé“) und vielleicht die lateinischen Vokabeln, den neben „Enkulturation“ und „Sozialisation“ oft als Drittes genannten Terminus „Personalisation“, „Vermittlung“ als Gegenstück zu „Aneignung“ und die nicht nur herbartschen Wörter „Umgang, Zucht“ aufgreifen können. Andererseits stehen diese Ausdrücke gegenwärtig nicht mehr oder, im Falle von „Vermittlung“, noch nicht im Vordergrund des disziplinären Interesses. Die umfangreichsten Artikel gelten, ungefähr gleich, den Stichwörtern „Bildung, Erziehung, Unterricht, Sozialisation“.

Aufbau der Artikel (Mikrostruktur) und Verweise auf Artikel (Mediostruktur)

„In den Sachbeiträgen werden … die Begriffe geklärt, historische Kontexte dargestellt, die aktuelle Forschung, Befunde und Diskussionslage thematisiert und schließlich Desiderate benannt. Die Personenbeiträge bieten Informationen zu Leben und Werk sowie zur Wirkung und Bedeutung der Personen im disziplinären Kontext. (…) In den Beiträgen zu den einzelnen Ländern bzw. zu Ländergruppen wird auf allgemeine Aspekte (Bevölkerung, Wirtschaftsdaten) sowie auf die Bildungssysteme eingegangen. So weit möglich werden auch außerschulische pädagogische Felder berücksichtigt…“ (10) Auf Querverweise zwischen den Artikeln wurde verzichtet.

Diskussion

Die einzelnen Artikel scheinen, insoweit sich das durch kursorisches Lesen eines einzelnen und nur in wenigen Fachgebieten beschlagenen Lesers sagen lässt, gleichermaßen von hoher Qualität zu sein. Formal gesehen hätte das Werk aber durch zwei Ergänzungen zusätzlich an Gehalt gewonnen und wäre der Konkurrenz durch Online-Enzyklopädien mit ihrer komplexen Verlinkung bzw. ausgeprägten Mediostruktur besser gewachsen: durch Wortfelder und Querverweise. Erstens hätten die von den Fachgebietsbetreuern ausgewählten Stichwörter, vielleicht sogar vertikal und horizontal sortiert, als Wortfelder veröffentlicht werden können, um dem Leser mit Begriffnetzen den Zugang zu den Fachgebieten zu erleichtern. Zweitens wäre durch Querverweise das laterale Springen zwischen den Artikeln ermöglicht worden, das durch elektronische Hypertexte so elegant zu lösen ist.

Neben dem Umfang der Stichwörter und der offensichtlichen hohen Qualität der Artikel verfügt das KLE über einen Vorzug, der es von den anderen lieferbaren pädagogischen Fachlexika abhebt: die landeskundlichen Beiträge.

Fazit

Julius Klinkhardt hat mit dem „Lexikon Erziehungswissenschaft“ als renommierter pädagogischer Verlag ein materiell und inhaltlich hochwertiges und das zur Zeit umfangreichste Fachwörterbuch der Pädagogik vorgelegt.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Fachhochschule Mainz
E-Mail Mailformular


Alle 39 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 03.02.2012 zu: Klaus-Peter Horn, Heidemarie Kemnitz, Winfried Marotzki, Uwe Sandfuchs (Hrsg.): Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft (KLE). Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-8252-8468-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12639.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!