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Annette Sprung: Zwischen Diskriminierung und Anerkennung

Cover Annette Sprung: Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 353 Seiten. ISBN 978-3-8309-2496-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Interkulturelle Bildungsforschung - Band 19.
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Thema

Der Ausgangspunkt der Publikation von Annette Sprung "Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft", welches in der Reihe Interkulturelle Bildungsforschung erschienen ist, stellt eine empirische Studie zur Situation von Einwandernden auf dem österreichischen Arbeitsmarkt dar. Diese Thematik wird in den gesamtgesellschaftlichen Kontext im Spannungsfeld zwischen Anerkennung und Diskriminierung eingebettet. In diesem Sinne versteht die Autorin ihre Publikation als Baustein zur theoretischen Fundierung einer migrationssensiblen und rassismuskritischen Erwachsenenbildung. Im Fach Erwachsenenbildung hat Anette Sprung 2011 denn auch habilitiert. Sie forscht und lehrt zu diesem Themenschwerpunkt an der Universität Graz am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft.

Das Zielpublikum wird nicht ausdrücklich genannt, doch dürfte die Publikation über den akademischen, sozialwissenschaftlichen Kreis hinaus auch für Lehrpersonen im Weiterbildungs- und Migrationsbereich, Berufsberatende sowie Human Ressource und Personalwesen sowie nicht zuletzt auch für Einwandernde von Interesse sein.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in vier Abschnitte gegliedert.

Der erste Teil ist der Kontextualisierung der Handlungsfähigkeit in der Migrationsgesellschaft gewidmet mit besonderem Augenmerk auf den Weiterbildungsbereich und die Qualifikationsstruktur von Einwandernden in Österreich. Dabei wird auch der Stellenwert von Migrationsfragen in der Weiterbildungsforschung in Deutschland und Österreich beleuchtet.

Im zweiten Abschnitt wird die empirische Studie mit ihren Befragungsergebnissen zur Situation und zu den Erfahrungen von höher qualifizierten Migrantinnen und Migranten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt vorgestellt, sowohl im Hinblick auf ihr verwertbares kulturelles Kapital im Arbeitsmarkt als auch im Hinblick auf ihre Handlungsstrategien.

Der dritte Teil ist der theoretischen Betrachtung von Anerkennung und Diskriminierung sowie der  Handlungsfähigkeit in Migrationsgesellschaften gewidmet. 

Im vierten und letzten Abschnitt formuliert die Autorin ïhre Überlegungen und Schlussfolgerungen für eine migrationssensible und rassismuskritische Weiterbildung, wobei der Umgang mit Anerkennungsdefiziten sowie strukturelle Exklusion im Vordergrund stehen.

Diskussion

Die empirische Studie bietet einen differenzierten Einblick in die spezifische Thematik der Weiterbildungssituation von Einwandernden in Österreich und zeigt die Problempunkte auf Ebene des Arbeitsmarkts, des Bildungssektors sowie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Hier zeigt sich bei den festgestellten Weiterbildungsbarrieren eine Fortsetzung der Chancenungleichheit des Bildungssektors, denn das erreichte Ausbildungsniveau der obligatorischen Schulbildung erweist sich als entscheidend für die weiteren Zugänge. Als weiterer Faktor tritt die Beschaffenheit des Arbeitsmarktsektors, welcher wie etwa im Falle des Gastrobereichs, entscheidend für das Fehlen, das unzureichende Angebot oder die beschränkte Nutzung von Weiterbildungsangeboten sein kann. Doch auch die mangelnde Orientierung über solche Angebote, hohe Kosten, familiäre Verpflichtungen sowie fehlende Zeit  führen dazu, dass Migranten und Migrantinnen die Qualifizierung durch Bildung weniger wahrnehmen als Österreicher und Österreicherinnen. Weiterbildung wird in der vorliegenden Studie auf der einen Seite als Stärkung der individuellen Handlungsfähigkeit und als Motor von Partizipation und auf der anderen Seite als Anerkennung und interkulturellen Öffnung der Arbeitsmarkts und der Gesellschaft allgemein gedeutet.

Die zitierten Interviewausschnitte mit Einwandernden illustrieren eindrücklich, wie sie bei ihrer Ankunft in Österreich meist eine einschneidende Zäsur in ihrer beruflichen Biographie im Vergleich zu ihrem Ausbildungsstand und beruflichen Tätigkeit im Heimatland erfahren haben. Bezüglich des Ausmasses der Dequalifizierung ist der Migrationsstatus und somit der rechtliche Aufenthaltsstatus entscheidend. Dieser Vorgang des beruflichen Downgrading scheint dabei oft in direktem Zusammenhang mit der sozialen Wertschätzung, welche die Einwandernden in der Aufnahmegesellschaft erfahren, zu stehen. Wie sich solche gesellschaftliche Über- und Unterordnungsprozesse abspielen, kann anhand der geschilderten Erfahrungen und Verläufe der Arbeitssuche der Interviewpartner/innen gut nachvollzogen werden. Trotz dieser einschneidenden Erfahrungsberichten beleuchtet die Autorin in den aufgezeigten Bildungsbiographien nicht der Opferperspektive sondern auch die Handlungsfähigkeit der interviewten Migrantinnen und Migranten, welche Hürden überwinden, Umwege in Kauf nehmen, sich durchschlagen und auch nach Jahren ernüchternder Berufsperspektiven den Mut für einen Neuanfang nicht verloren haben und sobald sich eine Möglichkeit bietet, diese wahrnehmen und sich hocharbeiten, weiterbilden und ihre Selbstwirksamkeit und Würde wiederherstellen können. Eine erleichterte Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse, was im österreichischen Jargon als „Nostrifizierung“ bezeichnet wird, könnte die berufliche Integration entscheidend erleichtert werden. So wird hinter der über weite Strecken nüchternen und differenzierten Betrachtungsweise der Autorin deren Sensibilität für die gesellschaftliche Relevanz der Weiterbildungsthematik und der Anerkennungsproblematik durchaus deutlich. Diese Relevanz wird durch den auf die österreichische Bildungslandschaft und den dortigen Arbeitsmarkt ausgerichteten Blick nicht geschmälert, da die Mechanismen und Auswirkungen auf die Bildungsbiographien von Einwandernden durchaus vergleichbar mit anderen westeuropäischen Staaten sein dürften.

Zwar spürt man als Lesende an der systematischen Abarbeitung der Themen und Unterthemen etwas, dass diese Weiterbildungsthematik auch der Stoff der Habilitation der Autorin darstellte, doch tut dies der lesenswerten Publikation keinen Abbruch.

Fazit

Sachkundig, fundiert und engagiert führt die Autorin durch die Ergebnisse ihrer Studie und leistet damit einen wertvollen Beitrag zu einer bislang wenig berücksichtigten Migrations- und Bildungsthematik, der man sich angesichts ihrer Relevanz für die berufliche Integration auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene durchaus etwas stärker annehmen dürfte.


Rezension von
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 29.05.2012 zu: Annette Sprung: Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2496-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12642.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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