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Ulrike Zenk, Hatice Gündogdu: Interkulturelle Kompetenz und praktische Integration

Cover Ulrike Zenk, Hatice Gündogdu: Interkulturelle Kompetenz und praktische Integration. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. 153 Seiten. ISBN 978-3-427-51003-1. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Das Lehrbuch „Interkulturelle Kompetenz und praktische Integration“ orientiert sich an der Erzieherausbildung in NRW und bietet konkrete Anleitungen und theoretisches Hintergrundwissen zu interkulturellen Fragestellungen für Fachkräfte in Schulen, der Sozialen Arbeit und dem Migrationsbereich. Die beiden Autorinnen Ulrike Zenk und Hatice Gündogdu, beide Lehrkräfte in der Ausbildung von Erziehenden, versuchen kulturelle Muster türkischstämmiger Kinder und Jugendlichen anhand vieler konkreter Beispiele aufzuzeigen und bieten Anregungen für interkulturelle Unterrichtsaktivitäten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in erster Linie ein Lehrbuch für Studierende und ist deshalb in übersichtliche Kapitel gegliedert, welche sowohl Sachinformationen und deren Veranschaulichung als auch Umsetzungsaktivitäten für den Unterricht enthalten.

Im ersten der fünf Themenblöcke wird eine Übersicht zur Lage der Integration in Deutschland vermittelt.

Im zweiten Kapitel werden interkulturelle Kompetenzen für die Erzieherausbildung und Bildungsförderung aufgeführt und mit praktischen Übungen ergänzt.

Entwicklungsprozesse bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus dem bildungsbenachteiligten Milieu stehen im Zentrum des nachfolgenden Themenblocks, welche aus individualpsychologischer Sicht sowie mit biografischen und lebensweltlichen Ansätzen gedeutet werden.

Im vierten Kapitel folgt die Entwicklung eines pädagogischen Handlungskonzeptes, welches sich der Elternkooperation, der sprachlichen Förderung, dem Verstehens und Ermutigen sowie der Wertereflexion widmet. Im selben Kapitel werden auch lenkende Handlungskonzepte zur Setzung von klaren Normen und Grenzen sowie die konfrontative Gesprächsführung vermittelt.

Der Anhang mit ergänzenden Informationen und einer Lernsituation mit Prüfungsaufgaben sowie ein Sachwortregister runden die Publikation ab.

Das Hauptanliegen der beiden Autorinnen ist es, mit ihrem Lehrbuch die interkulturelle Kompetenz und Engagiertheit von zukünftigen sozialpädagogischen Fachkräften zu fördern. Ausgehend von der Darstellung von Risikofaktoren und Ressourcen in den Entwicklungsprozessen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, werden an ihren Lebenswelten orientierte Handlungsansätze für Erziehende aufgezeigt. Die Fallbeispiele zu kulturellen Mustern und konkreten situationsbezogenen Handlungen dienen der Veranschaulichung des migrationspädagogischen Kontexts und sollen Interessierten eine Reflexionsgrundlage für Fallanalysen und die Planung pädagogischen Vorgehensweisen vermitteln.

Diskussion

In den Kapiteln folgen jeweils Begriffsdefinitionen, kurze Zitate und stichwortartige Aufzählungen, Fallbeispiele und praktische Übungen sehr prägnant und manchmal etwas abrupt aufeinander, welche die einzelnen Themen schlaglichtartig beleuchten. Diese thematische Aufarbeitung und Darstellung kommt den Bedürfnissen von Studierenden nach einfach erschließbaren und verständlichen Inhalten entgegen. So werden auch bei der Darstellung einzelner Studien gleich noch Hintergrundwissen zu qualitativer oder auch quantitativer Forschung in den Sozialwissenschaften als kurzer Exkurs mitgeliefert. Diese „Userfreundlichkeit“ für Studierende mit zielstrebigem Lernverhalten und gezücktem Leuchtstift ist sicher eine der Stärken dieses Lehrbuchs.

Die beiden Autorinnen orientieren sich einerseits an Leitbildern der Länder und Grundsätzen zur Bildungsförderung und andererseits beziehen auf die Ansätze und Konzepte von Ahmet Toprak und Jan Kizilhan, wovon ersterer wichtige Beiträge zu Problemlagen türkischer Jugendlichen und zu darauf abgestimmte sozialpädagogische Interventionen sowie letzterer zu Migrationserfahrungen und Biographiearbeit verfasst haben. Ebenso wird auch der lebensweltliche Ansatz von Ursula Boos-Nünning und Yasemin Karakașoǧlu mit ihrer quantitativen Studie zu den Ressourcen und Hindernissen in der Lebensgestaltung von Mädchen mit türkischem, Aussiedler- sowie europäischem Migrationshintergrund. Dies ist das einzige Kapitel, welches auch Einblicke in „nicht-türkische“ Erziehungsvorstellungen gewährt. Diese Fokussierung auf die türkeistämmige Zielgruppe wird nicht ausdrücklich begründet und ist auch vom Titel der Publikation und den Lernzielen her nicht auf den ersten Blick ersichtlich.

Zur Ursachenerklärung für die Auffälligkeiten und Integrationsschwierigkeiten im Bildungsbereich von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund wird die Individualpsychologie Alfred Adlers herangezogen und ausführlich behandelt. Zur Erklärung von Minderwertigkeitsgefühlen und Überkompensationsstrategien mag dies zwar naheliegend und nachvollziehbar sein, doch wären auch noch anderweitige theoretische Bezüge zu den Entstehungszusammenhängen solcher Schwierigkeiten denkbar gewesen. Zudem werden gewisse Begrifflichkeiten der Individualpsychologie Adlers, welche nicht mehr ganz der heutigen Zeit entsprechen und mit einer gewissen Vorsicht zu verwenden sind, wie etwa „Verzärtelung“ oder „organische Mängel“, ohne kritische Auseinandersetzung übernommen. Die zahlreichen Fallbeispiele zur Dokumentation und Illustration von Überkompensationsstrategien geben einen guten Einblick in die Verarbeitungslogik der Kinder und Jugendlichen. Überhaupt kann der grosse Erfahrungsfundus der Autorinnen, welcher in diesen Fallbeispielen und den sehr authentisch wirkenden Dialogen zwischen Lehrpersonen und Jugendlichen erkennbar wird, sowie die Erläuterungen und Empfehlungen zum pädagogischen Umgang mit solchen problematischen Situationen als grosse Stärke dieser Publikation bezeichnet werden. Die beiden Autorinnen zeigen dabei schonungslos Überheblichkeitsdemonstrationen oder Vermeidungsstrategien von Jugendlichen im schulischen Umfeld auf und setzen diese in Beziehung zum erfahrenen Erziehungsstil und zu „kulturellen Mustern“ türkischer Prägung. Dabei ist es sicher lobenswert, dass sie wenig Berührungsängste mit heiklen Themen auch bezüglich „political correctness“ zu haben scheinen, doch birgt die Schwerpunktsetzung auf türkische Familien mit traditionellen Erziehungsvorstellungen auch die Gefahr, dass die Studierenden ein einseitiges Bild erhalten und mögliche Vorurteile diesbezüglich weiter verstärkt werden – auch wenn die Autorinnen wiederholt an die Offenheit und den Respekt gegenüber Migrantinnen und Migranten appellieren. Zudem werden erfolgreiche Coping-Strategien, Resilienz und gelungene Bildungsbiographien von türkischen Einwandernden in den Fallbeispielen weitgehend ausgeblendet, was ebenfalls zu einer übermässigen Problematisierung führen kann. Dem kann entgegnet werden, dass zukünftige Erziehende und Lehrpersonen in erster Linie für den Umgang mit den Problemen, die sich ihnen in der Praxis häufig stellen werden, befähigt werden müssen. Doch darf bei Integrationsschwierigkeiten auch nie vergessen werden, dass solche oft allzu schnell individualisiert werden und die gesellschaftliche Verantwortung und strukturellen Bedingungen, welche zu Ungleichbehandlungen führen, ausgeblendet werden. Den beiden Autorinnen muss zu Gute gehalten werden, dass sie der interkulturellen Kompetenz sowie der Öffnung der Mehrheitsgesellschaft einen hohen Stellenwert in ihrer Publikation einräumen, und sie auch auf Ungleichheitsphänomene wie Rassismus und Diskriminierung verweisen, doch finden diese Themen keinen Eingang in den Fallbeispielen, haben lediglich Appellcharakter und werden dadurch wenig greifbar. Die Darstellung konkreter, diskriminierender Handlungen oder Ungleichheitserfahrungen wäre jedoch, gerade angesichts der späteren beruflichen Machtposition von Sozialpädagogen/innen und Lehrpersonen gegenüber Kindern und Jugendlichen und des diesbezüglichen Risikos von Fehlverhalten, nach Ansicht der Verfasserin wichtig gewesen.

Fazit

Als abschliessendes Urteil kann festgehalten werden, dass es sich um ein interessantes, kurz gehaltenes und illustratives Lehrbuch handelt, dessen Ausgewogenheit aufgrund des Schwergewichts, welche der Darstellung „kultureller Muster“ zukommt, jedoch kritisch betrachtet werden sollte.


Rezension von
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 20.04.2012 zu: Ulrike Zenk, Hatice Gündogdu: Interkulturelle Kompetenz und praktische Integration. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. ISBN 978-3-427-51003-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12645.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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