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Sabine Kampmann, Anja Herrmann u.a. (Hrsg.): Tattoo

Cover Sabine Kampmann, Anja Herrmann, Jörg Petri, Ralf de Jong (Hrsg.): Tattoo. transcript (Bielefeld) 2011. 92 Seiten. ISBN 978-3-8376-1867-9. 9,80 EUR.

Querformat. Zeitschrift für Zeitgenössisches, Kunst, Populärkultur, Heft 4.
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Thema

Tätowierung wird hier betrachtet als eine Kodierung – und das, was die Kodierung mitzuteilen habe, verändere sich gegenwärtig. Nicht mehr Stigmatisierung, soziale Unterscheidung oder Ausgrenzung seien kennzeichnend, allenfalls „noch ein Hauch von Rebellentum“ (Editorial, S. 11). Sondern Tätowierung erscheine oft als eine Mode, als ein „populärkulturelles Bildmedium“ (S. 12). Diesem Wandel sollen die Beiträge in der Spannung verschiedener Perspektiven nachgehen: aus Subkultur, Kunst und Lifestyle.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die beiden Herausgeberinnen, Dr. Sabine Kampmann und Anja Herrmann, sowie die beiden Herausgeber, Jörg Petri und Prof. Ralf de Jong, arbeiten in Kunst- und Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft oder in Typografie und Kommunikationsdesign. Drei der HerausgeberInnensind an künstlerischen Hochschulen tätig.

Entstehungshintergrund

Aktueller Anlass, sich dem Thema „Tattoo“ zu widmen, ist die Beobachtung, dass sich Tätowierungen einerseits in einer modischen Hochphase befänden; andererseits setze ein starker Trend ein, sich einstige Tätowierungen wieder entfernen zu lassen. Gemäß dem Anspruch der Zeitschrift, eine querliegende Perspektive auf ihr jeweiliges Thema einzunehmen, befasst sich diese Ausgabe von „Querformat“ aber weniger mit gängigen soziologischen oder ethnologischen Perspektiven, sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf Gesichtspunkte aus Bild- und Kulturwissenschaft, wie beispielsweise auf Fragen der Ästhetik.

Aufbau

Das Heft beginnt mit einer Bildstrecke: acht ganzseitige Makroaufnahmen von nicht tätowierter Haut. Auf das Editorial folgen 15 Beiträge. Sie umfassen meist vier bis fünf Seiten und sind essayistisch gehalten. Entsprechend der Betonung des Bildmediums enthalten die Beiträge zahlreiche Abbildungen. Zwischen den Beiträgen stehen oft grafisch gestaltete Textzitate und ganzseitige Bilder; sie sollen zusammen mit der Beitragslänge den „Rhythmus des Hefts“ gestalten (Petri, „Tattoografie“, S. 87). Diesem Rhythmus folgt auch meine folgende Inhaltsdarstellung.

Inhalt

Der erste Beitrag betrachtet aktuelle Tätowierungen in der Spannung „zwischen Mode und Authentizitätsbedürfnis“ (Iris Dankemeyer, Untertitel). Dabei weist die Autorin durchaus noch auf eine „gesellschaftlich-hegemoniale Sichtweise“ hin, die das Tattoo in einer gewissen Nähe zu Kriminalität und abweichendem Verhalten wahrnimmt – und eine Volltätowierung deshalb als unpassend gelte bei RepräsentantInnen der bürgerlichen Mittelschicht wie AnwältInnen und Bankangestellten (S. 14).

Es folgt ein Interview mit einem Tätowierer, der seine Arbeitsweise darstellt. Auch erklärt er die unterschiedlichen Maschinen und Nadeln und bezieht sich auf die verschiedenen Hauttypen.

Eine thematischer Sprung führt zu „drei Liebesmodelle[n] der Tätowierung“ (Erhard Schüttpelz, Untertitel). Der Beitrag beginnt mit einem polynesischen Ursprungsmythos der Tätowierung (und den zugehörigen Bildmotiven): Berichtet wird von einem Mann, der durch die Tätowierung die Liebe seiner Frau zurückgewinnt.

Die folgenden Beiträge könnte man als Rekonstruktionen zur Kunstgeschichte bezeichnen. Zunächst geht es um die Darstellung von Tätowierungen in der deutschen Malerei der 1920er Jahre, sodann um Tattoos als Kunstwerke seit den 1970er Jahren, und weiter folgt eine Betrachtung einer ökonomisch grundierten Kritik des Ornaments für die Zeit um 1900, angelehnt an eine Streitschrift des Architekten Adolf Loos. Ihm wird in einem ironischen Beitrag selbst ein „Tribal Tattoo“ nachgesagt, hier gestützt auf Bildbearbeitung.

Impressionender „Tattoo Convention Berlin 2010“ werden unter der Rubrik Feldforschung vorgestellt, und zwar zu den Fragen: „Welches Motiv würdest Du Dir nie tätowieren lassen“ und „welche Stelle Deines Körpers würdest Du nie tätowieren lassen?“ (S. 60 f.) In einem weiteren Artikel geht es um das Wie des Tätowierens, um die neuerlich große Beliebtheit überkommener traditioneller Techniken aus den Ursprungskulturen.

Über ein Museumsprojekt, bei dem Werke aus der Sammlung des Museums Freiwilligen auf den Körper tätowiert wurden, berichtet der folgende Beitrag. In einem weiteren Beitrag unter der Rubrik Feldforschung berichten TrägerInnen eines bestimmten Tattoos („EVA & ADELES Herzkopflogo“) über dessen Bedeutung „als biografisches Erinnerungszeichen“ (Überschrift, S. 70).

Ebenfalls in der Kunst gründen Santiago Sierras „Tattooed Lines“. Gruppen von bezahlten Personen werden mit einer (durchlaufenden) Linie tätowiert. „Im Zusammenspiel von Sierras Einsatz der Tätowierung als Form künstlerischen Ausdrucks und den TrägerInnen der Tattoos wird die Rolle des Mediums Körper und dessen Markierbarkeit offenbar“, schreibt dazu Katrin Weleda, eine Kunstwissenschaftlerin (S. 73).

Der Kultur- und Sozialanthropologe Igor Eberhard behauptet, Tätowierungen würden sich häufig verändern in ihren Formen, sozialen Bedeutungen und in ihrer Akzeptanz. Durch ausgewählte Theorie soll sich der Beitrag gegenwärtigen Wandlungen annähern. Die These lautet: „Jeder ist seines Körpers Schmied“ (Überschrift, S. 78 f.).

Eine besondere Form der Tätowierung sind die reinen Wort- und Texttattoos. Sie werden hier typografisch betrachtet, aus Sicht der typografischen Künste (und zwar von Ina Saltz, einer in New York lehrenden Design-Professorin).

Im Schlussbeitrag, unter der Überschrift „Tattoografie“ (S. 87), schreibt Petri über die Gestaltung der vorliegenden Ausgabe von „Querformat“.

Diskussion

Gemessen an der sozialwissenschaftlichen Literatur über Tattoos bringt „Querformat“ durchaus eine Reihe anderer Perspektiven ein, vor allem aus der Kunst. Es ist nicht so, dass diese Perspektiven für MitarbeiterInnen in der Sozialwirtschaft obligatorisch wären. Sie lassen jedoch vorsichtig werden gegenüber der einen oder anderen Zuschreibung, die in Pädagogik oder Sozialer Arbeit allzu plakativ daherkommt.

Dort wird schon einmal gefragt, ob das Tattoo einer Protesthaltung Jugendlicher entstammt oder Zeichen einer Auffälligkeit psychopathologischer Art sei – vgl. www.socialnet.de/rezensionen/7665.php. Oder Tattoos werden vordergründig in einen Rahmen sozialer Diskriminierung und Exklusion gestellt – vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12306.php.

Empirische Hinweise gibt es sicher auf die Ambivalenz von Tätowierungen, gerade bei Jugendlichen. Zugehörigkeit und Ausgrenzung sind Motive ebenso wie die Mode oder der Verstoß gegen eine Norm. Wichtig ist jedoch auch, dass viele Jugendliche ihre Tattoos in erster Linie als Körperschmuck sehen und dabei trotz des Massenphänomens die Individualität hervorheben – mitunter strategisch motiviert, um Aufmerksamkeit zu wecken. Nicht zuletzt findet sich das Motiv des persönlichen Kunstwerks, das Teil des eigenen Körpers ist.

Die Perspektiven von „Querformat“ beinhalten dies zum Teil, gehen aber viel weiter darüber hinaus. Insofern können sie LeserInnen vor einer Engführung der eigenen Sicht warnen. Interessant und positiv verunsichernd sind hier vor allem die künstlerischen Beiträge und die Beiträge zur Geschichte der Kunst.

Fazit

Hier liegt eine Zeitschriftenausgabe vor, die, aufgrund ihrer künstlerischen und typografischen Umsetzung, einen Kontrast zu vorhandener sozialwissenschaftlicher Literatur setzen und diese ergänzen kann. Zentrale Stichworte der kurzen Essays sind Körperbezogenheit, Bildhaftigkeit, Fragen der Ästhetik, Standardisierung versus Individualisierung und ein Verständnis der Tätowierung als „Körperschrift“ (Editorial, S. 12).


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 15.11.2012 zu: Sabine Kampmann, Anja Herrmann, Jörg Petri, Ralf de Jong (Hrsg.): Tattoo. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1867-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12657.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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