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Sabine Maasen (Hrsg.): Das beratene Selbst

Cover Sabine Maasen (Hrsg.): Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den "langen" Siebzigern. transcript (Bielefeld) 2011. 316 Seiten. ISBN 978-3-8376-1541-8. 32,80 EUR.

Reihe: 1800 - 2000 - Band 7.
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Thema

Dank einer Magenverkleinerung hat die Krankenschwester, die in ihren schwersten Tagen über 150 Kilo wog, mehr als 40 Kilo abgenommen. Allerdings hat sie auf der Station nicht erwähnt, dass die Hauptursache dafür eine Magenverkleinerung war. In der Adipositas-Selbsthilfegruppe verstanden die anderen Teilnehmer das Verschweigen der Operation gut: Es ist wichtig, dass die Leute denken, man hätte es aus eigener Kraft geschafft.

Diese kleine unter dem Titel „Karrierekiller Übergewicht“ vor Kurzem von mir in einer Zeitung gelesene Geschichte führt in das Thema des Buches ein und wirft einige Fragen auf: Welche Mechanismen sind es eigentlich, die uns dazu bewegen, solche oder ähnliche Wege zu gehen? Wie ist diese auf dem ersten Blick doch frei gewählte, private Entscheidung zustande gekommen? Warum tut man freiwillig das, was in der Arbeitswelt verlangt wird, nämlich ein fitter Arbeitnehmer zu sein? Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass heute eine solche Koinzidenz von privatem Verhalten und Anforderungen der Arbeitswelt möglich ist, ja erwartet wird?

Da wir wissen, dass diese Art der kaum zu unterscheidenden Selbst- und Fremdsteuerung jüngeren Ursprungs ist und Bedingungen voraussetzt, die nicht von heute auf morgen entstanden sind, sondern einem langfristigen kulturellen und gesellschaftlichem Wandel unterliegen, müssen wir die Erklärung für ein solches Verhalten auch im Wandel der letzten Jahrzehnte suchen.

Die Herausgeber fragen dementsprechend nach diesen Anfängen und sehen sie vor allem in den langen Siebzigern entstehen, die ihren Ausgangspunkt 1968 haben und die strukturellen und persönlichen Voraussetzungen für die Möglichkeit der heutigen Art der Lebensbewältigung durch das beratene Selbst bereitgestellt haben.

Aufbau und Inhalt

Den Einleitungsbeitrag, der dem Thema eine Perspektive und den einzelnen folgenden Beiträgen einen Rahmen gibt, schreibt Sabine Maasen unter der den Buchtitel wiederholenden Überschrift „Das beratene Selbst“:

Überall finden sich therapeutisch-beratende Angebote der unterschiedlichen Art, deren Anfänge zu einem guten Teil auf die siebziger Jahre verweisen, auf das sich selbst so nennende „Jahrzehnt des Psychobooms“: Finanz-, Sexual-und Lebensberatung, Paartherapie, Yoga, Meditation für Beruf und Alltag etc. Diese bis heute andauernde Entwicklung zu einer Beratungs-und Therapievielfalt zeigt, wie sehr und wie zunehmend das Individuum auf Beratung und Therapie zurückgreift, um sich selbst zu finden und zu bestimmen. Darüber hinaus zeigt diese Entwicklung aber auch das zunehmend hohe Maß an fremden Einfluss, das auf das Individuum einwirkt und sein Verhalten formt und seine Innenwelt bildet.

Nun sollte man nicht meinen, dass es zwischen den 70er Jahren und dem 21.Jahrhundert keine Unterschiede gäbe. Ein großer Unterschied liegt eben darin, dass heute Therapie und Beratung zu ernsthaften und nachhaltigen Instanzen der Führung, Lenkung und Steuerung des Lebens geworden sind, also zu Formen des Regierens. Es wird erwartet, dass man sich selbst aus diesem Angebot das Passende aussucht, um sich gesund, belastbar, arbeits- und beziehungsfähig und damit in der Mitte der Gesellschaft zu halten.

Diese Art der Regierung geht einher mit der Entstehung und Etablierung einer neoliberalen politischen Rationalität. Waren Therapie und Beratung anfänglich und unter den Bedingungen einer Politik des Sozialstaates noch in Bestrebungen der Demokratie und Humanisierung eingebunden, so sind sie heute Überlebensmittel eines auf sich selbst gestellten Individuums, das darauf im Bedarfsfalle z. B. als Selbstunternehmer oder Angehöriger der Arbeitswelt, aber auch als Privatmann zur Lösung seiner Konflikte und zur Krisenbewältigung verwiesen wird, wenn es nicht-schon selbst darauf zurückgreifen will oder mangels fehlender Selbstführung nicht darauf zurückgreifen kann.

Man kann das Ganze im Anschluss an Foucault Gouvernementalisierung der Beratung in der Artikulationsform des beratenen Selbst nennen.

Sabine Maasen stellt jedem der folgenden Aufsätze eine Notiz voran, die auf besondere, jeweils in den auch selbstständig zu lesenden Aufsätzen thematisierte Aspekte der Entstehung der Therapie-und Beratungsgesellschaft aufmerksam macht.

Uffa Jensen beschäftigt sich mit der „Konstitution des Selbst durch Beratung und Therapeutisierung“ anhand der Geschichte des Psychowissens im frühen 20.Jahrhundert. Die Beratungs- und Therapeutisierungspraktiken beruhen auf einer Gegenüberstellung von Normalität und Krankheit, legen viel Wert auf die kontrollierenden Fähigkeiten des Selbst, also auf die Stärkung des Ich, und geben den Emotionen und der Sexualität den Status der Authentizität und nicht der Bedrohung. Das Regime des beratenen Selbst hat eine lange Vorgeschichte.

Maik Tändler beschreibt in seinem Artikel „Psychoboom“ konkret die Therapeutisierungsprozesse in Westdeutschland in den späten 1960er-und 1970er Jahren. Im gesellschaftlichen Umbruch 1968 sieht er in dreifacher Hinsicht den Katalysator der Therapeutisierung: Die Psychotherapie wird im Gesundheitssystem etabliert, Therapie und Beratung wachsen an und verweisen auf die Professionalisierung der klinischen Psychologie, und die Forderung nach therapeutischer Selbsterfahrung und Selbstbefreiung wird erhoben, und mit Techniken des Selbst wird der diagnostizierten Krise des Individuums entgegengearbeitet.

Jens Elberfeld thematisiert in seinem Aufsatz den „Patient Familie“ in der Bundesrepublik der 60er bis 90er Jahre. Die Familientherapie – so das Ergebnis – problematisiert die traditionellen,autoritären, hierarchischen und starren Beziehungsmuster, Geschlechterverhältnisse und Erziehungsstile und trägt durch vorsichtige indirekte Intervention dazu bei,dass funktionale Kommunikationsmuster, Beziehungsstrukturen und Verhaltensweisen in der Familie verankert und erlernt werden. Als spezielle therapeutische Beziehungstechnik war sie nicht nur für den pragmatischen Umgang mit dem neuen Leitbild der Partnerschaft geeignet, sondern ebenso sehr für die hegemonial werdende Subjektkultur des unabhängigen Individuums.

Im folgenden Beitrag wird von Patrick Kury nach „Selbsttechniken zwischen Tradition und Innovation“ gefragt, indem er deutschsprachige Stress-Ratgeber der 1970er Jahre auswertet.

Es folgen weitere Auseinandersetzungen mit folgenden Themen:

  • „Selbstheilung“ im New Age (Pascal Eitler),
  • Sexualtherapie und Zärtlichkeitsregime um 1980 unter dem Titel „Instruktionen für ein sensitives Selbst“ (Annika Wellmann),
  • Therapeutisierung des Wachkomas: „ Therapeutic touch“ (Christian Hoffmannn),
  • die Psyche mobilisierendes „Coaching“ (Boris Traue),
  • Therapeutisierung des Strafvollzuges: „Sozialtherapie ist ein Therapie, die sozial macht“ (Marcel Streng),
  • Selbsthilfegruppen und bürgerschaftliches Engagement: „Selbstveränderung und Sozialveränderung“ (Barbara Sutter).

Diskussion

Die einzelnen Aufsätze zeigen, aus wie vielen unterschiedlichen Quellen sich die gegenwärtige Beratungs- und Therapiegesellschaft speist, wie sich diese Quellen zu einem System verdichten, das dem Individuum kaum eine Chance lässt, ohne Beratung und Therapie über die Runden zu kommen. Das Individuum wird, ob es will oder nicht, zum beratenen Selbst. Selbst und Fremdsteuerung sind dabei kaum zu unterscheiden. Auch wird diese Entwicklung mit dem Aufkommen und Vordringen einer neoliberalen Gesellschaftsordnung und den strukturellen Veränderungen seit den 70er Jahren in Zusammenhang gestellt. Jeder soll für sich selbst sorgen und die Techniken der Selbstsorge lernen, verinnerlichen und anwenden. Solidarität und Gemeinwohl werden auf das für das Funktionieren einer Gesellschaft unerlässlich Notwendige beschränkt. Die permanente krisenhafte Entwicklung in Gesellschaft und Wirtschaft erfordert eine permanente persönliche Krisenbewältigung und Problemlösung, die vom isolierten, aber beratenen Selbst am besten und am kostengünstigen zu leisten ist.

Spricht man von Michel Foucault, sollte man auch Erving Goffman nicht unerwähnt lassen. Er hat auf die Grenzen der Disziplinierung des Selbst und der institutionellen Steuerung durch Politik aufmerksam gemacht und letztendlich an den unhintergehbaren Freiräumen des Individuums festgehalten. Hier liegt ein Anknüpfungspunkt für eine Diskussion der Wirkungsmacht der Gouvernementalisierung in Form des beratenen Selbst. Wie und von wem werden solche Regierungsmächte unterlaufen?

Fazit

Das übrigens schön gemachte Buch gibt dem Leser eine Menge an Wissensstoff und Stoff zum Nachdenken. Jeder Aufsatz ist seine aufmerksame Lektüre insbesondere für diejenigen wert, die sich im Beratungs- und Therapiegeschäft bewegen und ihre Arbeit, wie sagt man so schön, reflektieren möchten.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 29.01.2013 zu: Sabine Maasen (Hrsg.): Das beratene Selbst. Zur Genealogie der Therapeutisierung in den "langen" Siebzigern. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1541-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12658.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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