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Kerstin Jergus: Liebe ist ... Artikulationen der Unbestimmtheit [...]

Cover Kerstin Jergus: Liebe ist .... Artikulationen der Unbestimmtheit im Sprechen über Liebe ; eine Diskursanalyse. transcript (Bielefeld) 2011. 272 Seiten. ISBN 978-3-8376-1883-9. 30,80 EUR, CH: 42,90 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Die Rätselhaftigkeit des Sprechens über Liebe

„Lieben ist alles“, so hat es Ingeborg Bachmann in einem Gedicht ausgedrückt. „Liebe ist ein psychisches Phänomen“, so formuliert es Peter Lauster in seiner Psychologie der Liebe. „Liebe ist ein Mythos“, so die populäre Version, während in der Nikomachischen Ethik Aristoteles‘ die „philia“, die Liebe mit Freundschaft gleichgesetzt und mit dem Streben der Menschen nach einem guten Leben mit dem eigenen Glück und dem des anderen verbunden wird. Liebe ist ein Gefühl, das man hat oder nicht hat. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dieses biblische Gebot, das sich sowieso in allen religiösen und weltlichen Ethiken findet, ist gleichsam die Richtschnur, die uns leitet oder leiten sollte. Trotzdem oder gerade deshalb: Es ist das Unbestimmbare und eher auch Undefinierbare, was „Liebe“ ist und ausmacht.

Entstehungshintergrund und Autorin

Über Liebe wurde und wird geschrieben, gedichtet, gesungen, gemalt und gespielt. Mit Bildern der Liebe wird fantasiert, geworben und werden Geschäfte gemacht. Das Phänomen wird wissenschaftlich erforscht, und die Zustände werden analysiert. Die Gegenüberstellung von Liebe, nämlich Hass, dient Menschen dazu, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden; und die Formen der Liebe, von der selbstlosen, der sexuellen bis zur besitzenden und vereinnahmenden, sind Bestandteile des menschlichen Zusammenlebens. „Liebe ist alles“, diese Alles-und-Nichts-Aussage wird gesungen, in Fernseh-Serien vermarktet und gedeutet. Und die irdische, begehrliche, altruistische, egoistische oder asketische Liebe steht entweder im Gegensatz zur göttlichen Liebe oder ergänzt sie ( vgl. dazu: Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php).

„Liebst du mich wirklich?“, hinter dieser immer wieder und in vielen möglichen Zusammenhängen gestellten Frage stehen sich ja Objektivität und Subjektivität, Willen und Wahrnehmung, Wahrheit und Als-Ob, Eindeutig- und Mehrdeutigkeit, und letztlich Bestimmtheit und Unbestimmtheit gegenüber oder gar entgegen. Über Liebe, Geliebtwerden, Verliebtsein oder auch Liebelei zu sprechen, das ist Bestandteil von philosophischem wie semantischem Fragen. Sprach- und Sozialwissenschaftler haben sich immer wieder auf die Suche danach gemacht, wie sich das Sprechen über Liebe zum Lieben, von der Sozialität zur Subjektivität verhält. Die hierbei verhandelten poststrukturalistischen und kulturhistorischen Positionen gilt es zu befragen danach, wie sich das Verhältnis von Sprechen und sozialer Wirklichkeit darstellt.

Die Erziehungswissenschaftlerin und Ethnologin Kerstin Jergus hat an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2010 die Dissertation „Generative Unbestimmtheiten. Diskursanalytische Einsätze zu Relationierungen von Subjektivität und Sozialität“ eingebracht und diese mit dem Titel „Liebe ist … Artikulationen der Unbestimmtheit im Sprechen über Liebe“ als Diskursanalyse vorgelegt. Dabei „(wird) das Subjekt in besonderem Maße auf eine Weise thematisch ( ), die es konstituiv von der Ordnung des Sozialen und nicht ihr gegenüber gebildet versteht“.

Aufbau und Inhalt

Sprache, so die poststrukturalistischen Ansätze, bildet nicht Wirklichkeit ab oder repräsentiert sie, sondern bringt sie hervor. Die Autorin gliedert ihre Arbeit in drei Kapitel.

Im ersten Teil klärt sie die Zusammenhänge, wie sie sich „zur Relationalität des Sozialen“ aus poststrukturalistischer Perspektive ergeben. Sie nimmt dabei die unterschiedlichen konzeptionellen Entwürfe und Konzepte von Michel Foucault, Judith Butler, Jacques Derrida, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, um performatives Sprechen im Zusammenhang von Sozialität und Subjektivität darzustellen und anhand der drängenden Frage nach der Repräsentationslogik des Sprechens über Liebe und Verliebtheit die Stabilität und Kohärenz des sozialen Handelns zu analysieren.

Im zweiten Kapitel geht es um „Analysen des Sprechens über Verliebtheit und Liebe im Horizont rhetorisch-diskursiver Einsätze“. Wenn es so ist, dass Liebe weder erklärt noch beschrieben werden kann, wie dies in zahlreichen wissenschaftlichen Versuchen zur Habhaftwerdung des Begriffs und des Phänomens zum Ausdruck kommt, bedarf es also anderer Strategien. Die Autorin wählt aus der Vielzahl der denkbaren Findungen zum einen das „wissenschaftliche Sprechen“ über Liebe und Verliebtheit als „kommunikative Konstruktionsleistung auf der Ebene sozialer Systeme und unter ausdrücklichem Ausschluss affektiver und psychischer Dimensionen“, also theoretisierend; und zum anderen durch 14 Interviews, die aufgrund eines Aushangs an mehreren Orten in Halle mit nicht von vorn herein nach bestimmten Kriterien ausgesuchten Interview-Partnern zustande kamen, und zwar überwiegend Studentinnen und wenige Studenten. Die diskurstheoretisch-rhetorischen Analysen der Interviews verdeutlichen, dass „Wahrsprechen“, als wünschbare Kommunikationsform und Gefühlsausdrücklichkeit, nicht „bestimmt“, sondern „unbestimmt“ und „uneindeutig„: „Das Begehren und die Lust am Sprechen gegen miteinander einher, versuchen sich am sich stets entziehenden und aufgeschobenen ‚wahren‘ Kern, dem beizukommen der Herausforderung wie der scheiternden Produktivität des Sprechens im diskursiven Terrain der Verliebtheit und Liebe Bedeutsamkeit verleiht“.

Im dritten Kapitel, verbunden mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick, artikuliert die Autorin die beiden in ihrer Arbeit thematisierten verschiedenen „Formate des Sprechens im diskursiven Terrain um Liebe und Verliebtheit“. Dabei wird noch einmal deutlich, dass „Wahrsprechen“ in diesem Zusammenhang sich nicht allein auf die konkreten Phänomene von Liebe und Verliebtheit bezieht, sondern ein spezifisches, individuell, intellektuell und gesellschaftlich beeinflusstes, subjektives Sprechen: „Subjektivität stellt sich als ‚Effekt‘ machtvoller symbolischer Formierungen dar“. Der Diskurs darüber, wie poststrukturalistische Verständigungen im Fokus vom Sprechen über Liebe und Verliebtheit gewertet und analysiert werden können, hat ohne Zweifel Bedeutung für gesellschaftliche Kommunikationsprozesse, und bedarf von daher auch der Aufmerksamkeit beim bildungstheoretischen und pädagogischen Nachdenken über Entstehung und Wirkung des Verhältnisses von Subjektivität und Sozialität.

Fazit

In der Bildungs-, wie natürlich auch in der „Lebens„- forschung, geht es ja immer um die Diskrepanz, ob sich Bildung „ereignet“ oder als relationaler, individueller und kollektiver Zusammenhang verwirklicht und um das Verständnis, wie Wirklichkeit ist und erfasst wird. Die Autorin macht mit ihrer begriffsanalytischen Arbeit auf das Element der „Situierung von Subjektivitäten“ aufmerksam und zeigt auf, dass es für ein kritisch-befreiendes Sprechen (vgl. dazu auch die in der Paulo-Freire-Pädagogik formulierten theoretischen und praktischen Autonomieforderungen, z. B.: Peter Schreiner u.a., Hrsg., Paulo Freire – Pädagogik der Autonomie. Notwendiges Wissen für die Bildungspraxis, 2008, in: socialnet Rezensionen unter www.socialnet.de/rezensionen/6090.php sowie www.dialogische-erziehung.de) „zwischen Zwang und Freiheit, zwischen Unterwerfung und Produktion, zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit… ( ) auch den Einsatz eines anderen Sprechens (verlangt und ermöglicht)“.

Die poststrukturalistische Analyse von Kerstin Jergus stellt einen interessanten und weiterführenden Baustein im Diskurs um wirklichkeitsstiftendes Sprechen am Beispiel ihrer Artikulationen der Unbestimmtheit im Sprechen über Liebe und Verliebtheit dar.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.01.2012 zu: Kerstin Jergus: Liebe ist .... Artikulationen der Unbestimmtheit im Sprechen über Liebe ; eine Diskursanalyse. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1883-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12661.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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