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Jörg Gertel, Sandra Calkins (Hrsg.): Nomaden in unserer Welt

Cover Jörg Gertel, Sandra Calkins (Hrsg.): Nomaden in unserer Welt. Die Vorreiter der Globalisierung: Von Mobilität und Handel, Herrschaft und Widerstand. transcript (Bielefeld) 2011. 300 Seiten. ISBN 978-3-8376-1697-2. 19,80 EUR, CH: 29,90 sFr.

Reihe: Global Studies.
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Der Mensch als zôon kinêseôs

Der griechische Philosoph Aristoteles hat seine Lehre von der Bewegung (kinêsis) begründet, indem er zwischen Selbst- und Fremdbewegung unterscheidet und in letzterer das Strebender der menschlichen Lebewesen nach Lebenskraft und einem guten Leben (eu zên) erkennt. Der Mensch ist, von Anbeginn seiner Existenz als Homo sapiens, ein Wandernder, auf der Suche nach Lebensgründen und Lebensmitteln. Seine Bewegungen von Ort zu Ort, auf der Suche nach Jagd-, Weide- und Anbaugebieten, sind also immer existenzsichernd, und damit natürlich auch fortpflanzungsbestimmt. Das ist der Mythos vom anthrôpos als einem Lebewesen, das, aufgrund seines Verstandes in der Lage und fähig ist, ein gutes Leben zu erstreben, sich fortzupflanzen, in Gemeinschaft zu leben und für die Zukunft vorzusorgen. So dürfte, neben der Suche nach dem Überleben, vor allem auch die Neugier die Menschen immer wieder bewegt haben, andere Lebensräume, Landschaften, Jagdgründe, Götter und Menschen kennen zu lernen. Nimmt man die – zugegebenermaßen – eigenwillige Interpretation des „wandernden Menschen“ und fragt, wie sich Ortsbewegung als konstitutive Grundhaltung bei Menschen darstellt, landet man bei den Nomaden, das vom griechischen Wort nomos = Weideplatz abgeleitet ist.

Die nomadisierende Lebensweise dürfte die ursprüngliche in der Menschheitsgeschichte sein. Die Anpassung an die überwiegend extremen, klimatischen und existenzsichernden Lebensbedingungen haben immer auch zu Kompetenzen geführt, die in der Lebensgeschichte der Menschheit Fortschritt, Kontinuität und Wandel hervorgerufen haben; wie etwa die Entwicklung von technischen Hilfsmitteln, Ackerbaumethoden, gesellschaftlichen Organisationsformen, zur Arbeitsteilung, Bildung von Eigentumsverhältnissen und Rechtssystemen, nicht zuletzt zu kulturellen, religiösen und mythischen Traditionen. Nomaden wurden und werden bis heute zum einen Fähigkeiten nachgesagt, wie die eines intelligenten und sachgemäßen Umgangs mit der Umwelt, der Fähigkeit zur Selbstversorgung und Mobilität, einer gesellschaftlichen Hierarchisierung und gleichzeitig, wie etwa bei den nord- und westafrikanischen Tuareg, einer Gleichstellung der Geschlechter. Gleichzeitig aber gelten sie auch wegen ihres Freiheitswillens und ihres eigenen Herrschaftsbewusstseins, als Störenfriede bei der Bildung von nationalen Einheiten, weil sie staatliche Grenzen nicht anerkennen und mit ihren Herden dorthin ziehen, wo Weideland ist und dadurch nicht nur mit den Grenz- und Sicherheitsbehörden, sondern auch mit der sesshaften Bevölkerung und den Bauern in Konflikt geraten. Nomaden sind bei ihrer mobilen Lebensführung und Existenzsicherung darauf angewiesen, etwa als Hirtenvölker, Weideland unbegrenzt nutzen zu können, um den Bedürfnissen ihrer Tiere gerecht werden zu können. Nomadisches Leben hat sich demnach in den Erzählungen der Menschen eingeschrieben als ein Mythos von Freiheit, Selbständigkeit und Herrschaft, aber auch in der Gegenposition als Widerstand, Separatismus und Integrationsunwilligkeit.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Ethnologen, Ethnografen, Geografen, Anthropologen, Historiker und Forschungsreisende haben sich immer wieder seit der Antike auf die Spuren der Nomaden begeben und darüber geforscht, wie nomadisierende Lebensformen Menschen, Landschaften, Kulturen und Gesellschaften prägen und verändern. Die Betrachtung, dass Nomaden die „Vorreiter der Globalisierung“ seien, ist allerdings neu, wenn auch die Karawanen der Nomaden schon früh die transkulturellen Handelswege gegangen sind und damit (auch) einen Kulturaustausch bewirkt haben. Die in frühen Berichten vertretenen Auffassungen, dass Nomadentum und Sesshaftigkeit konträre Lebensformen der Menschen seien, wird in den neueren Forschungen widerlegt: „Nomaden und Sesshafte (sind) seit altersher wirtschaftlich, politisch und durch kulturelle Austauschprozesse eng miteinander verwoben… (und) nomadische Vorstellungen von sozialer Ordnung, Moral, Recht, Werte und Sprechweisen stehen in permanenter Wechselbeziehung mit sesshaften Gesellschaften“. Ein weiterer, erweiterter Forscherblick kommt hinzu: Es sind die vielfältigen Ausprägungen von (modernen) nomadischen Lebensweisen – von der Hirtenwirtschaft in den Trockengebieten der Erde bis zur industriellen Schafzucht in Neuseeland, dem Ranching in den semiariden Gegenden der westlichen USA, der Rinderhaltung in der südamerikanischen Pampa oder der Moken, auf dem Meer lebenden Nomaden im Mergui-Archipel in Birma – die es sinnvoll und nützlich erscheinen lassen, über „Nomaden in unserer Welt“ nachzudenken.

An den Universitäten in Leipzig und Halle-Wittenberg, dem Hallenser Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig wird seit etwa zehn Jahren über Nomaden und ihren Beziehungen zu sesshaften Gesellschaften in Vergangenheit und Gegenwart geforscht. Beim Forschungsverbund „Differenz und Integration“ werden geographische, soziologische, ethnologische und politische Fragestellungen zum Nomadismus bearbeitet. Der Band kann als differenziertes Zwischenergebnis der interdisziplinären Forschungen von nomadischen Lebensweisen gestern und heute angesehen werden. Es sind besonders die historischen und gegenwartsbezogenen Fallbeispiele der vielfältigen Verflechtungen der Nomaden mit sesshaften Bevölkerungsgruppen von Marokko im Westen, dem Sudan im Süden, Sibirien und China im Nordosten, die die verschiedenen wie gemeinsamen Strukturen nomadischer Lebensformen aufzeigen. Der Wirtschafts- und Sozialgeograph am Orientalischen Institut der Universität Leipzig, Jörg Gertel und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Sandra Calkins geben den Diskussionsband heraus.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird in fünf Kapitel gegliedert.

Im ersten Teil geht es um „nomadische Mobilität“, im zweiten Kapitel wird „Austausch und Handel“ thematisiert, im dritten Teil um „Alltag und Existenzsicherung“, im vierten um „Staat und Herrschaft“, um im fünften und letzten Kapitel Fragen von „Identität und Repräsentation“ zu diskutieren.

Die Leipziger Ethnologin Andrea Bretan, die auch die Ausstellung „Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt“ kuratiert hat, beginnt den ersten Teil mit einem Bericht über „Nomaden in Bewegung – Die Hassueh / Bani Khaled der syrischen Steppe“. Die schafzüchtenden Beduinen stellen ein Beispiel dafür dar, mit welchen Problemen Nomaden konfrontiert sind, die aus ökonomischen Gründen Viehzucht bei knappen Ressourcen betreiben.

Der Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), der Archäologe David Tucker, ist neben dem Radwandertourismus auch daran interessiert, wie Nomaden in Trockengebieten anhand von Satellitenbildern auffindbar und sichtbar gemacht werden können. Sein Bericht „Nomadischer Raum aus dem Weltall“ informiert und führt ein in die Satellitentechnologie und die Möglichkeiten der Nutzung von Satellitenbildern bei der Erforschung der Wanderwege der Nomaden.

Fabian Jacobs vom Sorbischen Institut in Bautzen stellt mit seinem Beitrag „Die ‚anderen‘ Nomaden – Dienstleistungsnomadismus in Rumänien“ am Beispiel der Minderseiten der Roma zur Diskussion. Es sind Formen von Handelsreisenden, Wanderhandwerkern und Wanderarbeitern, die die „anderen“ Existenz- und Erwerbsgrundlagen schaffen.

Sandra Calkins setzt sich auseinander mit: „Dürrejahre im Sudan: Neue Formen nomadischer Mobilität“. Die immer wieder in zyklischen Perioden wiederkehrenden Dürrekatastrophen und -krisen veranlassen die Nomadenfamilien und -sippen zu neuen Formen der Weidewirtschaft. Diese zeigt die Autorin am Beispiel einer sudanesischen Großfamilie nach.

Der Geograf Ingo Breuer fragt nach dem Wandel der Nomadenexistenz in Marokko mit seinem Beitrag: „Auf dem Weg zum ‚Neuen Nomaden‘? – Sozialer Wandel am Rande der Sahara“. Es sind Entwicklungen, die vom Nomadenleben weg und hin zum Wanderarbeiter und Stadtbewohner reichen, bis zum veränderten Wanderhirtentum zwischen Berglandschaften und der Wüste, sowohl traditionell als auch mit Lastkraftwagen.

Im zweiten Kapitel „Austausch und Handel“ provoziert der Hallenser Archäologe Felix Blocher mit der Frage: „Ja, wo rauben sie denn?“, indem er das Verhältnis der Nomaden zum Besitz historisch und aktuell diskutiert. Raubzüge und Überfälle von nomadisierenden Gruppen. Zu den geschichtlichen Bezügen und Traditionen stellt er aktuelle Entwicklungen her und relativiert das überlieferte Bild vom räuberischen, gierigen und unkultivierten Nomaden.

Der Historiker Thomas Brüggemann, ebenfalls an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, thematisiert in seinem Beitrag „Vom Geld zum Tauschhandel“ die Veränderungen, die sich im 11. Jahrhundert durch die Verschiebung der traditionellen Handelswege im Byzantinischen Reich ergaben. Der Wandel von der Geld- zur Tauschwirtschaft bildet dabei das konträre Bild der sonstigen Wirtschaftsentwicklungen.

Der Ethnologe Wolfgang Holzwarth forscht über die Veränderungen der Weidelandnutzung in Ost-Buchara und Süd-Tadschikistan und berichtet in seinem Beitrag „Mittelasiatische Schafe und russische Eisenbahnen“ über „eurasische Lammfell- und Fleischmärkte in der Kolonialzeit“. Zur Analyse des transkontinentalen Lebendvieh- und Fleischhandels in diesem Teil der Welt benutzt der Autor das Modell, das vom Wirtschaftsgeografen von Thünen mit den „Thünen‘schen Ringen“ aufgestellt wurde.

Seit Jahrzehnten forscht, informiert und publiziert der Bayreuther Wissenschaftler Gerd Spittler über das Leben und die Umwelt der Nomaden in der Sahara und Sahel-Zone. Sein Beitrag „Mit einer Tuaregkarawane durch die Sahara. Die traditionellen Tauschgeschäfte – Salz aus den Oasen der Wüste gegen Hirse und Lebensmittel aus den Binnengebieten Westafrikas – erübrigen sich mehr und mehr durch LKW-Transporte. Was bleibt? Ein Ökotourismus oder eine Wiederentdeckung der sagenumwobenen Salzkarawanen in der Ténéré und im Air-Gebirge?

Der Humangeograf an der Universität Juba und der Hallenser Ethnologe Enrico Ille setzen sich mit der undurchsichtigen und bis heute ungeklärten Rolle des Marktgeschehens im Sudan auseinander: „Suqu sumbuq – Geheime Märkte im sudanesischen Bürgerkrieg“. Die Entwicklung weg vom geheimen und gefährdeten Markt hin zu einem offenen, geschützten Markt ist mit vielen Widerständen und Imponderabilien versehen, die sich auf das Verhältnis von Nomaden und Sesshaften auswirken.

Das dritte Kapitel „Alltag und Existenzsicherung“ beginnt der Assistant Professor for Central Asian Archaeology and Art History an der New Yorker Universität, Sören Stark, indem er mit „Siedlungswüstungen, Kurgane und Felsbilder“ Ergebnisse von archäologischen Feldforschungen im Hochgebirge Tadschikistans vorstellt. Dabei vermittelt er Informationen über die Sachkultur und Geisteswelt von Hochgebirgsnomaden, sowie die komplexen wirtschaftlichen Nutzungsformen früher und heute.

Der Leipziger Geograf, Bildjournalist und Autor Andreas Gruschke forscht über Transformationsprozesse tibetischer Nomaden. Sein Beitrag vermittelt einen interessanten und überraschenden Einblick des Wandels von viehzüchtenden Berg- zu sammelnden Nomaden, mit der Tendenz hin zu saisonaler Sesshaftigkeit: „Nebenerwerbsnomaden und Raupenpilzökonomie – Pastorale Existenzsicherung in Osttibet“. Die Nachfrage nach dem Raupenpilz (Cordyceps sinensis, caterpillar fungus) als Heil- und Stärkungsmittel in der chinesischen Medizin führt zu (steigenden) Verdienstmöglichkeiten, die von den Nomaden genutzt werden und die ursprünglichen Viehzüchter zu Nebenerwerbsnomaden machen.

Michael Zierdt, Leiter des Geoökologischen Labors am Institut für Geowissenschaften und Geographie der Universität Hälle-Wittenberg, bringt mit seinem Bericht „Nomaden, Sesshafte und Umwelt“ Fallbeispiele der Rentierhaltung und -zucht aus Lappland und der nomadischen Viehzüchter aus Ägypten. Sie zeigen die verschiedenen Formen und Einflüsse, die Nomaden und Sesshafte auf die Umwelt ausüben: „Der Nomade nutzt, was er vorfindet, der Sesshafte gestaltet das Vorgefundene um“.

Sandra Calkins berichtet erneut über „Bauern, Tierhalter und Migranten“, indem sie auf die verschiedenen Möglichkeiten der Existenzsicherung der Menschen im marokkanischen Hohen Atlas eingeht und die Veränderungen an drei Beispielen von Großfamilien aufzeigt. Es ist vor allem die Migration der jungen Männer in die Städte und Tourismuszentren im Lande, die den Zurückbleidenden ihre Existenz sichert.

Der Anthropogeograf von der Freien Universität Berlin und Direktor des Zentrums für Entwicklungsländerforschung, Hermann Kreutzmann, informiert über „Vergessene Nomaden auf dem Dach der Welt“, der Odyssee der Pamir-Kirgisen als Viehzüchter und Tauschhändler. Nach dem Bürgerkrieg in Afghanistan beginnt für die ursprünglich wohlhabenden und angesehenen, jetzt weitgehend verarmten Völker erst langsam wieder eine gewisse Normalität einzukehren, die sich mit Viehzucht- und Tauschprojekten im kleinen Grenzverkehr nach Pakistan und Tadschikistan darstellt.

Im vierten Teil „Staat und Herrschaft“ reflektiert die Archäologin Brit Kärger „Eselstötungen als Ausdruck von Vertragsabschlüssen im Königreich von Mari“. Es handelte sich um Opferungszeremonien, die (Land-, Tausch- und Handels-)Verträge während der Lim-Dynastie vor rund 3.800 Jahren entlang des mittleren Euphrat und seiner Nebenflüsse Habur und Balih besiegelten.

Der Archäologe an der Universität Konstanz, Stefan Hauser, diskutiert einen „Konflikt im Venedig der Wüste“, in der antiken Oasenstadt Palmyra. Er zeichnet die (Raum-, Besitz- und Macht-)Begehrlichkeiten der Bewohner nach und weist auf die literarische, kulturelle und historische Bedeutung der Stadt hin, wie auf die Konflikte der sesshaften Stadtbevölkerung mit den Nomaden in der Steppe hin. Die Weltkulturerbestätte der UNESCO bildet die eine Blickrichtung aus der Vergangenheit in die Gegenwart, die weiterhin vorhandenen Konfliktpotentiale bei der ökonomischen Erschließung der Steppenlandschaften in der Region, die andere: „Gegen die Nomaden lässt sich die Steppe auf Dauer nicht kontrollieren und in Ackerland verwandeln“.

Der Leipziger Historiker Alexander Weiss hat erforscht, wie „staatliche Anbindung von Nomaden im römischen Nordafrika“ vonstatten ging. Die dabei entwickelten Regierungs- und Verwaltungsstrukturen für die untertane sesshafte Bevölkerung, erforderten ebenfalls die Berücksichtigung der Nomaden, z. B. durch Rekrutierung der römischen Hilfstruppen durch junge Männer der nomadisierenden Stämme und durch Regelungen zur Eintreibung von Steuern und staatlichen Abgaben.

Der Historiker Oliver Schmitt erforscht die Situationen, wie sie im oströmischen bzw. byzantinischen Reich (330 – 1453) herrschten, insbesondere, wie im Laufe der Jahrhunderte der Herrschaft die Konflikte mit den Dromedarnomaden aus der arabischen Wüste und den Reiternomaden in Zentralasien gelöst wurden.

Der Althistoriker der FernUniversität Hagen, Daniel Syrbe verdeutlicht am Beispiel der „maurischen Archonten“ die Konflikte zwischen Mauren und Byzantinern im fünften und sechsten Jahrhundert. Er zeigt auf, wie sich durch persönliche Beziehungen der byzantinischen und nomadischen Führer das Verhältnis von der Feindschaft und Widerstand veränderte hin zu engen Verbündeten.

Der Geistes- und Sozialgeschichtler Johann Büssow zeigt mit seinem Beitrag „Kooperation und Konflikt“ die Entwicklungen auf, wie sie in der syrischen Steppe über die Jahrhunderte zwischen den (sesshaften) Herrschenden und den (nomadisierenden) Beduinenstämmen stattfanden. Durch die Zuwanderung von Nomadengruppen aus der Arabischen Halbinsel in die Region Syrien entstanden Konflikte und Lösungen, die der Autor am Beispiel der Ananza darstellt.

Die Ethnologin von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, Laila Prager, berichtet in ihrem Beitrag „Falken der Steppe“ über imaginierte Ursprünge und territoriale Ansprüche im Zusammenhang mit dem syrischen Beduinenfestival, das seit 2007 jährlich stattfindet und, nach Meinung der Autorin, eine veränderte Sichtweise und Politik der Regierenden von einer bisher eher abwertenden und nebensächlichen Beachtung der beduinischen Wirtschafts- und Lebensweisen hin zu einer Deutung der arabischen Identität darstellt.

Im fünften und letzten Kapitel des Sammelbandes beginnt der Leipziger Altorientalist Michael P. Streck mit seinem Sinnbild: „Weiße und rote Termiten“, indem er die Beziehungen zwischen den amurritischen Halbnomaden- und Nomadenstämmen um 1700 skizziert. Interessant dabei sind die verschiedenen Bemühungen, verfeindete Gruppen durch ausgeklügelte und kompromissorientierte Vereinbarungen zusammen zu bringen und damit insgesamt die Gebiete im Königreich Mari zu befrieden.

Die Leipziger Historikerinnen Charlotte Schubert und Roxana Kath und Alexander Weiss stellen den skythischen, nomadischen Prinzen Anacharis vor, der in der Antike zu den Sieben Weisen gezählt wurde. Sein philosophisches und existentielles Wirken hat immer wieder Menschen in ihrer Zeit fasziniert und zu Reflexionen und Nachahmungen veranlasst, von Herodot bis Joseph Beuys. Die historische Nachschau über das skythische Nomadentum wird in der aufregenden Variante erkennbar, dass sich „das Bild der antiken Nomaden als Gegenbild der Gesellschaft stilisiert“.

Die Bremer Historikerin Beate Eschment fragt mit „Faul oder frei?“ danach, wie sich die russische, öffentliche, offizielle und offiziöse Meinung über das Leben der kasachischen Nomaden darstellt. Zur Beantwortung der Frage hilft ein Blick in die russische Literatur, die offen legt, dass mehr Missverständnis denn Verständnis bei der Betrachtung der nomadischen Mentalitäten und Lebensformen eine Rolle spiel(t)en, wohl bis heute.

Der Koordinator des Hallenser Sibirienzentrums des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung, Joachim Otto Habeck, nimmt den Ausspruch eines Nomaden zum Anlass, über die Programme und Probleme der Sesshaftmachung im Hohen Norden der Sowjetunion nachzudenken: „Es ist keine Schande, im 20. Jahrhundert Nomade zu sein“. Mit welchen Gefühlen, Zustimmungen und Widerständen der Übergang der Rentiernomaden zur Sesshaftigkeit begleitet war, wird anhand eines Fallbeispiels aus dem Jahr 1940 verdeutlicht.

Die am Institut für Turkologie der Freien Universität Berlin tätige Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Uta Schilling thematisiert mit ihrem Beitrag „Tradition oder Migration?“ kulturelle Aspekte der Übersiedlung von Kasachen aus der Westmongolei nach Kasachstan. Die Suche nach den Herkunftswurzeln, der -sprache und -kultur der kasachischen Minderheiten in der Mongolei, die sich mit der Migration in den 1990er Jahren nach Kasachstan konkretisierte, hat für die Betroffenen nicht nur die Aufgabe der nomadischen Lebensformen erforderlich gemacht, sondern bringt auch einen Wandel der kulturellen Identität mit sich.

Fazit

Es ist gut, dass die Herausgeber und die Autorinnen und Autoren einer breiteren Leserschaft die aus dem Forschungsprojekt „Differenz und Integration“ gewonnenen Erkenntnisse in Kurzberichten zur Verfügung stellen. Wenn aus dem Mythos des Nomadentums Erkenntnisgewinne für die Frage, wie wir Menschen geworden sind, was wir sind, entstehen sollen, bedarf es einer anthropologischen, historischen, kulturellen, geographischen und politischen Nachschau, die mit diesem Sammelband geleistet wurde. „Der Nomade in uns“, das ist nicht nur eine Metapher!

Exkurs

Der Rezensent kommt in diesem Zusammenhang nicht umhin, auf Aspekte hinzuweisen, die sich ansatzweise in einigen Beiträgen, vor allem über die Nomaden in der Sahara und der Sahelzone, wieder finden: Über den weitgehend unbekannten und nach wie vor unentdeckten, aus Hildesheim stammenden (ersten?) deutschen Afrikaforscher Friedrich Konrad Hornemann (1772 – 1801) gibt es bisher wenig seriöse Publikationen. Seine Erlebnisse und in seinem Tagebuch (Friedrich Hornemann, Tagebuch seiner Reise von Cairo nach Murzuck. Mit einer Einleitung von Erich Heinemann, Reprint der Ausgabe Weimar 1802, Olms-Verlag, Hildesheim 1997) spärlich aufgezeichneten Erfahrungen im Umgang mit Nomaden und Oasenbewohnern haben an der Universität Hildesheim in den Jahren 1995 bis 2007 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe veranlasst, vier wissenschaftliche Symposien, Ringvorlesungen und Seminare über historische und aktuelle Kontakte und Forschungsarbeitern von Hildesheimern in Nord-, West- und Zentralafrika durchzuführen (Herward Sieberg / Jos Schnurer, Hrsg., „Ich bin völlig Africaner und hier wie zu Hause…“, F. K. Hornemann. Begegnungen mit West- und Zentralafrika im Wandel der Zeit, Symposium vom 25. – 26. 9. 1998, Hildesheimer Universitätsschriften, Bd. 7, Hildesheim 1999, 204 S.; Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Friedrich Konrad Hornemann in Siwa. 200 Jahre Afrikaforschung. Zweites Hildesheimer Symposium vom 1. bis 3. 11. 2001, a.a.o., Bd. 11, 2002, 212 S.; Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Begegnungen im Tschad - Gestern und Heute. Drittes Symposium vom 7. – 9. 11. 2002, a.a.o., Bd. 13, 2004, 182 S.; Gerd Busse / Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Spurensuche in der Afrikaforschung – Von F. K. Hornemann bis heute. Ausgewählte Ergebnisse zur Afrikaforschung an der Reiseroute von F. K. Hornemann. Viertes Symposium vom 2. bis 3. 12. 2005, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2007, 179 S.; Gerd Busse / Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Kinder in Afrika. Ringvorlesung Wintersemester 2003/04, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2005, 315 S.). Es wäre lobens- und sicherlich auch lohnenswert, wenn es gelänge, diese Forschungsarbeiten, entweder an der Uni in Hildesheim oder auch anderswo fortzusetzen. Auskünfte dazu erteilt gerne der Rezensent.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.12.2011 zu: Jörg Gertel, Sandra Calkins (Hrsg.): Nomaden in unserer Welt. Die Vorreiter der Globalisierung: Von Mobilität und Handel, Herrschaft und Widerstand. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1697-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12663.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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