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Hansjakob Schneider (Hrsg.): Wenn Schriftaneignung (trotzdem) gelingt

Rezensiert von Dorothea Dohms, 30.04.2012

Cover Hansjakob  Schneider (Hrsg.): Wenn Schriftaneignung (trotzdem) gelingt ISBN 978-3-7799-1336-8

Hansjakob Schneider (Hrsg.): Wenn Schriftaneignung (trotzdem) gelingt. Literale Sozialisation und Sinnerfahrung. Juventa Verlag (Weinheim ) 2011. 246 Seiten. ISBN 978-3-7799-1336-8. 29,95 EUR. CH: 43,50 sFr.
Reihe: Lesesozialisation und Medien
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Herausgeber

Dr. phil. Hansjakob Schneider ist Professor für Deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule FHNW (Fachhochschule Nordwestschweiz) in Aarau und dort Ko-Leiter des Zentrums Lesen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Forschungen zur literalen Sozialisation und zur Wirksamkeit von Lese- und Schreibunterricht. Gemeinsam mit anderen ist er in zahlreichen Fachpublikationen zum Thema Literale Sozialisation, Lese- und Sprachkompetenz, Lesetraining, Unterrichtsmethoden zur Lesekompetenz u.ä. vertreten. Er wirkt mit an folgenden Projekten der Pädagogischen Hochschule FHNW:

  • „Literale Kompetenzen und literale Sozialisation von Jugendlichen aus schriftfernen Lebenswelten – Faktoren der Resilienz oder: Wenn Schriftaneignung trotzdem gelingt.“
  • „Literalitätsentwicklung in der Schuleingangsstufe“.
  • „myMoment 2.0 – Schreiben auf einer Internetplattform“.
  • „Evaluation EDK-PISA-Aktionsplan.“
  • „ADORE. Teaching Struggling Adolescent Readers.“
  • „Literaturstudie zum Thema Sprachförderung von Migrationskindern im Kindergarten“.

Lieferbarer Titel:

  • Literalität. (Mitarb.) Beltz Juventa 2009.

Vorbemerkung

Am Anfang stand das Forschungsprojekt „Literale Resilienz – wenn Schriftaneignung trotzdem gelingt“, ein im deutschsprachigen Raum noch wenig beachtetes Thema. Daran schloss sich eine interdisziplinäre Tagung an, auf der Fachleute der Lese- und Schreibforschung sich neben der Resilienz- vor allem auch der Ressourcenforschung, also den „gelingenden Prozessen“, widmeten. Gefördert und mitfinanziert wurden Projekt und das aus der Tagung entstandene Buch vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung innerhalb des Nationalen Forschungsprogramms 56 „Sprachenvielfalt und Sprachkompetenz in der Schweiz“, vom Departement für Bildung, Kultur und Sport des Kantons Aargau und von der Pädagogischen Hochschule Bern.

Aufbau und Inhalt

Wie Lesen und Schreiben trotz widriger Umstände (soziales, familiäres, Migrations-Umfeld) gelingen soll, wie also im bildungsfernen Umfeld literale Resilienz – eher unerwartet – entstehen kann, dieser Frage versuchen die Autoren dieses Sammelbandes anhand mehrerer Themenkomplexe (Erkenntnisse etwa aus dem Bereich der Motivationsforschung, der Sinnerfahrung und -erfüllung beim Lesen, der Lesesozialisation und Identitätsfindung) und in verschiedener Varianten nachzugehen. Als beispielhaft seien hier die Untersuchungen zum Resilienzbegriff und die mit der gebotenen Zurückhaltung eher angedeuteten lesedidaktischen Folgerungen hervorgehoben.

Forschungs-„Subjekte“ sind hierbei – entgegen der durch die PISA-Resultate suggerierten einheitlichen „Risikopopulation“ – Probanden aus vier unterschiedlichen Teilgruppen: Mädchen und Jungen jeweils mit und ohne Migrationshintergrund, wobei sich auch hier, dies sei vorweg gesagt, die seit langem stabil gebliebene Erkenntnis bewahrheitet: Am unteren Rand des Leistungsspektrums bewegen sich Jugendliche männlichen Geschlechts mit bildungsfernem Hintergrund und einer „anderen Erstsprache als die im [Schul-] Unterricht dominierende“. Die Testläufe zur Resilienzforschung fanden statt unter Schweizer SchülerInnen der Sekundarstufe 1 und ergaben für die Tester ein eher facettenreiches und in den Ergebnissen schwer zu fassendes Bild. Als einzige sichere Erkenntnis ist zu bewerten, dass sich im schulischen Bereich, im Didaktikkanon des Deutschunterrichts, in der Zukunft einiges wird ändern müssen, um die Freude am Lesen und Schreiben zu verknüpfen mit einem auch im Unterricht favorisierten Themenangebot von Texten, die den Lebenswelten, den Alltagserfahrungen der Jugendlichen mehr entsprechen, ihnen vertrauter sind als jene des geltenden, klassischen Unterrichtsangebotes.

Zwar warnt der Herausgeber in seinem Vorwort, man möge doch dem Resilienzbegriff keine zu große Bedeutung beimessen, doch zeigen in der Folge die verschiedenen Beiträge, dass die Autoren immer wieder – auch dort, wo der Begriff nicht eigens erwähnt wird – um den Bezug auf ihn und um seine Einbeziehung nicht herumkommen.

Der ernüchternde Befund vom engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Lesekompetenz (PISA 2009) verhilft der Frage nach den Schutzfaktoren, die Jugendliche davor bewahren könnten, zur Risikogruppe gezählt zu werden, ihnen den Weg ebnen könnten zu einer „erfolgreichen (oder mindestens misserfolgarmen) Schullaufbahn“, zu ihrer Bedeutung. Die Resilienz-Forschung gewinnt nach anfänglicher Ratlosigkeit in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion zunehmend an Popularität, wobei die Gefahr von Missdeutungen keineswegs übersehen wird, denn Resilienz als ungeplantes, eher erwartungswidriges, also spontanes Phänomen, das sich der Zuordnung zu einer einzelnen Ursache oder einem bestimmten Persönlichkeitsmerkmal entzieht, verweigert sich durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren auch der Verlockung, sie „als eine Art immunisierender Persönlichkeitseigenschaft anzusehen, die es lediglich zu wecken oder zu trainieren gilt“. Messungen von Resilienz bleiben daher in ihrer Eindeutigkeit schwer fassbar, oft geprägt von „Unübersichtlichkeiten und Unwägbarkeiten“, mahnen zu zurückhaltenden Einschätzungen.

Für die anstehenden Tests ließen sich unter 1.500 Schweizer Jugendlichen der Sekundarstufe 1 schließlich 7 resiliente/nicht-resiliente Fallpaare (fünf Mädchen- und zwei Jungenpaare) herausfiltern, bei denen sich, gemäß den Kategorien der Lesesozialisationsforschung, die jeweils größten Unterschiede zeigten: im „lesebezogenen Selbstkonzept“, in der „LeserInnen-Identität“, in der „Handlungs-Ergebnis-Erwartung“, der „Habitualisierung des Lesens“, den „familialen“ und peergruppenbezogenen ( gemeint ist hier: die Kommunikation mit Gleichaltrigen und/oder Freunden über Lektüre oder Gelesenes) „Sozialisationsbedingungen“, der „Anschlusskommunikation“, dem „emotionalen Erleben beim Lesen“, den „Funktionen des Lesens“, der „Gewissenhaftigkeit gegenüber schulischen Aufgaben“, der „Einstellung zum schulischen Lesen“ und den „sprachlichen Fähigkeiten von Mehrsprachigen“. Auch hier dokumentiert die spätere Analyse zum einen, dass sich „die resilienten Jugendlichen nicht durch ein einziges Merkmal, ja nicht einmal immer „die gleichen zwei oder drei, von den nicht resilienten Jugendlichen unterscheiden“. Darüber hinaus bedeuten „mangelnde Bildungsgüter und tiefes Bildungsniveau zwar tendenziell, aber nicht kategoriell ein Risiko für die Entwicklung des Lesens“, da die „Gruppe der sozial Unterprivilegierten“ im Bezug auf Resilienz keineswegs homogen ist.

Was lässt sich aus diesen Erkenntnissen nun folgern für die Lesedidaktik? Es scheint „für Jugendliche aus schriftfernen Lebenswelten wichtig zu sein, einen kognitiven und schulischen Nutzen des Lesens“ erkennen zu können. Dieser Nutzen müsste daher in der Sekundarstufe thematisiert werden ebenso wie die lesedidaktischen Konzepte zur Förderung der emotionalen Beteiligung beim Lesen. Alltagserfahrungen und die individuellen Perspektiven der lesenden SchülerInnen sollten ernst genommen, ihre Lesepraktiken anerkannt werden und sich in der Textauswahl, dem Lesestoff widerspiegeln. Eine sich verändernde Lesedidaktik, erst „teilweise aufgearbeitet“ und in die Zukunft weisend, sollte sich vor allem „um die kognitiven Grundlagen des Lesens kümmern“ und „Lesesozialisation eingebettet in emotionale, soziale und kommunikative Zusammenhänge verstehen“. So könnte sie sich als Schutzfaktor erweisen für Jugendliche aus schriftfernen Lebenswelten.

Auch die Tests zur Resilienz in Sachen Schriftkompetenz unter Schweizer Jugendlichen der Sekundarstufe 1 (8. Schuljahr) zeichnen ein eher unscharfes Bild in ihren Erkenntnissen und untermauern damit die Forderung nach weiterer Differenzierung der Forschungsansätze. Die „Kompetenzen im Umgang mit Schrift und Schriftlichkeit“ gelten als Voraussetzung und Grundlage nicht nur für den Schulerfolg und die berufliche Karriere, sondern für die Bildung überhaupt. Resilienz als die „Befähigung zum Widerstand gegenüber Einflüssen, die eine gewünschte Entwicklung hemmen, gefährden oder ihr einen negativen Verlauf geben können“, ist in den Tests mit den bekannten Risikogruppen weit schwieriger einzukreisen, als dies bei den Tests zur Lesekompetenz der Fall war. In jedem Fall erweist es sich dabei als sinnvoll, Abstand zu wahren von den schulischen „Leistungsdimensionen“ wie Orthographie, Grammatik, Interpunktion, Stil und das Augenmerk zu richten auf die Schreibdivergenz als „Ausdruck einer zu großen Trennung der Schule vom jugendlichen außerschulischen Alltag“, auf eine pragmatische Schreibkompetenz als der Fähigkeit, auf die „Anforderungen einer konkreten Situation sprachlich angemessen zu reagieren“. Ein erfolgreicher „Literalitätserwerb“ spiegelt sich vor allem in der privaten Schriftlichkeit der jugendlichen Probanden und führt unter dem Druck der Schule, durch ihre undurchsichtige Bewertung von Aufsätzen, nachweislich zu erheblicher Frustration. Schreiben im Alltag und unter Gleichaltrigen hat einen pragmatisch kommunikativen Zweck, es dient dem Abbau von „Gefühlstaus“, zeigt, etwa im Internet (SMS, Chat etc.), eine „reichhaltige, wenn auch nicht unbedingt normkonforme, literale Praxis“. Dies sind Aspekte eines „außerschulischen… Sozialisationsprozesses“, dessen „Berücksichtigung im schulischen Unterricht… eine Bereicherung des Curriculums darstellen“ kann. Die Erkenntnis, dass nicht-resiliente Jugendliche oft im außerschulischen Bereich durchaus gute Schreibkompetenzen zeigen, sich also als „schreibdivergent“ erweisen, diese Erkenntnis in den schulischen Schreibunterricht zu integrieren und damit den Versuch zu wagen, die „literale Identität“ der SchülerInnen anders als bisher zu ergründen, wird als „lohnenswertes Vorgehen“ empfohlen.

Fazit

Ein trotz allem empfehlenswertes Fachbuch, da es sich einem noch viel zu wenig beachteten Phänomen der Schreib- und Lesesozialisation widmet und ein einschneidendes didaktisches Umdenken nach sich ziehen könnte. Allerdings bereitet es dem interessierten Laien durch seinen sprach- und erziehungswissenschaftlichen Jargon, der sich in weiten Teilen wohl nur Eingeweihten erschließt, einige Mühen, fordert ihm eine oftmals ermüdende Geduld ab, wird nicht selten erst verständlich durch die vielen Wiederholungen und wiederkehrenden Begrifflichkeiten. Es drängt sich der Eindruck auf, als suche der gewollt wissenschaftliche Sprachduktus eine gewisse Ratlosigkeit zu verbergen im Umgang mit den Testergebnissen und ihrer möglichst eindeutigen Interpretation. Überdies scheint es bei den auf etwas schwankendem Boden stehenden Forschungsergebnissen fraglich zu sein, ob die Schweizer Daten und Erhebungen, die sich vor allem in der dort üblichen Zwei-, manchmal Dreisprachigkeit von deutschen Ergebnissen unterscheiden mögen, sich in ihren – wenn auch vorsichtig formulierten – Schlussfolgerungen ohne weiteres auf die Gegebenheiten hierzulande übertragen lassen.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 30.04.2012 zu: Hansjakob Schneider (Hrsg.): Wenn Schriftaneignung (trotzdem) gelingt. Literale Sozialisation und Sinnerfahrung. Juventa Verlag (Weinheim ) 2011. ISBN 978-3-7799-1336-8. Reihe: Lesesozialisation und Medien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12680.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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