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Christine Moritz: Die Feldpartitur [...] Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung

Cover Christine Moritz: Die Feldpartitur. Multikodale Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-531-17950-6. 14,95 EUR.

Reihe: Qualitative Sozialforschung.
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Thema

Die Autorin stellt eine Software vor, mit der man bei der Transkription eines Videos nicht nur Standbilder anfertigen und Gesprochenes verschriften kann. Transkribieren lassen sich damit auch „Ausdrucksmöglichkeiten wie Musik, Geräusch, Geste, Mimik, Raum, Zeit, Rhythmus, Dynamik, Bewegung, Licht“ und anderes mehr (S. 8). Im Transkript werden die jeweiligen Ausdrucksformen „mittels übereinandergeschichteter Einzelspuren“ festgehalten, wobei das, was gleichzeitig geschieht, jeweils übereinandersteht – wie in einer Partitur (S. 10). Da für die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten auch unterschiedliche Kodes entwickelt wurden, spricht die Autorin von einer multikodalen Transkription. Das vorliegende Buch stellt nicht nur die Möglichkeiten der Software vor, sondern geht zuvor auf die theoretischen Grundlagen des Systems Feldpartitur ein.

Autorin

Dr. Moritz war Stipendiatin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, um die Software „Feldpartitur“ zu entwickeln.

Entstehungshintergrund

Bei vielen Forschungsarbeiten hat bei der Transkription von Videos das Gesprochene den Vorrang. Solche Transkriptionen ähneln denen von Interviews. In letzter Zeit werden zunehmend Standbilder einbezogen; dennoch bleiben „die vielschichtig ineinandergreifenden Prozess- und Ausdruckskomponenten“ im Transkript stark reduziert (S. 15). Moritz kritisiert dies, weil Wichtiges, worin die Bedeutungen eines Videos gründen, abhanden komme.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Zusammenfassung. Auf sie folgen zwei Teile: „Grundlagen“ und „Einzelfalldarstellungen“ – wobei der Grundlagenteil gut doppelt so umfangreich ist.

Inhalt

Moritz konzipiert den Grundlagenteil als „eine theoretische Annäherung an den Datentypus Video“ (S. 12; Hervorhebung C.B.). Dabei unterscheidet die Autorin drei Kategorien von Videos: „Dargestelltes, Filmisches, Eigenproduktionen“ (S. 34) – und zwar „Dargestelltes“, wenn die Videokamera der Beobachtung von Verhalten dient, indem beispielsweise pädagogische Interaktionen aufgezeichnet werden; „Filmisches“, wenn es sich eigens um eine Inszenierung handelt wie beim kommerziellen Film und sich das Forschungsinteresse auf die Struktur des Films richtet sowie dessen formalen ästhetischen Ausdruck; und „Eigenproduktionen“ der Handelnden aus dem Forschungsfeld wie etwa bei Projekten der Medienpädagogik.

In Bezug auf diese drei Kategorien unterscheidet Moritz „die Eigenschaften des Datentypus Video“ (S. 19; Hervorhebung C.B.): Inwieweit bildet Video die Welt ab, und inwieweit produziert es Welt? Die Autorin reflektiert daran anschließend, wie Forschende Videos rezipieren – dies mündet in eine Darstellung, dass und wie die „Wahrnehmung der Forschenden mit einem geeigneten Instrument“ zu systematisieren sei (S. 44).

Moritz stellt im Grundlagenteil des Buches auch Transkriptionssysteme und Methoden der Videoanalyse vor, die zurzeit in Gebrauch sind; die Autorin beansprucht jedoch weder die Vollständigkeit noch die Richtigkeit der Darstellung. Mitgeteilt werden die Internetadressen zu den Programmen, um es den LeserInnen leichter zu machen, selbst zu recherchieren und zu überprüfen.

Natürlich wird das System „Feldpartitur“ ausführlich vorgestellt. Moritz betont, dass sie die Feldpartitur „methodenneutral“ ersonnen hat; dadurch soll man diese in Verbindung mit einer Vielzahl qualitativer Forschungsmethoden einsetzen können: „Je nach entsprechender Forschungsmethode werden Editiermodi angewandt, andere dahingegen nicht“ (S. 59). So lassen sich Einzelbilder darstellen, kann die gesprochene Sprache transkribiert werden, können Symbole (wie etwa eine Notenschrift) benutzt werden; es lassen sich theoretische Kodierungen eintragen, sprich: die Ergebnisse des Interpretierens; und es können Ereignisse aus dem Video sprachlich umschrieben werden. Moritz erwartet durch die Feldpartitur einen „kognitiven Sprung“ bei der Transkription von Videos (S. 60).

Um die Bedeutungeines Videos zu erschließen, hält es Moritz für erforderlich, vor allem „die spezifische und dynamisch sich verändernde Kombination“ zu untersuchen, in der sich die einzelnen Komponenten im Prozess des Videos verändern (S. 63; Hervorhebungen im Original). Eine synthetische Betrachtung der übereinandergeschichteten Einzelspuren des Transkripts ist gefordert – weniger deren isolierte Analyse. Diese Forderung gründe in der Spezifik, mit der sich Bedeutung im Video konstituiere.

Der zweite Teil des Buches soll an drei Einzelfalldarstellungen zeigen, wie Feldpartituren bisher verwandt wurden. Dabei bezieht sich Moritz wieder auf die drei Kategorien von Videos, die sie im Grundlagentteil herausgestellt hat, und zwar mit je einem Beispiel:

  1. Dargestelltes“: Aufgezeichnet ist Klavierunterricht; untersucht wird die Interaktion zwischen Schülerin und Lehrerin – betitelt als „Das Duell“. Es werden „mikroskopische Handlungsprozesse“ exploriert (S. 104). Als Heuristik dient ein Dialog-Modell, das empirisch begründet worden sei, angelehnt an die Methodologie der Grounded Theory.
  2. Filmisches“: Gegenstand ist ein Ausschnitt aus der Reportage-Reihe eines privaten Fernsehsenders – hier die Episode „Ein Hund fährt schwarz“. Analysiert wird hermeneutisch-wissenssoziologisch zu den Fragen, „welche Normen im Fernsehen thematisiert werden und wie das Fernsehen selbst diese Normen bewertet“ (S. 105).
  3. Eigenproduktion“: Das Material liefert das Video „Fontaine“, das elf- und zwölfjährige Kinder gemeinsam erarbeitet haben – in einem Projekt mit dem Titel „Wasserlauf“. Untersucht wird dieses Video „hinsichtlich präsentativ-symbolischer Ausdrucksformen“ (S. 109). Auch diese Forschung orientiert sich an einer Variante der Grounded-Theory-Methodologie.

Die erste Einzelfalldarstellung entstammt der Dissertation der Autorin und gehört zur Pilotstudie der Feldpartitur; im Vergleich wird dieses Beispiel sehr ausführlich dargestellt. Die Einzelfalldarstellung „Ein Hund fährt schwarz“ gerät am kürzesten, weil im VS Verlag dazu schon ein Buch erschienen ist. Verfasst haben es Jo Reichertz und Carina Jasmin Englert (dazu meine Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/10554.php) – von ihnen stammt auch das nun hier vorgelegte Kapitel. Die dritte Einzelfalldarstellung bezieht sich auf ein laufendes Dissertationsprojekt von Regine Hilt.

Diskussion

Moritz zeigt, in welcher Differenziertheit und Anreicherung Transkriptionen von Videos mithilfe des Computers möglich sind und wie eine hilfreiche Software aussehen kann. Damit gibt die Autorin in der aktuellen Diskussion um qualitative Videoanalyse angebrachte Anstöße, um das Potential des Datenmaterials angemessener nutzen zu können. Was sich allerdings bei welchen Fragestellungen und qualitativen Forschungsansätzen bewähren wird, muss die Forschungspraxis noch zeigen. Es scheint ein wenig hochgegriffen, dass mit der Feldpartitur ein Sprung stattfinde, der sich mit der Bedeutung vergleichen lasse, die die Entwicklung der Schrift gegenüber der gesprochenen Sprache hatte – komplexe Partiturschreibweisen gab es mindest vereinzelt auch schon vor der Nutzung des Computers.

Zu wünschen wäre, dass der Text für eine zweite Auflage vollständig überarbeitet würde: Fast jede Seite der vorliegenden Fassung enthält formale Fehler, etwa der Rechtschreibung, Zeichensetzung oder Grammatik, manchmal fehlt die im Text verwendete Literatur im Literaturverzeichnis oder die Angaben stimmen womöglich nicht überein. Auch stilistisch und ausdrucksmäßig wäre der Text zu revidieren, um einen leichteren Lesefluss zu ermöglichen. Abbildungen sind oft zu klein, um darin Bild- oder Textdetails zu erkennen. Die Textstruktur des Grundlagenteils lässt teilweise mehr Geradlinigkeit erwünschen.

Fazit

Für ForscherInnen, die sich schon mit Videoanalyse befasst haben, genügt es, erst einmal die Zusammenfassung zu lesen und das Buch zu überfliegen, um einen Eindruck von den Neuerungen der Feldpartitur zu gewinnen. Dagegen ist für Neulinge die Darstellung eher zu komplex, und ein Begleitseminar wäre zu wünschen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 15.03.2012 zu: Christine Moritz: Die Feldpartitur. Multikodale Transkription von Videodaten in der Qualitativen Sozialforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17950-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12684.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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