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Werner Michl: Erlebnispädagogik

Cover Werner Michl: Erlebnispädagogik. UTB (Stuttgart) 2011. 2. Auflage. 94 Seiten. ISBN 978-3-8252-3606-9. 12,90 EUR.

Reihe: UTB - 3049.
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Thema

Die Reihe „UTB Profile“ behandelt in kurzen (unter 100 Druckseiten) Büchern, die im Taschenbuchformat gehalten sind, üblichen Taschenbüchern in der Verarbeitungsqualität aber überlegen sind, in monographischen Darstellungen Personen (etwa Nietzsche und Piaget) oder Sachgebiete (beispielsweise Gerechtigkeit oder Systemische Interventionen). Die über 100 Bände der Reihe, deren zentrale Zielgruppe Studierende sind, vermitteln „Wissen, das weiter hilft“ (so der zentrale Werbeslogan; vgl. www.utb-profile.de/). Dass sich in solch illustrer Gesellschaft eines Tages auch die Erlebnispädagogik (be-)finden würde, hätte der Rezensent nicht zu hoffen gewagt, als er sich vor nur einem viertel Jahrhundert auf die Erlebnispädagogik einließ, die damals unter den (sozial-)pädagogischen Methoden eine Außenseiterrolle spielte, auf welche die Insider freilich schworen.

Das Thema des Buches ist die Erlebnispädagogik als eigenständiger pädagogischer Methode mit eigener Geschichte (historische Identität), besonderen theoretischen Bestimmungsstücken (theoretische Identität) und spezifischen Handlungsansätzen (praktische Identität). Nicht nur Kritiker von außen, sondern auch Frauen und Männer, die der Erlebnispädagogik in kritischer Solidarität verbunden sind, zweifeln eine solche Identität an, indem sie auf die relative Beliebigkeit bei der Konstruktion der Traditionslinie, die Bruchstückhaftigkeit der theoretischen Begründung und die verwirrend-widersprüchliche Mannigfaltigkeit der Handlungsansätze verweisen. Das alles sei eingeräumt. Aber auf Folgendes verwiesen: Der Systemischen Therapie, deren Geschichte als Breitenbewegung in Deutschland nur wenig älter ist als die der Erlebnispädagogik als Breitenbewegung hat sich hinsichtlich aller drei Identitätsaspekte die gleichen Fragen gefallen lassen müssen und dennoch wurde ihr offiziell (und mit Rechtsfolgen verbunden) der Status eines eigenständigen therapeutischen Ansatzes zugesprochen. In beiden Fällen gilt, dass eine besondere Gestalt sichtbar wird, so sehr auch die Konturen an der einen oder anderen Stelle noch unscharf sich oder sich gar verändern. Was Erlebnispädagogik ist, muss im theoretischen Diskurs, der das unter der Flagge „Erlebnispädagogik“ vollzogene praktische Handeln fest im Blick hat, immer wieder neu ausgehandelt werden. Zu diesem Diskurs leistet das vorliegende Buch seinen Beitrag.

Entstehungshintergrund

Der Autor, der im Reinhardt Verlag, der ja am UTB Verlag beteiligt ist, die Buchreihe „erleben und lernen“ heraus gibt, wurde vom Verlag angesprochen. Nach gutem zwei Jahren war die Erstauflage von 4000 verkauft, eine polnische Übersetzung erscheinen, eine russische für 2012 angekündigt und die hier zu besprechende 2. unveränderte Auflage der Originalfassung 2011 in den Handel gebracht. Dieser Erfolg hängt nicht zuletzt mit der Person des Autors zusammen

Autor

Werner Michl, Professor für Soziale Arbeit an der Georg-Simon-Ohm Fachhochschule Nürnberg, ist seit einem viertel Jahrhundert Hirn, Herz und Hand bei der Sache Erlebnispädagogik. Der gelernte Pädagoge und kundige Höhlenbefahrer hat in der und für die Erlebnispädagogik als Dozent und Forscher, als Ausbilder und Trainer sowie als Herausgeber und Autor Erfahrung (vgl. http://www.wernermichl.de/). Der Aufstieg der deutschen Erlebnispädagogik zu einer Breitenbewegung ist unlösbar mit seinem Namen verknüpft.

Aufbau

Das Buch besteht zwischen einer zehnseitigen Einleitung und einem Anhang (sechs Seiten Literatur, zweiseitiges Sachregister) aus einem siebzigseitigen Hauptteil von sieben Kapiteln:

  1. Geschichte: Woher kommt die Erlebnispädagogik
  2. Kurt Hahn: Wie wird Erlebnistherapie zur Pädagogik?
  3. Die Wiederentdeckung der Erziehung: Was hat die Erlebnispädagogik dazu beigetragen?
  4. Lernmodelle: Last oder Lust des Lernens?
  5. Von der Praxis zur Forschung: Wie wirkt Erlebnispädagogik?
  6. Metaphorische Lernen: Königswege oder Sackgassen?
  7. Erlebnispädagogische Aktivitäten: Was und wie?

Inhalt

Das Literaturverzeichnis dokumentiert die verwendete Literatur, das knappe präzise Sachregister erleichtert Wiederauffinden und Herstellen von Zusammenhängen. Die Einleitung ist eine Hinführung zum Hauptteil, kann aber auch für sich als Kurzdarstellung von „Erlebnispädagogik heute“ gelesen werden. In den sieben Kapitel des Hautteils wird zunächst in den ersten drei Kapiteln die historische Entwicklungslinie, die der Autor für die heutige Erlebnispädagogik reklamiert und rekonstruiert, dargestellt. Im 4. und 6. Kapitel geht es um Fragen, wie wir uns Lernen (im Allgemeinen und in der Erlebnispädagogik im Besonderen) vorzustellen haben. Kapitel 5 ist der Wirksamkeitsforschung zur Erlebnispädagogik gewidmet und das abschließende 7. Kapitel der Frage der einzelnen Handlungsansätze in der Erlebnispädagogik.

Diskussion

Das Buch ist wohltuend leserfreundlich. Dazu trägt einmal der unkomplizierte Schreibstil des Autors bei. Hinzu kommen die in Blau gehaltenen Zeichnungen von Sibylle Roth aus Amberg, die illustrieren, veranschaulichen (das Johari-Fenster etwa) oder erhellen (beispielsweise Stephen Bacons metaphorisches Grundmodell). Blau unterlegt sind zahlreiche das Verständnis fördernde und vertiefende Beispiele, in Blau gehalten sind Kapitel- und Abschnittsüberschriften, die den Text kleinteilig gliedern. Eingestreut in den fortlaufenden Text sind immer wieder Merksätze und Definitionen. Kurzum: Auch wer Bücher lesen nicht zu den aufregenden Dingen des Lebens zählt, kann sich für dieses Buch seiner Aufmachung wegen erwärmen. Und: Es passt in die Außentaschen gängiger Outdoor-Jacken und wiegt nicht schwerer als anderthalb Tafeln Schokolade; das sind gute Gründe, es mal draußen zu lesen – in einer „Ich-Zeit“-Stunden, die gute Erlebnispädagogik immer einräumt.

Das vorliegende Buch liegt auf dem hohen Niveau, auf dem sich die Kurzdarstellung der Erlebnispädagogik als Lehrbuchbeitrag von Michael Galuske (1999) oder die umfangreiche monographische Einführung durch Bernd Heckmair und Werner Michel (2008) bewegen. Vom Seitenumfang her gesehen liegt das vorliegende Buch in der Mitte, und schließt damit, wie der schnelle Ausverkauf der ersten Auflage zeigt, eine Lücke. In der Tat: Es gibt keine bessere (deutschsprachige) Einführung in die Erlebnispädagogik, die zugleich kurz und umfassend ist. Natürlich wird jeder Leser – und je mehr er schon über Erlebnispädagogik weiß oder zu wissen vermeint, desto häufiger wird das der Fall sein – an vielen Punkten einhaken und nachfragen können; und wo dies geschieht, hat es in der Regel mit spezifischen Erfahrungen, Neigungen und Sichtweisen des jeweiligen Betrachters zu tun.

So sieht der Rezensent etwa anders als der Autor (vgl. S. 13) keinen scharfen Gegensatz zwischen Aktionspädagogik und Erlebnispädagogik. Das führt natürlich an grundsätzliche Fragen der Erlebnispädagogik, wie z.B. die wie viel „action“ es zur „reflection“ oder wie viel „Hand“ es neben „Hirn“ braucht; das „Herz“ ist bei Aktion und Reflexion gleichermaßen gefordert. Mit welchem Recht wollen wir denn den unter dem Überschriftsbestandteil „Wilderness“ agierenden Handlungsansätze in Canada, den USA, Australien und Neuseeland, die voller „Aktionen“ sind, bestreiten in der Tradition (auch) eines Kurt Hahn zu stehen? „Aktionen“ haben einen hohen Herausforderungscharakter physischer und psychischer Art, und eben solche Module tragen sehr zur Wirksamkeit erlebnispädagogischer Maßnahmen bei (Heekerens 2006). Aus psychologisch gut nachvollziehbaren Gründen: Die erfolgreiche, und das sicher zu stellen ist anspruchsvolle Aufgabe der Erlebnispädagogen, die erfolgreiche Bewältigung solcher physisch wie psychisch heraus fordernden „Aktionen“ führt zu Kontrollüberzeugung oder Selbstwirksamkeit, der nach allem empirisch basierten Wissen wichtigsten innerpsychischen Größe beim durch Erlebnispädagogik geförderten Wachsen (Heekerens 2006). In anderen Worten und nach einer anderen Wirklichkeitskonstruktion: Es geht um das bewusste Eingehen von Risiken; und das ist etwas ganz anderes als das blinde Sich-in-Gefahr-Begeben (Heekerens 1995)

Um zu einem zweiten Punkt des Einhakens zu kommen: Der Rezensent fragt sich, warum der Autor im 5. Kapitel, wo es um die Wirksamkeitsforschung zur Erlebnispädagogik geht, die breite und gediegene internationale Forschung (zusammen fassende Darstellung: Heekerens, 2006; ergänzend Sibthorp, Paisley & Gookin, 2007) und auch eine neuere in Deutschland durchgeführte, aber in einer internationalen (englischsprachigen) Zeitschrift veröffentlichte quasi-experimentelle, und damit recht aussagekräftige, Studie (Gatzemann, Schweizer & Hummel, 2008) übergeht. Die Wirksamkeitsforschung zur Erlebnispädagogik ist breit, tief und liefert Ergebnisse, die zeigen, dass sich Erlebnispädagogik bei der Zielgruppe Jugendliche (nur hierfür haben wir genügend Beweise) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit weder hinter der Psychotherapie noch der Schulpädagogik verstecken muss und als sozialpädagogische Methode besser evaluiert ist als alle anderen (von der Familientherapie, will man sie zu den erlebnispädagogischen Methoden zählen, einmal abgesehen).

Fazit

Das Buch gehört nicht nur in mindestens einem Exemplar in jede Ausbildungsstätte für Erzieher und Sozialpädagogen, sondern gleich in mehreren Exemplaren in den Handapparat jedes Dozenten solcher Einrichtungen, die Erlebnispädagogik praktisch und/oder theoretisch im Lehrangebot haben. Zudem empfiehlt es sich bei dem geringen Kaufpreis jedem Studierenden, der von Erlebnispädagogik in theoretischer Hinsicht einen tieferen Einblick haben möchte als ihn Wikipedia bietet und Hand- bzw. Lehrbuchartikel liefern können.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Galuske, M. (1999). Methoden der sozialen Arbeit. München: Juventa.
  • Gatzemann, T., Schweizer, K. & Hummel, A.: (2008). Effectiveness of sports activities with an orientation on experiential education, adventure-based learnung and outdoor-education. Kinesiology, 40(2), 146-152.
  • Heckmair, B. & Michl, W. (2008). Einführung in die Erlebnispädagogik (6., überarb. Und erw. Aufl., erleben&lernen Bd.2). München – Basel: Reinhardt.
  • Heekerens, H.-P. (1995). Risiko und Gefahr. In H. Kölsch (Hrsg.), Wege Moderner Erlebnispädagogik (S. 54-76). München: Verlag Sandmann.
  • Heekerens, H.-P. (2006). Wirksamkeitsforschung zur Erlebnispädagogik: Ergebnisse, Fragen, Anregungen. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 26, 3-57.
  • Sibthorp, J., Paisley, K. & Gookin,. (2007). Exploring participant development through adventure-based programming: A model from the National Outdoor Leadership School. Leisure Sciences, 29(1), 1-18.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 09.01.2012 zu: Werner Michl: Erlebnispädagogik. UTB (Stuttgart) 2011. 2. Auflage. ISBN 978-3-8252-3606-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12688.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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