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Rosmarie Maier, Petra Mayer: Der vergessene Schmerz

Cover Rosmarie Maier, Petra Mayer: Der vergessene Schmerz. Schmerzmanagement und -pflege bei Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. 180 Seiten. ISBN 978-3-497-02278-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reinhardts Gerontologische Reihe - 50.
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Thema

Maier/Mayer widmen sich einem Thema, das bisher, Petra Dietz-Laukemann folgend, „in dieser Form noch nicht betrachtet, analysiert und mit vielen praktischen Fallbeispielen und Handlungsanweisungen für Menschen im täglichen Umgang mit Demenzpatienten beschrieben wurde“ (S. 9). Es geht um Schmerz, Schmerzmanagement und -pflege bei demenziell Erkrankten.

Autorinnen

Rosmarie Maier ist Altenpflegerin und Lehrerin für Pflege. Seit über 25 Jahren begleitet sie Menschen mit Demenz. Sie schult und berät sowohl professionelle und ehrenamtliche Betreuungspersonen als auch pflegende Angehörige. Nähere Informationen sind der URL www.rosmariemaier.de zu entnehmen.

Petra Mayer ist Paliative-Care-Pflegekraft. Sie arbeitet in der ambulanten Schmerztherapie und in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung. Weitere Informationen sind der URL www.petramayer.net/ zu entnehmen.

Aufbau

  1. Grundhaltungen im Umgang mit Schmerz und Demenz
  2. Die drei Schmerzebenen – körperlich, psychosozial und spirituell
  3. Das Schmerzerleben von Menschen mit Demenz – der heutige wissenschaftliche Stand
  4. Indirekte Schmerzindikatoren bei Menschen mit Demenz
  5. Die Rolle der Betreuenden
  6. Die medikamentöse Schmerztherapie
  7. Nicht medikamentöse Schmerztherapie
  8. Begegnungen mit Menschen mit Demenz und deren Schmerzen

Inhalte

Nachdem die Autorinnen im ersten Kapitel den Personenkreis beschrieben haben, für den die Lektüre der Publikation sehr sinnvoll ist wird danach gefragt, ob es sich um einen vergessenen Schmerz von Menschen mit Demenz oder deren Gesellschaft handelt: „Wer hat den Schmerz vergessen? Der Demenzpatient oder sein soziales Umfeld?“ (S. 14). Es geht darum den eigenen Schmerz wahrzunehmen, ihn wahrnehmen zu dürfen und ihn anzunehmen. Es ist wichtig eine wertschätzende Grundhaltung einzunehmen. Folgende Punkte sind hierbei beachtenswert:

  • Welche innere Einstellung ist unter einer wertschätzenden Grundhaltung zu verstehen?
  • Wie kann man eine wertschätzende Grundhaltung zu sich selbst entwickeln?
  • Welche Auswirkungen hat eine fehlende wertschätzende Grundhaltung?

Schmerztherapie, so Maier/Mayer, bedenkt nur den körperlichen Schmerz, der eine medikamentöse Behandlung erfährt. In ihrem zweiten Kapitel orientieren sich die Autorinnen am „Total Pain“-Modell von Cicely Saunders. „Saunders beschrieb schon in den 1960er Jahren, dass Schmerz auf einer körperlichen, psychosozialen und spirituellen Ebene stattfinden kann und dass Schmerz das ist, was der Betroffene als Schmerz empfindet“ (S. 26).

Bei den körperlichen Schmerzen werden besprochen:

  • Osteoporose;
  • degenerative Erkrankungen der Gelenke;
  • Folgeerscheinungen von zurückliegenden Frakturen;
  • die Kontraktur;
  • Hanrwegsinfekte;
  • Mundhöhlen- und Zahnfleischerkrankungen;
  • neuropathische Krankheitsbilder und
  • Tumorerkrankungen.

An die Besprechung der körperlichen Schmerzen schließt sich die psychoziale Schmerzebene an. Zur Klärung des Terminus „psychosozial“ bedienen sich die Verfasserinnen einer Definition des National Council for Hospice and Specialist Palliative Care Services von 1997. Psychosoziale Schmerzen zeigen sich in:

  • Nicht-verstehen und nicht-verstanden werden;
  • Ängste, Hoffnungslosigkeit;
  • Verzweiflung, Ausgeschlossenheit, Einsamkeit;
  • Fehlen von Wärme, Geborgenheit und Nähe;
  • Verlust der Erinnerung, des Schamgefühls;
  • Hilflosigkeit und
  • Fehlen von Bewältigungsstrategien

Spirituelle Schmerzen sind:

  • Gefühl von Sinnlosigkeit;
  • Gefühl von Hoffnungslosigkeit;
  • Gefühl von Verlorenheit in der Welt;
  • Gefühl, nutzlos zu sein und von niemandem gebraucht zu werden und
  • Zusammenbruch des Selbstwertgefühls.

Zum gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand bezüglich des Schmerzerlebens von Menschen mit Demenz erörtern die Autorinnen die wissenschaftlichen Möglichkeiten zur Schmerzerfassung bei Menschen mit Demenz, als da wären die BESD-Skala (BEurteilung von Schmerzen bei Menschen mit Demenz) und der BISAD-Bogen (BeobachtungsInstrument für das SchmerzAssessment bei alten Menschen mit Demenz).

Anhand der STI (Serial Trial Intervention) wird der Zusammenhang zwischen herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz und fehlender Schmerztherapie erläutert.

Als Schmerzindikatoren bei Menschen mit Demenz werden beleuchtet:

  • lautsprachliche verbale Indikatoren;
  • lautsprachliche vokale Indikatoren;
  • mimische Indikatoren;
  • vegetative Indikatoren und
  • Indikatoren auf der Verhaltensebene.

„Schmerzwahrnehmung ist das Wahrnehmen von Verhaltensweisen und Äußerungen der Person mit Demenz“ (S. 48). Aus diesem Grund sind folgende Punkte seitens der Betreuenden abzuklären:

  • Schmerzwahrnehmung und
  • wie der Schmerz zu deuten ist.

„Für eine professionelle Schmerztherapie sind eine kontinuierliche Schmerzerfassung und lückenlose Dokumentation unerlässlich“ (S. 57). Daher gilt das Augenmerk:

  • der Schmerzerhebung;
  • der Pflegeplanung, beispielsweise bei erhöhter Sturzgefahr und
  • der Pflegeverlaufsberichtführung.

Bei der medikamentösen Schmerztherapie gilt es die Kardinalfehler derselben bei Menschen mit Demenz zu diskutieren, wie:

  • die nicht erkannten chronifizierenden und chronischen Schmerzen;
  • die Schmerzen, die demenzkranken Menschen oft abgesprochen werden;
  • die Verordnung von Neuroleptika, die oft Analgetika ersetzen sollen;
  • die monotherapeutische Fehlbehandlung von Schmerzen;
  • die unzureichende Dosierung von Analgetika;
  • das verspätete Ansetzen von Analgetika;
  • das zu kurze Ansetzen von Analgetika;
  • das Ansetzen von Analgetika nur bei Bedarf und
  • die falsche Kombination von Analgetika.

Es folgen die Schmerztherapiepfade nach dem WHO-Stufenmodell und eine Übersicht der wichtigsten Analgetika.

Der Schmerztherapiepfad in der Praxis wird dargestellt:

  • bei nozizeptiven Schmerzen – also nozizeptiv-entzündlichen –, nozizeptiv-myofaszialen- und nozizeptiv-viszeralen Schmerzen und
  • bei neuropathischen Schmerzen – also chronisch neuropathischen- und akuten neuropathischer Schmerzen.

Da fast jede medikamentöse Therapie, neben den erwünschten Wirkungen, auch Nebenwirkungen aufzeigt, werden angeführt:

  • Obstipation;
  • Übelkeit/Erbrechen;
  • Miktionsstörungen/Harnverhalt;
  • Schläfrigkeit/Verrwirtheitssyndrom/Sedierung und
  • Entzugssymptomatik

Eine besondere Beachtung erfahren die Nebenwirkungen von Opiaten und Nichtopiaten.

Neben den Analgetika existieren Co-Analgetika (trizyklische Antidepressiva, Antikonvulsiva und Kortikosteroide), die besprochen werden müssen, ebenso die Mythen in der Schmerztherapie von Menschen mit Demenz.

An nicht medikamentöse Schmerztherapie werden diskutiert:

  • Elemente aus der Basalen Stimulation;
  • Bäder, Einreibungen, Wickel und Kompressen;
  • das validierende Gespräch oder die validierende Begegnung („Validieren bedeutet: Für gültig erklären. Im Umgang mit Menschen mit Demenz heißt dies, ihre innere Realität anzuerkennen und zu würdigen, ihre Gefühle und Erlebnisse zu achten“ (S. 120)) und
  • spirituelle und religiöse Angebote.

Bei den Begegnungen mit Menschen mit Demenz und deren Schmerz begegnen wir:

  • der 82-jährigen Frau Schulz, die seit zwei Jahren in einem Pflegeheim lebt;
  • der 88-jährigen Frau Haller, die seit einem Jahr in einem Pflegeheim lebt und
  • dem 82-jährigen Herrn Gipser, der zu Hause lebt.

Fazit

Der Personenkreis, für den die Publikation geschrieben wurde, sind:

  • die Menschen, die ihre Schmerzen nicht mehr klar äußern (können);
  • die Menschen, die erfahren wollen, „wie sich Leid lindern lässt und die die Hoffnung haben, dass die Not zu lindern ist“ (S. 12);
  • die Menschen, die erkennen, spüren und nachvollziehen können sollen, „welch verantwortungsvoller und komplexer Aufgabe sich Betreuende stellen (müssen), wenn sie Menschen mit Demenz in ihrem Schmerz begleiten wollen“ (S. 12);
  • die Menschen in den verantwortlichen Stellen, als da wären Krankenkassen, Politik, Geschäftsführung von Pflegeeinrichtungen;
  • die Menschen, die sich in der Ausbildung zur gerontopsychiatrischen- bzw. Paliative-Care-Fachkraft befinden.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 19.03.2012 zu: Rosmarie Maier, Petra Mayer: Der vergessene Schmerz. Schmerzmanagement und -pflege bei Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-497-02278-6. Reinhardts Gerontologische Reihe - 50. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12694.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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