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Robert Seyfert: Das Leben der Institutionen

Cover Robert Seyfert: Das Leben der Institutionen. Zu einer Allgemeinen Theorie der Institutionalisierung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2011. 236 Seiten. ISBN 978-3-942393-21-8. 24,00 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Autor

Robert Seyfert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Institution“ und am Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz.

Aufbau und Inhalt

Unter dem schönen Titel „Ecce institutio. Wie sie wird, was sie ist“ wird in dem Einleitungskapitel das Programm der Arbeit aufgezeigt. Institutionen können als gesellschaftliche Fixierungen und Stabilisierungen sozialer Phänomene verstanden werden, die eine gewisse Permanenz aufweisen. Sie sind Regulationen, die – den Schutz vor Veränderungen und der Sicherung von Ordnung dienend – bestimmte Verhaltensweisen normalisieren und diese auf eine spezifische soziale Ordnung hin anlegen. Es gibt familiäre, politische, kirchliche, industriell-ökonomische, zeremonielle und professionelle Institutionen, wenn man einer keineswegs vollständigen Auflistung von H.Spencer folgen will.

Aber diesem Verständnis von Institutionen steht eine Auffassung gegenüber, die in der Stabilisierungsfunktion und Dauerhaftigkeit weniger Hilfe und Entlastung, sondern vor allem Beschränkung und Behinderung sieht, also sozialen Zwang. Berühmt sind in diesem Zusammenhang die metallischen Definitionen des Zwangscharakters der Institutionen von E. Durkheim („Gussformen, in die wir unsere Handlungen gießen müssen“) oder von M. Weber („ stahlhartes Gehäuse“, in dem „die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen“ gewinnen).

Diese beiden Positionen will Seyfert hinter sich lassen, indem er eine neue komplexere Sicht auf Institutionen wirft, in der beide Momente -die fixierte institutionelle Ordnung sowie die fluide menschliche Subjektivität – gemeinsam Platz finden. Institutionen umfassen beide Tendenzen: Sie sind strukturierend, wie sie fluide sind, sie können als stabile wie destabile Spannungszustände begriffen werden. Aber sie sind auch ein Mehr.

Institutionen, so der sich anschließende Definitionsversuch Seyferts, sind Einrichtungen als ein kunstvolles Gefüge bzw. Arrangement: Es sind Zusammensetzungen heterogener Elemente, die auf diese Weise vorher nicht da waren und deren Aufbau wie Erhalt einer gewissen Anstrengung bedürfen. Anthropologische Momente spielen dabei genauso eine Rolle wie anorganische und artifizielle. Solche Arrangements können als dädalisch bezeichnet werden,da sie als soziale Erfindungen und als sinnhaft verstanden werden können. Eine Institution erfindet Probleme und deren Lösungen, die vorher nicht da waren. Dieser grundlegend kreative Aspekt institutioneller Prozesse wird in der Wissenschaft zu wenig beachtet.

Zu einem vernachlässigten Thema der Kreativität der Institutionen zählen auch die Fragen, wie man von einer Institution zu der anderen kommen kann bzw. umgekehrt – Institutionen als Medium des Überganges und der Interaktion. Während Sprache und Symbole ergiebig erkundet sind, bleiben haptische, olfaktorische, ästhetische, psychische und andere Übertragungsformen weitgehend unbeachtet. Die Affizierung durch eine spezifische Transmission setzt in der Institution eine doppelte Fähigkeit voraus: zu affizieren und sich affizieren zu lassen. Notwendig wird eine allgemeine Theorie interaktiver Transmission, in der jede Transmissionsart eine spezifische Affektfrequenz beschreibt- eine institutionelle Affektivität.

Wenn man sich nicht allein auf die Prozesse der Typisierung, Habitualisierung und Stabilisierung von Institutionen beschränken will, sind die Behandlung folgender institutioneller Probleme hilfreich:

  • Institutionen stellen sich zumeist einem spezifischen Problem, das Leitproblem genannt werden kann. Die Institution ist dabei zugleich Lösung und Erfindung des Problems. Jedoch sind die Leitidee und auch das Problem nicht unveränderlich, sondern ändern sich beständig- sind selbst Effekte.
  • Auch gibt es Leiträume, die nicht nur den materiellen Raum bezeichnen, sondern auch Denkräume, Diskurse,Symbole und Praktiken. Hierzu werden u.a. totemistische Gesellschaften als Beobachtungsgegenstand herangezogen, weil man bei ihnen zeigen kann, inwiefern das Leitsymbol (Totem) nicht allein die kognitive Aufteilung der Gruppen regelt, sondern auch die internen Sozialbeziehungen zwischen den verschiedenen Gruppenmitgliedern und den gesamtem Gesellschaftsraum institutionalisiert.
  • Zentral sind auch die Leitzeiten. Genauso wie es keine universale Institution gibt, so gibt es keine universale Gesellschaftszeit. Es kommt darauf an, die institutionelle Mannigfaltigkeit der Gesellschaft und damit auch die Vielfalt der Zeiten konzeptionell zu berücksichtigen.

Eine Institution setzt mithin die Schaffung verschiedener Aspekte voraus: Sie widmet sich einem spezifischen Leitproblem, nimmt einen spezifischen Raum ein, hat eine spezifische Zeit, und eine besondere Affektivität und bestimmt somit alle ihre relevanten Elemente bzw. Mitglieder.

Im zweiten „De-Institutionalisierung und Re-Institutionalisierung“ betitelten Kapitel stellt sich Seyfert anhand der Diskussion der Verwendung des Konzeptes der Hegemonie von A. Gramcsi durch E.Laclau und C.Mouffe die Frage, inwiefern Dagegen-Sein und Negativität allein konstitutiv für das Soziale sein können bzw. ob sie tatsächlich als Grundlage der Institutionalisierung gesehen werden können. Bei einer solchen sozialen Wandel nur als Widerstand, Protest und Revolution vorstellbaren negativen Sichtweise wird der sich nicht im Negativen erschöpfende kreative Akt der Institutionalisierung übersehen.

Schöpferisches Denken bezieht sich auf offene Felder und leere Räume, die jenseits bereits etablierten sozialen Gefüges entdeckt und in denen neue Probleme und neue Lösungen erfunden werden können, die den sozialen Wandel einleiten.

Als Beispiel für einen solchen Akt der positiven Institutionalisierung gilt das von F. Kafka in seinen Tagebuchnotizen charakterisierte Konzept der „kleinen Literaturen“. Diese Literaturen halten den Unterschied zwischen fertigen Eigenerzählungen eines bestehenden Volkes – staatliche Geschichtsschreibung und deren Mythen – und dem Prozess der Legendenbildung und Fabulation als einer Geschichte in Begriffen des Werdens für eine Kultur im Werden fest. Entstehend in ethnischen, religiösen und immer auch sprachlichen Randlagen, sind kleine Literaturen ab ovo politisch und unmittelbar verändernde Kräfte. In Ihnen liegt die Möglichkeit, sich hegemonialen Konstruktionen zu entziehen und Alternativen anzubieten. Kafka schreibt nach G. Deleuze die Literatur für ein fehlendes Volk ohne eigene Sprache. „Die kleine Literatur ist eine, die Auswege schafft, die wenn nicht auf eine Revolution, so doch auf einen Fortschritt ausgelegt ist und die auf keinen Fall wiederholen möchte.“ (E. Kreuzmair) In der sich auf ein noch nicht existierendes Volk beziehenden Fabulation sieht Seyfert eine Lösung der Schwierigkeiten in der Geschichtsphilosophie seit Hegel und Marx und deren impliziten Eschatologien. Man kann Momente der produktiven Institutionalisierung erwischen, ohne deshalb zu wissen, wohin die Reise geht.

Im dritten Kapitel „Institutionelle Affektivität“ arbeitet der Autor konkret aus , was er unter Affektivität versteht und wie ganz konkret der Übergang von einer Institution zu einer anderen und die Interaktion zu beschreiben sind. Es wird ein Instrumentarium für potentielle Analysen angeboten.

In den soziologischen Theorien, die sich in Form von Gefühlen und Emotionen mit Affekten beschäftigen, geht es in verunsicherten Zeiten oft darum, Gefühle wie zum Beispiel Vertrauen vor allem als soziale Stabilisatoren zu betrachten. Diese Betrachtungsweise führt dazu, im Gefühlsmanagement eine soziale Ordnungsfunktion zu sehen. So ist es für N. Elias ausgemacht, dass der Prozess der sozialen Differenzierung hin zur modernen Gesellschaft mit der Zunahme an disziplinierenden und kontrollierenden Institutionen zusammenfällt, die die menschlichen Affekte zunehmend lenken und kanalisieren. Wichtig aber wäre es, die Frage zu stellen, ob sich die Menschen dieses aufdringliche institutionelle Gefühlsmanagement überhaupt gefallen lassen hätten, wenn es nicht auch eine positive Affektivität der Institutionen gegeben hätte. Um dies Affektivität bestimmen zu können, ist es notwendig, die verschiedenen Formen der Interaktionsaffekte zwischen den Beteiligten unter Beachtung der nicht-menschlichen Anteile zu beschreiben. Hier bietet Seyfert im Anschluss an B. Spinoza und J.-M. Guyau ein ganzes Spektrum möglicher Analysemöglichkeiten an, um konkrete Sozialphänomene kartographieren zu können.

Ein kleines Beispiel: Der sogenannte Midas-Touch in der Gastronomie zeigt, wie Berührungen als Übertragungsphänomen affektiv wirken können. Sie erhöhen das Trinkgeld. Die Berührung der Handfläche führt dabei zu einem günstigeren Effekt als die Berührung der Schultern.

Das 4. und 5. Kapitel stellen sich dem Problem der Institutionellen Zeiten und der Institutionellen Räume, wie es in der Einleitung angekündigt wurde. Auch in diesen Kapiteln bleibt der Text spannend und lehrreich. Angemerkt sei, dass auch hier überaus interessante Forschungsergebnisse als Belege und zur Anschauung aufgeführt werden.

Kommen wir jetzt zum Schlusskapitel: Nachdem Seyfert seine Forschungsergebnisse noch einmal resümiert hat, versucht er sich in einer Utopie der institutionellen Lebendigkeit. Institutionen sind, wie wir gelernt haben, weniger limitativ und einschränkend als vielmehr ausweitend und integrativ. Was negative Bestrebungen und Aktionen nicht können, das kann die Positivität der Institutionen im institutionellen Miteinander auf stille und allmähliche Weise. Nicht ausschließlich menschlichen Bedürfnissen folgend, sorgen Institutionen dafür, dass der Rassenbegriff mehr mit performativ erzeugter Ungleichheit und kollektiv akzeptierter Fiktion zu tun hat als mit substantiellen Differenzen, dass die Geschlechterdifferenzierung auf die Pluralisierung kultureller Geschlechterformen abzielt oder dass es Gruppenmitglieder gibt, die zunehmend artifizielle Elemente in den menschlichen Körper einführen. Neben dieser inneren Differenzierung der Menschen gibt es noch eine Art extensiver Bewegung, die den Menschen aus seiner Verwandtschaft zu anderen Primaten versteht und das Verständnis der sozialen Würde auf andere Wesen ausweitet. Überdies gibt es noch ein Menschen-Werden der Tier- und Pflanzenwelt. Alle diese Vergesellschaftungsformen weisen auf einen neuen Gesellschaftstyp hin, in dem weder Tier noch Mensch den Leitsozius darstellen, sondern ganz verschiedene Arten von socii dominant werden.

Diskussion

Sieht man einmal von der in der Utopie sichtbar werdenden Koinzidenz von Zukunft und grün-libertären Inhalten ab, so bleibt die gesamte Institutionalisierungstheorie in einer evolutionären und optimistisch orientierten Geschichtsauffassung eingebettet. Gesellschaftliche Brüche darf es nicht geben; Veränderungen erwachsen stetig aus Differenzierungen. Die Lebendigkeit der Institutionen garantiert den Gang der Dinge.

Zweifelhaft in dieser Institutionentheorie ist für mich auch die Stellung des Menschen, der ja fast schon zu einem Anhängsel der Institutionen wird, fast genauso wie in den metallischen Definitionen der Institutionen von Durkheim und Weber. Verdanken sich Institutionen menschlichen Bedürfnissen und Interessen, so bleibt als Kriterium die Frage nach der fortdauernden humanen Bedarfsgerechtigkeit der Institutionen. Ihre Lebendigkeit wäre zunächst einmal die fortwährende Beachtung dieser stets sich ändernden Bedarfslage.

Ich möchte nicht verschweigen, dass mir der Stil ein wenig Schwierigkeiten gemacht hat, weil mir oftmals zu kurzatmig und zu schnell argumentiert wird. Außerdem wird die Herstellung des gesamten Zusammenhanges zu einem großen Teil dem Leser überantwortet.

Fazit

Trotz dieser Anmerkungen bietet die Lektüre neue und wertvolle Einsichten für das Verständnis von Institutionen und Institutionalisierung. Die Lektüre lohnt in jedem Fall der Anstrengung.

Zu guter Letzt möchte ich darauf hinweisen, dass das Buch schön gestaltet ist. Der ästhetische und haptische Zugang der Literatur zum Nutzer und Mitglied ist gelungen. Es enthält überdies ein 16-seitiges Literaturverzeichnis und ein Namen- sowie Sachregister, die heute keineswegs selbstverständlich sind.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 22.04.2013 zu: Robert Seyfert: Das Leben der Institutionen. Zu einer Allgemeinen Theorie der Institutionalisierung. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2011. ISBN 978-3-942393-21-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12699.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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