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Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger: Pflegende Angehörige älterer Menschen

Cover Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger: Pflegende Angehörige älterer Menschen. Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Zusammenarbeit mit der ambulanten Pflege. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 304 Seiten. ISBN 978-3-456-85035-1. 32,95 EUR, CH: 49,50 sFr.
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Thema

Der Untertitel benennt das Thema des Buchs: Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Zusammenarbeit mit der ambulanten Pflege.

Herausgeberteam

Herausgeberinnen sind Pasqualina Perrig-Chiello, Prof. Dr. phil. am Institut für Psychologie an der Universität Bern und François Höpflinger , Prof. Dr. phil. am soziologischen Institut der Universität Zürich unter Mitarbeit von Sara Hutchison, Helen Ritschard, Hanspeter Stettler-Schmid, Margaretha Stettler-Murri und Cécile Wittensöldner.

Entstehungshintergrund

Die Grundlage für das vorliegende Fachbuch ist die 2009/2010 durchgeführte Studie „Pflegende Angehörige von älteren Menschen in der Schweiz“ der beiden Herausgeberinnen mit Frau Dr. Brigitte Schnegg (Universität Bern). Aufbauend auf den Ergebnissen werden Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige beschrieben.

Die Herausgeberinnen nennen zwei klar definierte Ziele der vorliegenden Veröffentlichung:

  1. „Zum einen soll als primäres Ziel die aktuelle Situation pflegender Angehöriger in der Schweiz aus gesellschaftlicher wie familiarer Perspektive ausgeleuchtet werden. […]
  2. Zum anderen sollen diese Ergebnisse in einen grösseren Zusammenhang gestellt werden.“

Im Vorwort äußert die Präsidentin des Spitex Verbandes Schweiz Frau Stephanie Mörikofer-Zwez, dass die „vorliegenden Studienergebnisse und die daraus abgeleiten Überlegungen […] eine wertvolle Grundlage für die notwendige politische Arbeit“ sind.

Aufbau

Nachvollziehbarer allumfassender Aufbau mit verständlichen und aussagekräftigen Überschriften. Unterteilung in vier große Teile:

  • Teil I – Demografische, epidemiologische und gesellschaftliche Entwicklungen
  • Teil II – Familiale Hilfe und Pflege
  • Teil III – Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige
  • Teil IV – Zukünftige Entwicklungen und Handlungsfelder

Inhalt

Teil I Das erste Kapitel des ersten Teils befasst sich mit der demografischen Entwicklung in der Schweiz und ihren gesundheitspolitischen Folgen. Die Entwicklung der Lebenserwartung wird anhand erklärender Texte und in tabellarischer Form beschrieben. Weiter werden Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung, der pflegerischen Perspektive und den Folgen für das Gesundheitswesen und Langzeitpflege bis 2060 beschrieben.

Im zweiten Kapitel des ersten Teils lassen sich anhand der verschiedenen Lebens- und Gemeinschaftsformen in Zusammenhang mit Gesundheit und Alter die sozialen Rahmenbedingungen betrachten, wie beispielsweise die Partnerbeziehungen im Alter, Freundschaften und Nachbarschaften.

Welche gesundheitlichen Beschwerden im Alter sowie welche Einschränkungen des Alltagslebens zu erwarten sind, wird aufgezeigt. Dies hat folglich im Rahmen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2007 zu grundlegenden (basalen) Items und acht Items zu instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens zu Erkenntnissen geführt, welche Aktivitäten noch selbst von den Patienten bzw. zu Hause lebenden Personen übernommen werden können und damit ein sicheres „alleine leben“ gewährleistet ist.

Als tragende Säule werden die Leistungen der Spitex genannt. Zahlreiche statistische Werte geben dem Leser Auskunft über die Anzahl der Mitarbeiter, Vollzeitstellen, durchgeführte Leistungen, usw. Ein ausführliches soziomedizinisches Profil betrachtet das ältere Spitex-Klientel genauer im Hinblick auf die Geschlechterverteilung, körperlicher Beschwerden, Spitalaufenthalte der letzten zwölf Monate usw.

Beschrieben werden auch die regionalen Unterschiede der Spitex-Leistungen sowie die schweizerische Pflege im Alter im intereuropäischen Vergleich.

Teil II betrachtet die Pflegenden Angehörigen aus vielfältigen Blickwinkeln wie z. B. Alter, Geschlecht, Familienstand, Motivation der Pflege, Verwandtschaftsgrad, Bildung usw. Ebenso werden die pflegebedürftigen Personen näher betrachtet, z. B. Ausmass der Pflegebedürftigkeit, Herkunft, Geschlecht, usw.

All diese Gegebenheiten können bereits zu Konflikten führen, die in den nächsten Kapiteln beschrieben werden, wie z. B. elterliche Erwartungen und filiale Verpflichtetheit, körperliche Befindlichkeiten der pflegenden Angehörigen, Pflegebelastung usw. Benannt werden Stressoren der Pflegebelastung und als Tabu-Thema „Gewalt in der Pflege“, sowie Bewältigungsstrategien und der Umgang mit Belastungen.

Teil III benennt Entlastungsangebote, das Zusammenspiel zwischen Spitex und Angehörige, Kriterien für eine gute Entlastungen. Hier wird auch beschrieben, wenn die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist, wie der Übergang gestaltet werden kann. Weiter wird anhand eines anschaulichen Erfahrungsberichts das Konzept des „Family Nursings“ vorgestellt.

Teil IV beschreibt die zukünftige Entwicklung der ambulanten Pflege in Bezug auf die unterschiedlichsten Schnittstellen, wie z. B. Wohnumfeld, wirtschaftliche und finanzielle Rahmenbedingungen, soziale Netzwerke, usw. So wird auch der Frage nachgegangen, welche Maßnahmen jetzt zu ergreifen sind, um die Anforderungen von morgen erfüllen zu können.

Diskussion

Die Hälfte des Buches befasst sich zunächst mit der vorhandenen Ist-Situation. Nur im dritten Teil wird sich mit dem Thema „Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige“ befasst. – Aber wo seitens der Politik nicht mehr ist, kann auch nicht mehr geschrieben werden!

Allerdings kommen leider die Angebote der Dienstleistungserbringer (im schweizerischen Falle Spitex genannt, in Deutschland entspräche dies den ambulanten Pflegediensten) und die Annahme der Leistungen, seitens der Patienten oder der Angehörigen nicht immer zusammen. Wie dies effektiver zu gestalten ist, kann abschließend nicht beantwortet werden.

Der Vorstellung des „Family Nursing“-Konzepts ist eine praxisnahe Ergänzung zu den genannten Möglichkeiten der Entlastung und vervollständigt die Aufzählung. Es verdeutlicht auch die (teilweise rein geografisch bedingten) Problematiken, die sich die ambulante Pflege gegenüber sieht.

Perrig-Chiello und Höpflinger versprechen auf dem Cover nicht werbewirksam Praxistauglichkeit oder Checklisten usw. – doch können alle Fakten zu solchen „verarbeitet“ werden. Die gestellten Fragen zur Motivation der Pflege oder zu der täglichen Belastung Pflegender Angehöriger sind und bleiben erfreulich „nah beim Menschen“.

Fazit

Langsam, aber zunehmend geraten die pflegenden Angehörigen in den (notwendigen) Blick der professionell Pflegenden, als „Teil des Systems Pflege“, die ebenso wie Arzt, Physiotherapeut oder andere Berufsgruppen für den Patienten wichtige und qualitative „Arbeit“ leisten.

Der Wegfall der pflegenden Angehörigen ist ein unbedingt vermeidbares Ziel der professionell Pflegenden. – Dies kann jedoch nur erreicht werden, wenn Wissen zum Thema zusammen getragen wird, wie mit der vorliegenden Veröffentlichung.

Das vorliegende Werk enthält einen erfreuliche hohen und fundierten Informationsgehalt in Text- und Tabellenform. Dabei gilt allerdings wieder zu bedenken, dass sich die Angaben auf die schweizerischen Gesetzesgrundlagen beziehen und in Deutschland die Leistungen der Pflegeversicherung anders geregelt sind.

Mit Wissen und Verständnis gegenüber den Pflegenden Angehörigen kann sich sicherlich nur eine bessere Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten ergeben.


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 07.03.2012 zu: Pasqualina Perrig-Chiello, François Höpflinger: Pflegende Angehörige älterer Menschen. Probleme, Bedürfnisse, Ressourcen und Zusammenarbeit mit der ambulanten Pflege. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-85035-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12703.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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