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Jörg Rössel, Gunnar Otte (Hrsg.): Lebensstilforschung

Cover Jörg Rössel, Gunnar Otte (Hrsg.): Lebensstilforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 458 Seiten. ISBN 978-3-531-18628-3. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR.

Reihe: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderhefte - 51.
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Thema und Zielsetzung

Die Herausgeber des Sonderheftes, Gunnar Otte und Jörg Rössel, wollen mit einer breiten Bilanzierung der bisherigen Lebensstilforschung Anstöße für die weitere wissenschaftliche Diskussion geben. Dafür haben sie Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland mit ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die Lebensstilforschung gewinnen können. Mit den Beiträgen sollen konzeptionelle, theoretische und methodische Anregungen für die Weiterentwicklung gegeben werden. So werden methodische Fragen in Bezug auf die gängigen Arbeitsweisen aufgeworfen, es wird nach der Relevanz einzelner Lebensstildeterminanten, wie Alter, Geschlecht, Bildung und ethnische Zugehörigkeit, gefragt und es werden theoretische Erklärungsmöglichkeiten für die Entstehung und Entwicklung von Lebensstilen angeboten. Thematisiert wird auch die Bereitstellung von möglichen Lebensstilelementen in Form von kulturellen Gütern und Symbolen, also die Angebotsseite der kulturellen Produktion und Vermittlung. Nicht zuletzt wird der Frage nach dem Nutzen von Lebensstilansätzen nachgegangen. Hier geht es u.a. um die Transmission kultureller Werte von der Eltern- zur Kindergeneration, um die symbol- und konflikthaften Wirkungen von Lebensstilen und die Erklärungskraft typologischer Lebensstil- bzw. Lebensführungsansätze.

Herausgeber

Dr. Jörg Rössel ist Professor für Soziologie an der Universität Zürich
Dr. Gunnar Otte ist Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung am Institut für Soziologie der Philipps-Universität Marburg

Zielgruppe

Soziologen/-innen und Sozialwissenschaftler/-innen

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Blöcke gegliedert:

  1. Theorien, Methoden und Anwendungspraxis der Lebensstilforschung
  2. Produktion und Diffusion von Lebensstilangeboten
  3. Entstehung und Entwicklung von Lebensstilen auf der Individualebene
  4. Bereichsspezifische Wirkungen von Lebensstilen

Diesen ist eine inhaltliche Einleitung der Herausgeber vorangestellt, in der sie ihr Verständnis von Lebensstilen darlegen, eine Einordnung der Beiträge des Sonderheftes vornehmen und aus ihrer Sicht offene Forschungsfragen benennen. Die Herausgeber weisen darauf hin, dass in der Forschung kein einheitliches Verständnis des Begriffs „Lebensstil“ existiert. Sie verstehen Lebensstil als „… ein Muster verschiedener Verhaltensweisen, die eine gewisse formale Ähnlichkeit und biographische Stabilität aufweisen, Ausdruck zugrunde liegender Orientierungen sind und von anderen Personen identifiziert werden können“ (S. 13). Otte und Rössel definieren Lebensstile damit in erster Linie über das sichtbare Verhalten von Personen und legen eine Trennung von Lebensstil und zugrundeliegenden Orientierungen nahe. Für „übergreifende Zusammenhänge zentraler Wertorientierungen und Lebensstilmuster“ schlagen sie in Anlehnung an Weber den Begriff „Lebensführung“ vor (S. 15). Weber versteht diesen als „Systematisierung des praktischen Handelns in Gestalt seiner Orientierung an einheitlichen Werten“ (Weber 1972, zitiert auf S. 15). Das Konzept der sozialen Milieus, in dem ihren Worten zufolge ebenfalls die Werte- und die Lebensstilebene verbunden wird, schätzen Otte und Rössel als wenig nutzbringend für die Lebensstilforschung ein. Sie weisen darauf hin, dass der Milieubegriff sehr uneinheitlich verwendet wird und konstatieren, dass er aus ihrer Sicht „zu einem Verlegenheitsbegriff avanciert“ sei, „der für soziale Großgruppen und Vergemeinschaftungen aller Art verwendet wird“ (S. 15).

Otte und Rössel unterscheiden zwischen typologischen und dimensionalen Ansätzen der Lebensstilforschung und unterteilen diese jeweils in allgemein/ bereichsübergreifend und themenzentriert/ bereichsspezifisch. Im Band finden sich Beispiele für alle beschriebenen Varianten.

In der Einleitung werden verschiedene Forschungsfragen angesprochen, wie etwa die Verhältnisbestimmung von Werten, Lebensstilen und Milieus oder die Untersuchung der Relevanz des kulturellen Angebots und der Strategien von Akteuren in diesem Feld für die Entstehung von Lebensstilen. Es wird zudem der dringende Aufruf an die Forschungsgemeinschaft formuliert, valide Instrumente zur „Messung“ von Lebensstilen und Lebensstildimensionen zu entwickeln. Wünschenswert sind Otte und Rössel zufolge auch eine stärkere Berücksichtigung der ethnischen Dimension in der Lebensstilforschung und länderübergreifende Vergleiche von Lebensstilen. Die angewandte Forschung wird aufgefordert, nicht nur die Marktsegmentierung im Blick zu haben, sondern sich stärker mit der Erklärungskraft von Lebensstilen auseinanderzusetzen und den Einfluss von Sozialstrukturmerkmalen nicht zu vernachlässigen.

Teil 1: Theorien, Methoden und Anwendungspraxis der Lebensstilforschung

Jörg Rössel beschäftigt sich mit dem möglichen Beitrag verschiedener soziologischer und sozialpsychologischer Theorien und Konzepte (Theorie des Wertewandels, Informationsästhetik, Theorie sozialer Produktionsfunktionen, Lerntheorie und evolutionäre Psychologie) zur Klärung offener Fragen der Lebensstilforschung. Dies sind: die Entstehung kultureller Orientierungen, der Einfluss dieser auf das Verhalten und die Herausbildung von Lebensstilmustern. Im Beitrag von Peter H. Hartmann geht es um methodische und methodologische Probleme der Lebensstilforschung. Diskutiert werden explorative und konfirmatorische Forschungsansätze.

Ein Anwendungsbeispiel aus der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung, nämlich eine Typologie zu Urlaubsstilen, stellen Konrad Götz, Jutta Deffner und Immanuel Stieß vor. Für die Anwendung ist es wichtig, dass das Instrument geeignet ist für eine trennscharfe Marktsegmentierung und eine anschauliche Beschreibung von Zielgruppen für Kommunikations- und andere Interventionsmaßnahmen.

Teil 2: Produktion und Diffusion von Lebensstilangeboten

In seinem Beitrag beschreibt Timothy Dowd den Wandel des kulturellen Angebots in Bezug auf klassische Musik und Popmusik. Er weist für die USA eine Verbreiterung des Angebots in diesen Bereichen nach, aus der man auf eine Pluralisierung nicht nur des Musikgeschmacks sondern auch der Lebensstile schließen könnte.

Susanne Janssen, Marc Verboord und Giselinde Kuipers haben die Berichterstattung der Qualitätspresse in vier Ländern untersucht und kommen zu dem Schluss, dass insbesondere US-amerikanische und in einem geringeren Umfang auch französische Zeitungen eine verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber der sogenannten Populärkultur, insbesondere Popmusik, zeigen.

Der Frage, ob Prozesse der Globalisierung und Transnationalisierung zu einem weltweit einheitlichen Angebot an kulturellen Gütern geführt haben, geht Andreas Gebesmair nach. Sein Ergebnis ist, dass es zu einem Export kultureller Güter vor allem aus den OECD-Staaten gekommen ist, dass dies aber zumeist nicht eine Verdrängung einheimischer Güter, sondern eine Vervielfältigung des Angebots zur Folge hat.

Teil 3: Entstehung und Entwicklung von Lebensstilen auf der Individualebene

Alice Sullivan beschäftigt sich ebenso wie Konstanze Jacob und Frank Kalter mit der Übertragung kulturellen Kapitals von den Eltern auf die nachfolgende Generation. Jacob und Kalter verbinden dabei die Lebensstil- mit der Migrations- und Integrationsforschung. Ihr Ergebnis ist, dass die Weitergabe (hoch)kultureller Orientierungen in deutschen Familien weiter verbreitet ist als in Familien mit türkischen Wurzeln oder in Aussiedlerfamilien.

Den Zusammenhang von sozialen Stratifizierungen und Lebensstilen nimmt Koen van Eijck in seinem Beitrag in den Blick. Seiner Meinung nach hat Bildung einen im Vergleich zum Beruf bzw. Berufsstatus prägenderen Einfluss auf den Lebensstil.

Nina Baur und Leila Akremi befassen sich mit geschlechtsspezifischen Lebensstilunterschieden. Ihrer Auffassung nach handelt es sich dabei um äußerliche Variationen von Lebensstilen, die auf der Bedeutungsebene von beiden Geschlechtern geteilt werden.

Die Stabilität bzw. Veränderung des Freizeitverhaltens im Lebensverlauf steht im Mittelpunkt des Beitrags von Bettina Isengard. Sie hat anhand des SOEP-Panels Lebenszyklus- und Kohorteneffekte untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass beide einen Einfluss auf das Freizeitverhalten haben, der Einfluss des Lebenszyklus aber oftmals stärker ist.

Mit dem Freizeitverhalten beschäftigt sich auch Annette Spellerberg. Sie untersucht anhand des im SOEP-Panel von 1998 bis 2008 abgefragten Freizeitverhaltens räumliche Unterschiede der Lebensstile in Deutschland und stellt einen nur geringen Einfluss des Wohnstandortes auf das Freizeitverhalten fest. Deutlich stärker sind die sozialstrukturellen Effekte.

Tally Katz-Gerro gibt mit dem Fokus auf Kulturkonsum einen Überblick zum Stand der international vergleichenden Lebensstilforschung, die ihrer Meinung nach noch in den Anfängen steckt. Probleme sieht sie vor allem in nicht auf Vergleichbarkeit angelegten Messverfahren und der Vernachlässigung des Konsum-Kontexts.

Teil 4: Bereichsspezifische Wirkungen von Lebensstilen

In seinem Beitrag geht Gunnar Otte der Frage nach, wie stark die Erklärungskraft von Lebensstilen ist. Dafür greift er auf Datensätze zurück, in denen seine Lebensführungstypologie verwendet wurde. Er kommt zu dem Schluss, dass Lebensführungsvariablen durchaus zur Varianzaufklärung beitragen, dass aber Sozialstrukturvariablen oftmals eine größere Erklärungskraft haben.

Die Relevanz von Lebensstilen bei der Wohnstandortwahl und ihr Einfluss auf Prozesse der Suburbanisierung, Gentrifizierung und Segregation wird im Beitrag von Jörg Blasius und Jürgen Friedrichs behandelt. Sie konnten in der Literatur aber – mit Ausnahme der Gentrifizierung – nur wenige Belege dafür finden.

Ineke Nagel, Harry Ganzeboom und Matthijs Kalmijn berichten über die Ergebnisse einer Befragung niederländischer Schülerinnen und Schüler zu den Einflussfaktoren bei der Freundschaftswahl. Es zeigte sich, dass neben dem kulturellen Geschmack der Jugendlichen die elterliche Bildung und Hochkulturpartizipation einen Einfluss auf die Wahl der Freunde hat.

Diskussion

Der Band enthält einen umfangreichen Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Die den einzelnen Beiträgen zugrunde liegenden Lebensstildefinitionen sind dabei genauso divers, wie es die Herausgeber in ihrer Einführung für die Forschungslandschaft beschreiben. Sie reichen von eher umfassenden Ansätzen bis zu solchen, die nur das Verhalten in einem bestimmten Feld, in der Regel das des kulturellen Konsums, betrachten. Einige Beiträge befassen sich explizit mit der Erklärungskraft von Lebensstilen. Hier verwundert es, dass der Frage einer möglicherweise moderierenden Funktion von Lebensstilen in verschiedenen Handlungssituationen nicht nachgegangen wird. Es irritiert zudem, dass der Ansatz der sozialen Milieus als wenig gewinnbringend für die Lebensstilforschung eingestuft, zugleich aber eine Verhältnisbestimmung von Wertorientierungen, Lebensstilen und sozialen Milieus gefordert wird. Alternativ zum Konzept der sozialen Milieus wird von den Herausgebern der Begriff der Lebensführung für die Verbindung von Wertorientierungen und Lebensstilen vorgeschlagen. Die Wahl des Begriffs „Lebensführung“ ist nicht ganz unproblematisch, da das Konzept der alltäglichen Lebensführung zumindest in der Industrie- und Arbeitssoziologie bereits eine lange Forschungstradition hat und hier ganz anders verwendet wird: Lebensführung wird hier verstanden als stabile Verhaltensmuster in verschiedenen Lebensbereichen und ist eine aktive Leistung der Person in Auseinandersetzung mit als gegeben gesetzten Rahmenbedingungen, Abläufen, physischen, zeitlichen und materiellen Zwängen. Es gibt also durchaus Überschneidungen zwischen den beiden Konzepten „Lebensstil“ und „Lebensführung“, da beide die Ebene des Verhaltens in den Blick nehmen. Während im Lebensstilkonzept aber der ästhetische und freiwillige Aspekt der Stilisierung hervorgehoben wird, geht es beim Konzept der Lebensführung stärker um die Bedeutung externer Zwänge.

Die Kritik der Herausgeber an der anwendungsorientierten Lebensstilforschung, sie schaue zu wenig auf den Erklärungsgehalt der Typologien und leite Interventionsmaßnahmen durch assoziative Mustererschließung ab, ohne die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu überprüfen und damit belegen zu können, ist sicherlich in Teilen richtig. Sie vernachlässigt aber den Wert deskriptiver Typologien zur Abbildung der vorfindbaren gesellschaftlichen Differenzierung, auf deren Basis differenzierte und zielgruppengerechte Strategien erst möglich werden.

Fazit

Der Band stellt eine interessante Lektüre für in dem Bereich der Lebensstilforschung tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dar. Die Bilanzierung der Lebensstilforschung ist allerdings insgesamt etwas zu stark auf die Beschreibung von Defiziten ausgerichtet. Bedauerlich ist auch, dass kein Versuch unternommen wurde, ein gemeinsames Verständnis von dem zu entwickeln, was Lebensstil ausmacht – auch wenn die Herausgeber in der Einleitung eine Definition anbieten und eine Einordnung der Beiträge vornehmen. Im Band stehen unterschiedlichste Ansätze mit jeweils anderer Lebensstildefinition nebeneinander. Die Diskussion und Verortung des Lebensstil-Konzepts im Verhältnis zu Konzepten der Wertorientierungen, des Habitus, der sozialen Milieus oder der Lebensführung stehen noch aus. Trotzdem enthält der Band einige wichtige Anregungen für die Weiterentwicklung von Lebensstil-Ansätzen.


Rezensentin
Dr. Silke Kleinhückelkotten
M.A., Kulturwissenschaftlerin
Leiterin des Arbeitsgebietes „Kommunikation & Bildung“ des ECOLOG-Instituts für sozial-ökologische Forschung und Bildung gGmbH, Hannover
Homepage www.ecolog-institut.de
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Zitiervorschlag
Silke Kleinhückelkotten. Rezension vom 31.12.2012 zu: Jörg Rössel, Gunnar Otte (Hrsg.): Lebensstilforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18628-3. Reihe: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderhefte - 51. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12713.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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