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Dieter Frey, Hans-Werner Bierhoff: Sozialpsychologie - Interaktion und Gruppe

Rezensiert von Dr. Alexander N. Wendt, 18.09.2012

Cover Dieter Frey, Hans-Werner Bierhoff: Sozialpsychologie - Interaktion und Gruppe ISBN 978-3-8017-2122-0

Dieter Frey, Hans-Werner Bierhoff: Sozialpsychologie - Interaktion und Gruppe. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. 362 Seiten. ISBN 978-3-8017-2122-0. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
Reihe: Bachelorstudium Psychologie
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Thema

Der Gegenstandsbereich der Sozialpsychologie lässt sie in die kongruenten Teile des Individuums in der sozialen Welt und der sozialen Welt aus Individuen differenzieren. Der vorliegende Band widmet sich der zweiten Hälfte, den sozialen Phänomenen, die nicht durch solitäre Individuen, sondern durch deren Interaktion verursacht werden. Im Zentrum der Betrachtung steht der Begriff der Gruppe in seinen mannigfachen Facetten zwischen Masse und Paar. Entscheidend jedoch ist – in Abgrenzung zur Soziologie –, dass diese sozialen Phänomene stets ausgehend von der Erfahrungswelt des Individuums und nicht invertiert das Individuum aus seiner sozialen Disposition heraus begriffen wird.

Herausgeber

Hans-Werner Bierhoff studierte Psychologie in Bonn, wurde 1974 promoviert und habilitierte 1977. Seit 1992 lehrt er Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bonn. Publikationen (Auswahl): Psychologie Prosozialen Verhaltens. Warum wir anderen helfen (2010); Narzissmus – die Wiederkehr (2009, mit Michael Jürgen Herner); Sozialpsychologie. Ein Lehrbuch (2006).

Dieter Frey studierte Sozialwissenschaften in Mannheim und Hamburg, wurde 1973 promoviert und habilitierte 1978. Seit 1993 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Publikationen (Auswahl): Die Einstellung zur Sozialen Marktwirtschaft (2007, u. a.); Fusionen – Herausforderungen für das Personalmanagement (2003, u. a.).

Entstehungshintergrund

Die Einführung gliedert sich in die Reihe „Bachelorstudium Psychologie“ des Göttinger Verlages Hogrefe ein. In ihr sind zu den maßgeblichen psychologischen Forschungs- und Lehrschwerpunkten Publikationen zusammengefasst worden. Er wird durch die vormals erschienene zweite sozialpsychologische Bachelor-Einführung „Sozialpsychologie – Individuum und soziale Welt“ von Hans-Werner Bierhoff und Dieter Frey ergänzt (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12492.php; Stand 15.09.2012). Die Kapitel der beiden Bände sind von diversen sozialpsychologischen Forschern eines internationalen, deutschsprachigen Autorenkollektivs verfasst.

Aufbau

Die zwölf sozialpsychologischen Kapitel des Bandes werden durch ein wissenschaftstheoretisches ergänzt:

  1. Der wichtige andere: Soziale Vergleichsprozesse und relative Deprivation
  2. Antisoziales Denken, Fühlen und Handeln
  3. Soziale Motive: Prosoziale Motivation
  4. Positive Psychologie: Glück, Prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität, Bindung, Freundschaft
  5. Positive Psychologie: Zivilcourage, soziale Verantwortung, Fairness, Optimismus, Vertrauen
  6. Soziale Interaktion
  7. Kommunikation
  8. Führung
  9. Die Gesellschaft in uns: Wie soziale Normen, soziale Rollen und sozialer Status unser Verhalten beeinflussen
  10. Leistung in Gruppen
  11. Innovation
  12. Intergruppenbeziehungen
  13. Wissenschaftstheorie und Psychologie: Einführung in den Kritischen Rationalismus von Karl Popper

Sämtliche Abschnitte – ausgenommen die beiden Kapitel über Positive Psychologie und das letzte, wissenschaftstheoretische – thematisieren einen jeweils separaten Fokus der Sozialpsychologie, sodass zwar Kapitel übergreifende Referenzen vorliegen, nicht aber eine konsekutive Reihenfolge etabliert wird. Grundsätzlich jedoch spiegelt die von Frey und Bierhoff gewählte Anordnung eine Tendenz von der Mikro- zur Makro-Sozialpsychologie, zumal die allgemeinpsychologischen Grundlagen auf Gruppen bezogener Sozialpsychologie in den ersten sieben und paradigmatische soziale Phänomene in den folgenden fünf Kapiteln den Bezugsrahmen für die Elaboration der spezifisch sozialpsychologischen Betrachtungsweise darstellen.

Die dreizehn Themen werden nach einer schematischen Struktur dargestellt, die im Gros der Bachelor-Einführungen von Hogrefe etabliert ist: Die kardinalen begrifflichen bzw. theoretischen Komponenten werden abschnittweise dargestellt und in illustrierten Passagen markant zusammengefasst. Es folgt eine Synopse des Kapitelinhalts, weiterführende Literaturempfehlungen und Kontrollfragen. Um das Verständnis der Inhalte zu erleichtern, implementieren Frey und Bierhoff – dem Duktus des Formats gemäß – darüber hinaus ein Glossar, ein Sachregister, graphische Hervorhebungen im Text, Graphiken und Marginalien.

Inhalt

Den suggestiven Zugang zum Problemfeld der interaktionsbezogenen Sozialpsychologie beschreitet der Band, indem er vom fundamentalen Phänomen des interindividuellen Vergleichs in Anlehnung an Leon Festinger ausgehend offene, paradigmatische Fragen und deren klassischen Antworten präsentiert. Der Einstieg über Kognitive Dissonanz nach Festinger und Relative Deprivation nach Runicman jedoch steht nicht vor, sondern neben den folgenden Kapiteln über Asozialität, das in wissenschaftliche Konzepte zu Aggression einführt, und über soziale Motive, das die Terminologie von Prosozialität und Altruismus distinguiert.

Es folgt im vierten und fünften Kapitel die Darstellung der Positiven Psychologie, einer jungen Facette der Sozialpsychologie, deren konzeptionelle Grundlage die Untersuchung gelungener im Kontrast zu vormals prononciert pathologischer oder maligner Interaktion ist. Fundamentaler als dieses aktuelle Paradigma ist die Explikation von sozialer Interaktion in toto sowie der Kommunikation in den folgenden beiden Kapiteln. Hier werden differente kontroverse Theorien zur Erklärung von Interaktion und Kommunikation gegenübergestellt, etwa die Austauschtheorie oder die soziale Interdependenztheorie.

Die letzten fünf Kapitel des maßgeblich sozialpsychologischen Teils sind stark anwendungsakzentuiert. Führung, Leistung und Innovation werden im Schlaglicht der Arbeits- und Organisationspsychologie dargestellt, während die beiden Kapitel zu Normen, Rollen und Status sowie zu Intergruppenkonflikten der politischen Psychologie zugeordnet werden können. Der Band schließt mit einer Loyalitätserklärung zum Kritischen Rationalismus, der rudimentär wissenschaftshistorisch und -kontrovers verortet wird.

Diskussion

Einführungen in universitäre Disziplinen stehen vor dem Dilemma, entweder den Einstieg durch die faktische Kontroversität der antinomischen Theorien innerhalb dieser Disziplinen zu überfrachten, oder mit einem hyperkohärenten Theorienkanon einen Schematismus der tatsächlichen Oppositionen innerhalb der wissenschaftliche Forschergemeinschaft zu zeichnen. Der vorliegende Band entscheidet sich studierendenfreundlich für die zweite Alternative, die Unterrepräsentation des fachimmanenten Dissens zugunsten einer Überrepräsentation unstrittiger oder einseitiger Forschungsergebnisse. Demgemäß ist es nicht verwunderlich, dass sowohl ideologiekritische Bemerkungen zur Positiven Psychologie (S. 81ff) ausbleiben (wie etwa bei und jenseits von Csikszentmihalyi), als auch Themengebiete ausgeblendet werden, die, wie beispielsweise die Massenpsychologie, schwerlich in die mustergültige Skizze einer arrivierten Psychologie zu integrieren sind.

Abseits dieser wissenschaftstheoretischen Bedenken allerdings ist Frey und Bierhoff ein akkurater Überblick über die Kernthesen der zeitgenössischen Sozialpsychologie gelungen. Das Format bietet einen strukturierten, stringenten und attraktiven Zugang für an der Sozialpsychologie Interessierte. Darüber hinaus erlaubt die Illustration, den Band nicht ausschließlich zur Einleitung, sondern zudem vorlesungsbegleitend als Lernmaterial zu verwenden.

Einschränkend ist nur bezüglich weniger Passagen eine Bemerkung beizufügen. Rudimentäres Wissen von der etablierten psychologischen Terminologie wird mancherorts dem ganzheitlich einführenden Tenor des Bandes zuwider vorausgesetzt (S. 46: state-/trait-Modell nach Cattell; S. 55: Bronfenbrenners ökosystemischer Ansatz; S. 69: Varianzanalyse). Mutmaßlich wegen der hohen Anzahl diverser Autoren liegen einige repetitive Textabschnitte vor (bspw. S. 116ff in Bezug auf S. 174 sowie S. 257). Unzureichend eingeführt und begründet bleibt der hohe Detailgrad, mit dem einige Themen bearbeitet werden, wie etwa eine dreiseitige Tabelle zur Klassifikation von Charakterstärken (S. 89ff), während anderen fundamentalen Inhalten geringerer Raum eingestanden wird.

Lobenswert andererseits ist die Courage, zumindest abstrakt auf einige wissenschaftliche Missstände zu verweisen, wie der obligatorische Status zur Annahme von Publikationen (S. 217) oder die mangelnde theoretische Konsistenz psychologischer Forschung (S. 300f). Ebenfalls als gelungen hervorzuheben ist, dass einige Autoren die wissenschaftstheoretische Kontextualisierung moderner sozialpsychologischer Forschung implementieren (S. 185), ohne lediglich hypokritisch rhetorische Verweise zu namhaften Vordenkern zu kumulieren.

Fazit

Frey und Bierhoff haben mit dem vorliegenden Band und seinem Komplement „Individuum und soziale Welt“ eine zweckdienliche, konsistente und attraktive Einführung herausgegeben. Sie stellt einen zeitgemäßen Überblick über studienrelevante Inhalte und funktionales Lernmaterial dar, vermag allerdings nur mit wenigen Passagen über den Katheder kritisch hinauszuweisen. Gleichermaßen dient sie vorwiegend eher der Synopse klassischer Theorien des Lehrkanons als kontroverser Gegenwartsforschung.

Rezension von
Dr. Alexander N. Wendt
Dr./M.Sc. (Psychologie), M.A. (Philosophie)
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Es gibt 28 Rezensionen von Alexander N. Wendt.

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Zitiervorschlag
Alexander N. Wendt. Rezension vom 18.09.2012 zu: Dieter Frey, Hans-Werner Bierhoff: Sozialpsychologie - Interaktion und Gruppe. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-8017-2122-0. Reihe: Bachelorstudium Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12714.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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