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Eric Breitinger: Vertraute Fremdheit

Rezensiert von Prof. C. Dorothee Roer, 30.05.2012

Cover Eric Breitinger: Vertraute Fremdheit ISBN 978-3-86153-642-0

Eric Breitinger: Vertraute Fremdheit. Adoptierte erzählen. Links Verlag (Berlin) 2011. 208 Seiten. ISBN 978-3-86153-642-0. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.

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Thema

Im Zentrum des Buches steht das subjektive Erleben Adoptierter, ihre Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen, ihre Suche und der Umgang mit dem, was gefunden wird, ihre Lebensentwürfe und Identitätskonstruktionen. Ergänzt und verallgemeinert werden die persönlichen Erfahrungen Betroffener durch Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema sowie durch Statements verschiedener Adoptionsexpert_innen. Abgerundet wird das ganze durch die Darstellung rechtlicher und sozialpolitischer Fakten zur Adoption im deutschsprachigen Raum.

Autor

Der Autor ist Journalist und als Pflegekind und Adoptierter selbst Betroffener, der erst im Alter von 23 Jahren seinen leiblichen Vater „in der hintersten Ecke Deutschlands aufgespürt hatte“ (S.9). Anstoß und wichtiges Motiv für das Buchprojekt war der Wunsch, seiner eigenen Sprachlosigkeit (als Adoptierter) auf die Spur zu kommen und anderen Menschen mit dem gleichen biografischen Hintergrund zum Sprechen zu verhelfen. Diese Verbindung von persönlicher Involviertheit und Professionalität läßt einen Text erwarten, der sich durch eine gründliche Recherche wie eine hohe Authentizität und Differenziertheit der Informationen und Argumentationen auszeichnete.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf thematische Kapitel

  • Kap 2: „Was Adoptierte miteinander verbindet“;
  • Kap.4: „Auf der Suche nach den Wurzeln“;
  • Kap.5: „Was vom Wiedersehen bleibt“,
  • Kap.6: „Auslandsadoptierte – doppelt fremd“,
  • Kap.7: „Adoption als Chance“),

in denen die zentralen Thesen vorgestellt und durch Portraits von (16) inzwischen erwachsenen Adoptierten und früheren Pflegekindern illustriert werden.

Ergänzt werden die Ausführungen durch ein ausführliches Interview mit dem Schriftsteller Peter Wawerzinek (Kap.3:„Ich bin ein Verstoßener“), bekannt geworden durch den Roman „Rabenliebe“, in dem er seine eigenen Erfahrungen, das Verlassenwerden durch die Mutter, Heimaufenthalte und die Geschichte seiner Adoption protokollierte.

Der Anhang enthält neben einem Literaturverzeichnis eine Sammlung hilfreicher Internetseiten.

Inhalt

In Kapitel 2 stellt Eric Breitinger seine Kernthesen zur Adoption und den psychosozialen Folgen vor: Am Anfang stehe das Trauma des Verlassenwerdens und Verlassenseins. Mit der Aufnahme in die neue Familie machten die Betroffenen eine weitere zutiefst verunsichernde Erfahrung, die des Nicht-dazu-Gehörens, der Fremdheit in der Adoptivfamilie (und in der Welt). Adoptiveltern nähmen in der Regel fremde Kinder an, weil sie keine eigenen bekommen könnten, was dazu führe, das Adoptivkind als Ersatz, als zweite Wahl, wahrzunehmen. Adoptierte erlebten sich deshalb als „Secondhand ein Leben lang“ (S. 36ff). Diesen Secondhand-Kindern hätten Adoptiveltern in früheren Zeiten ganz selbstverständlich unterstellt, Träger_innen der schlechten Erbanlagen ihrer leiblichen Eltern zu sein, vor deren Wirksamwerden die neuen Eltern die Kinder durch besondere Strenge schützen müssten. Diese Sicht der Dinge bestimme bis heute das Erziehungsverhalten vieler Adoptiveltern. All diese Erfahrungen bildeten die Grundlage für die Entwicklung einer in der Regel beschädigten („fragilen“) Identität von Pflegekindern und Adoptierten: verlängertes Ringen um die Ich-Findung, fehlender innerer Halt, geringe Belastbarkeit, Stressanfälligkeit, lebenslange Unfähigkeit, stabile tragfähige Bindungen einzugehen.

Den Abschluß dieses Kapitels bilden Informationen über die rechtlichen Voraussetzungen zur Adoption in Deutschland und der Schweiz.

Kapitel 3 ist Peter Wawerzinek (s. o.) gewidmet.

Kapitel 4 handelt von der Suche nach den Wurzeln. Zunächst wird die besondere (rechtliche) Konstruktion der Inkognito-Adoption mit allen Schwierigkeiten für eine Suche der Betroffenen nach ihren leiblichen Eltern und Geschwistern behandelt. Inkognito-Adoption, die dem Schutz der neuen Familie dienen solle, leiste das in keiner Weise. Nicht nur stelle sie ein legalisiertes Unrecht gegenüber den leiblichen Eltern dar, die bei geheimer Volladoption jeden rechtlichen Anspruch auf ihr Kind verlören. Auch die Adoptivfamilie leide unter der Geheimhaltung, weil sie das Familienklima langfristig schwer belasten könne. Die größten Leidtragenden aber seien die Adoptierten selbst, deren Verbindung zu ihren leiblichen Müttern und ihrer Herkunft mit dieser Regelung durchschnitten sei. “Wer seine Eltern (die leiblichen, D.R.) nicht kennt, geschweige denn seine Vorfahren, kann sich nicht als Glied einer längeren Kette von Generationen begreifen und auch nicht als Verbindungsstück, das die früheren und kommenden Generationen miteinander verknüpft“ (S.46). So seien Adoptierte „…ihrer Vergangenheit und der Chance, bereits früh mit ihrer ‚Biografiearbeit? zu beginnen (beraubt, D.R.)“ (S.83).

Der Autor berichtet in diesem Zusammenhang, wie er mit 18 Jahren, in einer Phase noch unsicherer beruflicher Orientierung, zum ersten Mal seinen leiblichen Vater traf, wie der ihm ein dickes Buch, den Stammbaum seiner Familie, zeigte, einer Familie, deren Wurzeln tief ins Mittelalter zurückreichten. Bis zu diesem Zeitpunkt habe er sich in seiner Berufsfindung nicht an Vorfahren und Familientradition orientieren, sich von den Berufen der Ahnen nicht abgrenzen oder in ihre Fußstapfen treten können. Als er seine Herkunft kennen gelernt habe, habe er gewusst, was er studieren wolle: Geschichte. „An diesem Fach hatte ich ein natürliches Interesse“ (S.47).

Inkognito-Adoptionen sind heute im deutschsprachigen Raum nicht mehr üblich. Allerdings gibt es neue Formen der Anonymität und Anonymisierung der Herkunft von Kindern, z.B. die Zeugung durch anonyme Samenspenden, Leihmutterschaft oder die anonyme Aussetzung in Babyklappen. Diese biografischen „Vor- und Frühgeschichten“ machten es Betroffenen in der Regel nicht nur schwer (wie im Fall der Inkognito-Adoption) sondern (fast) unmöglich, sich Klarheit über die eigene biologische Herkunft zu verschaffen, und das mit allen (schon beschriebenen) negativen Folgen für ihre psychosoziale Entwicklung.

Positivere Voraussetzungen für eine gelungene Identitätsfindung abgegebener Kindern bieten nach Eric Breitinger die heute auch im deutschsprachigen Raum üblichen offenen Formen der Adoption. Den Wandel führt der Autor auf das veränderte Verständnis von Familie zurück. Die immer größer werdende Zahl bunt gemischter Patchwork-Familien stelle „… das Diktat der Blutsverwandtschaft von Eltern-Kind-Beziehungen nachhaltig in Frage …“(S.101). Allerdings blieben auch in Zeiten der untergehenden bürgerlichen Kleinfamilie die Risiken des Scheiterns für die (offen) Adoptierten erheblich. Zum einen verhinderten ungeklärte Rechtspositionen immer noch unter bestimmten Umständen, daß die Suche nach den biologischen Ursprüngen stattfinden könne. Auch die Recherche per Internet berge Gefahren, zum Beispiel die einer überfordernden Konfrontation mit schwierigen Verhältnisse in der Herkunftsfamilie. Außerdem hänge das Gelingen der Spurensuche und damit der identifikatorischen Positionierung der Kinder in den offeneren Settings ganz von der Akzeptanz und Unterstützung der Adoptiveltern ab. Die ist offenbar nicht immer? eher selten? vorauszusetzen, weshalb es für etliche Betroffene heiße: „Warten auf den Tod der Adoptiveltern (S.113f). In diesem Abschnitt wird der Konflikt geschildert, den Betroffene angesichts der Ängste der Adoptiveltern vor dem Verlassenwerden durch ihre Adoptivkinder erleben, Erfahrungen, die sie davon abhielten, sich Gewissheit über ihre Herkunft zu verschaffen (prominentes Beispiel: Rosa von Praunheim).

Kapitel 5 geht der Frage nach, was vom Wiedersehen (der Suche, in erster Linie, nach den Müttern, erst in zweiter Instanz nach Vätern und Geschwistern) bleibt. Die zentrale Aussage: egal, wie die Begegnung mit der Herkunftsfamilie sich gestaltet, ob berührend und empathisch (offenbar eher selten), oder (meist) schwierig und belastend (wenn etwa die Lebensumstände der Herkunftsfamilie als arm und bedrückend erlebt würden), egal also, was die Suchenden vorfänden, sie erlebten ihr „Ankommen“ als entlastend, oft als bereichernd. Denn sie hätten überlebenswichtige Erfahrungen gemacht: das Erleben einer biologischen Zugehörigkeit (die Entdeckung der eigenen Körperlichkeit in der der Mutter, des Vaters oder der Geschwister), das Kennenlernen der Trennungserzählung der leiblichen Mutter (das Begreifen, daß es immer mehrere Wahrheiten gibt) und die Entmystifizierung der von den Adoptierten selbst konstruierten, oft geheimnisvoll ausgestalteten Trennungsgeschichte. Auch wenn solche Begegnungen oft enttäuschten, weil sich die ersehnte Verbundenheit nicht einstelle, auch wenn die Kontakte zur Ursprungsfamilie nicht hielten, unter dem Strich sei das Wissen um die biologische Herkunft (notwendige) Basis eines neuen Selbstbewusstseins und einer neuen, nun tragfähigen Identität Adoptierter.

Diesen von den Betroffenen erlebten positiven psychischen wie körperlichen Veränderungen zum Trotz ergäben sich auch nach beendeter Suche für Adoptierte weitere Konflikte. Während der Phase der Nachforschung hätten sie sich innerlich von den Adoptiveltern distanziert. Nach Klärung der Herkunftsfrage näherten sich viele Adoptivkinder den Adoptiveltern wieder an („Der soziale Kitt ist am Ende stärker als die Gene“. S.121). Da diese oft eine neu definierte doppelte Kindschaft nicht respektierten, die biologischen Eltern etwa herabwürdigten und die Kinder zur Solidarität mit der Adoptivfamilie nötigten, stürzten sie sie erneut in Loyalitätskonflikte. So bleibe es „…eine lebenslange Aufgabe, diese doppelte Kindschaft anzunehmen, sich mit ihr zu versöhnen“(S.130). Dies besondern, wenn die Suche scheiterte, weil die Eltern verschwunden blieben oder weil sie sich den Suchenden entzögen.

Das abschließende Unterkapitel widmet sich der Beziehung zwischen Adoptierten und ihren leiblichen Geschwistern. Darin vertritt der Autor die These, unabhängig davon, ob alle Geschwister von der Mutter / den Eltern fort gegeben worden seien, oder ob einige in der Herkunftsfamilie geblieben und aufgewachsen seien, Adoptierte würden in jedem Fall von Kontakten zu ihren Geschwistern profitieren. Oft entwickelten sich herzlichere und dauerhaftere Beziehungen zu ihnen als zu den Eltern.

Kapitel 6 behandelt Auslandsadoptionen. Unter dem Stichwort „doppelte Fremdheit“ werden die teilweise skandalösen, Menschenhandel nicht unähnlichen, Bedingungen der Vermittlung und daraus resultierende, besonderen Schwierigkeiten der Spurensuche geschildert. Doppelte Fremdheit erlebten diese Kinder und Jugendlichen aber auch und besonders, weil sie äußerlich erkennbar anders seien und sich bei ihrer Identitätsfindung, so Eric Breitinger, zwischen zwei Ländern und zwei Kulturen orientieren und positionieren müssten. Nach Christine Swientek stünden ihnen drei Arten des Umgangs mit dieser Problematik zur Verfügung (vgl. S.175f): die Verklärung der Heimat der Ahnen („Back.to-the-Roots-Adoptierte“, S.175), die Kultivierung eines Fremdheitsgefühls gegenüber beiden „Wurzeln“, oder die Identifikation mit dem Landes ihrer Adoption. Der Autor ergänzt eine vierte Gruppe: die Pragmatiker, im Adoptionsland heimische, im Ausland geborene und einer anderen Ethnie angehörende Menschen; in dieser Haltung spiegele sich die fortschreitende Globalisierung wider.

Interessant fand ich die abschließenden Bemerkungen zu dieser besonderen Adoptionsvariante. Es wird konstatiert, Auslandsadoptierte kämen „…trotz ihrer doppelten Fremdheit mit ihrem besonderen Lebenslauf insgesamt gut zurecht“(S.182). Sie verkrafteten ihre Adoption „rein äußerlich besser als inländische“ (Adoptierte, D.R.).

Das siebte und letzte thematische Kapitel trägt den Titel „Adoption als Chance“. Ausgangspunkt der Argumentation ist der Befund von Wolfgang Oelsner und Gerd Lehmkuhl (Autoren des wissenschaftlichen Standardtextes „Adoption. Sehnsüchte, Konflikte, Lösungen, Düsseldorf/Zürich: , 2005), „…daß nur gut fünf Prozent der adoptierten Kinder von Entwicklungsbelastungen und Risiken betroffen sind, während sich die große Mehrheit unauffällig und gut entwickelt“ (S.187). Dem widerspricht Breitinger: seine Erfahrungen lassen ihn daran festhalten, „…daß viele Adoptierte und Pflegekinder an einer grundsätzlichen Unsicherheit bezüglich ihres Selbstwertgefühls und an einem Gefühl des Fremdseins und Nicht-Dazugehörens leiden“ (S.187). Er kommt abschließend auf seine in den vorangehenden Kapiteln dargestellte Position traumatisierter Kindheit und erschwerter Identitätsentwicklung zurück.

Unter dem Stichwort „Was zum Gelingen der Adoption beiträgt“ wird noch einmal die Wichtigkeit eines unverkrampften Umgangs der Adoptiveltern mit der Herkunft des Kindes betont, einer Haltung, die unter Bedingungen der Inkognito-Adoption nicht entstehen könne. Neben der Offenheit des aufnehmenden Paares seien es vor allem die Adoptionsvermitter_innen, die darüber entschieden, ob sich das Verfahren erfolgreich entwickle. Sie würden nicht immer sorgfältig genug prüfen, ob Kind und Erwachsenen zueinander passten, was hier meint, daß vor allem ältere Kinder, die zur Adoption freigegeben würden, oft durch Heimaufenthalte, abgebrochene Pflegschaften und ein Pendeln zwischen Pflegefamilien und Heimen stark belastet seien. Aber auch andere traumatische Erfahrungen wie Misshandlungen und / oder sexueller Missbrauch könnten Adoptiveltern überfordern und die Integration der Kinder in die neue Familie scheitern lassen. Schließlich müssten Gesetzeslücken bei offenen Adoptionen, Adoption durch gleichgeschlechtliche Eltern und bei reproduktionsmedizinischer Zeugung geschlossen werden.

Das Buch schließt mit zwei Ermutigungen: zum einen werden alle Adoptierten und die, die ihnen nahe stehen, aufgefordert, sich bewusst zu machen, „…daß eine Adoptionserfahrung oft auch bereichernde Seiten hat“ (S.195, zum anderen plädiert der Autor dafür, alle Betroffenen, die das noch nicht getan haben, mögen sich ihrer Geschichte stellen. „Wer sein Schweigen bricht, zeigt anderen, die Ähnliches erlebt haben, daß sie nicht allein sind. Im besten Fall animiert er die anderen ebenfalls zu mehr Offenheit“ (S.196).

Diskussion

„Vertraute Fremdheit“ läßt die Rezensentin mit gemischten Gefühlen zurück. Berührt hat mich der Einblick in die Vielfalt der Biografien der vorgestellten adoptierter Menschen, beeindruckt die Offenheit, mit der die Betroffenen über ihre Gefühle, ihre Kämpfe, Erfolge und Misserfolge bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern und Verwandten sprechen, die Lasten, die sie tragen. Spannend fand ich auch, wie viele so unterschiedliche „Lösungen“ im Umgang mit ihrem Adoptiertsein die Befragten gefunden haben. Ich hätte gern weiter gelesen und mehr über ihren Umgang mit diesem Lebensthema erfahren. Ich persönlich stelle mir vor, daß ein solches Mehr an Empirie“, an biografischen Informationen, nach Art des einzigen ausführlichen Portraits, des Interviews mit Peter Wawerzinek, dem Buch gut getan hätte. Nicht zuletzt beeindruckt die Offenheit, mit der Eric Breitinger sich selber als Pflege- und Adoptivkind vor- und darstellt.

Damit ist aber zugleich ein Problem von „Vertraute Fremdheit“ angesprochen: des Autors Doppelrolle als Betroffener und Experte. Entgegen vielen anders lautenden Fakten, die er selbst erwähnt, hält er unbeirrbar fest an der Aussage, daß Adoption, die Trennung von der Mutter und die Verpflanzung in eine neue, fremde Familie per se und in jedem Fall das betroffene Kind schwer traumatisieren und seine Entwicklung nachhaltig schädigen. Auf diese Weise gerät er immer wieder in Widerspruch zu empirischen Befunden, die ein deutlich differenziertes Bild zeichnen, aber auch in Widerspruch zu seiner eigenen Argumentation, die an vielen Stellen Hinweise enthält einerseits auf die Bedeutsamkeit der Vorgeschichten von Adoption (Heimaufenthalte, Lebensbedingungen dort, Wechsel von Heimen und Pflegestelle etc) für eine Prognose, andererseits auf die Wichtigkeit familiärer (der Einfluß der sozialen Position, von Einstellungen, Bildung, pädagogische Qualifikation etc. der Adoptiveltern) und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen von Adoption (Auswirkungen vorherrschender Strukturen und Deutungen, des Verständnisses und Selbstverständnisses von Familie, politischer Voraussetzungen und gesetzlicher Rahmenbedingungen von Adoption etc.).

Schließlich scheint mit der Deutung von Adoption als übermächtig-destruktivem Geschehen gelegentlich auch der Blick für die Vielfalt und Buntheit der Biografien der Gewährsleute verloren zu gehen. Die negativistische Perspektive des Autors läßt ihn Ängste, Sorgen, Momente des Scheiterns betonen, auch in Zusammenhängen, die nicht zwingend sind, anders und positiv(er) gelesen werden können, was auch der Rezensentin immer wieder geschah. Adoptierte geraten in den von Eric Breitinger gewählten Deutungszusammenhängen hauptsächlich zu Opfern. Ihre tatsächlichen Kräfte und Stärken, die gelungenen Leben, von denen die Betroffenen auch berichten, können sich gegen die dominierende Erzählung nicht durchsetzen. Schade!

Besonders schwer habe ich mich mit dem Mythos naturhafter Verbundenheit des Einzelnen mit seiner Sippe getan, der sich durch das ganze Buch zieht und eine unabdingbare Voraussetzung für psychische Stabilität sein soll. Eine derartige Konstruktion: psychische Gesundheit (nur) durch Einordnung in die Tradition der Herkunftsfamilie, durch Selbstwahrnehmung als Glied einer langen Kette von Generationen, die Stimme des Blutes, die subjektive Sicherheit schafft, indem eine_r sich mit seinem grünen Daumen auf eine Oma oder mit der exzellenten Raumvorstellung auf einen Architekten-Urgroßvater beziehen kann (vgl. S.46)? (Übrigens kenne ich etliche Menschen aus Arbeiter- und Armutsmilieus, die bei ihren Herkunftsfamilien aufgewachsen sind und deren Kenntnis ihrer Genealogie, wenn es gut geht, zwei, drei Generationen zurückreichen, oft auch das nur unvollständig). Diese Ideologie ist kaum kompatibel mit den Lebensbedingungen und Lebensentwürfen individualisierter Individuen in der globalisierten gegenwartsfixierten, schnellstlebigen Postmoderne und hat wenig bis gar keinen Anhalt an Theorie und Empirie der Entwicklungspsychologie und verwandter Disziplinen.

Fazit

Ein wichtiges Thema, ein interessantes Buch, ein lesenswertes, allerdings sollte mensch sich Zeit nehmen, auch zwischen den Zeilen zu lesen, manche wissenschaftlichen Aussagen und biografischen Informationen des Autors von (negativistischem und biologistischem) Deutungsballast zu befreien und dem Text gegenüber gelegentlich den ressourcenorientierten Blick zu erproben.

Rezension von
Prof. C. Dorothee Roer
Dipl.-Psych., Fachpsychologin für Klinische Psychologie (BDP), Prof. (emer.) FB4 Soziale Arbeit und Gesundheit FH Frankfurt/M. Arbeitsschwerpunkte: Psychosoziale Versorgung, Psychiatrie im Faschismus, Biografie-Arbeit und Rekonstruktive Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
C. Dorothee Roer. Rezension vom 30.05.2012 zu: Eric Breitinger: Vertraute Fremdheit. Adoptierte erzählen. Links Verlag (Berlin) 2011. ISBN 978-3-86153-642-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12722.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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