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Mehmet Gürcan Daimagüler: Kein schönes Land in dieser Zeit

Cover Mehmet Gürcan Daimagüler: Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2011. 239 Seiten. ISBN 978-3-579-06694-3. 19,99 EUR.
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„Wir haben wesentlich mehr Gemeinsames als Unterschiedliches“,

da tut sich eine wohltuende Perspektive auf: Angesichts der beinahe schon pathologisch anmutenden Auseinandersetzung über Fremde und Fremdes in Deutschland, über „Ur-Deutsche“ und „Deutsche mit Migrationshintergrund“, über „Leit“- und „Fremd“-Kultur, bis vor kurzem auch der unselige Streit, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei oder nicht, über das „Ihr“, als abwertendes und ausgrenzendes, und „Wir“, als ethno- und egozentrisches Signal. Die unsäglichen rechtsradikalen und rassistischen Denk- und Handlungsparolen (nicht nur an den Biertischen), wie „Das Boot ist voll“, „Deutschland den Deutschen“ wollen wir dabei gar nicht diskutieren. Vielmehr geht es darum, im Interkulturalitätsdiskurs (vgl. dazu: Sylke Bartmann / Oliver Immel, Hg., Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrungen und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, Bielefeld 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12833.php), der viel zu oft nicht mit den so genannten „Neu“-Deutschen, sondern von den „Ur“-Deutschen untereinander und zudem zu oft als ein „deutsches Problem“ geführt wird (siehe dazu auch: Max Matter / Anna Caroline Coster, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, Marburg 2011, 199 S., www.socialnet.de/rezensionen/12023.php), diese Einbahnstraße zu einem gemeinsamen, auf beiden Seiten zu befahrenden Dialogweg auszubauen und Integration als eine natürliche, selbstverständliche, bereichernde, gesellschaftliche Entwicklungschance zu verstehen (Harald Kleinschmidt,: Migration und Integration, Münster 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12424.php). Migration ist das Drängendste der Welt, aber gleichzeitig das Selbstverständlichste – weil der Mensch als „zôon kinêseôs“ schon immer unterwegs war (vgl. dazu: Jörg Gertel / Sandra Calkins, Hrsg., Nomaden in unserer Welt. Die Vorreiter der Globalisierung. Von Mobilität und Handel, Herrschaft und Widerstand, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12663.php). In der sich immer interdependenter und entgrenzender (Einen?) Welt geht es doch darum, die nationalen und ethnozentrierten Gartenzäune einzureißen (Gertraud Marinelli-König / Alexander Preising, Hrsg., Zwischenräume der Migration, Bielefeld 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12559.php) und eine Europäisierung und Globalisierung der Migrationspolitik zu erreichen (Jens Wassenhoven, Europäisierung deutscher Migrationspolitik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11890.php sowie: Judith Schicklinski, Migration und europäische Zuwanderungspolitik, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8921.php).

Es muss gelingen, mit den nach Deutschland eingewanderten Menschen einen gemeinsamen gleichberechtigten und fairen Diskurs über die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung zu führen und Probleme bei der Integration in die deutsche Gesellschaft als gemeinsame Herausforderung, wie als gemeinsame Chance bei der Entwicklung hin zu einer gerechteren, friedlicheren und humaneren Gesellschaft zu begreifen (Nilüfer Keskin, Probleme der Integration türkischer Migranten zwischen der zweiten und dritten Generation, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11975.php). Denn die Frage nach der „deutschen Identität“ ist heute nicht mehr dem Panzerhemd und dem Abwehrschild zu stellen, sondern mit dem Bewusstsein, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (10. 12. 1948) in der Präambel formuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt ( )“ (Zafer Senocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, Hamburg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10870.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Es sollte sich doch mittlerweile herumgesprochen haben, dass das (unbedachte wie bewusst gesteuerte) Gerede vom Scheitern der Integrationsbemühungen in Deutschland (und Europa) Unsinn ist. Dass auch Integration scheitern kann oder sogar von Einzelnen aus ideologischen oder unbedarften Gründen gar nicht gewollt wird, ist nichts Besonderes. Gesellschaftliche Prozesse, auch in scheinbar homogenen Gesellschaften, verlaufen immer auch verquer, und Probleme bei Einzelnen sollten als gesellschaftliche Herausforderung verstanden und nicht als Argument benutzt werden, Integration abzulehnen. Es ist „unsere kreative Vielfalt“, die „Universalismus… (als) das Grundprinzip einer globalen Ethik“ verstehen lässt (vgl. dazu: „Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995, Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn 1997).

Es sind Lebensgeschichten, erinnerte, vielleicht sogar euphorisierte oder auch fatalistische Erzählungen, die Lebenswege bestimmen können. Der 1968 in Siegen als Sohn türkischer Gastarbeiter geborene Mehmet Gürcan Daimagüler kann als Vorzeige- und Paradebeispiel für jemand gelten, der erfolgreich Deutscher wurde: Er absolvierte erfolgreich die Schule, studierte Jura, VWL und Philosophie in Bonn, Kiel, Witten-Herdecke, Harvard und Yale; er wurde als »World Fellow« der Yale University und als »Littauer Fellow« der Harvard University ausgezeichnet; er war Mitglied des Bundesvorstandes der FDP (die er 2007 verließ), Berater der Boston Consulting Group, wurde 2005 vom „World Economic Forum“ in Davos zum „Young Global Leader“ gekürt und ist als erfolgreicher Rechtsanwalt und Strategieberater in Berlin tätig. Eine Bilderbuchkarriere, die sich mancher „Ur“-Deutscher wünschte.

Interessanterweise wählt er für sein Buch als Titel das heute sentimental anmutende alte Volkslied: „Kein schöner Land in dieser Zeit“, das (fälschlich) Friedrich Sigismund (1856) zugeschrieben wird und in dem es weiter heißt: „… als hier das unsre weit und breit, / wo wir uns finden, wohl unter Linden, zur Abendzeit…“. An das Lied, das der deutsche Heimatschriftsteller und Volksliedforscher Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio, genannt Wilhelm von Waldbrühl (1803 – 1869) nachgedichtet hat, erinnert sich Daimagüler; und er wünscht sich „wie damals als kleines Kind in Niederschelden mit leuchtenden Augen und flammendem Herzen mein Lied über Deutschland singen zu können“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert seinen reflektierten Lebensbericht in mehrere Kapitel, wobei jeder Teil schon auch den Aufforderungscharakter signalisiert: „Richte nie über einen Menschen, solange du nicht zwei Monde lang in seinen Schuhen gelaufen bist“, wie es in einem indianischen Sprichwort heißt: „Deutsch-Türkische Geschichte“, mit der Identitätsnachschau: „Wie ich wurde, der ich bin“, trotz der vielen Widrigkeiten im Alltag und bei der Ausländerbehörde, der deutschen Ausländerpolitik und der vielfältigen Integrationsparolen und -versprechungen. Mit seinem Bekenntnis: „Ich bin ein Hochstapler“, will er deutlich machen, dass der Weg zwischen der (erwarteten) Anpassung und der eigenen Identitätsfindung für „Menschen mit Migrationshintergrund“ oft steinig, holperig und nicht selten unzumutbar ist, und der Spagat zwischen Anpassung und Selbstfindung schwierig ist.

„Vom Bosporus an die Sieg“, als zweites Kapitel überschrieben, informiert über seine Eltern, sein Aufwachsen in Deutschland, seine Erinnerungen an rassistische Anfeindungen, vielfach unbedacht, wie auch bewusst ausgeführt, bis hin zu den Erfahrungen in der familiären Erziehung ( vgl. dazu auch: Ahmet Toprak: "Wer sein Kind nicht schlägt, hat später das Nachsehen". Elterliche Gewaltanwendung in türkischen Migrantenfamilien und Konsequenzen für die Elternarbeit, Freiburg 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1624.php ).

Mit „Zuhause in Niederschelden“ werden Tragik, Tabus, Taktik und Tohuwabohu ausgebreitet: Krankheit des Vaters, Kriminalisierung des Halbbruders, Sitzenbleiben in der Schule, pubertäre Identitätsfindung, Depressionen und Gefühle, "„fremd in der Heimat“ zu sein.

„Vom Siegerland über das Siebengebirge an die Kieler Förde“; diese Etappe im Leben des Mehmet Gürcan Daimagüler war geprägt vom Tod seines Vaters, seine Überführung in die Türkei, der Aufforderung der Ausländerbehörde, als 16jähriger eine eigene Aufenthaltsgenehmigung vorweisen zu sollen, die familiäre Not, aber auch, nach dem schulischen Weg über die Haupt- und Aufbaurealschule, zum Gymnasium: „Abitur mit links“, Mädchenbekanntschaften, Mobbing…Jurastudium in Bonn, während des Studiums eine Assistentenstelle bei Gerhart Baum in der FDP-Fraktion des Deutschen Bundestages, und später, als die sozial-liberale Koalition abgewählt wurde, Büroleiter bei Wolfgang Kubicki und seiner Fraktion im Kieler Landtag. In die Zeit fiel auch die Beendigung seines Studiums, und voller Erwartungen seine weiteren Wege als Rechtsreferendar. Er war nun Deutscher, und über die bürokratisch und unpersönlich überreichte Einbürgerungsurkunde wunderte er sich zwar, aber er begann mittlerweile schon in seinem neuen Beruf zu „funktionieren“ und hatte wenig Zeit, darüber nachzudenken.

Das Kapitel „Religion“ handelt von Situationen, wie sie sicherlich viele türkischstämmige Deutsche erleben: In der Familie spielte Religion kaum eine Rolle, und seine Identität als „deutscher Bürger türkischer Herkunft muslimischen Glaubens“ riefen zwar in seinem Alltag und Beruf gelegentlich Erstaunen hervor; er selbst aber konnte wenig damit anfangen. Erst nach dem 11. September 2001, als in Deutschland die Aufmerksamkeit und Zuschreibung als Muslim „mit terroristischem Verdacht“ begann, besann er sich auf seine religiösen Wurzeln. Seine Meinungen zum Kopftuch, Ehrenmord, zur Gleichberechtigung von Mann und Frau und zur sexuellen Selbstbestimmung lassen sich nicht auf einen Faden ziehen; sie sind differenziert und bestimmt von der „Idee der Freiheit“.

Das Kapitel „Vom Rhein über den großen Teich“ beginnt mit den Erfahrungen, die er als Rechtsreferendar beim Landgericht Siegen und als Teiljob beim Bundestagsabgeordneten Burkhard Hirsch als Mitarbeiter für Ausländerrecht ableistete. Nach seinem Staatsexamen und als bestallter Volljurist zog es den Unruhegeist nach Berlin. Bewerbungen bei der Boston Consulting Group und bei McKinsey hatten Erfolg, und er begann bei den Bostonern als Unternehmensberater. Er hatte ja Jura studiert und nicht das, was er nun einige Jahre ausübte. Er beschloss, in den USA zu studieren und in Harward den „Master in Public Administration“ nachzuholen. Sein Engagement und seine Kontakte bewirkten, dass er mit einem Preis ausgezeichnet wurde und danach an der Yale University als „World Fellow“ sein Studium zu beenden.

Im Kapitel „An der Spree“ beschreibt der Autor seine Gedanken und Auseinandersetzungen mit Rassismus, Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland: „Wir Menschen in Deutschland, die wir anders aussahen, die wir anders hießen, die wir vielleicht einen anderen Gott anbeteten als die große Mehrheit, hatten das Gefühl, dass wir im Zweifel auf uns allein gestellt sein würden, trotz Lichterketten“. Die Frage „Gehen oder Bleiben“ beantwortete er mit Letzterem. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er die „Liberale Türkisch-Deutsche Vereinigung“ (LTD). Er kandidierte beim FDP-Parteitag 1999 für den Bundesvorstand, wurde gewählt und 2001 und 2003 bestätigt. Der Bruch wurde 2005 eingeleitet, als Daimagüler im Gegensatz zu anderen Parteimitgliedern für den Beitritt der Türkei in die EU eintrat. 2008 verließ er die FDP, „meine Partei ohne Seele“.

Fazit

Als „Zwischenbilanz“ bezeichnet Mehmet Gürcan Daimagüler den Schlussteil seiner Erzählung. Der jetzt 44jährige Rechtsanwalt wird sich ja, so lässt sich vorhersagen, nicht in den „Ruhestand“ zurückziehen und auch nicht mit seiner rechtsanwaltlichen Tätigkeit allein zufrieden sein. Seine Erkenntnis „Es geht nur mit absoluter Ehrlichkeit“, und seine Erfahrungen – „Deutschland ist eine schwierige Heimat“ – sind nicht geprägt von Enttäuschungen und Pessimismus, sondern von der Überzeugung, dass „die eigene Identität und die Identität einer ganzen Gruppe zwei grundverschiedene Dinge sind“, was ja nichts anderes bedeutet als die Anerkennung der Würde eines jeden einzelnen Menschen.

So ist das Buch, das man als einen Erfahrungsbericht eines Eingewanderten, wie auch als ein Bekenntnis zum Eigensein lesen kann, ein Mutmacher für „Alt“- und „Neu“- Deutsche!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.07.2012 zu: Mehmet Gürcan Daimagüler: Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2011. ISBN 978-3-579-06694-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12723.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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