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Regula Weiss: Macht Migration krank? [...]

Cover Regula Weiss: Macht Migration krank? Eine transdisziplinäre Analyse der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten. Seismo-Verlag (Zürich) 2003. 400 Seiten. ISBN 978-3-908239-86-4. 39,00 EUR, CH: 58,00 sFr.

Reihe: Sozialer Zusammenhalt und kultureller Pluralismus.
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Einführung: "Migration macht nicht krank, aber ..."

Erst seit wenigen Jahren wird in den Ländern, die seit Jahrzehnten Zielorte der durch die Globalisierung beeinflussten Migration von Menschen aus ihren Heimatländern sind, darüber nachgedacht und geforscht, welche gesundheitlichen Folgen die aus unterschiedlichen Lebenssituationen veranlassten Wanderungsbewegungen für die betroffenen Menschen haben. Die Forschungsansätze orientieren sich dabei bisher an verschiedenen Konzepten und Modellen, wie z. B. am "Stressmodell", bei dem davon ausgegangen wird, dass migrationsspezifische Belastungen wie Statusverlust, Verlust- und Trennungserfahrungen und die Einschränkung individueller Bewältigungskompetenzen, zu Erkrankungen der MigrantInnen führen; oder das "Vulnerabilitätskonzept", das situations- und konstitutionsabhängige Krankheitsanfälligkeit diagnostiziert. Die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Regula Weiss aus Zürich legt ein interessantes Buch zu dieser Thematik vor.

Entstehungshintergrund und Schwerpunkt des Buchs

Die Arbeit fasst die Forschungen zusammen, die von der Autorin im Auftrag des Schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" durchführte. Der Themenkomplex wird dabei im Grenzbereich von Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Soziologie und Ethnologie angesiedelt. Dabei legt Regula Weiss bei ihren Forschungen den Schwerpunkt auf psychosoziale Aspekte im Rahmen der somatischen Gesundheit von MigrantInnen. Sie bezieht sich dabei auf die nach dem Ausländer- und Aufenthaltsrecht der Schweiz definierten Gruppen: Niedergelassene, Kurz- und LangzeitsarbeitsmigrantInnen, Flüchtlinge, Asylsuchende und Kriegsvertriebene, einer Zuordnung, wie sie auch in anderen (europäischen) Ländern mit Migrationssituation üblich ist.

Inhalt

Krankheitserscheinungen von MigrantInnen müssen, in der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft, unter anderen Frageaspekten betrachtet werden, als dies bisher üblich ist: Der kranke Mensch mit Migrationshintergrund wird allzu oft als gesellschaftliche Belastung empfunden, dem Empathie versagt und eine Pathologieorientierung zugeschrieben wird. Dabei wird übersehen, dass "in jeder Gesellschaft ... das Kranksein, die Art und Weise, wie Kranksein vom Einzelnen erlebt wird, die Reaktionen der Umwelt darauf und die dafür zuständigen sozialen Institutionen ein aufeinander bezogenes System" bilden. Die Autorin wendet sich dagegen, dass Migrantinnen generell eine höhere psychische Morbidität aufweisen als die sonstigen gesellschaftlichen Mitglieder. Migration sei immer auch der Ausdruck persönlicher Ressourcen von Individuen und Familien, die sich auf Grund spezifischer biographischer Situationen für eine einschneidende Veränderung entschieden und eine neue Lebenswelt gestalteten. Der viel berufene Anpassungsdruck in der Einwanderungsgesellschaft führe allerdings nicht automatisch zu Erkrankungen; vielmehr entwickelten MigrantInnen im Übergangsprozess vielfältige Strategien, um die Neuorientierung zu ihren Gunsten zu gestalten. Trotzdem unterliegen MigrantInnen erhöhten gesundheitlichen Gefahren, die z. B. die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) veranlasst hat, in Europa der Gesundheitsförderung gerade dieser Minderheitengruppen ein besonderes Augenmerk zu widmen. Regula Weiss weist besonders auf die üblichen Stressoren bei MigrantInnen hin, wie

  • Statusverlust,
  • familiäre Trennungen,
  • Verlust des sozialen Netzes,
  • traumatische Verlusterfahrungen,
  • schlechte Wohnverhältnisse,
  • Risiken am Arbeitsplatz,
  • Rollen- und Generationskonflikte,
  • eingeschränkte individuelle Bewältigungskompetenzen,
  • Anpassungsdruck und Fremdenfeindlichkeit,
  • fehlende Zukunftsperspektiven.

Besonders Kinder in Migrationsfamilien weisen Entwicklungsrisiken aus, die zu gehäuften psychosozialen Störungen führen, bis hin zu erhöhten Sucht- und Delinquenzraten.

Die Schweizer Forschungsergebnisse zur psychosozialen Gesundheit von MigrantInnen sind bemerkenswert; einerseits, weil die vorhandenen Daten kaum repräsentative Aussagen zulassen und widersprüchlich interpretierbar sind; andererseits aber auch darauf verweisen, dass die bisherigen politischen und Forschungsanstrengungen auf diesem Gebiet in allen (europäischen) Ländern unzulänglich und unbefriedigend sind.

Fazit

Die Arbeit von Regula Weiss kann als typisch für den Kenntnisstand über die Situation der Gesundheit von MigrantInnen in Europa angesehen werden. Ihr Appell, sich dieser wichtigen, humanen Aufgabe künftig intensiver zuzuwenden, Forschungsvorhaben durchzuführen und diese im Rahmen der europäischen Forschungskooperationen zu vernetzen, kann nur unterstützt werden. Die im Anhang ausgewiesenen 66-seitigen Literaturangaben, wie das Personen- und Sachregister, werden Experten auf diesem interdiziplinären, globalen Gebiet zu schätzen wissen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.05.2004 zu: Regula Weiss: Macht Migration krank? Eine transdisziplinäre Analyse der Gesundheit von Migrantinnen und Migranten. Seismo-Verlag (Zürich) 2003. ISBN 978-3-908239-86-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1273.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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