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Martin Emmer, Gerhard Vowe u.a.: Bürger online (politische Online-Kommunikation)

Cover Martin Emmer, Gerhard Vowe, Jens Wolling: Bürger online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. 345 Seiten. ISBN 978-3-86764-279-8. 39,00 EUR.
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Thema

Wie hat das Internet die individuelle politische Kommunikation von Bürgerinnen und Bürgern verändert? Welche konkreten Entwicklungen sind zu beobachten? Im Zeitalter von Facebook, Twitter und Google plus sind dies nicht nur spannende, sondern auch zunehmend politisch relevante Fragen. Es gibt keine überregionalen Wahlen mehr, in denen nicht die politische Online-Kommunikation eine wichtige Rolle spielt. So ist für die Autoren der Studie „Bürger online“ ein „grundlegender Wandel der gesellschaftlichen Kommunikation“ (11) zu erkennen, der noch längst nicht abgeschlossen ist. „Was machen die Bürger mit dem Internet?“ (295), „Vor welchen Herausforderungen stehen Politik und Forschung?“ (313), ist dies eine Revolution oder nur die allmähliche Verwirklichung der Informationsgesellschaft? Und wer sind die wichtigsten Player? All diese Fragen werden in der umfangreichen und umfassend angelegten Langzeitstudie „Politische Online-Kommunikation“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) untersucht. Es geht vor allem darum, „wie Menschen sich informieren, wie sie politisch diskutieren und wie sie ihre politische Meinung (teil-)öffentlich zum Ausdruck bringen“ (21). Es geht aber auch um die Kommunikation von Parteien und Medien, die in Kampagnen oder punktuell in die Öffentlichkeit gehen und kommunizieren. Die fundierte Online-Studie liefert spannende Analysen und Befunde, die Politiker, Medien und Bürger relevant sind.

Autor

Prof. Dr. Martin Emmer ist Kommunikationswissenschaftler, Politologe und Psychologe. Er lehrt an als Professor an der FU Berlin (Schwerpunkt Mediennutzung) und ist seit 2008 Sprecher der DGPuK-Fachgruppe „Computervermittelte Kommunikation“. Prof. Dr. Gerhard Vowe ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler und seit 2005 Professor an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Seit 2011 ist er Sprecher der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“. Auch Prof. Dr. Jens Wolling ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler und lehrt seit 2006 als Professor für empirische Medienforschung und politische Kommunikation an der TU Ilmenau.

Entstehungshintergrund

Mit dem DFG-Projekt „Politische Online-Kommunikation“ wurde erstmals in einer Langzeitstudie untersucht, wie die Deutschen das Internet nutzen. Die drei wichtigsten Fragen:

  1. „Wie nutzen Bürger den Möglichkeitsraum des Internets für ihre politische Kommunikation?
  2. Wie verändert sich dabei ihre politische Kommunikation insgesamt?
  3. Wie sind diese Veränderungen zu erklären?“ (13)

Wichtigstes Instrument zur Beantwortung dieser Forschungsfragen war eine standardisierte Bürger-Befragung auf der Grundlage einer repräsentativen Stichprobe der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 16 Jahren.

Den Vorlauf bildete 2001 eine regionale Querschnittstudie in Erfurt und Kassel. Weil die Forscher feststellten, dass sich „Internetnutzer und Nichtnutzer … in ihrer politischen Kommunikation auch dann in verschiedener Hinsicht deutlich unterscheiden, wenn soziodemographische Variablen – wie Bildung, Alter, Einkommen – kontrolliert werden.“ (36) Damit war der Ansatz für intensivere Fragen und eine bundesweite Längsschnittuntersuchung gelegt.

2002 wurden erstmals etwa 1500 Personen zufällig ausgewählt und im Rahmen eines Paneldesigns telefonisch jährlich wiederbefragt. In sieben Wellen konnte damit das Online-Verhalten der Deutschen systematisch und repräsentativ untersucht werden. Die Panelsystematik im Rahmen einer Langzeitstudie erlaubt auch die Dokumentation von Veränderungen des Verhaltens. Es war die erste repräsentative Langzeitstudie dieser Art zur politischen Online-Kommunikation. Sie hat damit Pilotcharakter.

Aufbau und Inhalt

Teil I Forschungsgegenstand und Methode

Kapitel 1: Eroberung einer neuen Welt? Dargestellt wird das Profil des Forschungsprogramms „Politische Online-Kommunikation“.

Kapitel 2: Wie untersucht man die Etablierung eines neuen Mediums? Erläutert wird das methodische Design des Forschungsprogramms, das zentrale Ziel, „die Sphäre der politischen Online-Kommunikation so umfassend wie möglich zu explorieren, dicht zu beschreiben und die Entwicklungen in diesem Bereich kontinuierlich zu dokumentieren.“ (39) Ausführlich wird der Fragebogen erläutert, der das zentrale Instrument der Studie war und für die telefonische Befragung der zufällig ausgewählten 1500 Personen benutzt wurde.

Kapitel 3: Was ist in der Welt geschehen Die Chronik der politischen Ereignisse aus den Jahren 2001 bis 2009 bildet den Rahmen für die politische Kommunikation in Gesprächen, Medien und Online. Selektiv dargestellt werden zentrale nationale und internationale Themen dieser Dekade. Dies ist für die Untersuchung relevant, „da sich die Fragen an die Teilnehmer der Untersuchung jeweils auf deren politische Kommunikation im zurückliegenden Jahr beziehen (75).

Teil II Stabilität und Dynamik

Kapitel 4: Niedergang von Fernsehen und Presse? Das Kapitel beschreibt die Nutzung der wichtigsten herkömmlichen politischen Informationsquellen Print und Fernsehen. Empirische Untersuchungen belegen nach soziodemographischen Faktoren, Parteineigung und anderen politischen Faktoren die unterschiedliche Rezeption politischer Informationen in den genannten Medien Print und TV. Im Fokus stehen dabei vor allem Fernsehnachrichten, politische Fernsehmagazine, die Tageszeitung, Nachrichtenmagazine und Wochenzeitungen. Überraschend ist das Fazit bei der Tageszeitungsnutzung, die „weiterhin für die Mehrheit der Bevölkerung in allen Bildungsschichten ein relevantes tagesaktuelles Medium“ (93) ist. Allerdings darf bei diesem Befund nicht übersehen werden, dass die Tageszeitung „für die Jüngeren nur noch eine geringe Rolle spielt, und das bei weiter abnehmender Tendenz. Mit dem Internet kann dieser Rückgang – entgegen diesbezüglich in den Medien häufig geäußerten Vermutungen – nicht in Zusammenhang gebracht werden.“ (93) Letztlich sind „Parteineigung und hohes politisches Interesse“ die eigentlich begünstigenden Faktoren. Schon jetzt interessiere sich nur ein Drittel der Nutzer für den Politikteil. Interessant ist, dass das Internet für die Politik-Affinen nicht zum Ersatz, sondern zur Ergänzung geworden ist. So heben die Autoren hervor, „dass die Internetnutzer zwar insgesamt weniger Tageszeitung nutzen, aber im ganzen Untersuchungszeitraum stärker am Politikteil interessiert sind als die Offliner“. (95) Ähnliche Befunde gelten auch für Nachrichtenmagazine und Wochenblätter. „Die Nutzung der verschiedenen Angebotsformen im Printbereich ist sozial stark ausdifferenziert“. (97) Auch hier spielen Faktoren wie politisches Interesse, Bildungsstand und Parteineigung eine wesentliche Rolle. Der spannendste Befund ist aber bei den Fernsehnachrichten festzustellen. Die Autoren sprechen trotz hoher Nutzungsquoten von einer „Erosion der Nutzung (…), die vor allem auf die zunehmende Abkehr vom TV bei der jüngeren Befragten zurückzuführen ist. Da die Rückgänge nur in der Gruppe der Onliner festzustellen sind, deuten die Befunden auf eine allmähliche Ablösung des Fernsehens als tagesaktuelles Informationsmedium durch das Internet, zumindest bei den Jüngeren“ (89) hin. Von einem allgemeinen Niedergang für Fernsehen und Presse kann zwar noch keine Rede sein, aber der Bedeutungsverlust für die Informationsbeschaffung jüngerer Menschen ist unverkennbar. Das ist eine demographische Zeitbombe für politische Berichterstattung des Fernsehens.

Kapitel 5: Aufwärtstrend in allen Bereichen? Untersucht wird die „Entwicklung der generellen Nutzung von Online-Kommunikation“ (99) vom persönlichen Internet-Zugang zu Hause über die Breitband-Nutzung bis zur gezielten Suche nach Informationen im Internet. Wie nicht anders zu erwarten war, ist das Internet mittlerweile „für die Mehrzahl seiner Nutzer eine wichtige Informationsquelle“ (104). Verschärft haben sich zwischen 2002 und 2008 die Unterschiede in der Nutzung, von den Autoren als „Nutzungsklüfte“ (104) bezeichnet. Sie sind vor allem soziodemographischer Art. Am Ende des Untersuchungszeitraums lag beispielsweise der Anteil der jüngeren Informationssucher um 25 Prozentpunkte höher als der älteren User. Bei einstellungsbezogenen Variablen (Parteineigung, politisches Interesses) sind die Ergebnisse dagegen uneinheitlich. Emails werden „relativ stabil von rund 70% aller Onliner mehrmals pro Woche verwendet.“ (106) Ein „Digital Divide“ ist hier deutlich stärker als bei anderen Themen zu erkennen. Je höher der Bildungsstand und das Einkommen, desto stärker die Email-Nutzung. So hatten Abiturienten 2008 einen Vorsprung von 35 Prozentpunkten gegenüber anderen Bildungsschichten. Während Newsgroups, Foren und Chats kaum genutzt werden (11 bis 16% der Internetnutzer), verzeichnet, hat die Nutzung von Social Network Sites deutlich zugenommen. „Fast jeder dritte Onliner hatte 2009 mindestens ein Profil in einem Online-Netzwerk.“ (113) Von 2008 bis 2009 hat sich der Anteil um 12 Prozentpunkte gesteigert. Dieser Trend hat seither angehalten. Neben dem schnellen Zuwachs fällt die hohe Dominanz jüngerer Nutzer (mit über 60 Prozentpunkten Vorsprung) auf. Auffällig ist die zunehmende soziodemographische Nivellierung und der höhere wachsende Anteil „parteipolitisch Ungebundener und politisch Desinteressierter“ (113). Das ist in kommunikativer und politischer Hinsicht ein spannender Befund.

Kapitel 6: Die Verwirklichung der Informationsgesellschaft? Verglichen wir die „Entwicklung der politischen Informationskommunikation im Vergleich von Online- und Offlineformen“ (115). Nicht überraschend ist, dass das Internet zu einem immer wichtigeren Informationsquelle geworden ist und inzwischen für 60 bis 80 Prozent der Informationsbeschaffung relevant ist, je nach „der jeweiligen politischen Ereignislage“ (118). Inzwischen bilden die Onliner „keine sozialstrukturell homogene Gruppe“ (118) mehr. Das hängt „stetigen Zufluss aus der Gruppe der Offliner“ (118). Wenn überhaupt noch Unterschiede auszumachen sind, dann hängen sie mit politischem Interesse zusammen, resultieren aber nicht mehr „aus ungleichen Zugangschancen zum Internet“ (118). Interessant ist auch, dass sich ein „“wachsender Anteil der Bevölkerung … schon einmal im Internet die Homepage eines Politikers angesehen“ (121) hat, dass aber das Alter der Nutzer „keine bedeutende Rolle mehr spielt.“ (121). Wichtig für die Politiker und ihre Berater: mit Webseiten konnten Politiker „weniger als 20% der Bürger“ mit politischen Statements erreichen. Deutlich höher liegt die Reichweite bei politischen Weblogs (30%). Überraschenderweise sind die Ergebnisse zur Nutzung politischer Artikel in Wikipedia nahezu identisch mit der Nutzung politischer Weblogs. Dagegen spielen Videos kaum eine Rolle. Nur bei jüngeren Nutzern sind sie in Teilen relevant.

Kapitel 7 Neue Foren für den politische Diskurs? Untersucht wird die Entwicklung der interpersonalen politischen Kommunikation im Vergleich zwischen Online- und Offline-Formen. Die Ergebnisse überraschen kaum: „Während die traditionellen politischen Gespräche eher die Domäne der mittleren und älteren Generationen darstellen, werden die politischen Online-Gespräche klar von den Jüngeren dominiert.“ (148) Die klassischen Face-to-Face-Gespräche werden dabei „von einer überwältigenden Mehrheit der Bürger geführt, Online-Gespräche hingegen nur von einer kleinen Minderheit“. (150) Da ist sie wieder erkennbar, die Kluft zwischen politisch interessierten Onlinern und politisch desinteressierten (jüngeren) Onlinern, die für Politisches auch durch das neue Kommunikationsmedium nur in Teilen erreicht werden können. Es gibt eine „exklusive Internetbeteiligung“ (150) jüngerer politischer Debattierer. Ungewöhnlich schwach ist die Zahl der Onliner, die „im Internet Kontakt mit Politikern suchen“ (150) im Untersuchungszeitraum bis 2009. Die Quote liegt gerade einmal bei 9 Prozent, allerdings mit stetig wachsender Tendenz. Eine große Überraschung gibt es auch auf diesem Feld, wenn die Forscher feststellen „dass sich die ältesten Jahrgänge als diejenigen erweisen, die das Internet für die Kontaktaufnahme zu Politikern am intensivsten nutzen“. (155) Und noch etwas fällt auf: „Bei den Besserverdienenden und den Erwerbstätigen ist nicht nur die Wahrscheinlichkeit einer Kontaktaufnahme größer; auch die durchschnittliche Häufigkeit, mit der Kontakte hergestellt werden, ist in fast allen Jahren höher als bei den weniger gut Situierten.“ (155) Wer bisher schon „auf konventionellem Weg in Kontakt mit politischen Verantwortlichen“ (159) steht, nutzt jetzt verstärkt die Möglichkeiten des Netzes. Auch ältere Befragte haben dies schnell adaptiert.

Kapitel 8 Das Kapitel trägt den Titel „Eine zweite partizipative Revolution?“ und beschäftigt sich mit Partizipationskommunikation im Vergleich von Online- und Offline-Formen. Untersucht werden unter anderem die Teilnahme an Versammlungen, Demonstrationen, die Mitgliedschaft in Organisationen, das Schreiben von Leserbriefen und die Teilnahme an Unterschriftensammlungen, Beschwerden und Vorschläge an Behörden, sowie die Nutzung von Social-Media-Angeboten. Dabei zeigen sich einige Befunde, die sehr überraschen. Dazu gehören die geringe Beteiligung an Online-Unterschriftensammlungen. Fazit der Autoren: „Obwohl auch Online- Unterschriftensammlungen nur einen geringen Aufwand erfordern, haben sich diese bisher nicht in gleichem Maße durchgesetzt“ (188) wie klassische Unterschriftensammlungen. Überraschend gering ist auch die Zahl der Online-Eingaben an Behörden – nach einem „Hype“ 2004 (ca. 20%) sind sie zwischen 2007 und 200 auf etwa 5% zurückgegangen. (193) Lediglich die mittlere Altersgruppe ist etwas aktiver, offenbar wegen relativ häufiger Kontakte gerade dieser Altersschicht zu Finanzämtern, Arbeitsamt und anderen Behörden. Dass die Zahlen für Sozial Media nicht auf dem aktuellsten Stand sind (- bis 2009 lediglich 2% aktive politische Nutzung -) , ist der einzige Nachteil der Studie, da seit 2009 ein rasanter Aufschwung insbesondere bei Facebook zu erkennen ist. Immerhin finden die Autoren: „Bislang ist der Prozentsatz der Nutzer, die diese Netzwerke für politische Kommunikation nutzen, bei den jüngeren Personen deutlich höher als in den anderen Altersgruppen.“ (198)

Kapitel 9 „Mobilisierung, Abkehr, Indifferenz?“ heißt die Leitfrage dieses Kapitels. Ergebnis: Der Onlinezugang hat positive Wirkungen auf die politische Kommunikation. Am schwächsten sind sie bei der mittleren Altersgruppe, stärker bei den Älteren, die das Internet auch wegen des größeren Zeitbudgets immer stärker nutzen, am stärksten bei den Jüngeren. Diese Ergebnisse sollten auch alle politischen Strategen aufhorchen lassen: „Insbesondere die jüngeren Bevölkerungsgruppen, von denen die politische Kommunikation in Zukunft geprägt sein wird, nutzen das Netz nicht nur bereits intensiver für ihre politische Kommunikation, sondern bei ihnen zeigen sich auch die stärksten direkten Effekte des Online-Zugangs. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass mit der Wanderung dieser Bevölkerungsgruppen in die Mitte der Gesellschaft ein Wandel der dominanten politischen Kommunikationsmuster einhergehen wird.“ (218) Das ist die Vorhersage eines Paradigmenwechsels.

Kapitel 10 Angelika Füting fragt: „Wir kommunizieren die Deutschen über Politik?“ und erfindet die Bevölkerungs-Gruppe „Bequeme Moderne“ (226), über die sich vor allem die Tageszeitungsredakteure und die bisher weitgehend verschonten Fernsehredakteure Sorgen machen sollten. Denn diese bequemen Modernen „suchen deutlich intensiver politische Informationen im Internet“ (227). Sie sind kaum noch auf Zeitung und TV-Formate angewiesen. Hier ist ein Verdrängungswettbewerb absehbar, der zu ungunsten von Print und Fernsehen ausgehen könnte. Das Fatale für Parteien und Medien: „Die Meidung herkömmlicher politischer Aktivitäten, wie der Mitgliedschaft in einer politischen Organisation und selbst der Wahlteilnahme, zeigt, dass die Bequemen Modernen den heimischen PC der Straße und dem Sitzungszimmer vorziehen.“ (226). Dabei sind sie durch aus „politisch interessiert, kommunikativ und aktiv“ (226-227), aber sie leben ein anderes Leben, haben andere Prioritäten.

Kapitel 11 und 12 geben „ökonomische Erklärungen für die Wahl von Online-Medien für politische Kommunikation“ (245) und bieten eine „Theorie der subjektiven Qualitätsauswahl als Erklärungsansatz für die Auswahl politischer Informationsangebote im Internet“. (269) Interessant ist, „dass sich trotz eines unüberschaubaren Angebots zur politische Information die Hauptnutzung auf eine überschaubare Anzahl von Seiten konzentriert“ (280). Die Autoren gehen deshalb davon aus, dass der „Long-Tail Effekt im Internet, demzufolge eine wachsende Anzahl von Nischenangeboten einen immer größeren Marktanteil gewinnt“ (280), in der politischen Online-Nutzung nicht wirklich wirksam ist.

Teil III

Kapitel 13 und 14 liefern eine Zusammenfassung und einen Ausblick.

Diskussion und Fazit

Die Studie ist sehr fundiert und dürfte derzeit die Referenzstudie schlechthin für das Thema „Bürger online“ sein. Theorie, Empirie und Praxisbezug sind überzeugend miteinander verbunden, die Anlage als Langzeitstudie eröffnet faszinierende Einblicke in die politische Online-Nutzung in Deutschland, an der weder Politik noch Medien vorbeikommen. Die Ergebnisse lassen in den nächsten Jahren eine digitale Revolution erwarten: Das Netz „wird die politische Willens- und Entscheidungsbildung in Zukunft entscheidend prägen“ (314), die Hierarchien von Parteien und Verbänden „unter extremen Veränderungsdruck“ (314) setzen, Informationsasymmetrien zwischen Politik und Verwaltung einerseits und den Bürgern andererseits abbauen und die etablierten Medien in existenzielle Situationen bringen: „Wenn sie ihrer publizistischen Aufgabe gerecht werden wollen und wenn ihnen ein Überleben in der digitalisierten Welt beschiedne bleiben soll, müssen sie sich auch mit ihren politischen Informationsangeboten schnellstmöglich auf grundlegend veränderte Nutzungsmuster einstellen.“ (315) Viel Zeit haben sie nicht, denn nicht nur die Jungen verändern die Welt, sondern auch die Älteren, die viel Zeit zum Surfen haben. Emmer, Vowe und Wolling sehen einen „großen Reflexionsbedarf“ (316) hinsichtlich der Veränderung der demokratischen Öffentlichkeit, der fragmentierenden Wirkung des Internets, der Regulierung und der Nutzungsklüfte. Mehr denn je entscheiden Bildung und soziale Schicht über politische Nutzung. Sie fordern ein breites Governance-Konzept unter Einbeziehung aller relevanten Schichten und völlig neue Anstrengungen im Bildungsbereich. Weiterbildung und Zielgruppenangebote reichen bei weitem nicht, so die Studie. „Hier sind stattdessen langfristige Bemühungen vor allem im Bildungssystem gefragt, um Beteiligungschancen zu erhöhen, indem grundlegende politische und mediale Kompetenzen vermittelt werden und Interesse geweckt wird.“ (317)

Angesichts fundamentaler Veränderungen der politischen Landschaft durch Online-Nutzung und Social Media hätte die Studie von Emmer, Vowe und Wolling wie eine Bombe einschlagen müssen. Das ist bedauerlicherweise nicht geschehen. Alle wesentlichen Fragen sind gestellt, viele sind beantwortet. Das Buch muss nur gelesen werden. Es gehört zum Besten, was zu diesem Thema auf dem Markt ist.


Rezensent
Dr. Armin König
Bürgermeister der Gemeinde Illingen, Verwaltungswissenschaftler. Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes (FHSV).
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Zitiervorschlag
Armin König. Rezension vom 26.04.2012 zu: Martin Emmer, Gerhard Vowe, Jens Wolling: Bürger online. Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. ISBN 978-3-86764-279-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12732.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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