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Alice Ebel: Praxisbuch Pflegekind

Cover Alice Ebel: Praxisbuch Pflegekind. Informationen und Tipps für Pflegeeltern und Fachkräfte. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2011. 2., überarbeitete Auflage. 288 Seiten. ISBN 978-3-8248-0288-3. 29,99 EUR.

Reihe: Pflegefamilie, Adoption.
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Thema

Die folgende Rezension befasst sich mit dem „Praxisbuch Pflegekind. Informationen und Tipps für Pflegeeltern und Fachkräfte.“, das von Alice Ebel verfasst wurde und 2011 im Schulz-Kirchner-Verlag in einer überarbeiteten Version erschienen ist. Neben einem inhaltlichen Überblick wird das Buch hinsichtlich seines spezifischen Zugangs im Kontext der Pflegekinderhilfe verortet. Abschließend werden Stärken und Schwächen der Veröffentlichung benannt und kommentiert.

Autorin

Alice Ebel verfügt neben ihrer über 10-jährigen Tätigkeit als Psychologin und Psychotherapeutin seit über 15 Jahren auch über die Erfahrung, selbst Pflegemutter zu sein. Sie richtet sich mit ihrem Praxisbuch in erster Linie an Pflegeeltern und solche, die es werden wollen und greift dabei auf ihre persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen rund um das Pflegekinderwesen zurück.

Aufbau und Inhalt

Das Buch bietet einen Zugang zu potentiellen Fragen, Sorgen, Überlegungen und freudigen Erlebnissen von Pflegefamilien. Neben einer differenzierten Einführung in die unterschiedlichen Formen möglicher Pflegeverhältnisse, die von der Tagespflege bis zur Kinderdorffamilie reichen, beantwortet die Autorin Fragen, mit denen sich Pflegeeltern während der unterschiedlichen Phasen ihrer Tätigkeit möglicherweise befassen. Aus den Beschreibungen praxisrelevanter Situationen und dazu passender Lösungsstrategien entwickelt Alice Ebel dadurch einen Ratgeber, der folgende Fragenstellungen umfasst:

  • Was ist bei der Aufnahme eines Kindes (von der ersten Idee bis zur Hilfeplanung) in die eigene Familie zu beachten?
  • Welche Rolle spielen die übrigen Kinder des Familiensystems (leibliche Kinder der Pflegeeltern, weitere Pflegekinder, leibliche Geschwister des Pflegekindes)?
  • Was gilt es, bei Kindern mit Migrationshintergrund zu beachten?
  • Mit welchen Formen der Beeinträchtigungen, der Verhaltensauffälligkeiten, der Traumatisierungen und der Bindungsstörungen müssen Pflegeeltern bei ihren Pflegekindern rechnen und welche Handlungsoptionen haben sie?
  • Worauf sollten die Pflegeeltern bei Kontakten mit den Herkunftsfamilien und den zuständigen Jugendämtern achten?

Alice Ebel nutzt zum Ende des Buches die Gelegenheit, ein Abschlussplädoyer zu halten, das sich an die MitarbeiterInnen von Jugendämtern und Pflegekinderdiensten richtet, um auf die speziellen Situationen, Bedürfnisse und Belastungen von Pflegeeltern und Pflegekindern hinzuweisen.

Im Anhang finden sich neben thematisch strukturierten Literaturhinweisen ein Stichwortverzeichnis sowie eine ausführliche Sammlung von Internetseiten, Diskussionsforen, Vereinen, Fortbildungs- und Beratungsstellen sowie Fachanwälten, die sich mit den Belangen von Pflegefamilien beschäftigen.

Diskussion

Die vorliegende Veröffentlichung ist keine im engeren Sinne wissenschaftliche Arbeit, sondern eine Mischung aus Ratgeberliteratur, Erfahrungsbericht, Einführungsliteratur und Standortbestimmung der Autorin.

Die Vermittlung von persönlichen Erfahrungen aus der eigenen Tätigkeit als Pflegemutter und Beraterin sind dabei keineswegs nur für Pflegeeltern interessant, sondern liefern auch Fachkräften und Studierenden einen Zugang zur Innenperspektive von Pflegefamilien. Darüber hinaus bieten einige Exkurse erste Einblicke in Themenfelder der Genetik, Hirnforschung, Neurophysiologie und Traumaforschung sowie weiterführende Informationen über Erkenntnisse der Bindungsforschung und der Verhaltenspsychologie.

Durch die sehr anschaulichen Praxisbeispiele, die authentischen und originellen Ratschläge der Autorin sowie die unkomplizierte Sprache werden (potentiellen) Pflegeeltern in diesem Ratgeber vermutlich hilfreiche Hinweise und ermutigende Antworten angeboten.

Der besondere Reiz der Arbeit liegt im sehr persönlichen Zugang der Autorin zum Thema. Dabei misst die Autorin den beteiligten Kindern immer eine hohe Bedeutung bei. Sie spricht sich für eine altersgemäße Partizipation von Pflegekindern sowie eine sensible Berücksichtigung der Bedürfnisse leiblicher Kindern aus (vgl. S.70 f).

Die unterschiedlichen Phasen, die ein Pflegekind nach der Aufnahme in eine neue Familie durchlebt, werden anschaulich beschrieben und könnten Pflegeeltern auf einer theoretischen Ebene einen hilfreichen Rückhalt bieten. Alice Ebel fordert Verständnis und Durchhaltevermögen für die möglicherweise unverständlichen Verhaltensweisen der Pflegekinder: „Oft erscheint das Verhalten des Kindes unangemessen und fehl am Platz, weil es ja nicht auf die realen, sondern (zum Teil unbewusst) auf erinnerte Situationen reagiert.“ (S.129)

Ein inhaltlicher Höhepunkt des Ratgebers gelingt m.E. durch die Beschreibung von Abwehrmechanismen, die manche Pflegekinder zeigen und durch deren anschließende Entschlüsselung erst die darin verborgenen Botschaften von den Pflegeeltern erkannt und berücksichtigt werden können (vgl. S.133 ff). Alice Ebel beschreibt dies folgendermaßen: „Erleben wir solches Verhalten, dann ist es hilfreich für die Traumaverarbeitung, wenn es gelingt, dem Kind bei der ‚Übersetzung?, der Entschlüsselung seines Verhaltens zu helfen. Das Kind verhält sich nicht berechnend, d.h., es denkt sich nicht ‚Nun verhalte ich mich mal so und so und teile damit dies und das mit. Mal sehen, ob die das kapieren, was ich meine…? […] Gelingt es nun, gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, welche Erfahrungen hinter dem Verhalten stehen […], dann bekommt das Kind die Chance, sich zu verstehen[…].
Wird sein Verhalten nur sanktioniert […], wird das Kind niemals verstehen, weshalb es solche Impulse hat und kann sie dementsprechend nicht einordnen und auch nicht aufgeben. Sie kommen dann mit großer Wahrscheinlichkeit auf andere Art oder zu einem späteren Zeitpunkt wieder zum Vorschein […].“ (S.135)
Ebenso wie der Reiz, liegt auch die Gefahr dieser Arbeit im sehr persönlichen Zugang der Autorin. Die LeserInnen werden persönlich angesprochen, was auf der einen Seite ein originelles Mittel sein kann, um eine unmittelbare Ebene zu den Hauptadressaten des Buches – (angehenden) Pflegeeltern – herzustellen. Auf der anderen Seite entsteht dadurch für etwas distanziertere LeserInnen an einigen Stellen eine gewöhnungsbedürftige Nähe.

Die Botschaften und Handlungsstrategien, die sich auf die subjektiven Erfahrungen der Autorin beziehen, können sicherlich hilfreich sein, aber sie werden aufgrund der Authentizität ihrer Darstellung allein nicht gültig. Das persönliche Involviert-Sein der Autorin und die häufig beherzten Botschaften fordern an einigen Stellen zu Widerspruch und kritischer Auseinandersetzung auf.

Insbesondere Passagen zu den Herkunftsfamilien, beispielsweise die Themenbereiche Besuchskontakt und Rückführung, bleiben in ihrer Darstellung einseitig und undifferenziert (vgl. S. 229 ff.). Die Autorin selbst revidiert ihre deutlich kritische Haltung gegenüber den Herkunftsfamilien, indem sie die Leserschaft ihres Buches auffordert, Verständnis auch für deren schwierige Situation aufzubringen. Die negative Grundhaltung zu Besuchskontakten und Rückführungen der Pflegekinder zur Herkunftsfamilie erfährt ihren Höhepunkt in konkreten Ratschlägen, die beinhalten, wie die Pflegeeltern mit allen beteiligten Institutionen und Personen zuvor vereinbarte Besuchskontakte vermeiden oder verschieben könnten (z.B. bei Transportproblemen, „weil Euer Auto kaputt ist“; vgl. S. 199). Ich halte dies auch moralisch, aber in erster Linie aus professioneller Sicht für ein äußerst bedenkliches Vorgehen. Hinsichtlich der sogenannten „erziehungsunfähigen Eltern“ (S. 101) werden prozentuale Angaben verwendet, für die keine empirische Untersuchung nachgewiesen wird und somit unklar bleibt, ob es sich dabei lediglich um Erfahrungswerte oder andere gefühlte Angaben handelt.

Bezüglich der Pflegekinder wird eine deutlich defizitorientierte Sprache verwendet („vorgestört“, „Schäden“, „Störungen“, „traumatisiert“, „bindungsgestört“, „unbeschädigt“), die immer auch die Gefahr birgt, das Kind vom Symptomträger zum Problemträger zu pathologisieren. Auch wenn sich die Autorin hiervon inhaltlich mehrfach entfernt, haben einige ihrer Formulierungen das Potential solche Prozesse zu unterstützen.

Fazit

Alice Ebels bleibt teilweise in ihren engagierten Vorträgen stecken. Dadurch vergibt sie die Chance, differenzierte Haltungen zu entwickeln, die der Komplexität und den vielschichtigen internen und externen Einflüssen gerecht werden könnten, in denen sich Pflegeeltern und Pflegekinder täglich bewegen. Nach meinem Geschmack wird zu selten deutlich, dass sich in den schwierigen und belastenden Situationen sowie den ambivalenten Empfindungen auch immer lohnenswerte Herausforderungen für die Pflegeeltern befinden. Diesen Herausforderungen kreativ und in Kooperation mit den zuständigen Sozialen Dienste konstruktiv zu begegnen, ist für viele Pflegeeltern ein alltäglicher Prozess.


Rezension von
Dipl. Pädagoge, Dipl. Soz.Pädagoge Dirk Schäfer
Forschungsgruppe Pflegekinder – ZPE / Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Dirk Schäfer. Rezension vom 02.05.2012 zu: Alice Ebel: Praxisbuch Pflegekind. Informationen und Tipps für Pflegeeltern und Fachkräfte. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2011. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8248-0288-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12733.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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