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Armut

Cover Armut. Klett-Kallmeyer (Hannover) 2011. 55 Seiten. 20,00 EUR.

Reihe: Praxiswissen psychosozial - 2011, H. 6.


Thema

Das vorliegende Themenheft der vierteljährlich erscheinenden Fachzeitschrift widmet sich im Rahmen der psychosozialen Versorgung dem Zusammenhang von Armut und psychischer Erkrankung. Die Zeitschrift will mit dieser Themenwahl die Aufmerksamkeit der zuständigen professionellen Helfer auf die betroffene Risiko- bzw. Patientengruppe lenken und fordert zugleich eine diesbezügliche Solidarität auf Augenhöhe ein.

Aufbau und Inhalt

Im Folgenden werden aus den 14 eher kurz gehaltenen Beiträgen einige ausgewählte Artikel rezensiert. Die Beiträge skizzieren insgesamt einerseits fachwissenschaftliche Grundlagen und andererseits finden sich Berichte von Psychiatrie-Erfahrenen zur aktuellen Praxis der psychiatrischen Pflege. Diese Zusammenführung von wissenschaftlicher Expertise (wissenschaftliches Wissen) und Praxis (Handlungswissen) ist auch ein Kennzeichen beabsichtigter Professionalisierung im angesprochenen Berufsfeld.

Eingeleitet wird das Heft von dem renommierten Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge. In seinem Beitrag beschreibt er Armut als ein weitgehend aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verdrängtes Problem. Skandaliert werden muss aber, so der Autor, die zugrunde liegende soziale Ungleichheit und ihre negativen Folgen für die Betroffenen wie z.B. den Verlust von Wertschätzung und die erhöhten Krankheits- sowie Existenzrisiken. Ausdrücklich fordert Butterwegge mehr Solidarität mit armen Menschen und Widerstand gegen die zunehmende Zerklüftung der Gesellschaft in Arm und Reich.

Der Folgeartikel von Günter Storck vertieft die Ausführungen Butterwegges indem er detaillierter auf die Folgen im Alltag für Arme und Kranke eingeht. Zu diesen Folgen gehören Stigmatisierung und Ausgrenzung alter aber ebenso junger Menschen. Erschreckend und auf die professionelle Handlungsebene bezogen ist der Hinweis des Autors, dass das an sich wegweisende Aktivierungsprinzip, z.B. in der Eingliederungshilfe, häufig dazu führt, die Betroffenen sich selbst zu überlassen.

In der Folge beschreiben die Wissenschaftler Ulrich Schneekloth, Sabine Andresen und Klaus Hurrelmann auf dem Hintergrund der „World Vision Kinderstudie“ Armut und Wohlbefinden bei Kindern. Soziale Herkunft häufig verbunden mit Migrationsbezug, Alleinerziehung durch einen Elternteil sowie Arbeitslosigkeit stellen die häufigsten Risikofaktoren für Kinderarmut dar. Konkrete Armutserfahrung, Angstbelastungen in der Schule und wenig Selbstvertrauen sind Kennzeichen dieser Armut. Hinweise zur Verringerung dieser Benachteiligungen sind u.a.: Große Freundeskreise, Freizeitaktivitäten und diesbezügliches Engagement der Schulen und ihrer Kooperationspartner.

Susanne Stier berichtet über Armut aus dem Blickwinkel einer Betroffenen, einer armen Irren, die sie nie sein wollte. Dazu passt auch der Artikel über Ausgrenzung von Hilde Schädle- Reiniger, der mit der beißenden Ironie des Philosophen Ernst Bloch (1885-1977) eingeleitet wird: “Da es nicht für alle reicht, springen die Armen ein“.

Armutszustände aus historischer Sicht stellt Ulla Schmalz dar. Der Vorwurf gegen Arme, ihre Armut selbst verschuldet zu haben, zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte. Für die heutige psychiatrische Versorgung kritisiert die Autorin den Prozess der Enthospitalisierung und fordert passgenaue Hilfen gerade für die Kranken, die aus einschlägigen Einrichtungen ausgegrenzt und „rausgeworfen“ werden. Es folgt ein Interview mit einem Angehörigen eines psychisch kranken Menschen und der Künstler Malte Kaiser wird vorgestellt – ein Betroffener.

In zwei Beiträgen geht Rüdiger Bauer auf aktuelle neurobiologische Erkenntnisse im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen ein. In Form eine kurzen Grundrisses erläutert er die Bedeutung der Neuroplastizität des Gehirns und die positiven Wirkungen von sozialen Beziehungen auf die neuronale Verschaltung wichtiger Gehirnareale. Dies ist auch noch im Alter möglich und zwar insbesondere dann, wenn eine Verbindung mit der Biografie des Patienten hergestellt wird. In dem zweiten Artikel zur Wirksamkeit psychiatrischer Pflege stellt der Autor zwei Beispiele vor, die auch unter neurobiologischen Gesichtspunkten erörtert werden. In einem gewissen Zusammenhang mit den beiden vorgenannten Beiträgen steht auch der Forschungsbericht von Elmar Gräsel. An dem Universitätsklinikum Erlangen konnten Personen mit degenerativer Demenz erfolgreich durch eine nicht-medikamentöse Therapie behandelt werden. MAKS (motorische, alltagspraktische, kognitive und spirituelle Aktivierung) hält die kognitiven Fähigkeiten eines Patienten im einjährigen Untersuchungszeitraum auf gleichem Niveau und verbessert u.a. depressive Symptome wie auch herausfordernde Verhaltensweisen.

Es folgt ein Bericht von Henner Lüttecke, der für München den Ausbau der psychiatrischen Pflege bezüglich ambulanter Versorgung beschreibt. Hintergrund dieser notwenigen Entwicklung ist auch die deutliche Zunahme psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft.

Den Abschluss des Heftes stellt eine engagierte Verlautbarung des „Landesverband(es) Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg e.V.“ Auf der Grundlage der UN-Behindertenkonvention wird ein breites Forderungsspektrum dargestellt und diskutiert; z.B. die Minimierung von Zwang und Gewalt in der Psychiatrie.

Den Schlusspunkt stellt ein Hinweis auf eine Wanderausstellung zur Psychiatriegeschichte in Tirol dar. Der Ausstellungsstart des fachwissenschaftlich begleiteten Projektes findet im Landeskrankenhaus in Hall statt.

Diskussion

Das Themenheft bearbeitet, was schwerlich zu vermeiden ist, neben Armut auch weitere fachliche Schwerpunkte. Einen solchen Schwerpunkt stellen z.B. die neurobiologisch ausgerichteten Artikel dar. Hier zeigen sich Ungereimtheiten wie der konstruierte Gegensatz des medizinischen zum neurobiologischen Wissenschaftskonzept – beide gründen im naturwissenschaftlichen Paradigma! Trotzdem: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen ist die Aufgabe einer qualifizierten Fachzeitschrift, dies gilt auch für den Forschungsbericht von Elmar Gräsel. Die Mischung wissenschaftlicher und fachlicher Innovation mit einem ausgeprägtem Praxisbezug stellen das Profil dieser gut zu lesenden Fachzeitschrift dar. Der Praxisbezug wird z.B. durch den Selbstreport psychisch kranker Personen deutlich akzentuiert.

Fazit

Das vorliegende Heft der Fachzeitschrift „psychosozial“ ist ein wichtiger Begleiter der Praxis, weil diese Praxis mit wissenschaftlichen Wissen in einen Austausch gebracht wird. Darüber hinaus wird berufliches bzw. Erfahrungswissen als Grundlage professionellen Handelns für das angesprochene Berufsfeld anschaulich vermittelt. Auch im einschlägigen Studium muss diese Zeitschrift ihren festen Ort haben.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 19.06.2012 zu: Armut. Klett-Kallmeyer (Hannover) 2011. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12734.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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