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Frank Schulz-Nieswandt: Gesundheitsselbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen in Deutschland

Cover Frank Schulz-Nieswandt: Gesundheitsselbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen in Deutschland. Der Stand der Forschung im Lichte der Kölner Wissenschaft von der Sozialpolitik und des Genossenschaftswesens. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 76 Seiten. ISBN 978-3-8329-7101-4. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

In diesem kleinen, aber gehaltvollen Bändchen wird die Gesundheitsselbsthilfe unter der Rubrik der Gemeinwirtschaftlichkeit behandelt, und Selbsthilfegruppen werden entsprechend zu genossenschaftsartigen Sozialgebilden und ökonomischen Betrieben. Als Vorläufer einer solchen Betrachtungsweise sind im Vorwort Gerhard Weisser, Theo Thiemeyer und Werner Wilhelm Engelhardt genannt. Mag dieser Ansatz auch ein ehrwürdiges Alter aufweisen, so stellt er doch in der gegenwärtigen Literatur zur Selbsthilfe einen neuen, vielversprechenden Zugriff dar.

Autor

Der Autor Frank Schulz-Niewandt ist Professor an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln; Sozialpolitik und Genossenschaftswesen sind dort seine Arbeitsgebiete. Im Forschungsschwerpunkt „Genossenschaften im sozialen Bereich“ hat er sich insbesondere mit dem Prinzip der Wechselseitigkeit (Reziprozität) im Sozialstaat beschäftigt und sich dabei auf soziale Kleinstgenossenschaften konzentriert. Es liegt also nahe, wenn die soziale Selbsthilfe von ihm thematisiert wird.

Entstehungshintergrund

Die Schrift hat das Ziel, vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Forschungsstandes zur Gesundheitsselbsthilfe einen aktuellen Bedarf an Forschungsförderung sichtbar zu machen. Natürlich kommt der Blickweise der Kölner Tradition, Sozialpolitikwissenschaft und die Wissenschaft der nicht-erwerbswirtschaftlichen Wirtschaftsgebilde zu verbinden, nicht nur eine besondere Vorrangstellung bei der Sichtung des Forschungsstandes zu, sondern vor allem auch bei der Fähigkeit, die neu aufgeworfenen Forschungsfragen zu lösen. Vor diesem Hintergrund kann die Schrift auch als ein gut begründetes Plädoyer für eine entsprechende institutionalisierte Forschungsförderung gelesen werden.

Aufbau und Inhalt

Gleichsam als Vorwort gibt Schulz-Nieswandt eine „Zusammenfassung der forschungspolitischen Kernaussage“ seiner Schrift: Seit gut 40 Jahren hat sich die Gesundheitsselbsthilfe in Deutschland entwickelt und in der sozialen Wirklichkeit fest verankert. Obwohl sie von Anfang an bis heute Gegenstand vieler Forschungsbemühungen wurde, gibt es heute auf dem Gebiet der Gesundheitsselbsthilfe und der dazugehörigen politischen Organisationen gleichwohl einen erheblichen Forschungsbedarf. Der Rückstand der Forschung mag darin begründet sein, dass die Selbsthilfeidee – anders als bei dem auf das Ehrenamt zielenden und breit geförderten bürgerschaftlichen Engagement- auf Autonomie pocht und sich nur schwer von staatlichen und gesellschaftlichen Kräften vereinnahmen und verplanen lässt. Sie ist ein „Stachel im permanenten Sozialreformprozess“ und hält Distanz zu den im Gesundheitssektor wirkenden Institutionen. Wenn dieses der Fall ist, dann ist die Rolle der Selbsthilfe als eines „Stiefkindes der Forschung“ plausibel.

Für die Erforschung der Selbsthilfegruppen ist Köln gut gerüstet: Man hat den forschungspolitischen Vorteil einer einzigartigen interdisziplinären Basis, welche die für die aktuelle Selbsthilfeforschung notwendigen Sicht- und Forschungsweisen bereitstellen kann: Die Selbsthilfe kann u. a. auf der Grundlage der philosophischen Anthropologie („Daseinsverwirklichung der menschlichen Existenz im dialogischen Miteinander“) verstanden werden, auch können die erprobten Instrumente der empirisch-soziologischen Forschung für Untersuchungen eingesetzt werden, und es kann qualifiziert nach den ökonomischen Effekten von Selbsthilfe gefragt werden.

In der Einleitung wird sogleich die Bedeutung der Selbsthilfe festgestellt: „70 bis 100.000 Selbsthilfegruppen…sind keine Marginalie in der sozialen Wirklichkeit eines wohlfahrtspluralistisch organisierten Sozialstaates.“ Hinzu kommen für das Jahr 2010 an 345 Orten 291 Selbsthilfekontaktstellen und 54 Außenstellen. Unvermeidlich sind im Verbändestaat auch die verschiedenen Organisationen, die sich auf Bundesebene um die Selbsthilfe kümmern: Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe, der Paritätische Gesamtverband und der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen; Schulz-Nieswandt nennt sie politische Player.

Im ersten Kapitel – Rückblick zur Forschung und Stand der Forschungsliteratur – begründet Schulz-Nieswandt das Hinterherhinken der Selbsthilfegruppenforschung hinter der traditionellen Ehrenamtsforschung – neben der bereits erwähnten Autonomie der Selbsthilfegruppen und deren mangelnder Vereinnahmungsbereitschaft- vor allem auch mit deren „ Zusammenarbeitskultur mit der freien Wohlfahrtspflege“, die die Ehrenamtlichkeit gekonnt einbindet. Selbsthilfe ist, so der Autor, Kultur der Gegenseitigkeit und Teil des bürgerschaftlichen Engagements zwischen Markt, Staat sowie Familie und Verwandtschaft. Sie bezieht sich dabei auf gesellschaftlich bedeutsame Bedarfslagen: chronische Krankheiten, Behinderung und Hilfe- und Pflegebedürftigkeit, die ansonsten vom Staat bearbeitet werden müssten. „Das Versorgungssystem ist suboptimal und Selbsthilfegruppen stellen in diesem Lichte eine zentrale Funktionalität dar. Sie gehen produktiv in die Lücken des Sozialrechtes und der Versorgungsprozesse und gleichen die Möglichkeiten der primären Netze aus. Sie sind angesichts des Markt-, Staats- und Familienversagens nicht nur „Lückenbüßer“, sondern wirken komplementär, weil die genannten Subsysteme die Aufgaben aufgrund ihrer handlungslogischen und organisationalen Strickmuster auch gar nicht leisten können.“ In der Tat gibt es eine öffentliche Förderungswürdigkeit.

Der Überblick über die vergangene und gegenwärtige Forschungsliteratur ist fundiert und lesenswert, zumal der Selbsthilfe ein Rückgriff auf die Ergebnisse der Selbsthilfeforschung durchaus gut täte: Reflexion hat noch nie dem Selbstbewusstsein einer organisierten und sich fortwährend selbst organisierenden Bewegung geschadet und ist der beste Schutz vor vereinnahmender und fremdbestimmter Mediatisierung.

Nachdem Schulz- Nieswandt die Kölner Forschungstradition zur Genossenschaftsartigkeit der sozialen Selbsthilfe dargestellt hat, kommt er zu der Schlussfolgerung, dass angesichts der Breite der Lücken ihr Beitrag insgesamt marginal ausfällt und noch erheblicher Forschungsbedarf besteht. Er schlägt eine Mehr-Ebenen-Betrachtung der Selbsthilfe vor:

  • Auf der Mikroebene geht es um die Psychologie der Motivforschung und der personalen Haltungen in der Praxis.
  • Auf der Mesoebene geht es um die Einordnung der Selbsthilfe in das ganze System der Versorgung unter Berücksichtigung des Wandels der Medizinkultur und des Wandels des Sozial- und Gesundheitswesens.
  • Auf der Makroebene geht es um die systematische Einordnung der Selbsthilfe in den Zusammenhang einer wohlfahrtsstaatlich überformten Marktgesellschaft.

Auch das kurze zweite Kapitel- ein angemessener morphologischer Zugang: Gabe und Reziprozität – soll noch betrachtet werden: Gabe kann zur Demütigung und zur Schaffung von Abhängigkeiten genutzt werden, aber sie kann auch den Charakter einer uneigennützigen, über den gleichwertigen Tausch hinausgehenden Gegenseitigkeit haben. Dieser Aspekt dürfte wohl in der Selbsthilfe wirksam sein und deren Akzeptanz zu einem guten Teil erklären. Die Offenheit und Diskussionsbereitschaft in den Selbsthilfegruppen folgt eben nicht ausschließlich dem Prinzip des „do ut des“. Hier werden von Schulz – Niewandt eine Reihe philosophisch-anthropologischer Überlegungen vorgetragen, denen man nicht unbedingt folgen muss, für die man aber sensibel sein sollte, wenn man Selbsthilfe von Grund auf verstehen will.

Aktuelle Forschungsdesiderata zur Mikroebene der Selbsthilfegruppen und zum Verbandwesen, so lautet die Überschrift des dritten Kapitels. Es werden zentrale Fragen der Selbsthilfe aufgeworfen, deren Beantwortung auf der „Kölner“ Tagesordnung steht:

  • Ambivalenzen der Förderkultur. „War die Professionalisierung des Gesundheitswesens einst ein Ausgangspunkt der Kritik der Selbsthilfebewegung an die Expertokratie, so steht heute die Selbsthilfebewegung selbst vor Professionalisierungstendenzen.“
  • Internet als Substitut für face-to-face-Mutualität? „Persönlichkeitswachstum bleibt an der Narrativität im Miteinander gebunden, denn im Selbst-Erzählen in der dialogischen Situation angesichts des Anderen konstituiert sich personale Identität.“
  • Generationenwechsel und Nachwuchsfindung. und der internen Mehr-Ebenen-Organisationskulturen
  • Unterbelichtung der verbandlichen Strukturen und der internen Mehr-Ebenen-Organisationskulturen. „Unerforscht sind auch die (verbandssoziologisch „normalen“) Spannungsverhältnisse von Basis einerseits und Landes-und Bundesverbandsebene sowie zu den nochmals übergreifenden Dach-Arbeitsgemeinschaften andererseits.“
  • Von der Autonomie zur Instrumentalisierung? „Das Wachstum infolge ihrer Erfolgsgeschichte, aber auch die systemische Notwendigkeit, die Anliegen der Menschen in der politischen Arena einzubringen und Gehör zu verschaffen, also an der Agenda-Bildung mit Blick auf Präferenzordnungen der Ressourcenverteilungen mitzuwirken, führt die Selbsthilfebewegung in Einwirkbereiche der politischen Herrschaft wie auch der marktlichen „Korruption“.

Es folgen zwei Kapitel, die sich mit weiteren Forschungsdesiderata beschäftigen: mit der Rolle der Selbsthilfeorganisationen im politischen System und mit den ökonomischen Wirkungen der sozialen Selbsthilfe.

Das Schlusskapitel fasst den Bedarf an Forschungsinstitutionalisierung zusammen: Die Darstellung der Forschungslücken hat Schulz-Nieswandt zufolge gezeigt, dass es an Forschungsoutput fehlt und dieser fehlt, weil es an Forschungsinfrastruktur mangelt.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die insgesamt acht Schaubilder, die zum Verständnis des Textes beitragen und mit Überlegung entworfen wurden.

Das Literaturverzeichnis fällt mit circa 400 bis 500 Angaben opulent aus.

Leider sind die Arbeiten von Christian von Ferber aus der jüngsten Zeit mit ihrer Betonung des autonomen und demokratischen Charakters der Selbsthilfe und mit ihrem Verständnis der Selbsthilfe als eines Akteurs kommunaler Gesundheitspolitik, als einer die Selbsthilfe-gruppen überschreitenden familialen Bewegung und als wenig beachtetes Element der Arzt-Patient-Beziehung nicht erwähnt.

Fazit

Sicherlich verlangt das kleine Buch nach einer sorgfältigen Lektüre, die aber einigen Gewinn abwirft und nie langatmig ist. Der Leser ist nach der Lektüre reicher an Ideen und sieht die Selbsthilfe in einem erweiterten Kontext und in einem neuen Licht.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 16.04.2012 zu: Frank Schulz-Nieswandt: Gesundheitsselbsthilfegruppen und Selbsthilfeorganisationen in Deutschland. Der Stand der Forschung im Lichte der Kölner Wissenschaft von der Sozialpolitik und des Genossenschaftswesens. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-7101-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12735.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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