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Frank Neubacher: Kriminologie

Cover Frank Neubacher: Kriminologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 2. Auflage. 230 Seiten. ISBN 978-3-8487-0871-0. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 33,50 sFr.

Reihe: NomosLehrbuch.

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Thema

Als „Rätsel Kriminalität“ bezeichnet der Autor seinen Gegenstand bzw. den der Kriminologie, der sein Lehrbuch geschuldet ist. So verfasst er im Vorwort zur ersten Auflage eine Art Entgegnung zu einer positivistisch dominierten Kriminologie und stellt die Vermittlung von Grundlagenwissen für studentische Zwecke in den Fokus seines Interesses. Andere AnwenderInnen kriminologischen Wissens hat er hierfür nicht im Blickfeld; praxisbezogene Aspekte sind dann für ihn wesentlich, wenn sich daraus wissenssoziologische Ableitungen entwickeln lassen oder wenn es der forscherischen Neugier studentischer Befassung dient.

Aufbau und Inhalt

Aufbau und Inhaltsverzeichnis erschließen sich aus dem Überblick auf der Verlagsseite.

Tatsächlich liefert der Autor auf nur 225 Seiten Studienbuch einen umfassenden sowie differenzierten wissenshistorischen Streifzug in die Kriminologie, nimmt dabei Bezug auf aktuelle Beispiele (wie bspw dem NSU – Terror in Deutschland oder den im Folge des Hurricans Cathrin erfolgten Eskalationen) und zeichnet wissenssoziologisch die Entwicklung der Kriminologie zur Disziplin nach. Dabei nimmt er Abstand von vermeintlich fachbezogener Expertise, hinterfragt systematisch bestehende (Vor)Annahmen und Lehren der Kriminologie (vgl. Knoblauch 2003). So finden sich im Lehrbuch auch keine „quasi-anthropologische Konstanten“, wie dies vielfach bei (psychosozialen) Typologien zu Täter oder Opfer-Persönlichkeiten auffindbar ist, keine verdinglichenden Zielgruppenbeschreibungen oder vermeintlich operationalisierten Rückschlüsse, die zwischen Delikt und Persönlichkeit (oder anderen klinischen Variablen) und Populationen gezogen werden (könnten). Wenn sein Zugang zur Kriminologie einer Denkschule zugeordnet werden sollte, so müsste sein Blickwinkel als interaktionsorientierter bezeichnet werden.

Häufigkeitsbezogene Merkmale, deduktiv-statische Ableitungen und andere operationalisierte Variablen finden sich unter allen Rubriken des Lehrbuchs (Hell- und Dunkelfeld, Kriminalstatistiken, Kriminalität und Alter u v m), wenngleich aus ihnen keine theoriefreien Schlüsse (vgl. Bourdieu 1998) gezogen werden. Auch die wissensproduzierenden Gremien und Institutionen hat Neubacher konsequent im Blickfeld: So wird etwa auf die Person Franz von Liszts und dessen Verdienste wertschätzend würdigend verwiesen, indem dieser ja das Strafrecht und die „Informationen aus der Rechtswirklichkeit“ (S. 22) als Gegenstände der Kriminologie erstmals definiert hat. Gleichzeitig schreibt aber Neubacher dessen Person auch seine eben nicht klar positionierte Rolle in Gestalt einer Vermittlerposition (S. 27) zu: Die großartige Figur Franz von Liszt wird von Neubacher nicht heroenhaft stilisiert, sondern auch in seinen mittelbaren „Billigungen“ der kruden Lombroso-Theorien thematisiert und (indirekt) kritisiert. Der Autor verfolgt also von Beginn seines Studienbuchs weg eine klare Haltung: keine Schule, keine Lehre kann für sich in Anspruch nehmen, Kriminalität als soziales Phänomen allumfassend auszudeuten. Auch wissenschaftliches Wissen erschafft sich nie – so der Autor -im herrschaftsfreien Raum (S. 29) sondern ist stets das Produkt von Diskursdynamiken und Kämpfen um Distinktionsprofit.

Ausblicke auf praktische Probleme reihen sich im Lehrbuch neben erkenntnistheoretische Schwierigkeiten. So beschreibt er die Dilemmata bspw. rund um Obduktion u. a. kriminalistische To Dos, verweist explizit auf das Phänomen von Anzeigenbereitschaft und Aussagekraft der Hell- und Dunkelfeldforschung. Stets an aktuell diskutierten Themen und Fragen aufgehängt (S. 43) ist er im jungen kriminologischen Fachdiskurs verortet und benennt viele jüngere empirischen Arbeiten aus dem viel besser beforschten angloamerikanischen Debattensträngen. Seine Empfehlungen „vertiefender“ Literatur sind ebenso aktuell und von hoher empirischer Anschaulichkeit.

Diskussion

Zweifellos argumentiert Neubacher als Empirist, wenngleich er auch Erkenntnisgrenzen aufzeigt. Hierin liegt auch ein mögliches Manko des Buches: Interessant wäre es gewesen, zumindest den einen oder anderen Exkurs in methodische Designs vorzunehmen. Es wäre bedeutsam gewesen, solche heuristischen Konzepte vorzustellen, die der von ihm immer wieder sehr klar eingebrachten interaktionistischen Schule folgen, und die Entwicklung der Kriminologie als Disziplin vorantreiben könnten. Da es ja in der Grundkonzeption um ein Lehrbuch geht und ein solches Studierende auch zur eigenständigen Forschung befähigen soll, wäre hier eine Empfehlung für eine der nächsten Auflagen.

Fazit

Insgesamt macht der Band mit den zeitdiagnostischen kriminalpolitischen Bezugnahmen und der konsequenten Unterscheidung zwischen Kriminalistik und Kriminologie, mit aktuellen Beispielen wie solchen des nationalsozialistischen Untergrunds (S. 175) sichtbar, vor welchen Dilemmata auch wissenschaftlich geleitete kriminalistische Arbeit sich befindet und mit welchen Einschränkungen hier zu rechnen ist. Die gesellschaftspolitische Relevanz, welche jedwedem kriminologischen Wissens immanent ist, kommt in jedem seiner Kapitel zum Vorschein; sei es bei der Kritik der vielfach hilflosen Versuche, jüngere Phänomene wie Kriminalität im Alter oder „Kriminalität der Mächtigen“ zu fassen. Neubacher verweist abschließend in seinen „10 Geboten für angehende KriminologInnen“ auf die Fallstricke des Faches und verhilft ihr auf diesem Weg zu einer epistemischen Offenheit, die dem Weg der Disziplinentwicklung nur dienlich sein können.

Quellen:

  • Knoblauch, Hubert (2003): Habitus und Habitualisierung. Zur Komplementarität von Bourdieu mit dem Sozialkonstruktivismus. In: Rehbein, B. / Saalmann, G. / Schwengel, H. (Hrsg.): P. Bourdieus Theorie des Sozialen. Probleme und Perspektiven. Konstanz: UVK. S. 187-203.
  • Bourdieu, P. (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Aus dem Französischen von Hella Beister. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rezension von
Mag. Dr. Manuela Brandstetter
Homepage www.sozialraum.at
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Zitiervorschlag
Manuela Brandstetter. Rezension vom 17.09.2015 zu: Frank Neubacher: Kriminologie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 2. Auflage. ISBN 978-3-8487-0871-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12742.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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