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Mariana Kranich: Gefühle in der Altenpflege

Cover Mariana Kranich: Gefühle in der Altenpflege. Eine Sprachinhaltsanalyse nach Gottschalk-Gleser von Balint-Gruppen mit Mitarbeitern aus der Altenpflege zum Problembereich "Aggression und Gewalt". Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. 294 Seiten. ISBN 978-3-8258-1429-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: Erlanger Beiträge zur Gerontologie - Band 9.
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Thema und Autoren

Die Publikation „Gefühle in der Altenpflege“ ist die Dissertationsschrift der Autorin Mariana Kranich, die sie 2008 an der FAU – Erlangen – Nürnberg geschrieben hat. Sie basiert auf der Methode der sprachinhaltsanalytischen Auswertung von Balint Gruppen zum Thema „Umgang mit Aggressionen und Gewalt in der Arbeit mit alten Menschen“. Bei dieser Untersuchung handelt es sich um einen Beitrag zur Psychogerontologie, denn im Mittelpunkt der Betrachtungen steht die professionelle Begleitung alter Menschen. Herausgeber dieses Bandes 9 sind Wolf D. Oswald und Heinz Jürgen Kaiser.

Aufbau

Das Buch ist in vier Hauptteile mit 12 Einzelkapiteln unterschiedlicher Länge untergliedert.

Teil I „Theoretischer Hintergrund“

Teil I „Theoretischer Hintergrund“ wird mit dem ersten Kapitel „Zur Situation der Altenarbeit“ begonnen, in dem es zunächst um die Auswirkungen der demografischen Alterung geht. Es wird das Problem des „Töchter – Pflegepotenzials“ diskutiert, das in den letzten 40 Jahren um 49% gesunken ist und das in den nächsten 40 Jahren noch einmal um weitere 25% abnehmen werde. Im Unterkapitel 1.2 „Demografischer Wandel und gesellschaftliche Altersbilder“ werden durch die Zusammenfassung von Erwartungstypen im stationären Bereich fünf prägnante Altersbilder herausgearbeitet. Sie werden unter dem Etikett „Der Verwirrte“, „Der Kommandeur“, „Die Unauffällige“, „Der Verweigerer“ und „Der Helfer“ beschrieben. In der Institution des Alten- und Pflegeheimes bilde sich nicht nur eine Welt von alten Menschen, sondern zunehmend eine von alten pflegebedürftigen und verwirrten Menschen ab. Interessant und thematisch bisher wenig bearbeitet sind die Ausführungen im Unterkapitel 1.6 „Altenarbeit: Zwischen personenbezogener sozialer Dienstleistung und Gefühlsarbeit“. Es wird auf die besondere Situation der Gefühle in Pflegeheimen hingewiesen und auf Übertragungsphänome zwischen alten Menschen und Pflegekräften und den eigenen Kindern.

Kapitel zwei „Gefühle in der Altenarbeit“ greift das Gefühlsthema nun unter spezifischer Betrachtung der Scham, Angst, Schuld und Aggression erneut auf. So gehöre der Körper zur Soziogenese der Scham, wobei es hier zur Distanzierung von ihm und den körperlichen Verrichtungen käme (S. 36 ff). Die stetige Konfrontation mit der Naturhaftigkeit des alten Menschen, die entgegen des Bestrebens nach einer Zivilisierung des Körpers stehe, würde Auslöser der Schamangst sein. Im Zusammenhang mit der Schuld in der Altenpflege wird im Folgenden die Phantasie der Abschiebung in ein Altenheim diskutiert. Die Begriffe der Angst und der Aggression werden vor dem Hintergrund von differenzierten Theorien erörtert, wobei diese für die Klärung des Anliegens zu breit und zu wenig zielführend erscheinen (S. 45 ff).

Das dritte Kapitel des Teils I ist mit dem Titel „Besondere Aspekte der Altenpflege als Berufstätigkeit“ überschrieben. Hier werden die Belastungen im Arbeitsalltag und die Zufriedenheit diskutiert. Es konnte in Studien nachgewiesen werden, dass die Zufriedenheit der Befragten mit der selbst eingeschätzten Gesamtverantwortung und der Höhe der Ausbildung steige (S. 97). Zum Burnout Phänomen wird zusammenfassend festgestellt, dass Pflegekräfte unter ungünstigen Rahmenbedingungen (Zeitdruck, Personalmangel etc.) wenig geschätzte Aufgaben auf hohem Anspruchsniveau zu erfüllen hätten, die sich durch emotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit charakterisieren ließen.

Im vierten Kapitel „Gewalt gegen alte Menschen“ werden zunächst unklare Begrifflichkeiten bei der Beschreibung, die eine Diskussion erschwerten, genannt und Gewalt und Aggression häufig als Synonym aufgefasst würden. In Deutschland habe sich die folgende Klassifikation der Gewaltformen gegen alte Menschen etabliert: körperliche und psychische Misshandlung, materieller Missbrauch sowie aktive und passive Vernachlässigung (S. 124).

Teil I endet mit einem fünften Kapitel zu „Hypothesen bzw. Fragestellungen“. Ziel der vorliegenden Arbeit sei es, ein besonderes Augenmerk in der Altenpflege auf die Gefühlsarbeit zu lenken. Nach dem „Gottschalk-Gleser-Verfahren“ zur Analyse von Sprachinhalten, das von der Grundannahme ausgeht, dass sich vorhandene Affekte in den Denk- und Sprachinhalten widerspiegeln, wurden Aussagen zweier Balint Gruppen, die aus Mitarbeitern aus Einrichtungen der Altenpflege bestanden, in 12 Gruppensitzungen mit insgesamt 16 auswertbaren Datensätzen in 12 Monaten verglichen.

Teil II „Methodik“

Der Teil II zur „Methodik“ beginnt mit dem sehr kurzen sechsten Kapitel „Multiple Einzelfallanalyse Methode der Wahl“, in der es um den Wahrheitsgehalt allgemeiner Hypothesen geht.

Im darauf folgenden Kapitel „Untersuchungsansatz“ wird am Anfang der Begriff „Balint – Gruppe“ geklärt. Dies sind Gruppen, die anhand von Falldarstellungen dynamischer Aspekte die Arzt – Patienten – Beziehungen studieren und auswerten, wobei der Gruppenleiter Psychotherapeut sein sollte.

Das „Untersuchungsdesign“ wird im achten Kapitel als eine einzige Tabelle vorgestellt, während sich das neunte Kapitel der „Daten- und Stichprobenerhebung“ widmet (S. 151 ff), indem die einzelnen Erhebungsinstrumente dargestellt werden.

Teil III Empirischer Teil

Im Hauptteil III im „Empirischen Teil“ wird in Kapitel zehn die „Ausgangssituation“ beschrieben und es werden die einzelnen Gruppenmitglieder nach der Tätigkeit, dem Alter, dem Bildungsniveau etc. vorgestellt.

Das elfte Kapitel verweist auf erste „Ergebnisse“, in dem der generelle Erfolg und Misserfolg der Gruppenteilnehmer genauer untersucht werden soll. Es folgen auf 58 Seiten zu jeder einzelnen Teilnehmerin die Auswertung der Prozessmessungen nach Angst- und Aggressivitätsskalen in dargestellten Grafiken, die auch für geübte Forscher eher frustrierend als bereichernd sein dürften.

Teil IV Diskussion

Der Hauptteil IV „Diskussion“ hat drei Unterkapitel ohne dass das letzte und damit 12. Kapitel betitelt wird. Unterkapitel 12.2 gilt der „Diskussion der Ergebnisse“, in dem die Hypothesen einer Verifizierung oder Falsifizierung unterzogen werden. Die erste Hypothese, wonach die Gefühle der Scham, Schuld und Angst konstitutive Elemente der sozialen Dienstleistungen sei, konnte bestätigt werden. Eine Reflexion über die eigenen Gefühle und die der zu Pflegenden biete Verstehenszugänge für Grenzsituationen in der Altenpflege und müsse als Schlüsselkompetenz entwickelt werden, wobei die Methode der Balint Gruppen hierbei förderlich sei.

Die zweite Hypothese, wonach sich die sogenannten erfolgreichen Teilnehmer intensiver mit ihren Gefühlen auseinandersetzten, muss falsifiziert werden. Allerdings konnte Hypothese vier, dass sich erfolgreiche Teilnehmer deutlicher und direkter mit aggressiven Gefühlen befassen, bestätigt werden. Sie richteten ihre aggressiven Impulse eher nach außen, während die weniger Erfolgreichen diese nach innen, gegen sich selbst richteten. Die Versachlichung bestimmter Gefühlswelten, die davon ausgeht, Gefühle gehörten weder zur Profession noch zur Organisation sei zu hinterfragen. Es gehe nicht um die Abwesenheit von Gefühlen wie Scham, Aggressivität etc., sondern um einen adäquaten Umgang mit Gefühlen.

In einer weiteren Hypothese wurde das Verhältnis der Gefühle der Scham, Angst und Aggression in den Äußerungen der Gruppenteilnehmer thematisiert (S. 247). Es konnte bei den erfolgreichen Teilnehmern in beiden Gruppen ein Zusammenhang zwischen der nach außen gerichteten Aggression und der Schuldangst beobachtet werden. In den folgenden Ausführungen setzt sich die Autorin mit der Schuld in ihrer vielfältigen Bedeutung in der Altenpflege auseinander, die per se gegeben zu sein scheint, weil Versprechen unter Zeitdruck und Personalmangel nicht einzuhalten wären. Wichtig sei die Reflexion von Schuldverstrickungen, weil ansonsten eine neue Spirale der Verdrängung, Schuldzuweisung, Angst und Abwehr und nicht zuletzt der Gewalt eintrete. Die Balint- Gruppenarbeit habe sich als besonders geeignetes Mittel für eine wertfreie Betrachtung eigener Gefühle und Impulse in der Altenpflege erwiesen.

Fazit

Die vorliegende Publikation, eine Dissertation, die bereits vor vier Jahren verfasst wurde, betrachtet ein spezifisches sprachanalytisches Verfahren, um signifikante Gefühle in der Altenpflege wie Scham, Angst, Aggression widerzuspiegeln. Der erste Teil, der dem theoretischen Hintergrund gewidmet ist, ist durchaus anregend und interessant, erfolgt hier eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den genannten Begrifflichkeiten, die auch von der semantischen Bedeutung gut rekonstruiert werden. Im zweiten und dritten Teil zur Methodik und Empirie kann dieser positive Eindruck nicht aufrecht erhalten werden. Die Kapitel sind teilweise völlig zergliedert, sie verlieren sich in Details, die nicht wesentlich zur Erhellung der wissenschaftlichen Entwicklung beitragen können. Es fragt sich, ob es angebracht ist, in einer Publikation, die sich der professionellen Begleitung alter Menschen verschrieben hat, Skalen und Tests in einer akribischen Feinarbeit, die wohl von den meisten der Zielgruppe kaum verstanden werden können, darzustellen. Die Ausführungen in Teil IV sind wieder besser, es werden interessante Ergebnisse diskutiert, obgleich die Hypothesenverifizierung bzw. -falsifizierung nicht stringent erfolgt und immer wieder durch lange themenspezifische Ausschweifungen unterbrochen wird. Insgesamt ist zu fragen, ob sich eine Dissertation eignet, die selbstverständlich auf grundlegend tiefgründiger Analyse beruhen muss, in dieser Art und Weise zu veröffentlichen.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 10.07.2012 zu: Mariana Kranich: Gefühle in der Altenpflege. Eine Sprachinhaltsanalyse nach Gottschalk-Gleser von Balint-Gruppen mit Mitarbeitern aus der Altenpflege zum Problembereich "Aggression und Gewalt". Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. ISBN 978-3-8258-1429-8. Reihe: Erlanger Beiträge zur Gerontologie - Band 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12743.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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