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Janine Linßer: Bildung in der Praxis offener Kinder- und Jugendarbeit

Cover Janine Linßer: Bildung in der Praxis offener Kinder- und Jugendarbeit. Qualitative Interviews mit Leitungskräften. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 92 Seiten. ISBN 978-3-531-18284-1. 29,95 EUR.

Reihe: VS College.
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Thema

Die Bekanntgabe der ersten PISA-Ergebnisse hat dazu beigetragen, dass in Deutschland eine Bildungsdebatte entfacht wurde, die sich in ihrem weiteren Verlauf auch auf die Offenen Kinder- und Jugendarbeit als Bildungsinstitution ausgewirkt hat. Burkhard K. Müller hat die Quintessenz der in der Kinder- und Jugendarbeit in diesem Zusammenhang geführten Diskussionen auf den Punkt gebracht: „Nicht alles, was Jugendarbeit macht, ist Bildung. Aber jedes Konzept, das die Frage ‚Wozu Jugendarbeit?‘ zu beantworten versucht, kann sich nur als explizites oder implizites Bildungskonzept formulieren“ (Müller, B. K.: Bildungsbegriffe in der Jugendarbeit; in: Sturzenhecker/Lindner, Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden 2004: 35-48, hier S. 35).

Doch was heißt das praktisch? Was bedeutet nun Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit? Warum fordern Theorie und Wissenschaft, den gesetzlichen Bildungsauftrag der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und dessen Umsetzung in der Praxis zu reflektieren? Welche Bildungsgelegenheiten können in der Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit ausgemacht werden und versteht diese sich selbst als Bildungsinstitution?

Diese und weitere Fragen erörtert Janine Linßer auf der Grundlage von qualitativen Interviews mit Leitungskräften von Kinder- und Jugendzentren in Münster. Der vorliegende Band ist in der neuen Reihe „VS COLLEGE Reviewed Research. Auf den Punkt gebracht“ erschienen. Diese Reihe, so der Verlag, richte „sich an hervorragende Nachwuchswissenschaftlerlnnen. Referierte Ergebnisse aus Forschungsprojekten oder Abschlussarbeiten werden in konzentrierter Form der Fachwelt präsentiert. Zur Qualitätssicherung werden externe Begutachtungsverfahren eingesetzt. Eine kompakte Darstellung auf 60 bis maximal 120 Seiten ist dabei das Hauptkennzeichen der neuen Reihe“.

Autorin

Janine Linßer ist seit Beginn des Schuljahres 2009/10 in Kusterdingen (Landkreis Tübingen) an einer Grund- und Hauptschule Schulsozialarbeiterin und Betreuungs-/Familienhelferin tätig. Dorothee Hermann vom „Schwäbischen Tagblatt“ (www.tagblatt.de/) schreibt im Mai 2010 über sie: „Sie hilft auch mit neuen Spielen. Die Schulsozialpädagogin Janine Linßer ist für 220 Kinder und Jugendliche da. Sie merkt, wenn es einem Kind nicht gut geht und ist idealerweise eine zusätzliche Ansprechpartnerin, wenn es mit Eltern oder Lehrern knirscht. Seit Schuljahresbeginn arbeitet die Sozialpädagogin Janine Linßer an der August-Lämmle-Schule“. Im Beitrag heißt es weiter: „Die 25-Jährige hat an der August-Lämmle-Schule eine halbe Stelle und ist montags bis donnerstags für 220 Kinder und Jugendliche da. 60 gehen in die Hauptschule. 160 sind Grundschüler. Ihre Tür steht fast immer offen: Wenn ein Kind etwas bedrückt, kann es einfach hereinkommen. Jedes Gespräch ist erst einmal vertraulich und reicht mitunter schon aus als Hilfestellung. Wenn nötig, wendet sich die Sozialpädagogin auch an Eltern und Lehrer oder rät, einen Therapeuten hinzuziehen“. Und: „Manchmal weist ein Lehrer sie auf Auffälligkeiten hin. Manchmal greift Linßer von sich aus ein: ‚Wenn ein Kind sich schwertut in der Klassengemeinschaft und nicht so leicht Kontakt findet.′ Dann sucht sie Spiele aus, die solche Barrieren lösen können. ‚Gerade bei den Kleinen ist es wichtig, dass alle zusammen etwas machen.? Bei ihrem Sportangebot dienstagnachmittags achtet sie auf solche Dinge.“ Janine Linßer ist das, was zu selten im Publikationsbetrieb zu Wort kommt: eine Praxis reflektierende Praktikerin. Unklar bleibt nur, in welchem Kontext sie die vorliegenden Veröffentlichung publiziert hat; das lässt der Verlag offen. Vieles (die Reihe, der Umfang, der Duktus der Schreibung) spricht für eine Abschlussarbeit.

Aufbau und Inhalt

Im Grunde ist einiges bereits durch den zitierten Bericht angesprochen, was auch Gegenstand des Bandes ist, fokussiert freilich auf die Bedingungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, die vielerlei Instrumentalisierungen unter den Label „Bildung“ ausgesetzt ist.

Im Blick auf ihr bekannte Veröffentlichungen kam die Autorin zunächst zu der Einschätzung, dass „empirische Untersuchungen Hinweise darauf gegeben (haben), dass die Praxis und die theoretische Konzeption der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als Bildungsarbeit sich nicht gemeinsam zu entwickeln scheinen“. Dieser Aspekt und ihre praktischen Erfahrungen in einem norwegischen Jugendzentrum ließen sie Fragen, „inwiefern die Praxis der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in Münster sich zu ihrem gesetzlichen Bildungsauftrag und zur stattfindenden Bildungsdebatte positioniert und inwiefern bei den Praktikerinnen und Praktikern ein gemeinsamer Begriff von Bildung bezüglich Offener Kinder- und Jugendarbeit auszumachen ist“ (S. 55).

Leitfragen der Untersuchung Linßers waren „Fragen zum Verständnis der Befragten von Bildung, bezogen auf ihr Ar­beitsfeld, Fragen zur Positionierung der Mitarbeitenden gegenüber den wissenschaftlichen und theoretischen Forderungen, die in Hinblick auf die Bildungsdebatte an die Offene Kinder- und Jugendarbeit gerichtet werden, Fragen zur Einschätzung der Zukunft Offener Kinder- und Jugendarbeit in Hinblick auf die Neugestaltung des Bildungswesens, Fragen zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule“ (S. 58).

„Hauptanliegen“ ihrer Arbeit, so Linßer, war es also, zu ermitteln, ob Praktikerinnen und Praktiker „ein gemeinsames Verständnis davon (haben), was Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bedeutet, aufgefunden werden kann und inwiefern sich die Praxis zur stattfindenden Bildungsdebatte positioniert“; dazu verfolgte sie mehrer Fragestellungen: „Was ist Offene Kinder- und Jugendarbeit heute und wie kann dieser hetero­gene Bereich greifbar gemacht werden? Welches Bildungsverständnis herrscht in Deutschland momentan vor? Was bedeutet Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, wie leistet dieses besondere Arbeits- und Handlungsfeld einen Beitrag dazu? Warum werden seitens der Theorie und Wissenschaft Forderungen an die Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit gerichtet, den Bildungsauftrag und dessen Umsetzung zu reflektieren? Versteht sich die Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit in Münster selbst als Bildungsinstitution?“ (S. 2).

Dazu hat sie im Dezember 2008 sieben Fachkräfte der Sozialpädagogik, Sozialarbeit oder Sozialen Arbeit befragt (die von der Autorin auch hierüber angefertigten Anlagen, z. B. die Transkripte ihrer Interviews, sind über das „OnlinePlus“-Portal des VS Verlages verfügbar – dies ein anerkennenswerter Service).

Die Struktur des Bandes folgt den benannten Fragen (und stellt damit zugleich eine Art „Muster“ für eine wissenschaftliche Abschlussarbeit dar, worauf im Fazit noch zurück zu kommen sein wird):

  1. Einleitung mit thematischer Hinführung,
  2. Rahmungen des Handlungsfeldes offene Kinder- und Jugendarbeit,
  3. Bestimmung des Bildungsbegriffes a Hand ausgewählter Argumentationsstränge,
  4. ein wenig Theorie der offenen Kinder- und Jugendarbeit,
  5. Befunde ausgewählter Referenzstudien,
  6. auf 25 Seiten schließlich der Kern der Veröffentlichung: qualitative Interviews mit Leitungskräften von Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Münster, und
  7. ein knappes Resümee.
  8. Die von der Autorin herangezogene Literatur bezieht sich im Kern auf Veröffentlichungen aus den Jahren 2004 bis 2008 sowie wenigen Veröffentlichungen auch aus dem Frühjahr 2009.

Zielgruppen

Wer hat es von der vorliegenden Publikation? Der Verlag adressiert den Band pauschal an „PädagogInnen“. Das gilt es ein wenig zu relativieren: Ja, wenn es siuch um angehenden pädagogische Fachkräfte handelt, also Studierende in BA-Studiengängen der Sozialen Arbeit, um die Grundzüge eines Handlungsfeldes kennen zu lernen. Ja, wenn es sich um Studierende, die sich auf eine empirisch ausgerichtete Bachelor-Thesis vorbereiten, um den Sprung in die Praxis zu bewältigen (handelt es sich doch um eine brauchbare „Anleitung“ für eine kleine qualitative Untersuchung). Ja, wenn es sich um Novizinnen und Novizen der Sozialen Arbeit handelt, die mit der Tätigkeit in einem Bereich der Kinder- und Jugendarbeit gerade begonnen haben. Sie alle werden gut „bedient“ sein.

Diskussion

Linßer interpretiert ihre Befragungsergebnisse dahingehend, dass „derzeit … kein konsensuelles Verständnis davon, was alles Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist, auszumachen“ sei. Zudem stellt sie „eine Diskrepanz zwischen der theoretischen Fundierung von Offener Kinder- und Jugendarbeit als Bildung und dem praktischen Selbstverständnis“ fest. Ihres Erachtens „besteht eine Notwendigkeit dahingehend, dass der Umgang mit Bildung in der Praxis professionalisiert und qualifiziert wird, indem diese ein gemeinsames Verständnis von Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit formuliert und dieses auch nach Außen transportiert“ (S. 81).

Natürlich ist der vorliegende Band keine Einführung in die Theorie der Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit trotzdem versteht sich Linßer, trotz der schmalen Basis, auf interessante schlussfolgernde Überlegungen:

  • Sie sieht zum Beispiel die Möglichkeit, „der Überlegung einer Befragten Folge zu leisten, den Bildungsauftrag und die konkrete Ausge­staltung in den Konzeptionen der Einrichtungen zu verankern“ (S. 82). Damit scheint sie einen Mangel zu kennzeichnen, zeigt sich doch in nicht wenigen Praxisberatungsprozessen ein über Münster weit hinausreichender Mangel.
  • Sie meint im Blick auf ihre Untersuchungsergebnisse weiter, die Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit brauche Ermutigung, „sich mehr mit schon vorhandenen Theorien zu beschäftigen“. Auch hier wird ihr zuzustimmen sein: „Die Chance einer bildenden Offenen Kinder- und Jugendarbeit liegt vor allem darin, dass die Pädagoginnen und Pädagogen alltägliche informelle Situationen als Bildungsgelegenheiten erkennen und lernen, wie sie diese aufgreifen und so umsetzen können, dass Lernprozesse ermöglicht werden“ (S. 83).
  • „Eine Chance“ sieht die Autorin darin, „dass sich die Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit aktiv mit eigenen innovativen Konzepten in die Kooperationsüberlegungen einbringt, auf die Schulen zugeht und in der Öffentlichkeit reklamiert, dass gute Kooperation auch entsprechend finanzielle Mittel zur Voraussetzung hat“ (S. 85). Hier freilich bleibt es bei einer augenfälligen Forderung, der freilich keine weitergehenden substanziellen Überlegungen zur Bewältigung der schwierigen Kooperation mit Schule folgen.
  • Nur so viel: Dazu scheint es insgesamt „notwendig zu sein, dass sich die Praxis vermehrt und aktiv in die politische und gesellschaftliche Debatte um Bildung einbringt, um zu ihrer eigenen Profilierung beizutragen und die Zukunft des gesamten Bildungswesens mitzugestalten“ (S. 84). An dieser Stelle verdient die Autorin nachhaltige Zustimmung, wird doch immer deutlicher, dass die Probleme der Kinder- und Jugendarbeit, in der öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung so ins Hintertreffen geraten zu sein, nachhaltig durch die weitgehende Passivität im politischen (Handlungs-) Raum begründet sind.

Fazit

Es bleibt das Fazit, dass hier ein recht ordentlicher Band vorliegt: ein kleiner Beitrag zur „Bearbeitung“ des insgesamt beklagenswerten Mangels an gehaltvolleren Untersuchungen zu zentralen Aspekten der Kinder- und Jugendarbeit, durchaus ermutigend für die (noch junge) Praxis und ebenso ermutigend für Studierende, was im Rahmen der Begrenztheit einer BA-Arbeit auch an überschaubaren empirischen Projekten möglich sein kann.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 03.07.2012 zu: Janine Linßer: Bildung in der Praxis offener Kinder- und Jugendarbeit. Qualitative Interviews mit Leitungskräften. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18284-1. Reihe: VS College. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12752.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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