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Lutz Leisering (Hrsg.): Die Alten der Welt

Cover Lutz Leisering (Hrsg.): Die Alten der Welt. Neue Wege der Alterssicherung im globalen Norden und Süden. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. 449 Seiten. ISBN 978-3-593-39410-7. 39,90 EUR.
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Entstehungshintergrund

Das Buch ist entstanden aus der Konferenz „Einkommenssicherung im Alter als globale Herausforderung. Problemlagen und Reformmodelle zwischen Solidarität, Fürsorge und Markt“, die im Dezember 2009 in Berlin stattfand. Hier hatte der Herausgeber verschiedene Organisationen und Akteure zusammengeführt: die Deutsche Rentenversicherung, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ, HelpAge, das Forschungsnetzwerk Alterssicherung u.a. Ziel des Herausgebers, der eine Professur für Sozialpolitik an der Universität Bielefeld innehat, war und ist es, die alten Menschen in der globalen sozialpolitischen Diskussion stärker in den Vordergrund zu rücken. Oder in der Rhetorik des Buches: „Dieser Band handelt von der Entdeckung einer lange wenig beachteten Gruppe, der alten Menschen. Er handelt auch von einer neuen sozialen Frage, der globalen Altenfrage.“ (S. 7).

Thema und Überblick

Thematisch drehen sich die Beiträge teils um die recht deutschen Fragen rund um die „Riester-Reform“ und um die seit einigen Jahren virulente Debatte um eine drohende Altersarmut, besser: Rentenarmut. Diesem Umkreis zuzurechnen sind die Beiträge von Noll und Weick, Riedmüller und Willert, Bäcker, Döring, Coppola und Reil-Held. Hier erfährt man noch einmal ausführlich, wie sich die Renten ceteris paribus entwickeln werden und welche Gruppen im Hinblick auf das Rentenniveau besonderen Risiken ausgesetzt sind. Dass die sehr späte Einführung eines Renten-Mix‘ in Deutschland ihre Wirkungen erst noch entfalten muss, zwingt allerdings dazu, vorschnelle Projektionen zu vermeiden. Von daher wird man künftige Prognosen zur Altersarmut nicht nur auf Berechnungen zur Gesetzlichen Rentenversicherung stützen können.

Ausgewählte Inhalte

Interessant ist der Band vor allem dort, wo er, teilweise polemisch, auf die Beschränktheiten unserer nationalen Sozialpolitik-Perspektiven reagiert. Im internationalen Maßstab gibt es einen ähnlich verengten Mainstream, nämlich das Plädoyer der Weltbank für kapitalgedeckte Sicherungssysteme. Erfrischend daher der Beitrag von Lloyd-Sherlock, der mit reichen Erfahrungen aus verschiedensten Ländern argumentieren kann, und dem die ganze Ausrichtung auf die Modelle der monetären Alterssicherung nicht passt. „Discussion was dominated by the pros and cons of different models of pensions management and largely overlooked the fact that pension programmes had a minimal impact on the well-being of the most older people in most developing countries, especially the poorest.? (S. 149).

Lloyd-Sherlock selbst verdeutlicht die vernachlässigten, im globalen Kontext seiner Ansicht nach eigentlich wichtigen Fragen an der Bedeutung chronischer Krankheiten und an der Gesundheitsversorgung. Und er beschreibt die Schwierigkeiten der politischen Thematisierung von Gesundheitsproblemen armer und alter Menschen gerade auch dort, wo die Gesundheitsversorgung durch NGOs maßgeblich mit getragen wird. Er plädiert engagiert für eine wissenschaftliche und auch globalpolitische Kehrtwende: Hin zu den Lebensbedingungen, hin zu den politischen Strukturen, die geeignet sind, diese wirkungsvoll zu verbessern. Am Beispiel des Kompetenzwirrwarrs allein zwischen und innerhalb der UN-Organisationen kann er die Probleme eines koordinierten Politikdesigns veranschaulichen (S. 151). – Wer in Deutschland etwa versucht, die alterstypischen Kombinationen von Teilhabe und Pflege oder die Versorgungsprobleme sterbenskranker alter Menschen politisch zu thematisieren, wird m.E. auf ähnliche alters-unsensible institutionelle Arrangements stoßen.

Lloyd-Sherlock selbst gibt im zweiten Teil seines Aufsatzes einige Beispiele aus eigenen perspektivischen Erweiterungen und Forschungsaktivitäten. Hier kommen dann die Themen zur Sprache, die gerade in sich entwickelnden Ländern besondere sozialpolitische Herausforderungen abgeben, wie die zunehmende Vereinsamung, die Stellung verwitweter Frauen und die Zugangsbarrieren zur medizinischen Erstversorgung.

Nach dem Beitrag von Lloyd-Sherlock allerdings wird man umständlich auf deutschen und europäischen Boden zurückgeführt und mit den internen Anpassungsproblemen insbesondere des deutschen Rentensystems erneut gequält (Bäcker, Döring, Coppola, Held). Wer durchhält, dem schenken die Beiträge von Knox-Vydmanov, Wodsak und Bourne (e.a) wichtige Bausteine für eine sich erst im Anfangsstadium befindliche globale Debatte. So kann man am Ende des Buches aus dem Blickwinkel einer international agierenden NGO („HelpAge“) auf die heimischen Rentendiskussionen zurückblicken – und fühlt sich bereichert und befreit. Im Weltmaßstab lohnt es sich dafür einzutreten, dass die sich entwickelnden Länder und die ärmeren Länder des globalen Südens ihre staatlichen Institutionen dazu nutzen, alte Menschen mit Social Pensions zu versehen. Wer auf die Homepage von „HelpAge“ wandert, findet hierzu eine instruktive interaktive Karte; und im Buch ein eindrucksvolles Plädoyer dafür, die internationale Zusammenarbeit in diese Richtung zu lenken (Knox-Vydmanov).

Diskussion

Leider sind die beiden interessantesten Beiträge, die von Lloyd-Sherlock und Knox-Vydmnov, nicht ins Deutsche übersetzt. Nach meiner Beobachtung fällt die sozialversicherungsaffine Landschaft nicht durch besondere Sprachkompetenz auf, insofern hätte ein leichterer sprachlicher Zugang der Verbreitung einer globalen Sicht der Rentenfrage in Deutschland bestimmt geholfen.

Störend auch die überzogene Titelei und die Dramatisierung im Vorwort. Es geht in diesem Buch um Alterssicherung, was als Thema bedeutend genug ist; es geht nicht um „die Alten“, schon gar nicht um die „der Welt“. Und so neu, wie der Herausgeber im Vorwort meint, ist Alterssicherung als globales Thema ja nicht, seit die Weltbank in den 90?er Jahren mit fadenscheinigen ökonomischen Argumenten und fragwürdigen Interventionen versuchte, die Ideen der Solidarität und die Modelle der Sozialversicherungen zu diskreditieren. Glücklicherweise kommt in dem Band die Kritik an der Weltbank ausführlich zu Wort, insbesondere im Beitrag von Wodsak.

Fazit

Trotz der Mängel in Aufbau und Präsentation: Eine anregende Sammlung von Aufsätzen zum Thema Alterssicherung in internationaler Perspektive.


Rezension von
Prof. Dr. jur. Wolfgang Schütte
Homepage www.haw-hamburg.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Schütte. Rezension vom 11.04.2013 zu: Lutz Leisering (Hrsg.): Die Alten der Welt. Neue Wege der Alterssicherung im globalen Norden und Süden. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-593-39410-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12757.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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