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Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2004

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfgang Schulz, 01.01.2004

Cover  Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2004 ISBN 978-3-87581-240-4

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2004. Neuland Verlag (Geesthacht) 2004. 256 Seiten. ISBN 978-3-87581-240-4. 14,90 EUR.

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Zum Thema

Wie in den vorangegangenen Jahren (vgl. die Rezensionen des Jahrbuchs 03 und des Jahrbuchs 02), so erschien auch dieses Jahr pünktlich zum Jahresbeginn das Jahrbuch Sucht. Dieses von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen herausgegebene Buch fasst die neuesten Statistiken zum Suchtmittelkonsum und zur Suchtkrankenhilfe in Deutschland zusammen und berichtet über aktuelle Themen. Der Aufbau und die Themen dieses Jahrbuchs sind weitgehend gleich geblieben und auch die Autoren sind weitgehend dieselben wie im vergangenen Jahr. In den meisten Beiträgen werden hauptsächlich die Zahlen und Fakten auf den neuesten Stand gebracht. Es gibt keine andere Veröffentlichung, die so aktuell, kontinuierlich und relativ umfassend Zahlen und Daten aus diesem Arbeitsfeld liefert. Derartige Statistiken sind heute unerläßlich für die Ermittlung des Versorgungsbedarfs, für die Planung und Einrichtung von präventiven, therapeutischen und rehabilitativen Angeboten und für die Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Suchtkrankenhilfe und Suchtprävention. Verändert gegenüber dem Vorjahr haben sich der Einband (Hardcover) und der Preis (statt 13,90 EUR jetzt 14,90 EUR).

Inhalt und Aufbau

Das Buch beginnt mit einem Kapitel für den eiligen Leser, das die wichtigsten Zahlen und Fakten auf nunmehr 12 Seiten enthält (Christa Merfert-Diete). Dem folgen - wie im vorangegangen Jahrbuch - in sechs Kapiteln Statistiken zum Konsum von Alkohol (Christian Meyer und Ulrich John), Tabak (Michael Thamm und Burckhard Junge), Medikamenten mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotential (Gerd Glaeske) und illegalen Drogen (Klaus Stempel) sowie zum Glücksspiel (Gerhard Meyer) und zu Suchtmitteln im Straßenverkehr (Martina Albrecht, Markus Lerner und Horst Schulze). Berichtet werden z.B. Daten zum Alkohol- und Tabakverbrauch, zu den Steuereinnahmen und zur Preisentwicklung, zu den Werbeausgaben, zur Mortalität und zu volkswirtschaftlichen Kosten.

In einem weiteren und zwar neuen Kapitel (Ludwig Kraus, Boris Orth und Sabine K. Kunz-Ebrecht) werden unter der Rubrik "Konsumtrends und Konsumverhalten" Daten über kohortenspezifische Cannabiserfahrungen (Prävalenz und Einstiegsalter) berichtet.

Im Anschluss daran wird in zwei Beiträgen über die Versorgung Suchtkranker in Deutschland informiert. Zum einen wird eine Übersicht über die vorhandenen Angebote der Suchtkrankenhilfe gegeben (Jost Leune), zum anderen wird die Klientel speziell in der ambulanten und stationären Behandlung beschrieben, außerdem werden einige grundlegende Daten zum Behandlungsverlauf und zum Behandlungsende berichtet (Karin Welsch).

Zwei neue Beiträge unter der Rubrik "aktuelle Themen" beschäftigen sich mit der strukturellen Situation der Suchtprävention (Wolfgang A. Schmidt) und den Defiziten in der Erforschung des Zusammenhangs von Suchtmittelkonsum und sozialer Situation (Raphael Gaßmann). Der erste Beitrag beschreibt die strukturellen und politische Rahmenbedingungen, unter denen Suchtprävention in der Bundesrepublik Deutschland stattfindet (Bestandsaufnahme), und fordert darauf aufbauend eine wirksamere Kontrolle gesetzlicher Vorgaben und die Schaffung neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen. Im zweiten Beitrag wird dargelegt, dass soziologisch aufbereitete Prävalenzraten äußerst selten sind.

Weiterhin enthält das Buch ein umfangreiches Adressenverzeichnis (60 Seiten!) mit Anschriften von bundesweit tätigen Verbänden, Behörden und Einrichtungen aus dem Suchtbereich sowie Anschriften in den Bundesländern und im europäischen Ausland.

Zielgruppe

Von diesem Buch werden auf jeden Fall Mitarbeiter der Suchtkrankenhilfe und Suchtprävention profitieren. Aber auch Studierende an Fachhochschulen und Universitäten, Betroffene und interessierte Laien können sich an Hand von Zahlen, Daten und Fakten über den Suchtmittelkonsum in Deutschland informieren. Verantwortliche in Politik und Verwaltung können dieses Buch für die versorgungs- und sozialpolitische Planung nutzen.

Bewertung

Auch dieses Jahrbuch ist zunächst einmal sehr hilfreich, weil es Statistiken aus zum Teil schwer zugänglichen Quellen aufbereitet und diese auf den neuesten Stand bringt. Diese Daten werden verständlich und sachlich präsentiert. Die Statistiken sind keinesfalls langweilig. Es handelt sich um sehr praxisrelevante Zahlen von erheblicher Bedeutung für die Planung und Einrichtung von Versorgungsangeboten im Suchtbereich. Der Leser stößt immer wieder auf interessante Details, die Anlaß zum Nachdenken geben. Wertvoll sind weiterhin die umfangreichen Literaturhinweise, die auf die Originalquellen und empirischen Studien hinweisen. Auch die im Adressenverzeichnis angegebenen Internet- und e-mail-Adressen machen dieses Buch zu einem wichtigen Nachschlagewerk.

Im Gegensatz zum Jahrbuch 2003, dessen "aktuelle Themen" besonders informativ waren, sind die beiden Beträge dieses Jahrbuchs weder besonders aktuell noch lesenswert. Bei der Bestandsaufnahme handelt es mehr um einen "Rundumschlag", denn um eine differenzierte Auseinandersetzung. Der zweite Beitrag, der im Vorwort unter dem Stichwort "Defizite im Bereich der soziologischen Forschung" angekündigt wird und vor dem Hintergrund der aktuellen Dominanz biologischer Suchtforschung aufhorchen lässt, erschöpft sich weitgehend darin, festzustellen, dass Prävalenzraten zum Suchtmittelkonsum über die soziodemographischen Merkmale Alter, Geschlecht und Wohnort Ost/West hinaus nicht weiter differenziert werden. Das Problem besteht nicht darin, dass bestimmte Merkmale nicht untersucht werden, sondern in der zunehmenden Ausblendung gesellschaftlicher, ökonomischer und sozialer Bedingungsfaktoren.

So wichtig die berichteten Statistiken sind, so gibt es auch Themen, die zu kurz kommen bzw. über die gar nicht berichtet wird und die bei einer umfassenden Darstellung des Suchtbereichs nicht fehlen dürfen. Hier hat sich leider gegenüber dem vorigen Jahrbuch nichts verändert, und ich kann mich in meiner Kritik nur wiederholen. Erstens: Die enorme Bedeutung der medizinischen Primärversorgung und der psychiatrisch/psychosozialen Basisversorgung für die Versorgung und Behandlung von Suchtkranken wird zahlenmäßig nicht reflektiert. Zweitens: Über die große Gruppe der chronisch mehrfach geschädigten Suchtkranken und ihre unzureichende Versorgung wird nicht berichtet. Drittens: Eine Übersicht über das Angebot präventiver Maßnahmen und ihrer Wirksamkeit fehlt. Viertens: Es fehlen Angaben zur Wirksamkeit und zum Erfolg der Suchtkrankenbehandlung. Mittlerweile gibt es eine Reihe aussagekräftiger Katamnesen zur ambulanten und stationären Entwöhnungsbehandlung. Fünftens: Der großen Gruppe der Migranten, die bekanntlich besonders von Suchtproblemen betroffen ist, und der interkulturellen Suchtkrankenhilfe wird speziell keine Beachtung geschenkt. Insgesamt ist das Jahrbuch der traditionellen Suchtkrankenhilfe verpflichtet.

Fazit

Ein sehr verständlich geschriebenes und gut gegliedertes Buch, das mit seinen vielen Statistiken im Detail sehr gut informiert. Eine Fundgrube und ein Nachschlagewerk zugleich, ein "Muss" für jeden in der Suchtkrankenhilfe und Suchtprävention Tätigen.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Schulz
Technische Universität Braunschweig
Institut für Psychologie
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Es gibt 11 Rezensionen von Wolfgang Schulz.

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Zitiervorschlag
Wolfgang Schulz. Rezension vom 01.01.2004 zu: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) (Hrsg.): Jahrbuch Sucht 2004. Neuland Verlag (Geesthacht) 2004. ISBN 978-3-87581-240-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1276.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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