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Bruno Latour: Jubilieren

Cover Bruno Latour: Jubilieren. Über religiöse Rede. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2011. 246 Seiten. ISBN 978-3-518-58563-4. 24,90 EUR.

Aus dem Französischen von Achim Russer.
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Nach Gott suchen heißt, nach Vertrautheit Ausschau halten

Wem geht es nicht auch so, wenn etwa am Sonntag Vormittag im Radio eine irgendwie eindringliche, gedämpfte und eher im langsamen Takt ertönende Stimme zu hören ist, dass sofort der Eindruck entsteht: Hier redet ein Pfarrer oder jemand, der über Gott spricht! Ist die religiöse Rede eine andere als die alltägliche oder wissenschaftliche? Die theokratische Entwicklung der Kommunikation der Menschen, die in der aristotelischen Philosophie dadurch zum Ausdruck kommt, dass der anthrôpos, der Mensch, nicht nur ein Lebewesen ist, das mit Vernunft ausgestattet und fähig ist, in einer menschlichen Gemeinschaft zu leben, als zôon politikon, sondern dass er „Anteil am unvergänglichen und göttlichen Geist“ hat (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 47), steht ja im Gegensatz zum antitheokratischen Denken, das mit der „Glorreichen Revolution“ in England 1688, der Amerikanischen, 1776 und der Französischen Revolution, 1776, Eingang in die abendländischen Kulturen fand. Der Diskurs darüber, wie das Menschenrecht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit im globalen Dasein der Menschheit verwirklicht werden kann und Gott zu geben, was Gottes, und dem Volk das, was des Volkes ist, durchziehen die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen bis heute (vgl. dazu auch: Jocelyn MacIure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php). Sie reichen vom fundamentalistischen Anspruch zur Errichtung eines „Gottesstaates“, bis hin zu atheistischen und humanistischen Vorstellungen: „Der wirklich Weise weiß, dass es ohne Sinn ist, das Sein gegen das Dasein auszuspielen, und dass das heiligmäßige Leben innerhalb einer Gemeinschaft der Menschen, diese nicht befrieden, sondern zerstören muss“ (Gerhard Szczesny, Die Zukunft des Unglaubens. Zeitgemäße Betrachtungen eines Nichtchristen, München 1959, S. 203).

Entstehungshintergrund und Autor

Die durchaus kontroverse Auffassung, ob der Mensch „nicht nur das politische Wesen von Aristoteles, nicht nur nach Hobbes des Menschen Wolf, sondern vielmehr von Anbeginn an ein soziales und religiöses Wesen“ ist (Jean Daniel, Der Gemeinschaft unterworfen, in: „Religion und Politik heute“, UNESCO-Kurier 12/1994, S. 15), wird immer wieder im philosophischen, soziologischen und anthropologischen Diskurs hervorgehoben; nicht nur, weil dies eine interessante und intellektuelle Fragestellung ist, sondern auch, weil Reden über Religion eine existentiell bedeutsame Herausforderungen für uns Menschen darstellt.

Der französische Sozialwissenschaftler Bruno Latour hat sich zur Jahrtausendwende in einer persönlich wirkenden Rede über die religiöse Rede Gedanken gemacht und historische wie aktuelle Entwicklungen der Suche nach „Gott“ reflektiert.

Inhalt

In einem glänzenden Essay, die wie eine „Rede zu sich selbst“ wirkt, wie ein Selbstgespräch und gleichzeitig eine Parole an die Leserinnen und Leser, vermittelt der Autor Einblicke und ermöglicht Draufsicht. Es ist ein Ringen und Zweifeln, ein Sagen eines Unsagbaren, das danach fragt, ob es einen Gott gibt, und wie es sich darstellt, wenn sich die Überzeugung oder Ahnung durchgesetzt hat, dass es einen oder keinen gibt, etwa wissenschaftlich verifizier- oder falsifizierbar mit dem (wissenschaftlichen) „Doppelklick“ der virtuellen Information . „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin zu klug als wie zuvor“. Es sind Fragen nach dem „guten Leben“, des Glückens etwa einer Liebesbeziehung, oder des Missglückens, die immerhin so etwas wie Bedingungen herausfiltern: Klare, verständliche Rede, situationsbedingtes Handeln, eindeutige und wirkungsvolle Reaktionen und ganzheitliches Tun.

Es sind freilich immer auch die Vorbehalte, die Glauben zu Unglauben machen können, die von der Reflektion und dem Phantasieren hinkommen müssen zu den Realitäten des aktuellen Lebens. Und dabei kommt einem in die Quere, oder zu Hilfe, was sich im wissenschaftlichen und religiösen Diskurs als Gegensatz darstellt: Glauben und Ratio. Die durchaus verzweifelt wirkenden, in jedem Fall aber „nach der Wahrheit“ suchenden Gedankengänge führen eben nicht auf einen vorbezeichneten, leicht begehbaren Weg, der ohne Mühe begangen werden kann; sie münden, überraschend oder auch erwartet, in eine für die einen ungeheuerliche und häresische, für die anderen eine logische Auffassung: „Gott ist nur eine Redeweise“. Damit aber erhält das „Wort“ eine Bedeutung, die durchaus menschenverbindend sein kann: „Das Wort ist Mensch“. Was übrig bleibt ist die Unterscheidung zwischen Immanenz und Transzendenz und das Wagnis, „den Blick vom Fernen abzuwenden, um das Nahe wiederzufinden“.

Fazit

Die Gedankenspiele, das Tappen im Dunkeln, wie auch das Streben nach Licht, das Bruno Latour in faszinierender und gleichzeitig irritierender Weise unternimmt, um der Notwendigkeit wie gleichzeitig der Unmöglichkeit der religiösen Rede auf die (heutige) Spur zu kommen, münden in der einfachen wie komplizierten Erkenntnis: „Es gibt keine andere Welt als diese, die einzige, die wir haben und der wir uns völlig anders annehmen sollten“. Weil es aber schwierig, oder gar unmöglich ist, „die passenden, genauen, präzisen Worte zu finden, um die Rede heilbringend zu machen, um gut über die Gegenwart zu reden“ – ist es notwendig, dass der religiös Redende treu bleibt: „Er darf nicht entdecken, sondern muss wiederfinden; er darf nicht innovieren, sondern muss das alte Lied, die ewige Leier neu anstimmen“, so als ob es keinen Gott gäbe, sondern Liebende in der Welt.

Die persönlichen Gedanken Latours sind etwas, was man sich mit auf eine Berghütte, eine Wüstentour oder auf ein Segelboot mitnehmen sollte, an einem Ort jedenfalls, der es einem ermöglicht, bei sich und gleichzeitig in der Welt zu sein!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.04.2012 zu: Bruno Latour: Jubilieren. Über religiöse Rede. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2011. ISBN 978-3-518-58563-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12767.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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