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Herpertz-Dahlmann, Resch u.a. (Hrsg.): Entwicklungspsychiatrie

Cover Herpertz-Dahlmann, Resch, Schulte-Markwort, Warnke (Hrsg.): Entwicklungspsychiatrie. Biopsychologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen. Schattauer (Stuttgart) 2003. 838 Seiten. ISBN 978-3-7945-2086-2. 99,00 EUR.
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Anspruch und Zielsetzung

Das Lehrbuch erscheint mit dem Anspruch, einen Wendepunkt in der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie zu markieren. Tatsächlich kann ein hoher fachlicher Standard erwartet werden, wenn über 40 Autoren, darunter mehr als 30 Professoren verschiedener deutscher Hochschulen ihr jeweiliges Expertenwissen in einem Buch zusammentragen. Die Zielrichtung der Veröffentlichung liegt in der Verknüpfung entwicklungsbezogenen Grundlagenwissens mit kinder- und jugendpsychiatrischem Störungswissen. In dem programmatischen Beitrag der vier Herausgeber wird dieser Ansatz entfaltet. Natürlich wird darauf hingewiesen, dass der Grundgedanke einer entwicklungsorientierten Betrachtung psychischer Störungen für das Fach der Kinder- und Jugendpsychiatrie von Anfang an zentral war. Es geht darum, diesen Entwicklungsbezug unter dem Titel der Entwicklungspsychiatrie stärker zur Explikation zu bringen. Direkte begriffliche Konkurrenz besteht dabei zur klinischen Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie. Gemeinsam ist diesen Ansätzen der Versuch, die abweichende, störungstypische Selbstregulation auf der Folie der normalen psychischen Entwicklung besser identifizieren und verstehen zu wollen. Hierfür ist zunächst grundlegendes Wissen über die verschiedenen Varianten normaler Entwicklungsverläufe erforderlich, um im zweiten Schritt störungswertige Abweichungsmuster von der Normalentwicklung zu spezifizieren.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist aufgeteilt in Basiskapitel, programmatische Beiträge und störungsbezogene Beschreibungen. Die teilweise sehr knapp gehaltenen entwicklungsbiologischen und entwicklungspsychologischen Grundlagenbeiträge können den hohen Anspruch des Buches nicht immer einlösen. Zwar sind die Einführungen durchweg sehr fundiert und für sich genommen lesenswert, aber eine wirkliche Basis zum Verständnis typischer Entwicklungsabweichungen legt nur ein Teil der Autoren. Beispielhaft hervorzuheben sind die Beiträge von Johannes Hebebrand (Marburg) zur Entwicklung des Körpergewichts, der diesem scheinbar einfachen Merkmal erstaunlich interessante und informative Aspekte abgewinnt, von Bernhard Strauß (Jena), der Varianten der Sexualitätsentwicklung in Zusammenhang mit verschiedenen Bindungsstilen beschreibt, und von Klaus Wiedemann (Hamburg) zur neuroendokrinen Regulation. Einen souveränen Einblick in die Ergebnisse der Bindungsforschung geben Klaus und Karin Grossmann (Regensburg). Remo H. Largo (Zürich) bietet eine sehr gute Übersicht über die Meilensteine der kindlichen Entwicklung.

Programmatische Beiträge, in denen das Feld einer Entwicklungspsychiatrie begrifflich abgesteckt wird, steuern Helmut Remschmidt und Fritz Mattejat (Marburg) sowie die Herausgeber bei. Begrüßenswert sind die expliziten Ausführungen zu ethischen Fragen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Jede klinische Diagnose stellt sowohl einen Erkenntnisakt über spezifische - aktuelle oder chronische -  Besonderheiten der Eigenregulation eines Menschen dar wie auch eine soziale Entscheidung, diese Eigenregulation als noch normal und tolerabel oder teilweise gestört und in verschiedenem Grade behandlungsbedürftig zu erklären. Im Vergleich zur klassischen somatischen medizinischen Praxis, die üblicherweise als vorwiegend erkenntnisorientiert wahrgenommen wird, wird die Psychiatrie noch immer als sehr viel stärker entscheidungsorientierte Praxis gesehen. Expliziter Bezug auf den wissenschaftlichen Forschungsstand zur Normalentwicklung, der im entwicklungspsychiatrischen Ansatz angestrebt wird, erhöht die Transparenz der Diagnostik und rückt sie weiter zum erkenntnisorientierten Pol.

Die störungsbezogenen Darstellungen der wichtigsten kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnosen kommen dem Ideal des Buches schon recht nahe. In allen Beschreibungen erfolgen aktuelle epidemiologische Angaben und es wird das vorhandene Wissen über die störungskorrelierten neuropsychologischen Funktionsmuster dargestellt. Da die Darlegungen von jeweiligen Experten eines Störungsgebietes stammen, sind teilweise vergleichbare Beschreibungen natürlich auch andernorts zu finden. Die Zusammenstellung der Beiträge macht diesen Abschnitt allerdings zu einem zurzeit ziemlich einzigartigen Fundus kinder- und jugendpsychiatrischen Störungswissens. Aus psychotherapeutischer Sicht fällt allerdings auf, wie wenig Raum das störungstypische Erleben der Betroffenen erhält. Psychische Störungen werden durch die Konzeption des Buches möglichst stark objektiviert; einige Autoren greifen sogar zum Begriff einer Krankheitsursache und scheinen das Modell einer Störungsgenese durch vulnerabilisierende, auslösende und aufrechterhaltende Faktoren aufgeben zu wollen. Hinsichtlich der entwicklungspsychiatrischen Konzeption besonders gelungen wirken die Beiträge zur Schizophrenie von Franz Resch (Heidelberg), die Ausführungen zu den umschriebenen Entwicklungsstörungen von Andreas Warnke (Würzburg), Hedwig Amorosa (München) und Michael von Aster (Zürich).

Fazit

Insgesamt ist das Buch wohl tatsächlich ein Meilenstein in der Entwicklung der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie und ein machtvolles Werk. Sicher gehört es in jede kinder- und jugendpsychiatrische Bibliothek und Praxis. Aus psychotherapeutisch-psychologischer Sicht sind allerdings Zweifel an der markierten Entwicklungsrichtung anzumelden. So sehr die objektivierte Betrachtung von Mustern gestörter Selbstregulation einerseits zu begrüßen ist, darf doch die soziale Dimension psychischer Störungen nicht aus dem Blick verschwinden. Einige Beiträge scheinen hier in eine Schieflage zu geraten, während diese grundlegende Polarität teilweise auch hervorragend aufgegriffen wird. Bereichert hätte das Buch ein Kapitel zur Methodik entwicklungspsychologischer Forschung, um die Wege anzudeuten, auf denen das Wissen über die Varianten psychischer Normalentwicklung generiert wird.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 20.01.2004 zu: Herpertz-Dahlmann, Resch, Schulte-Markwort, Warnke (Hrsg.): Entwicklungspsychiatrie. Biopsychologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen. Schattauer (Stuttgart) 2003. ISBN 978-3-7945-2086-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1277.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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